Bauer | Die Niemalsbraut | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Bauer Die Niemalsbraut


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-475-54174-2
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-475-54174-2
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Leben ist nicht leicht für Karoline, die jüngste Tochter vom Niedermoosbacher-Hof. Der Vater hatte auf einen Sohn gehofft, die Schwestern machen sie verantwortlich für den Tod der Mutter im Kindbett. Dazu kommt das unselige Versprechen, das die sterbende Mutter ihrem Mann abverlangte: Die sechs Töchter müssen der Reihe nach heiraten, Johanna als Älteste zuerst, Karoline als Jüngste zuletzt. Doch Johanna wird von einem Mann bitter enttäuscht und beschließt, nie zu heiraten. Als sie in den Bergen verunglückt und weitere Schwestern unter rätselhaften Umständen sterben, richtet sich der Verdacht auf Karoline. War sie tatsächlich bereit, für den Mann, den sie liebt, über Leichen zu gehen, oder ist sie selbst Opfer eines unheilvollen Spiels? Ein spannender, psychologisch bis ins Detail ausgearbeiteter Roman über ein unseliges Versprechen, das das Verhältnis unter den Schwestern systematisch vergiftet und eine junge Liebe im Keim zu ersticken droht.

Angeline Bauer startete als klassisch ausgebildete Tänzerin ins Berufsleben. 1991 schloss sie die Ausbildung zur psychologischen Beraterin ab und leitete eine eigene Praxis, bis sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Neben Sachbüchern, Ratgebern, heiter-frechen Frauenromanen und vielen Kurzgeschichten entstanden seither auch vier historische Romane. 2006 und 2009 war sie für den Sir Walter Scott Preis sowie den Literaturpreis Die Delia nominiert. Angeline Bauer lebt am Ort der Handlung von Die Niemalsbraut in Grassau am Chiemsee.
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Prolog


17. Februar anno 1869


Schon seit vier Stunden lag Marianne Klamm, die Niedermoosbacher-Bäuerin, in den Wehen, und ihre Schmerzensschreie hallten durchs Haus. Die Kinder saßen auf der Holztreppe, die vom Flur hinauf in den Oberstock führte; Johanna, die Älteste, zuunterst und ihre Schwestern hinter ihr aufgereiht wie die Orgelpfeifen. Johanna war neun Jahre alt, Vroni und Reni, die Zwillinge, sieben, dann folgten Antonia mit drei und Therese mit zwei Jahren.

Ob es ein Glück oder ein Unglück war, dass jetzt noch einmal ein Kind kam, musste sich erst noch erweisen. Die Mutter hatte gesagt, es würde ein Glück sein, wenn es ein Bub wäre, aber ein Unglück, wenn sie zu ihren fünf Mädchen noch ein sechstes bekäme.

Einen Buben hatte es auch einmal auf dem Niedermoosbacher-Hof gegeben, aber der war mit drei Jahren an Diphtherie gestorben. Hans hatte er geheißen, so wie sein Vater, und war eineinhalb Jahre nach den Zwillingen zur Welt gekommen. Am Abend nach seiner Beerdigung hatte Johanna gehört, wie die Mutter zum Vater gesagt hatte: »Wenn’s doch nur die Vroni oder die Reni erwischt hätte, aber ausgerechnet den Buben!« Da war sie froh gewesen, dass die Mutter nicht sie dreingegeben hätte.

Als endlich die Hebamme kam und der Bauer ihr die Haustür öffnete, wehte ein kleiner Haufen Schnee mit ihr herein und blieb hinter dem Trittbrett liegen. Den Blick auf den weißen Fleck gerichtet, zog sich Johanna das wollene Tuch noch enger um die Schultern, gerade so, als könne sie damit die innere Kälte besiegen, die sie bei jedem Schrei ihrer Mutter erschaudern ließ. Sie hatte geglaubt, wenn die Hebamme endlich da sein würde, ginge es der Mutter wieder besser, und sie würde aufhören so schrecklich zu schreien. Aber sie schrie nur immer noch lauter, und die Schwestern weinten, und Johanna selbst betete zum lieben Herrgott, dass die Mutter den Buben endlich aus ihrem Leib herauspressen konnte, und dass er ihr danach kein neues Kind mehr hineinlegen sollte.

