Bassoff | Die Todestaufe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

Bassoff Die Todestaufe

Kriminalroman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910918-29-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

ISBN: 978-3-910918-29-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Holt Davidson, ein Feuerwehrmann aus Kansas, war seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr in seiner Heimatstadt Thompsonville, Colorado, aber als er erfährt, dass seine Mutter, zu der er keinen Kontakt mehr hatte, Selbstmord begangen hat, kehrt er zur Beerdigung zurück, in der Hoffnung, mit ihr Frieden zu schließen. Er verbringt die Nacht in seinem Elternhaus, durchsucht jeden Raum nach Erinnerungsstücken aus der Vergangenheit. Doch statt nostalgischer Souvenirs entdeckt er eine Waffe, einen Liebesbrief und ein Polaroidfoto eines Mannes, der in seinem eigenen Blut liegt. Wer ist der Tote? War es seine Mutter, die ihn getötet hat, und wenn ja, warum? Wer hat den Liebesbrief geschrieben? Und welche Rolle spielte seine Schwester, die seit ihrer Jugend in einer Anstalt untergebracht war, bei diesem Gewaltakt? Als seine eigenen traumatischen Erinnerungen wieder auftauchen, beginnt Holt, die Vergangenheit seiner Mutter und seiner Schwester zu untersuchen - und auch seine eigene.

Jon Bassoff ist Autor von zehn Romanen. Sein Buch 'Corrosion' wurde ins Französische und Deutsche ( ZERRÜTTUNG) übersetzt und für den Grand Prix de Litterature Policiere, Frankreichs wichtigsten Krimipreis, nominiert. Ebenfalls ins Deutsche übersetzt ist FACTORY TOWN. Sein Psycho-Noir-Roman 'The Disassembled Man' wurde für die große Leinwand adaptiert; die Dreharbeiten sollen innerhalb der nächsten hundert Jahre beginnen. Er schrieb auch das Drehbuch für Bizarre Love Triangle, das Halbfinalist bei den New York Cinematography Awards und Finalist beim Seattle Film Festival für den besten Kurzfilm wurde. In seinem Hauptberuf unterrichtet Bassoff Englisch an einer High School, wo er bei Schülern und Dozenten gleichermaßen als der verrückte Schriftstellertyp bekannt ist. Er ist ein Kenner von Tequila, scharfen Saucen, Psychobilly-Musik und heruntergekommenen Motels.
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PROLOG
1984 – 2018


Abgesehen von den Schwarzpappeln und Weiden, die sich in langen Reihen links und rechts des South Platte River dahinzogen, zeichnete sich die Gegend rund um Thompsonville vor allem durch Ödnis und Verlassenheit aus. Bis auf ein riesiges Getreidefeld war das Land in diesem Teil Colorados, das nach Westen hin sanft abfiel, von goldbraunem Büffelgras bedeckt. Über der Stadt ballte sich der sonst wolkenlose blaue Himmel zu einem grauen Gewitterwirbel zusammen, um dann ebenso unvermittelt zu unheilschwangerer Ruhe zurückzukehren. Das verwitterte, rissige Asphaltband des Highway 53 erstreckte sich im Norden wie im Süden bis zum Horizont, parallel dazu fanden sich vereinzelt Spuren von Leben, soweit es das im östlichen Colorado überhaupt gab: Eisenbahngleise, Telefonmasten, Futtersilos, Reifenfriedhöfe. Hier und da lag, etwas vom Highway zurückversetzt, auch eine Milchfarm oder eine Pferderanch. Das war alles.

Etwa fünf Kilometer östlich von Thompsonville stand ein gemauertes Versammlungshaus für die Landbevölkerung. Obwohl es schon lange nicht mehr genutzt wurde, hing noch ein schmutziges Schild daran: »Liberty Hall: der Gemeinschaft zu Diensten«. So als würde er auf eine Dorffeier warten, die nie stattfände, parkte an diesem Abend ein ramponierter Lincoln Continental mit Sprung in der Windschutzscheibe und platten Reifen vor dem Haus. Gleich dahinter stand eine Gruppe windzerzauster kahler Schwarzpappeln, und hinter diesen ein heruntergekommenes Farmhaus, dessen ursprünglich weißer Anstrich sich dort, wo er nicht abgeblättert war, ins Bräunliche verfärbt hatte. Die Fenster waren vernagelt, die Veranda hing durch, als sinke sie ins Grab, und die struppige Rasenfläche davor war mit Autoteilen und Bierdosen übersät. Die kühle Abendbrise hatte die am Haus hängende Gadsen-Flagge mit der Klapperschlange in Drohhaltung und der Warnung Don't Tread on Me, aufgeschreckt und ließ sie flattern. Das Verandalicht flackerte.

