E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Barz Der wahre Schimmelreiter
Neuausgabe der 1982 erschienenen Originalausgabe 2021
ISBN: 978-3-98551-413-7
Verlag: Edition Vestigo Leonis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Geschichte einer Landschaft und ihres Dichters Theodor Storm
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-98551-413-7
Verlag: Edition Vestigo Leonis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Barz wurde 1943 in Leslau / Wloclawek an der Weichsel geboren.Nach dem Abitur in Hamburg und einer Verlagslehre war er bis 1981 Redakteur bei den 'Westermanns Monatsheften'.Seit 1981 arbeitete er als freier Schriftsteller und Journalist, unter anderem schrieb er regelmäßig für die 'Welt am Sonntag', das 'Hamburger Abendblatt', die 'Westdeutsche Zeitung' und viele andere.Als Schriftsteller wurde er zunächst durch Hörspiele, Sachbücher und Biografien ('Heinrich der Löwe', 1977, 'Bach Händel Schütz', 1984) bekannt. Mit seinen Büchern wie 'Der wahre Schimmelreiter' (1982) und 'Storm in Schleswig-Holstein' (1988) erwies er sich als hervorragender Kenner Theodor Storms, dessen 'Schimmelreiter' er 1998 für eine Produktion des Ohnsorg-Theaters dramatisierte.Als Bühnenautor hatte Paul Barz vor allem mit 'Mögliche Begegnung' (UA in Berlin 1985 mit Ernst Schröder und Martin Held), dem fiktiven Treffen von Bach und Händel, einen internationalen Erfolg. Das Stück wurde bis heute in über hundertzwanzig Inszenierungen gezeigt, in vierzehn Sprachen übersetzt und stand unter anderem jahrelang in Warschau und am Moskauer Künstlertheater im Repertoire. Gleichfalls ein Welterfolg in über einem Dutzend Sprachen wurde die Funkfassung 'Möglichkeiten einer Sternstunde' (auch als Kassette und CD).Er verstarb am 5. Juni 2013 nach schwerer Krankheit in Wentorf bei Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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Land aus Schlick und Wasser
»Kein Mann gedeihet ohne Vaterland …«
Theodor Storm in »Abschied«, 1853
Partner, Gegner: Blanker Hans
Niemand weiß, woher sie kamen. Irgendwann müssen sie in ihrer eigentlichen Heimat aufgebrochen und auf die große Wanderschaft gegangen sein. Irgendwie sind sie dann in dieses Land gekommen, in diese begrünte Ebene zwischen Geest und Meer. Priele durchzacken sie, in Erdaufbrüchen glitzert Salzwasser. Am Horizont zieht das Meer die Grenze, ein Nachbar von unberechenbarer Gefährlichkeit. Doch das Gras ist saftig, der Boden schwer und fruchtbar. Hier kann Vieh geweidet, Ackerbau betrieben werden. Die Ankömmlinge dürfen zufrieden sein.
Doch wann ist das gewesen? Und wo waren sie eigentlich zu Hause?
Die Forschung einigt sich auf den Zeitraum vom 6. bis 8. Jahrhundert n. Chr. und auf die Gebiete des Niederrheins als ursprünglichen Lebensraum. Doch warum haben ihn diese Menschen verlassen? War er zu eng geworden? Hat die Ferne, das Neuland gelockt? Sind sie gar — und diese Möglichkeit ist gar nicht unwahrscheinlich — von anderen gerufen, zur Kolonisation des Landes nördlich der Eider eigens angeworben worden? Und schließlich: Wer war vor ihnen dort? Wo sind diese anderen geblieben?
Denn eine Urbevölkerung hat es gegeben, das steht fest.