Hans Klamm trat plötzlich vor Johanna hin. An seinen Augen sah sie, dass er schon die ganze Maßflasche von dem starken Bier getrunken hatte, das ihm der Unterknecht vom Postwirt geholt hatte. Er packte sie am Arm, zog sie hoch und schubste sie Richtung Küche. »Hab’ dir doch gesagt, du sollst der Hebamme heißes Wasser bringen.«

Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie wollte nicht hinauf, hatte Angst, weil die Mutter so schrecklich schrie. Doch der Vater kannte kein Erbarmen. »Du gehst jetzt da rauf – ich kann nicht, ein Mann hat da nichts zu suchen.«

Johanna rannte in die Küche, drückte die Tür zu und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab. Kurz sah sie sich um, als wäre sie hier fremd. Links von ihr befand sich der Rauchfang, ein Stück weiter hinten der gemauerte Herd, auf dem ein offenes Feuer loderte. Darüber hing an einem Schwenkbalken, der wie ein Galgen aussah, der Kessel mit heißem Wasser. Draußen vor dem Fenster war stockfinstere Nacht, und auch drinnen war es nicht viel heller. Die Flammen auf dem Herd flackerten und ließen Schatten an den rußigen Wänden tanzen, sonst brannte kein Licht.

Das Mädchen nahm die Petroleumlampe vom Regal, um sie mit einem Holzspan anzuzünden. Sie stellte die große Schüssel, in der sonst immer die Kartoffeln auf den Tisch kamen, auf den Rand des Herdes, schöpfte mit einer Kelle heißes Wasser hinein, ging dann zur Tür, um sie zu öffnen.

Ihre Schwestern saßen noch wie zuvor auf der Treppe. Die Zwillinge starrten dumpf vor sich hin, die zwei Kleinen heulten zum Erbarmen.

Der Vater stand weiter vorne bei der Tür, dort wo ein Wandkasten in die Mauer eingelassen war. »Was ist, was glotzt du so?«, fuhr er seine Älteste an.

Schnell ging sie zurück in die Küche, nahm die Schüssel und trat damit auf den Flur. Sie war schwer. Johanna hatte gehofft, der Vater würde sie ihr wenigstens hinauftragen, aber er rührte sich nicht vom Fleck.

Das Mädchen schleppte die Schüssel an den Schwestern vorbei, dabei schwappte das Wasser über, hinterließ dunkle, nasse Spuren auf ihrem Leiberl und dem Rock. Oben setzte sie die Schüssel auf der Truhe ab, die neben der Kammer stand, und öffnete zaghaft die Tür.

Im selben Moment entfuhr der Mutter ein schrecklicher, langgezogener, nicht endend wollender Schrei, und das Mädchen wurde ganz blass und presste sich beide Handballen auf die Ohren.

Die Hebamme trat vom Bett zurück. Johanna starrte auf die Hände der Frau, die ein blutverschmiertes Etwas hochhielten, sah zu, wie sie es an den Füßen nahm, kopfüber hängen ließ und ihm dann auf den Hintern schlug, dass es schrie. Das Kind tat ihr nicht leid. Sie fand es nur gerecht, dass es gleich als erstes eine Tracht Prügel bekam, weil es die Mutter so gequält hatte, und auch weil sie sah, dass es wieder ein Mädchen und deshalb ein Unglück für sie alle war.

»Ich bring’ das Wasser«, sagte sie laut.

Die Hebamme nickte. »Wird auch Zeit. Stell es da hin, auf die Truhe. Dann schüttest du so viel von dem kalten Wasser aus dem Eimer dazu, dass es handwarm ist.«

Das Mädchen tat wie ihr befohlen, sah dabei zur Mutter hinüber, die wie tot im Bett lag. Der Mund stand ihr offen, das Haar klebte ihr auf der Stirn, und weiter unten war alles vom Blut durchtränkt – als hätte man im Bett eine Sau geschlachtet!

Die Hebamme durchtrennte die Nabelschnur, tauchte dann ihren Ellenbogen ins Wasser, nickte, legte das Kind hinein, das immer noch schrie, und wandte sich wieder an Johanna. »Hol mir noch eine zweite Schüssel mit heißem Wasser, und bring auch gleich Tücher und Windeln mit.«

Johanna brachte zuerst die Tücher. Die Mutter hatte sie in der Gutkammer zurechtgelegt. Es waren alte Flicken und gute Leintücher, Windeln und Binden. In den Windeln hatte schon sie selbst und nach ihr die Schwestern gelegen. Die danach zerschlissen und gar nicht mehr zu brauchen waren, wurden im Stall oder zum Aufwischen verwendet, die anderen wieder zusammengelegt und für das nächste Kind aufbewahrt.

