Barz | Brumm! | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Barz Brumm!

Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter
Erstauflage 2020
ISBN: 978-3-96917-608-5
Verlag: Edition Coeurart
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine schwarz/weiße Fabel für das postfaktische Zeitalter

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-96917-608-5
Verlag: Edition Coeurart
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jedem Menschen wohnt ein Krafttier inne so lehren uns die Schamanen: Man müsse es nur finden, erwecken und befreien. Doch was, wenn dieses Krafttier ein verspielter, verschlafener, verleckerter, territorialer, dickschädeliger Panda ist, der dein Leben ins Chaos stürzt und sich beharrlich weigert wieder zu gehen?Dr. Urs A. Podini hat seine Lebensträume längst eingetauscht gegen bescheidenen Wohlstand, Eigentumswohnung, Kreativität in homöopathischen Dosen und eine Lebensgefährtin, die ihn eher duldet als liebt. Doch dann geht ihm eines Tages diese Silbe nicht mehr aus dem Kopf: Brumm! Laut, leise, sanft, schroff, zärtlich, verletzend, wütend, erfreut. Gerufen, gehaucht, geflüstert, gespien, gesäuselt und gebrummt: 'Brumm.'Als er sich dann auch noch in das Kostüm eines Pandas verliebt, das er im Schaufenster der Boutique 'Transitions!' entdeckt, beginnt für ihn eine Achterbahnfahrt durch unsere Zeit: Urs beißt unter anderem einen Finger ab und löst eine Straßenschlacht aus. Er wird angeklagt, freigesprochen und zum ersten offiziell anerkannten menschlichen Panda. Das macht ihn zum Internet-Star und Talkshow-Gast sowie nolens volens zum chinesischen Staatsbürger. Er trifft auf Politikerinnen mit Flausch-Fetisch, neugierige Pinguine, musikalische Mufflons, rassistische Seelöwen, verschmuste Kängurus, Franz Schubert verehrende Artgenossen und sogar auf seine große Liebe.Aber all das hat seinen Preis: Wenn man etwas nur lang genug behauptet, wird es zum Fakt das bekommt Urs am eigenen Leibe zu spüren.

Helmut Barz, im Jahr des Hahns 1969 geboren, isst gerne Bambussprossen und weiß, wovon er schreibt, wenn er den Helden von 'Brumm!' in die Werbeagentur SummerPod arbeiten schickt: Er ist selbst Kreativdirektor, Regisseur, Texter und Übersetzer für Unternehmenskommunikation. In den vergangenen zehn Jahren hat er zudem sechs Romane veröffentlicht, darunter die erfolgreiche Reihe um die Frankfurter Kriminalpolizistin Katharina Klein sowie seinen Horror/Noir-Roman 'Ein dreckiger Job'.Geboren in Braunschweig und aufgewachsen an der Nordseeküste, hat Helmut Barz in Gießen und Frankfurt Theaterwissenschaften sowie Regie studiert. Er lebt heute freiwillig in Offenbach am Main. Nach seinem Ableben hätte er nichts gegen eine Existenz als Hausgeist der Deutschen Bibliothek oder eine Wiedergeburt als flauschig schwarz/weißer Urside.
Barz Brumm! jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Brumm


Ein Höllensturz


»Brumm!«

Hat er das wirklich gerade laut gesagt?

Urs schmeckt der Silbe nach. Ja, er spürt noch das Rollen des R in seinem Rachen, das Vibrieren des M auf den Lippen.

Er hat es tatsächlich gesagt: »Brumm!«

Hoffentlich erst, als die Tür schon hinter ihm ins Schloss gefallen ist.

Hoffentlich hat er da schon auf dem Bürgersteig gestanden.

Hoffentlich hat er Urs nicht gehört, der Herr Doktor mit seinen grau melierten Haaren und seinem weißen Kittel.

Andererseits: und wenn schon! Der Herr Doktor hält ihn ohnehin für einen Idioten.

Und einen Doktortitel hat er schließlich selber.

Urs – Dr. Urs A. Podini!, so ermahnt er sich streng – macht einen Schritt vorwärts. Sorgsam setzt er den Fuß, um nicht auf die Kanten der Gehwegplatten zu treten. So hat er es auch schon in seiner Kindheit gemacht. »Brumm!«

Noch ein Schritt. »Brumm?«

Noch ein Schritt. »Brumm.«

Noch ein Schritt. »Brumm?!« – Ein empörtes Bärchen, rücksichtslos aus dem Winterschlaf gerissen.

Noch ein Schritt. »Brrrrummmmmmm.« – Das »R« in der Kehle rollend, das »M« auf den Lippen kitzelnd: ein Kind, das Auto spielt.

Noch ein Schritt.

»Brummmmm …« – Mit einem Hauch der Verzweiflung leise verklingend: ein letzter Protest gegen das Unvermeidliche.

