E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Barz Händel
Dieses Buch ist eine ungekürzte, unbearbeitete Neuauflage des 2008 erschienenen Buches von Paul Barz auf Basis des Originalmanuskriptes 2021
ISBN: 978-3-98551-527-1
Verlag: Edition Vestigo Leonis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das schöne Ungeheuer
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-98551-527-1
Verlag: Edition Vestigo Leonis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Barz wurde 1943 in Leslau / Wloclawek an der Weichsel geboren.Nach dem Abitur in Hamburg und einer Verlagslehre war er bis 1981 Redakteur bei den 'Westermanns Monatsheften'.Seit 1981 arbeitete er als freier Schriftsteller und Journalist, unter anderem schrieb er regelmäßig für die 'Welt am Sonntag', das 'Hamburger Abendblatt', die 'Westdeutsche Zeitung' und viele andere.Als Schriftsteller wurde er zunächst durch Hörspiele, Sachbücher und Biografien ('Heinrich der Löwe', 1977, 'Bach Händel Schütz', 1984) bekannt. Mit seinen Büchern wie 'Der wahre Schimmelreiter' (1982) und 'Storm in Schleswig-Holstein' (1988) erwies er sich als hervorragender Kenner Theodor Storms, dessen 'Schimmelreiter' er 1998 für eine Produktion des Ohnsorg-Theaters dramatisierte.Als Bühnenautor hatte Paul Barz vor allem mit 'Mögliche Begegnung' (UA in Berlin 1985 mit Ernst Schröder und Martin Held), dem fiktiven Treffen von Bach und Händel, einen internationalen Erfolg. Das Stück wurde bis heute in über hundertzwanzig Inszenierungen gezeigt, in vierzehn Sprachen übersetzt und stand unter anderem jahrelang in Warschau und am Moskauer Künstlertheater im Repertoire. Gleichfalls ein Welterfolg in über einem Dutzend Sprachen wurde die Funkfassung 'Möglichkeiten einer Sternstunde' (auch als Kassette und CD).Er verstarb am 5. Juni 2013 nach schwerer Krankheit in Wentorf bei Hamburg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein schöner Kerl
1685 bis 1703
»Georg Friedrich Händel ist am 24sten Februar 1684,
zu Halle, einer in Obersachsen gelegenen Stadt,
aus zwoter Ehe seines Vaters geboren,
welcher daselbst ein wohlangesehener Wundarzt,
und zu der Zeit schon über 60 Jahre alt war.«
Lebensbeschreibung von John Mainwaring,
übersetzt von Johann Mattheson
(Hamburg 1761)
Die Zukunft hockt auf keiner Orgelbank
Das Gelächter schwillt an, klingt ab, bricht noch einmal aus. Die Kutsche auf ihrer Fahrt von Lübeck nach Hamburg erbebt geradezu unter diesem Lachsturm.
Die Insassen, Musikus Johann Mattheson und Musikus Georg Friedrich Händel, lehnen jeder in seiner Ecke, die Gesichter gerötet, Händel tupft sich einige Schweißtropfen von der breiten Stirn. Draußen ist es heiß, ein schwüler Augusttag. An den Wagenfenstern zieht Holsteins sommerliche Landschaft vorbei, von den Getreidegarben auf den gemähten Feldern weht süßlich schwerer Duft herüber.
Ein Rumpler lässt die beiden zusammenfahren, die Räder sind wohl über eine Baumwurzel hinweggepoltert. Mattheson ächzt über die schlechten Straßen, Händel über die schlechten Kutschen, so etwas wie Federung ist noch nicht erfunden. Dann bricht Mattheson gleich noch einmal in prustendes Gelächter aus.
»Was sich der Alte nur denkt!«
Sie waren von Hamburg nach Lübeck gefahren, weil es geheißen hatte, der alte Dietrich Buxtehude würde bald von seinem Organistenposten an der Marienkirche zurücktreten. Da hätte sich denn die Frage seiner Nachfolge gestellt, und der Geheime Ratspräsident Magnus von Wedderkopp hatte den allseits geschätzten Herrn Mattheson aus Hamburg lockend angesehen. »Nun, werter Herr Mattheson? Wäre das nicht genau das Richtige für Sie? Ist das nicht doch noch etwas Erhabeneres als die Oper, mögen Sie noch so köstliche Werke vorlegen und mit Ihrer herrlichen Stimme die Helden der Vergangenheit zu neuem Leben wecken?«
Mattheson, Sänger an der Oper am Gänsemarkt, dort auch gelegentlicher Kompositeur und Kapellmeister sowie erklärter Liebling des Publikums, das schon beim Knaben dessen Engelsstimme bestaunt hatte, schien zunächst noch zu zögern. Dafür hatte der vor wenigen Wochen zuvor in Hamburg eingetroffene Händel leuchtende Augen bekommen: »Nachfolger des großen Buxtehude …«
»Dann können ja Sie sich um seinen Posten bewerben.« Das hatte scherzhaft klingen sollen. Aber Matthesons Lächeln geriet etwas schräg.
