Bauk | Ende. Abermals. | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Bauk Ende. Abermals.


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-99012-374-4
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-99012-374-4
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein preisgekrönter Roman über die Geschichte einer zerfallenden Kultur und einer verlorenen Generation. Krieg, Liebe und Rock'n'Roll - das sind die großen Themen in Dino Bauks Debütroman, der uns in das Slowenien der 80er- und 90er-Jahre führt. Die Mormonin Mary und der Rocker Denis verlieben sich ineinander. Während Mary in die österreichische Provinz strafversetzt wird, findet sich Denis in den Wirren des Balkankrieges wieder. Aus dem Kontrast zwischen der unbeschwerten Zeit ihrer Liebe und der turbulenten politischen Situation entwirft Bauk ein kluges Porträt einer ganzen Generation.

Dino Bauk, geboren 1973, arbeitet als Partner in einer Rechtsanwaltskanzlei. Er ist für die renommierte slowenische Wochenzeitung 'Mladina' als Kolumnist tätig und veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten. 2015 erschien der Roman 'Ende. Abermals.' auf Slowenisch, für den Bauk im selben Jahr mit dem 'Best First Book Award' des Slowenischen Verlegerverbands ausgezeichnet wurde.
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DENIS, 1989

Er mochte neblige Herbsttage, an denen man nur das sieht, was ganz nahe ist. In dieser kleinen Welt mit einem Meter Durchmesser, begrenzt durch Wände kondensierter Feuchtigkeit, in der es keinen Platz für jemand anderen gibt, konnte er so tun, als wäre er allein: auf der Straße, in der Stadt, auf der Welt. Er sieht nur ein oder zwei Schritte weit und seine kleine Welt bewegt sich mit ihm, als begleitete ihn der runde Strahl eines gelben Scheinwerfers über eine dunkle Bühne. Von anderen Menschen, die ihm entgegenkommen, hört er zuallererst nur ihre leisen, gedämpften Schritte, die immer lauter werden, dann schneiden, bloß für einen Moment, schwarze Schatten, die rasch vorüberfallen, durch die Nebelwand. Im Nebel konnte er auch an Bekannten vorübergehen, ohne sie begrüßen oder sich mit ihnen in langweilige Höflichkeitsgespräche über rein gar nichts verwickeln zu müssen. Der Großteil der Leute ging ihm sowieso auf die Nerven. Er war sechzehn: alt genug für Zigaretten, Alkohol und nächtliche Ausflüge, zu jung für richtige Selbstständigkeit. Seinen Alten Rechenschaft abzulegen hatte er schon längst bis dorthinaus. Die Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in der zwölften Etage des zwanzigstöckigen Hochhauses in der Siedlung erschien ihm jeden Tag kleiner. Es war nur in jenen Momenten erträglich, wenn sich niemand zu sehr bewegte, wenn der Alte vor der Glotze döste, die Alte gerade die Küche aufräumte und sich am großen Esstisch eine Zigarette anzündete, während er selbst in seinem kleinen Zimmer mit Kopfhörern am Kassettenrekorder Musik hörte, las oder leise, quasi tonlos, auf der Gitarre Akkorde übte, ohne mit der rechten Hand tatsächlich die stummen Saiten zu schlagen. Ansonsten hatte er die meiste Zeit das Gefühl, in der Wohnung herrsche unerträgliches Gedränge, wenngleich sich dort nur drei Menschen befanden. Als sänke sich die Decke jeden Tag einen Millimeter Richtung Boden und als näherten sich die Wände einander millimeterweise. Ihm drohte die Luft auszugehen, es zog ihn hinaus auf die Straße, in den kalten Abend, die neblige Zuflucht. Mit seinem Alten spielte er, routiniert wie sturmerprobte Schauspieler, Abend für Abend ein bis ins letzte Detail einstudiertes Ritual durch. Nur für sich und die Alte, so sie nicht nachmittags arbeitete, führten sie einen kleinen site-specific-theatre-Einakter auf. Als er schon fast bei der Wohnungstür war, nachdem er bereits seine abgetragene Vietnam-Jacke angezogen, mit einer Hand die schwarze Strickmütze geschnappt und mit der anderen nach der Klinke der Eingangstür gegriffen hatte, meldete sich aus dem Wohnzimmer sein Alter.

Denis! Gde ceš opet? Wohin willst du schon wieder?

In die Stadt.

Warum zum Teufel treibst du dich jeden Abend in der Stadt herum wie ein Penner? Willst du, dass die Polizei wieder deinen Ausweis überprüft?