Im Haus sah es nicht viel besser aus. In einer Wohnzimmerecke stand ein kleiner Fernseher, die Antenne locker mit Alufolie umwickelt. Es lief The A-Team, aber niemand war da, um es zu sehen. Die einzigen Möbelstücke waren ein Holzstuhl und eine Whiskeykiste, die als Behelfstisch diente. Auf der Kiste lagen ungeöffnete Briefe, das Foto eines Mädchens mit Zöpfen und ein Taschenmesser. Ein schmaler Gang führte in die Küche, der schmutzige Dielenboden warf sich auf. In der Küchenmitte stand ein runder Metalltisch, darauf ein Päckchen Salem und ein Aschenbecher mit mehreren ausgedrückten Zigaretten sowie eine fast leere Flasche Old Crow und ein Saftglas mit einem kleinen Rest Whiskey.

Um den Tisch standen drei Klappstühle, und auf einem saß ein Mann Anfang dreißig, der Schädel kahlrasiert, der Mund verkniffen. Sein weißes T-Shirt war für den breiten Brustkorb zu klein. Beide Arme waren voller Tätowierungen, die bereits verblassten. Am auffälligsten war die Tätowierung an seinem Hals: eine Rose, von deren Blütenblättern Blut tropfte. Er nahm das Zigarettenpäckchen, zog eine krumme Salem heraus, steckte sie sich in den Mund und zündete sie mit einem Feuerzeug an. Er kniff die Augen zusammen, aus seinen Nasenlöchern troff Rauch. Die nächsten paar Minuten bewegte er sich kaum. Nur ab und zu hob er eine schwielige Hand zum Mund, um an der Zigarette zu ziehen.

Die Zigarette war fast bis zum Filter heruntergebrannt, als der Kopf des Mannes nach rechts herumfuhr und ein Auge zu zucken begann. Aus dem Wohnzimmer drangen Geräusche herüber, erst das Öffnen der Haustür, dann Schritte auf den Holzdielen. Dennoch blieb der Mann unbewegt sitzen.

Im nächsten Moment erschien eine Frau im Türrahmen und blieb stehen. Sie war groß und schlank und hübsch. Ihre schwarzen Haare waren hochgesteckt, ihre Augen leuchteten kornblumenblau. Sie hatte Lippenstift aufgetragen, war sonst aber ungeschminkt. Das weiße Kleid reichte ihr bis zu den Waden. Über die Schulter hatte sie eine rote Tasche geschlungen. Der Mann musterte sie und verzog den Mund zu einem Grinsen.

»Da ist sie ja wieder«, sagte er mit rauer Stimme, so als hätte er seit Monaten nicht mehr gesprochen. »Wusst ich doch, dass du zurückkommst.«

Die Frau blieb schweigend in der Tür stehen. Ihre Schultern hoben und senkten sich, ihre Unterlippe zitterte.

»Na, komm«, sagte er. »Setz dich. Trink was.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Durst«, sagte sie und machte einen Schritt nach vorne, dann einen zweiten. Ihr Blick huschte unruhig durch die Küche, und mit einer Hand fuhr sie über die Tasche.

Der Mann drückte die Zigarette aus und erhob sich. »Auch gut. Nichts zu trinken. Dann gib mir einen Kuss.«

»Nein«, sagte sie hitzig. »Nein.« Nach kurzem Zögern griff sie in ihre Tasche und zog eine kleine Waffe heraus.

Mit einem Nicken sagte er: »Meint die mich?«

Sie spannte den Hahn und wedelte mit dem Lauf vor ihm hin und her. »Du hättest uns in Ruhe lassen sollen«, sagte sie. »Du hättest das nicht tun sollen.«

»Ich hab keine Ahnung, wovon du redest. Ich hab nichts getan. Aber ich weiß, dass du das Ding da nicht benutzen wirst.«

Die Frau lachte auf, schrill und verzweifelt. Ohne ein weiteres Wort kniff sie ein Auge zu und zielte auf seine Brust. Dann drückte sie den Abzug, einmal, zweimal, dreimal.