Sie waren dann gemeinsam aufgebrochen, und in Lübeck war ihnen Dietrich Buxtehude entgegengetreten, die leibhaftige Legende. Aber der alte Herr hatte sich gar nicht legendär, nicht einmal norddeutsch steif gegeben, hatte sie aus wasserblauem Blick herzlich angelächelt und sie hin zu Orgel und Cembalo gezogen.
Sie hatten vorgespielt, erst Mattheson, dann, auf Drängen des Freundes, auch Händel. Der alte Herr hatte in der ersten Bankreihe gesessen, immerzu »Wundervoll!« gemurmelt und am Ende nur gesagt: »Sie beide, meine Herren, beide, jawohl, müssten meine Nachfolger werden.«
»Warum nicht? Der Herr Händel spielt die Orgel, und ich werde am Klavicimbel sitzen!« Mattheson hatte gelacht und Händel die Orgel noch einmal kurz aufdröhnen lassen.
Es war eine angenehme Zeit in Lübeck geworden, mit viel Musik auf allen Kirchenorgeln, und am Abend vor der Abreise – noch war die Nachfolge Buxtehudes nicht entschieden – hatte sie der alte Herr zu sich ins Haus gebeten: »Machen Sie mir die Freude, liebe junge Herren, und teilen Sie das Nachtmahl mit uns!«
Ein großes, etwas blasses Mädchen, wohl schon um die Mitte zwanzig und von mehr eckiger Anmut, hatte aufgetragen. »Meine Tochter!«, hatte Buxtehude die junge Frau vorgestellt und eifrig hinzugesetzt, »ein wahres Wunder an Tugend und hausfraulicher Geschicklichkeit. Glücklich, wer eine solche Frau wie meine Anna Margareta an seiner Seite weiß!« Das Mädchen war rot geworden.
Später, die junge Dame hatte noch den Kaffee gereicht und sich dann zurückgezogen, waren die kurzstieligen Tabakpfeifen hervorgeholt worden, und Buxtehude hatte nach kurzem heftigem Schmauchen mit einem Räuspern eingesetzt: »Meine Nachfolge also, die Herren! Ich wäre glücklich, wenn sich einer von Ihnen dazu entschließen könnte. Ich wüsste keine Würdigeren als Sie.«
Sie schwiegen geschmeichelt. Buxtehude, immer noch an der Pfeife saugend, sah von einem zum anderen: »Auch mein Fräulein Tochter schien sehr zufrieden zu sein und gar nicht zu wissen«, er schickte seinen Worten ein behagliches Lachen voraus, »wen von Ihnen beiden sie mehr mit ihren Blicken verschlingen sollte.« Die beiden verstanden nicht. »Nun, Sie wissen ja wohl, dass mein Nachfolger zugleich mein Schwiegersohn werden wird.«
Jetzt war ihr Schweigen mehr erschrocken als geschmeichelt, und Buxtehudes Blick war streng geworden: »Sie sind dazu doch wohl bereit, die jungen Herren. Oder?« Seine Augen gingen von Mattheson zu Händel und wieder zu Mattheson zurück, dessen hübsches Mädchengesicht sehr rot angelaufen war, während Händel gerade etwas sehr Spannendes in der Tiefe seiner Kaffeetasse entdeckt zu haben schien.
»Nun nicht so zaghaft, die Herren«, jetzt bemühte sich Buxtehude um einen väterlich neckenden Ton, »habe doch auch ich die Tochter meines Vorgängers Franz Tunder zur Frau genommen, wie das hier so Sitte ist, und diese Wahl, ich schwöre, nie bereut. Nun? Wie steht es, lieber Mattheson?«
»Ich … ich …«, stammelte Mattheson und suchte vergeblich nach einem passenden Wort. Der Blick des Alten wurde schmal: »Sie sind doch nicht etwa schon verlobt?«
»Doch … ja … genau …« Mattheson war unendlich erleichtert, vom anderen die einzig mögliche Ausrede in den Mund gelegt zu bekommen.