Für den Alten machte es keinen bedeutenden Unterschied, ob die Polizei seine Personalien während einer routinemäßigen Kontrolle aufgenommen hatte, oder ob sie ihn beim Einbruch in einen Duty-free-Shop, mit einem Sack voller importierter Zigaretten, Whiskys und Schokoladen aufgegriffen hätten. Irgendetwas mit ihnen zu tun zu haben, bedeutete eben sich etwas zuschulden kommen zu lassen, wenn schon nichts anderes, dann zumindest zielloses, unnötiges abendliches Umhertreiben, was in der Welt des Respekts vor jeglicher Autorität, in der sein Alter lebte, ein schlechtes Licht warf, mehr auf seine Eltern als auf ihn selbst. Seitdem ihn letztens beim Rundgang durch die Siedlung zwei Polizisten aufgehalten und ausgefragt hatten, wer denn die Wände mit Graffiti beschmiert habe, und dann gewissenhaft seine Daten notiert hatten, war dies für seinen Alten die neueste tägliche Sorge. Jemand (und Denis wusste natürlich genau wer) hatte nämlich auf die weiße Wand, die ein großes rundes Loch mitten auf dem Betonplatz umgab, das den Blick auf die Garagen darunter eröffnete, Fuck off Polska geschrieben. Die Polizisten und offensichtlich auch jener besorgte Bürger, der sie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, wahrscheinlich auch die Mehrheit der Erwachsenen in der Siedlung, lasen das mit schwarzem Spray schnell aufgesprühte Graffito als etwas Staatsfeindliches, als Beleidigung, wenngleich es sich in Wahrheit um einen ganz und gar unschuldigen und sinnlosen Slangausdruck handelte, der in dieser Zeit unter den Teenagern der Siedlung in war. Irgendjemand hatte ihn wahrscheinlich eines Abends ganz nebenbei in einer größeren oder kleineren Runde eingeworfen, ein Zweiter und Dritter hatten ihn in einer zweiten und dritten größeren oder kleineren Runde wiederholt und schon war er in allgemeiner Verwendung. Fuck off Polska sagten jetzt praktisch alle Jugendlichen der Siedlung statt dieses langweiligen und simplen Ciao. Das begann Denis den beiden Hütern des Gesetzes natürlich erst gar nicht zu erklären, da es ihn auf gewisse Weise erheiterte, wie schrecklich gefährlich ihnen diese rasch hingekritzelte Aufschrift schien, die der Autor wahrscheinlich schon am nächsten Tag vergessen hatte, nachdem er sie im Schutz der Dunkelheit an die Wand gesprayt hatte. Andererseits hatte er extrem leichtsinnig zu Hause von seinem Gespräch mit den Männern in Blau erzählt, um auch noch mit seinen Eltern die Wut über diese unnötige Belästigung teilen zu können, was ihm bereits im nächsten Moment fürchterlich leid tat, als sein Alter vor Aufregung explodierte und ihn von der Couch im Wohnzimmer in die Küche sprengte.

Von da an erinnerte ihn sein Alter, den vor allem die Sorge plagte, er könnte wegen ihm Schwierigkeiten in der Kaserne bekommen, praktisch vor jedem abendlichen Ausgang, er solle aufpassen, dass sie ihn nicht wieder zufällig irgendwo aufhalten und aufschreiben würden. Er war überzeugt, dass jede dieser Niederschriften in das kleine Notizheft eines gewissenhaften Polizisten für alle Zeit irgendwo tief in den Eingeweiden der staatlichen Administration gespeichert bleibe, und diese könnte, so es sich denn als notwendig erweisen sollte, die Notiz jederzeit zurück ans Tageslicht speien. Ja, die Welt, in der sein Alter lebte, war eine Welt ständiger Überwachung, die jedoch nicht mit Hilfe von Kameras und Mikrofonen der Staatssicherheit vom allgegenwärtigen Auge des Großen Bruders durchgeführt wurde, wovon sein Alter überzeugt war. Es war alles deutlich weniger subtil, eigentlich sogar simpel, dadurch jedoch um einiges wirkungsvoller. Der einzige Überwacher des Lebens von Denis’ Altem und somit auch von Denis’ Leben, war Denis’ Alter.

Ne brini, keine Sorge. Ich gehe zu ’nem Konzert, ich komme mit dem Bus um zwölf.

