E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Bauer Butterflies
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-9406-4
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Göttin wird sich erheben
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-7407-9406-4
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Simone Bauer, geboren 1990 in der Nähe von Regensburg, lebt heute im Herzen Münchens und arbeitet als Spezialistin für Öffentlichkeitsarbeit in einem großen DAX-Unternehmen. Seit über zehn Jahren ist sie als Journalistin für Print und Online, TV und Radio tätig, unter anderem für den bayerischen Radiosender egoFM, das Missy Magazin, MyFanbase, die Süddeutsche Zeitung und das Anime- und Cosplay-Magazin Koneko. Sie veröffentlicht Bücher und Kurzgeschichten in verschiedenen Verlagshäusern, zuletzt "Kopfsprung ins Leben" im dotbooks Verlag. 2017 las sie während der PULS Lesereihe ihre Geschichte "Das Leben alter Damen". "Butterflies" ist ihr erster Fantasyroman, der nun dank ihres Gewinns beim Schreibwettbewerb des Diana Verlags bei Twentysix erscheint.
Autoren/Hrsg.
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Mary-Kate war schwindelig.
Es war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, als würde sie schon seit einer kleinen Ewigkeit fallen. Slow-Motion in echt. Ihr war die Luft weggeblieben und sie kam einfach nicht wieder zu Atem. Sie spürte die warmen Tränen, die ihr das Gesicht hinunterliefen. Das Weinen rührte von der Angst her, von dem Schmerz, der von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Ihr Kopf pochte unglaublich, bereit, jeden Moment zu explodieren. Ihr Mund schmeckte metallisch, als hätte sie einen gefühlten Liter Blut geschluckt. Mary-Kates Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb, als wollte es entfliehen, sich einen Weg aus dem ächzenden, schwachen Körper bahnen.
Das Mädchen wollte aufstehen, ihre Glieder hörten allerdings nicht auf sie. Kompletter Kontrollverlust. Und sie konnte auch nichts mehr um sich herum sehen. Erst dachte sie, dass ihr einfach nur ihr langes Haar ins Gesicht gefallen war. Unfähig, sich zu bewegen, war sie auch nicht in der Lage, es zur Seite zu schieben. Aber dann wurde ihr klar, dass nicht ihre Haare ihre Sicht behinderten, sondern sie wahrhaftig blind geworden war.
Und während diese Erkenntnis langsam sackte, wurde ihr zudem bewusst, dass der Geschmack in ihrem Mund tatsächlich von ihrem eigenem Blut herrührte. Ein Wimmern drang über ihre aufgeplatzten Lippen. Ihr kam es so vor, als hätte eine völlig andere Person die Herrschaft über sie, als wäre jemand Fremdes unter ihre Haut geschlüpft. Und sie selbst war dazu verdammt, wie betäubt auf diesem kalten Boden zu liegen, diese ätzenden Gerüche wahrzunehmen und diesem Sprechgesang zuzuhören.
War sie tatsächlich umringt von hunderten von Menschen, die alle in anderen Sprachen brabbelten? Der Grundton war Latein, doch jemand mischte es mit Englisch, dann kam jemand auf Keltisch dazu, da waren Spanisch, Portugiesisch, Italienisch. Mary-Kate kannte keine andere Sprache als die, in der sie aufgezogen war, dennoch verstand sie einzelne Fetzen. Sie wurde bald überrannt, es war zu viel auf einmal, um die Botschaft zu verstehen. Hinzu kam der Gedanke, sie könne gerade jeden Menschen auf der ganzen Welt sprechen hören. Es war das absolute Chaos. Sie war darin verloren.
Sie presste die Augenlider nach unten, zerdrückte eine heiße Träne mit ihren langen Wimpern, biss sich mit letzter Kraft auf die Unterlippe und bereute dies gleich wieder. Der Sprechgesang wurde immer lauter, so laut wie ein Presslufthammer, der auf Beton traf.
Und plötzlich hörte sie die Worte nicht mehr. Alles war verstummt. Für eine Weile lauschte sie ihrem leisen Herzschlag, ein merkwürdiger Ruhepuls für sie. Sie öffnete irritiert die Augen und war überrascht, wieder sehen zu können. Und mehr noch: Es war, als sehe sie die ganze Welt, als spüre sie die ganze Welt. Alles Leid, alle Trauer, jeden unterdrückten Schmerz, die gesamte vorherrschende Not. Liebe war nur noch eine Fantasie, dieser Gedanke kam ihr in seinem ganzen Zynismus.
Und während sie alle Geheimnisse der Welt auf einmal in sich barg, hatte sie vergessen, wie sie hieß. Wer sie war, woher sie kam.
Mary-Kate wollte den großen, kargen Raum mit der hohen Decke verlassen, aber sie war immer noch wie auf dem Boden festgenagelt. Ihre Seele konnte wandern, wohin sie wollte, doch ihr Körper war dazu verteufelt, liegenzubleiben und zu weinen. Kalt und leblos.
Und dann bemerkte sie ihn wieder … den Fremdkörper. Er begann, sich erneut in ihrem ganzen Sein auszubreiten, etwas glühend Kaltes, ein Gefühl von völliger Kraft und vollem Bewusstsein. Die Gedanken der Welt fingen an, durch ihren Kopf zu rasen. Die früher so zarten, unschuldigen Gesichtszüge der 14jährigen gefroren, wurden ernst. Sie wirkte jünger, aber innerlich wurde sie älter als alles, als die Welt selbst. Sie verschmolz mit der Ewigkeit und Mary-Kate gefiel das Gefühl, war es letztlich das annehmbarste seit einer Weile.