Schon in den beiden Jahrhunderten vor der Zeitenwende müssen hier Menschen gesiedelt haben. Sie wussten noch nichts von Deichbau und Landgewinnung. Sie waren dem Meer und seinen Stürmen hilflos ausgeliefert. Und so schütteten sie als einzigen Schutz gegen die See Erdhügel auf, die Warften, Werften oder Wurten, und dort haben sie dann gewohnt, Mensch und Tier unter einem Dach: »Der Wohnteil war ein einziger Raum, dessen Mittelpunkt die Feuerstelle bildete …«62
Die Feuerstellen erlöschen. Von den frühen Siedlern bleibt nur eine vage Spur. Vielleicht flüchten sie vor den alljährlichen Winterfluten auf die Geest. Vielleicht also stehen ihre Nachfolger tatsächlich vor leerem Land. Vielleicht hat es aber auch Kämpfe gegeben, und die Urbevölkerung ist gewaltsam vertrieben, ausgerottet worden. Überlieferung mischt sich mit Sage zur halbhistorischen Legende mit vielleicht wahrem Kern, und noch im letzten Jahrhundert berichtet der Sylter Geschichtsschreiber C. P. Hansen ganz ernsthaft von einem »zwergartigen, in Höhlen und Hügeln hausenden, vielleicht finnischen Volksstamm«, den dann die Friesen »eine Zeitlang in ihrer Nachbarschaft geduldet, aber endlich ausgerottet oder vertrieben«63 haben. Doch was immer es mit diesen finnischen Zwergen auf sich hat: Sie wimmeln und wispern lediglich im mythologischen Untergrund nordfriesischer Geschichte, die von früh an auch die Geschichte des nordfriesischen Deichbaus ist.
Auch über seinem Anfang liegt Dunkel. Erste Zeugnisse sind spärlich. Chroniken werden erst später, vor allem im 17. Jahrhundert, geschrieben. Ihre Autoren vereinfachen, übertreiben, verfälschen auch. Allein schon ihre gelegentlichen Zahlenangaben wecken Schwindelgefühle. Zweihunderttausend Tote und mehr bei der Großen Manndränke von 1362 — Hochrechnungen führen zu Bevölkerungsziffern, nach denen es in der mittelalterlichen Marsch zugegangen sein muss wie in New York zur Rushhour.
Dieses Dunkel wirkt bezeichnend.
Eine Geschichte wie die der Nordfriesen verläuft ohne spektakuläre Höhepunkte, überragende Heroen, auch ohne große Posen: Alexander durchschlägt den Knoten von Gordon, siegt bei Issos, bricht schließlich in Tränen aus, da es nun nichts mehr zu erobern gibt — so lässt sich vielleicht die Geschichte anderer Völker erzählen, nicht die der nordfriesischen Küste. Sie wird ganz von der Natur bestimmt, vor deren Hintergrund sie abläuft — und von der Notwendigkeit, sich gegen diese Natur durchzusetzen. Ein solcher Kampf kennt nicht die großen Schlachten, den Glanz triumphaler Siege, und seine Helden bleiben weithin anonym: kein Anlass für Legenden.
Erinnert nicht auch das an die Geschichte des Hauke Haien? Wie er da, als Typ, gleichsam geschichts- und bindungslos vor uns hingestellt wird?
Er hat nicht Lehrmeister, Vorbilder, kann sich nicht auf Tradition berufen. Er steht in der Natur, beobachtet, lernt, zieht seine Schlüsse. Keine große Szene, kein dramatischer Schwur — nur dieses lakonische »Ja, Vater!«, als der ihn auffordert, es besser zu machen als andere. So dürften auch jene ersten Einwanderer vor der Natur ihrer neugewonnenen Heimat gestanden haben, beobachtend, lernend. Ihr Kampf mit dem Meer beginnt.
Im Rücken dieser Menschen liegt die Geest, sicher vor der Flut, doch karg und unfruchtbar. Vor ihnen dehnen sich aber die fruchtbaren Böden der Marsch, die das Meer angespült hat. »Welch treffliches Weide- und Kornland musste es geben und von welchem Werte«, heißt es im »Schimmelreiter«, als Hauke Haien auf das noch unbedeichte Vorland hinaussieht, aber auch: »Eine große, deichlose Fläche, wer wusste es, welchen Stürmen und Fluten schon in den nächsten Jahren preisgegeben …«
Dieses Land ist eine einzige große Herausforderung: Verlockung und Gefahr zugleich.
Der Mensch nimmt von ihm Besitz. Sein Vieh weidet auf dem fetten Grün der Wiesen. Ackerbau wird betrieben: Flachs, Gerste, Pferdebohnen werden angebaut. Siedlungen entstehen. Ihre Bewohner sehen zufrieden auf die besonnten Flächen: Dies ist jetzt ihr Land geworden.
Doch dann verdunkelt sich der Himmel. Die Wolken türmen sich zu grauen Bergen. Sturm kommt auf. Die Priele treten über ihre Ufer. Das ist nicht mehr die übliche Flut, die Tag um Tag fruchtbaren Boden antreibt. Jetzt wird dieser Boden meterhoch überschwemmt und mit ihm die Äcker, das Vieh, die in ihren Häusern angstvoll geduckt hockenden Menschen. Viele fliehen. Andere bleiben. Sie nehmen die Herausforderung an. Hauke Haien »lief nicht fort, sondern bohrte die Hacken seiner Stiefel fest in den Klei«: »Ihr sollt mich nicht vertreiben!« — der Schrei jener, die dieses Land zu bestehen entschlossen sind.