Er zog die Tür hinter sich zu und sie fiel deutlich lauter ins Schloss, als er es erwartet hatte. Immer, wenn er auf den Lift wartete, ging das Licht im Gang aus, bevor der Fahrstuhl bis ins zwölfte Stockwerk gelangen konnte. Niemals schaltete er es nochmals ein, sodass er durch die Scheibe auf der Metalltür in der Dunkelheit des Schachtes, kurz bevor ihn das Neonlicht des Fahrstuhls erfüllte, seine Reflexion betrachten konnte. Im Keller, unter der Treppe, die zum Schutzraum führte, von dem niemand der Wohnblockbewohner glauben konnte, dass sie dort irgendwann in nächster Zukunft tatsächlich in Angst Zuflucht suchen würden, nahm er Zigaretten und Streichhölzer, die er dort versteckte, öffnete routiniert, mit dem Ellbogen, während er die Zigarette bereits anzündete, die Eingangstür des Blocks und trat mit einer Art Halbkreisschritt ins Freie. Kühle Abendluft, der Smog und billige Kohle diesen charakteristischen Charme von Ljubljana gaben, füllte ihm, zusammen mit dem ersten Zug der Winston, zuerst Nase und Mund und schließlich die Lunge. Dies war für ihn der Duft der Freiheit: ein Quodlibet aus Dämmerung, Kälte, Nebel und Zigarettenrauch. Er war allein auf der Straße, umhüllt von einem dichten Nebelmantel, der ihn vor bekannten und unbekannten Passanten verbarg. Der Weg zur Autobushaltestelle dauerte stets genau eine Zigarettenlänge. An der Haltestelle standen bereits ein großgewachsener, hagerer Bursche mit Brille, ein wenig älter als er, und ein Mädchen. Sicher eine Studentin, dachte Denis. Nur diese verfluchten Studentinnen tragen schwarze Pullis und Mäntel mit Badges, die mitteilen, dass die Dinge ihnen nicht egal sind, dass sie aktiv sind. Ihnen ist die Redefreiheit nicht egal, Delfine sind ihnen nicht egal, tibetische Mönche sind ihnen nicht egal, der Amazonasurwald ist ihnen nicht egal, die Bergleute im Kosovo sind ihnen nicht egal, die chinesischen Studenten sind ihnen nicht egal und Janša ist ihnen nicht egal, der dem Militär irgendwelche Geheimpapiere entwendet und sie dann veröffentlicht haben soll. An den schmalen Typen konnte er sich noch aus der Grundschule erinnern, einer der Punks in Lederjacke, mit Ketten bewaffnet, dünneren und dickeren, immer mit Zigarette im Mund. Denis, der ein paar Jahre jünger war, schienen sie ziemlich bedrohlich, wie Gespenster aus der Unterwelt. Er fürchtete sich gehörig vor ihnen, wenngleich sie sich nie mit ihm beschäftigten. Jetzt, nach seiner Rückkehr vom Militärdienst, ähnelte der Schlaks eher einem vernachlässigten Hippie als einem Punk. Offensichtlich hatte ihn die gute alte JNA, die Jugoslawische Volksarmee, irgendwie kastriert, was Denis und seine Altersgenossen von der Straße bei Heimkehrern vom Wehrdienst auch sonst häufig feststellten. Als sich Denis neben die beiden stellte, erklärte der Typ der Studentin gerade, wie sehr ihn die Punk-Rock-Band Pankrti und ihr Sänger Pero Lovšin enttäuscht hätten, da sie sich wieder für ein Konzert für Janša und die anderen drei zusammengetan hatten. Währenddessen saugte er nervös an der Zigarette, als bemühte er sich, sie auf...


Dino Bauk, geboren 1973, arbeitet als Partner in einer Rechtsanwaltskanzlei. Er ist für die renommierte slowenische Wochenzeitung "Mladina" als Kolumnist tätig und veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten. 2015 erschien der Roman "Ende. Abermals." auf Slowenisch, für den Bauk im selben Jahr mit dem "Best First Book Award" des Slowenischen Verlegerverbands ausgezeichnet wurde.

Dino Bauk, geboren 1973, arbeitet als Partner in einer Rechtsanwaltskanzlei. Er ist für die renommierte slowenische Wochenzeitung "Mladina" als Kolumnist tätig und veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten. 2015 erschien der Roman "Ende. Abermals." auf Slowenisch, für den Bauk im selben Jahr mit dem "Best First Book Award" des Slowenischen Verlegerverbands ausgezeichnet wurde.



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