»Und der Herr Händel?«
Der hatte geschwiegen, während über sein Gesicht eine leise Röte gezogen war, hatte ein paar Mal stumm die Lippen geöffnet wie ein nach Luft schnappender Fisch, dann wieder in seine Kaffeetasse gestarrt: »Ich auch«, kam es endlich. Matthesons Brauen waren bei diesen Worten sehr steil in die Höhe gewandert.
Der Abend war nicht mehr sehr lang geworden.
»Und mit wem, Herr Händel, sind Sie verlobt?« Das hat Mattheson am nächsten Tag in der Kutsche gefragt, die sie zurück nach Hamburg brachte, und Händel hat nur erwidert: »Und Sie, Herr Mattheson? Wer ist denn wohl, bitte, Ihre liebreizende Braut?«
Da haben sie dann zu lachen angefangen, erst noch kichernd, dann immer toller, lauter, brüllender. »Ich Ehemann von diesem alten Mädchen«, jappst Mattheson, »oder Sie, mein guter Freund. Ausgerechnet Sie …«
»Wieso ›ausgerechnet ich‹?«
Ihr Gelächter setzt aus, und im Wagen ist es sehr still. Mit langem Blick mustern sie sich gegenseitig, als wolle jeder etwas sagen und wage nicht es auszusprechen.
Matthesons Hand wischt durch die Luft, als würde er eine Fliege verscheuchen.
Endlich lehnt er sich aus dem Kutschfenster und blickt auf Lübecks Kirchtürme zurück, die dort im graugoldenen Dunst eines norddeutschen Sommerabends verschwimmen: »Schade um den schönen Organistenposten! Obwohl …« Mattheson zögert, dann: »Man sollte die Zukunft der Musik sowieso nicht in der Kirche suchen. Die hockt auf keiner Orgelbank …«
»Wo sonst? Im Opernhaus?«
»Il dramma per musica.« Genießerisch lässt sich Mattheson das welsche Wort auf der Zunge zergehen.
Händel hebt die Schultern in die Höhe: »Meine Mutter, glaube ich, würde mich lieber auf der Orgelbank von St. Marien sehen.« Und nicht einmal der Vater, denkt er zugleich, hätte etwas gegen den Sohn als Nachfolger des großen Buxtehude einzuwenden gehabt.
Matthesons Brauen sind wieder sehr steil in die Stirn gezogen: »Dann hätten Sie doch die Stelle antreten können, lieber Händel. Oder«, mit einem Lächeln, »hindert Sie Ihre Liebe zum schönen Fräulein Sbüllens daran?«
Das Fräulein Sbüllens ist ein hübsches Hamburger Patriziertöchterchen, von dem die beiden wechselseitig behaupten, der andere sei in sie verliebt, und zuweilen wirkt der Name wie ein Schutzschild, ohne dass sie so genau wüssten, wovor sie eigentlich das Fräulein Sbüllens schützen sollte.
Jetzt bleibt Händel stumm.
Draußen blökt Vieh. Eine Herde schwarz-weiß scheckiger Rinder schiebt sich dem Wagen entgegen, die Fahrt kommt in Stocken, wird erst nach einer Weile holpernd fortgesetzt. Drinnen sieht Mattheson auf den Freund, der den Blick gesenkt hält, als schäme er sich für irgendwas, und schlägt einen betont spielerischen Ton an: »Sie haben doch nicht grundsätzlich etwas gegen die Ehe?«
Händel wirft den Kopf zurück: »Was soll ich gegen die Ehe haben? Wenn sie einem einen schönen Posten bringt …« Und mit Trotz in der Stimme: »Auch mein Vater hat nur seine Praxis als Chirurgus bekommen, weil er die Witwe eines anderen Chirurgus geheiratet hat.«
»Ich denke«, Mattheson blickt erstaunt, »die Frau Mama ist Tochter eines Pfarrers.«
Händel schüttelt den Kopf: »Meine Mutter ist seine zweite Frau. Die erste starb an der Pest. Und die …«
»Die hatte Ihr Herr Vater gefreit, um sich als Chirurgus niederlassen zu können, ich verstehe«, ergänzt Mattheson, und lässt im Wort »Chirurgus« eine kleine Herablassung mitschwingen, als rede er von einem niederen Bedienten. Händel meint wie so oft, den Vater verteidigen zu müssen.
»Ein sehr guter Chirurgus«, ereifert er sich, »dem Herrn Kurfürsten hat er einen Beinbruch geheilt und einem Jungen, den...