Um 1000 n. Chr. scheinen die ersten nordfriesischen Deiche entstanden zu sein, hundert Jahre vor dem ersten Kirchenbau. Weitere zweihundert Jahre später, am Ende des 12. Jahrhunderts, widmet der dänische Geistliche und Historiograf Saxo Grammaticus einige Absätze seiner »Gesta Danorum« dem Gebiet von »Klein-Friesland«. Er spricht von tief liegenden Feldern und weit einschneidenden Buchten. Er schildert die »sehr großen Erträge« an Feldfrüchten »dank des das Land überströmenden Ozeans« und fragt zugleich skeptisch, ob die Gewalt der rückströmenden Fluten mehr Nutzen oder Gefahr bringt. Denn »wenn bei der Heftigkeit des Sturms die niedrigen Länder einreißen, durch die bei ihnen gewöhnlich die Fluten des Meeres aufgehalten werden, dann überspült meist eine so große Wassermasse das Land, dass sie nicht nur die Ernte der Felder, sondern wahrhaftig auch die Menschen mit ihren Häusern unter sich begräbt«.
Über die Spanne von achthundert Jahren hinweg spürt man den Schauder des frommen Herrn vor diesem Land mit seinen unberechenbaren Naturgewalten. Den Friesen schaudert es nicht. Dies ist ihr Land geworden und seine Natur ihr Lebenselement. Und zur Zeit des Saxo Grammaticus dürften Deiche entlang der Küste und an den Flussufern bereits ein vertrauter Anblick sein.
Es sind nicht die Nordfriesen, die den Deichbau erfunden haben. Deichähnliche Anlagen finden sich schon am Rhein der Römerzeit. Und sollten diese Menschen wirklich vom Niederrhein gekommen sein, so haben sie von dort die ersten Kenntnisse mitgebracht. Denn in den heutigen Niederlanden werden schon um 600 n. Chr. die ersten Deiche gezogen, zunächst nur an Flüssen als Schutz vor Hochwasser. Doch der Deichbau schreitet voran. Die Küste wird erreicht. Die ersten Seedeiche entstehen. Und irgendwann einmal, von einem einzelnen oder von vielen, über einen längeren Zeitraum hinweg oder von Augenblick zu Augenblick, muss die Erkenntnis getroffen worden sein: Mit Deichen kann Land nicht nur gesichert, sondern auch neu dazugewonnen, dem Meer abgerungen werden …
Viele sogenannte Sternstunden der Menschheit sind mit poetischem Schwung beschrieben worden: Caesars Schritt über den Rubikon, Keplers Blick zum Sternenhimmel, die Erkenntnis Albert Einsteins, alles sei nur relativ. Über jenen einen Schritt von der Landsicherung zur Landgewinnung erfährt man nichts. Und doch ist der Mensch selten so wörtlich wie hier dem göttlichen Gebot gefolgt: »Macht euch die Erde untertan …« An der Westküste entstehen die Polder: durch Deichbau gewonnenes, durch Schleusen und Kanäle trockengelegtes, durch Deiche gesichertes Land. In Nordfriesland werden es die Köge sein, als erster der Johanniskoog auf Eiderstedt. Der Kampf mit dem Meer tritt damit in eine neue Phase: Der Mensch schützt sich jetzt nicht nur gegen die Willkür der Natur. Er begehrt nun dagegen auf. Er zwingt die Natur in sein eigenes Gesetz.
Koog grenzt bald an Koog. Land schiebt sich in das Meer hinein. Die Grenzen verwischen. Was ist noch natürlicher Boden, wo hat ihn sich der Mensch geschaffen? Ein Wort kommt auf: »Deus mare, Friso litora fecit« (Gott schuf das Meer, der Friese das Land) — der bombastische, geradezu blasphemische Anspruch mag stören. Im Kern trifft er zu, jedenfalls für die ersten Jahrhunderte nordfriesischen Deichbaus.
Es wird aber noch lange dauern, bis dieser Kampf System und übergeordnete Perspektive gewinnt. Erst in der frühen Neuzeit greift die Obrigkeit ein, treten die Fachleute auf, entsteht der viel besungene ›goldene Ring‹ der Deiche, der sich wie eine große...