Die Schüsse dröhnten in der fast leeren Küche. Eine Kugel traf den Mann in den Bauch, die beiden anderen in die Brust. Stöhnend taumelte er mit dem Rücken gegen die Wand. Für einen Moment blieb er stehen, so als müsste er nachdenken, ob er sich für das Leben oder den Tod entscheiden wollte, doch seine Lebensgeister schwanden schnell, und als er an der Wand zu Boden glitt, hinterließ er eine Blutspur. Eine Weile saß er in einer scharlachroten Pfütze, seine Schultern hoben und senkten sich, sein Atem rasselte. Doch das Rasseln hörte bald auf, sein Blick wurde trübe, und er gab keinen Laut mehr von sich.

Die Frau blieb, wo sie war, hielt die Waffe in der zitternden Hand weiter auf ihn gerichtet. Schließlich senkte sie sie und betrachtete den Mann, den sie getötet hatte, mit einem tiefen Seufzer. Dann sah sie sich in der Küche um, als suchte sie nach Spuren, die sie hinterlassen haben könnte.

Sie steckte die Waffe zurück in ihre Tasche und zog etwas anderes heraus: eine alte Polaroidkamera. Sie ging in die Hocke und richtete die Kamera auf den Toten, drückte den Auslöser. Die Kamera ratterte und klickte. Unten kam ein noch weißes Foto heraus. Die Frau hielt es vor sich und wedelte damit hin und her. Nach wenigen Minuten erschien das Bild, zunächst gespenstisch blass, bald darauf in grotesk lebendigen Farben.

»Tot«, flüsterte sie. Und noch einmal: »Tot.«

Sie steckte Kamera und Foto wieder in die Tasche, drehte sich um und verließ die Küche, in der sich das Blut langsam auf dem Boden ausbreitete. Ihre Schritte wurden leiser, und die Haustür ging auf und wurde zugezogen. Dann war alles wieder still, bis auf die gedämpften Schreie, die aus dem Fernseher kamen. Zeit verstrich, aber der Mann blieb gegen die Wand gelehnt sitzen, das T-Shirt blutgetränkt, der Mund offen, die Augen groß und leer.

An den folgenden beiden Tagen geschah nichts. Das heißt, niemand betrat das alte Farmhaus hinter der Liberty Hall. Die Leiche des Mannes kühlte aus und wurde starr. Auf der Haut erschienen Totenflecke, und sie verfärbte sich ins Grünliche. Die Zunge rutschte aus dem Mund, die Augen traten hervor. Gestank breitete sich im ganzen Haus aus.

Am späten Vormittag des dritten Tags nach dem Mord stieg eine dicke Frau in einem weiten, geblümten Kleid aus ihrem Auto und ging zum Haus. Bei jedem Schritt murmelte sie, dass überall auf dem Rasen Müll herumlag und dass sie das Haus nie an diesen Mistkerl hätte vermieten dürfen. »Nichts als Ärger«, schimpfte sie. »Ärger und Scherereien.« In einer Hand hielt sie ein Blatt Papier, auf das oben das Wort »Zwangsräumung« gestempelt war.

Mehrmals klopfte sie an die Haustür, wobei ihr die Brille auf die Nasenspitze rutschte, doch niemand öffnete. Sie ging an ein Fenster, drückte ihr Gesicht gegen die Scheibe und spähte hinein. Das Licht brannte, der Fernseher lief, aber sonst rührte sich nichts im Haus.

»Ich weiß, dass Sie da sind, Mr. Ray«, sagte sie so laut, dass nur sie es hörte. »Ich gehe erst wieder, wenn ich mein Geld habe.«

Sie ging zur Haustür zurück und klopfte erneut. Wieder keine Reaktion. Sie drehte den Türknauf. Es war nicht abgesperrt. Sie öffnete und ging einen Schritt hinein. Sofort verzog sie das Gesicht und hielt sich die Nase zu. Wagte sich ein paar Schritte weiter und räusperte sich.

»Mr. Ray? Sind Sie da? Hier ist Ihre Vermieterin, Janet Dovoavich. Hallo?«

Der Gestank war unerträglich. Miss Dovoavich hielt sich die Armbeuge vor den Mund. Dennoch ging sie weiter – vielleicht aus Neugier darüber, was so stank. Oder aus Neugier darüber, wer tot war. Als sie in die Küche kam und die blutüberströmte aufgequollene Leiche sah, aus deren Mund und Nase Schaum quoll, schnappte sie weder nach Luft, noch schrie sie auf. Sie gab gar keinen Ton von sich, jedenfalls nicht gleich. Sie ließ den Zwangsräumungsbescheid fallen und lehnte sich Halt suchend an die Wand. Ihre Schultern hoben und senkten sich, während sie die schauderhafte, von Fliegen umschwirrte Leiche anstarrte.

Als sich ihr Mund öffnete, drang endlich ein Laut über ihre Lippen. Es war ein...



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