›Kindersegen – Hoffnung fürs Leben!‹ Das sagte die Mutter oft, wobei ihr Blick aber meist ganz finster und von Hoffnung und Segen nicht viel zu spüren war.

Als Johanna mit dem heißen Wasser kam, hatte die Hebamme das Kind bereits gewickelt und geschnürt. Es lag in der Wiege neben dem Bett und wimmerte leise.

Die Hebamme nahm ihr die Schüssel aus der Hand, deutete dann mit dem Kopf auf die Kartoffelschüssel, die nun auf dem Boden stand und voll war mit dem Blut der Mutter. »Das trägst du hinunter und gießt es im Häusl aus. Und schick mir den Vater herauf.«

Das Mädchen hob angewidert die Schüssel auf. Das Blut roch nicht frisch und angenehm wie das der Schweine und Kühe beim Schlachten, sondern es stank ekelerregend. Im Hinuntergehen kämpfte sie gegen die aufsteigende Übelkeit an und war froh, als sie an die kalte, frische Luft kam.

Das Häusl stand links ums Eck beim Stall. Den Weg dorthin hatte der Knecht freigeschaufelt. Rechts und links war eine Schneewand, so hoch wie Johanna selbst, darüber der düstere Himmel. Kein Stern war in dieser Nacht zu sehen, auch nichts vom Mond – aber im Wald hinter dem Hof schrie eine Eule. Das Mädchen schob die Tür vom Häusl mit dem Ellenbogen auf, zwängte sich mit der Schüssel hinein und goss das Blut der Mutter über dem Lokus aus. Dabei war es ihr, als hätte sie die Mutter selbst in die Grube gekippt – nie wieder würde sie auf den Lokus gehen können, ohne zu denken, dass dort unten, bei all dem Kot und Urin, auch ein bisschen von der Mutter lag.

Zurück im Haus suchte sie nach dem Vater. Er saß in der Stube beim Kachelofen, die Schnapsflasche aus gebranntem Ton stand neben ihm, neben der Flasche ein Stamperl aus Glas. Davon hatte er einmal vier Stück einem Hausierer aus dem Bayerischen Wald abgekauft. Die Mutter hätte lieber ein Hinterglasbild vom heiligen Markus gehabt, aber der Vater schimpfte, für mehr als für die Schnapsgläser hätte er kein Geld.

»Vater«, sagte nun die Tochter, »ich soll von der Hebamme ausrichten, dass das Kind da ist, und du sollst kommen und es anschauen.«

Er hob den Kopf, blickte sie wie aus weiter Ferne an: »Ist es ein Bub?«, fragte er.

Sie ließ ihr Kinn auf die Brust sinken. »Nein, Vater, es ist wieder bloß ein Mädchen.«

»Dann brauch ich es auch nicht zu sehen.«

Die Älteste brachte ihre Schwestern zu Bett, die erschöpft in die Kissen sanken. Johanna betete sie in den Schlaf, legte sich dann selbst hin und schloss die Augen. Eine ganze Weile hörte sie in Gedanken die Mutter noch schreien, sah das Kind vor sich, wie die Hebamme ihm auf den Hintern schlug, und schlief endlich ein.

Derweilen wusch die Hebamme die Wöchnerin, bettete sie in frische Laken um und legte ihr das Kind an. Bekümmert sah sie zu, wie es sich an der Mutterbrust abmühte, die kaum etwas hergab.

Mit einem Seufzen auf den Lippen ging sie hinunter in die Stube. Noch immer saß der Niedermoosbacher auf der Bank vor dem Kachelofen und starrte vor sich hin. Seine blauen Augen wirkten vom Alkohol dumpf und trübe, das dunkelblonde Haar hing ihm wirr in die Stirn. Früher einmal war er ein fescher Bursche gewesen. Die Mädchen hatten ihm nachgesehen, und auf dem Tanzboden hatte ihm keine je einen Korb gegeben. Trotzdem hatte er auf Geheiß der Eltern die Marianne geheiratet, auch wenn er sie nicht besonders mochte. Zu dünn war sie ihm gewesen, zu hochmütig und zu rechthaberisch. Immer ein Widerwort auf den Lippen, immer wusste sie alles besser. Und dazu...



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