Da hörte sie ein melodisches Summen, der Gesang setzte wieder ein. Es war der Gesang der Kelten, den Mary-Kate auf einmal verstanden hätte, wäre sie nicht so auf das intensive Gefühl in ihrem Körper fixiert gewesen. Es verstärkte die Wut, verdrängte die Trauer und sog den letzten Rest ihrer Menschlichkeit in sich auf ...
Menschlichkeit ...
Plötzlich spürte Mary-Kate die Brutalität der Worte.
All die Geräusche und Gerüche nahm sie viel nachhaltiger und doch überhaupt nicht mehr wahr. Sie handelte nicht, es wurde mit ihr gehandelt.
Diese Frage brannte sich in ihr Gehirn ein. Der Geruch des Weihrauches, einer der vielen furchtbaren Faktoren, die von außen auf sie einwirkten, betäubte sie nur noch mehr, der Gesang wurde immer lauter und Mary-Kate zitterte vor Kälte und Angst. Gleich würde sie ihr Bewusstsein wieder verlieren, soviel war klar.
Wo auch immer „hier“ war … aber es ging ohnehin nicht.
Mary-Kate versuchte, den Teil ihres Selbst zu fassen zu bekommen, der noch nach eigenem Willen handeln konnte. Er war noch da. Er war noch nicht davongelaufen. Mary-Kate kniff die Augen zusammen, biss die Zähne aufeinander … und dann schaffte sie es, die fremde Macht in ihrem Inneren dazu zu nutzen, sich aufzusetzen. Es benötigte viel Anstrengung. Schließlich brachte sie es fertig, auf die Beine zu kommen.
Die Menschen um sie herum in den schwarzen Kapuzenmänteln hatten sich in Trance gesungen. Keiner bemerkte die Bewegungen. Mary-Kate war aufgestanden und schwankte, fand dann aber ihr Gleichgewicht und lief aus dem Kreis der unzähligen brennenden Kerzen.
Die Vermummten sangen weiter, beschworen die Mächte.
Die Schummrigkeit des Ortes lichtete sich, als Mary-Kate sich an einer Wand entlang getastet hatte und eine Tür gefunden hatte. Durch einen kleinen Spalt drang frische Luft herein, füllte ihre Lungen und versprach Freiheit.
Den Ort ihres Leidens verlassend, spürte sie, wie sich ein Cape aus blauer Seide sich wie von Geisterhand um ihren nackten Körper legte. Sie stellte es nicht in Frage.
Mary-Kate wusste nicht genau, ob sie ihren Körper steuerte oder die fremde Macht. Sie wusste nur, dass sie in Gefahr war und sich retten musste.
Rasend schnell entfernte sie sich von der Szenerie, um sich noch einmal umzudrehen. Der Ort war ihr völlig unbekannt. Es war eine alte Industriehalle, vielleicht irgendwo beim Wasser, doch mehr konnte sie auch nicht erkennen. Jedenfalls war ihr keiner gefolgt und das war das Wichtigste. Mary-Kate wusste nur nicht, vor wem oder was sie sich retten musste ... Sie wusste gar nichts mehr, außer, dass sie laufen musste.
So hetzte sie durch die Straßen.
Erst als sie um die zehn Blocks vom Ort des Geschehens entfernt war, blieb sie stehen. Mary-Kate keuchte. Der dünne Stoff flatterte im kalten Wind der Nacht. Sie fühlte sich beschützt. Beschützt durch die Dunkelheit, durch die Kälte.
Es war eine kühle Dezembernacht, Mary-Kate fror allerdings nicht. Nie mehr.
* * *
Am liebsten wäre Kelly wieder gegangen. Was tat sie hier überhaupt?!
Ihre Selbstsicherheit war verschwunden und ihr Plan erschien ihr jetzt völlig unüberlegt.
Was wollte Kelly Matt überhaupt sagen?
Die Frau an der Rezeption telefonierte gerade, also hatte Kelly noch etwas Zeit zum Überlegen, aber ihre Gedanken waren durcheinander wie die Kopfhörerkabel ihres mp3-Players in ihrem Rucksack. Die junge Frau wirkte sympathisch und plauderte vergnügt mit der Person am anderen Ende der Leitung. Das beruhigte Kelly. Besser als ein Hausdrache, der sie gleich wieder zurück nach Seattle hetzen wollte. Außerdem Image technisch besser für ihren Bruder, eine hübsche, junge Frau einzusetzen, um deren Hals ein roséfarbener Mondanhänger glänzte.
Dennoch hatte Kelly das Gefühl, dass es nicht so einfach sein würde zu erklären, wer sie war und was sie hier wollte. Immerhin hatte sie ihren Bruder nie in Santa Monica besucht, kein einziges Mal in den sieben Jahren, die er schon hier war und dieses Hotel leitete.
Vermutlich erkannte sie ihn gar nicht mehr. Andererseits, er hatte ihr Fotos geschickt. Also, nicht ihr direkt. Von Zeit zu Zeit waren Briefe an Kellys alte Schule gekommen, an sie adressiert. Daher wusste sie auch vom – Matts Traum, seit er an die Westküste gezogen war. Zunächst hatte er die verschiedensten Schichten in den verschiedensten Häusern übernommen – aber anders lernte man den Hotelbetrieb eher nicht. Und jetzt war es soweit – vom Nachtportier zum Besitzer eines süßen, kleinen Strandhotels mit gewollt altmodischen Möbelstücken. Matt hatte schon immer eine romantische Ader gehabt.
Kelly hingegen hatte einfach nur die berechtigte Sorge, dass Matt irgendwann von den Eagles für die Zweckentfremdung ihres Songtitels verklagt wurde. Immerhin war deren gleichnamiger Hit trotz des Erscheinens im...