Noch ein Schritt.

»BRUMM!« – Machtvoll in die Luft gemeißelt.

Laut, leise, sanft, schroff, zärtlich, verletzend, wütend, erfreut.

Gerufen, gehaucht, geflüstert, gespien, gesäuselt und – gebrummt: »Brumm.«

Da steht Urs nun, die Füße genau auf zwei Gehwegplatten, Zehen und Hacken gleich weit von den Kanten entfernt, und erfreut sich am Klang der fünf zur Lautmalerei gereihten Buchstaben.

Warum geht ihm diese Silbe nicht aus dem Kopf?

Seit diesem Morgen schon.

»Bärchen«, hat Karolin ihn genannt. Aus dem Mund seiner Lebensgefährtin ist das allerdings kein Kosename, sondern ein subtiler Hinweis darauf, dass er abnehmen und daher nicht so viel naschen sollte.

»Hör mal, Bärchen«, hat Karolin an diesem Morgen gesagt und damit ihre übliche Kaskade von Geboten und Anweisungen eingeleitet: den Karolingischen Tagesbefehl.

»Alles verstanden, Bärchen?«, hat sie zum Abschluss gefragt.

Da ist es ihm rausgerutscht, das bestätigende »Brumm«.

Karolin hat das nicht komisch gefunden. Verständlich. Wo doch an diesem Tag das große Symposium beginnt: Ich kann sein, wer ich schon immer war: Körperbilder im 21. Jahrhundert – vom Ideal der Simulation zur hüllenlosen Authentizität. Ihre erste, praktisch im Alleingang organisierte Großtat als frischberufene Juniorprofessorin der Theaterwissenschaft.

Da ist kein Platz für ein vorlautes »Brumm«.

Urs hat sich also sofort bei ihr entschuldigt.

Karolin hat ihm großmütig verziehen und ist dann davongeeilt. Zum Bahnhof. Professorin Doktorin Mariele Juncker-Stockmann abholen – die Star-Referentin des Symposiums.

Seither ist Urs diese Silbe nicht mehr aus dem Kopf gegangen: »Brumm!«

Auch während der Konferenz mit dem Herrn Doktor nicht.

Ja, Konferenz! Als promovierter Germanist weigert sich Urs, das Wort Meeting auch nur zu denken – eines dieser brausepulvrig rosafarbenen Wörter, die auf der Zunge kribbeln, als würde man an den Polen einer Batterie lecken.

Die Konferenz hat ihn also dazu gebracht, es laut auszurufen: »Brumm!«

Kaum, dass die Tür des Marktforschungsinstituts ins Schloss gefallen ist.

Die Konferenz ist …

Ja, wie ist sie denn jetzt eigentlich verlaufen?

Gut, weil sie die von Urs erwarteten Ergebnisse erbracht hat?

Schlecht, weil er seinem Kunden jetzt auseinandersetzen muss, dass die kreativen Ideen dessen sechzehnjährigen Sohnes …

Wie hat es der Herr Doktor zusammengefasst?

»Dieses Konzept ist nicht zielgruppentauglich und daher wenig erfolgversprechend!«

Urs sehnt sich nach einer Dusche. Die mitleidig angewiderten Blicke des Herrn Doktors abspülen. Der bei der Arbeit einen weißen, frisch gestärkten Kittel trägt, obwohl er doch Soziologe und Marktforscher ist.

Im Glauben, das Konzept stamme von Urs selbst, hat ihm der Herr Doktor die Leviten gelesen. Er hat Urs minutiös auseinandergesetzt, warum jede einzelne Idee »nicht zielgruppentauglich und daher wenig erfolgversprechend« ist. Bei jedem »nicht zielgruppentauglich« hat der Herr Doktor die Lippen geschürzt und bei jedem »wenig erfolgversprechend« die Nase gerümpft, als röche er Darmgase.

Urs hätte diese Belehrung nicht nötig gehabt.

Er weiß auch so, dass es keine gute Idee ist, einen führenden Anbieter von essenzieller Fahrzeugtechnik als »Bremsen-Babo« zu vermarkten – im Pimp My Ride-Stil, untermalt von den Versen des vom Filius eigenhändig gedroppten Bremsta-Raps:

»Isch brems disch aus, Alter.

Dann ist aus die Maus, Alter.«

Der Herr Doktor hat Urs also wenig Neues zu sagen gehabt. Das allerdings in einem mehrere Zentimeter dicken Bericht. Die ringgebundene Mappe ruht schwer in Urs’ Rucksack: Diese Last muss er jetzt tragen.

Nach Hause. In die Agentur. Zum Kunden.

Wenigstens hat Urs recht behalten.

Kein Grund für Triumph und knallende Sektkorken. Urs behält oft recht. Er ist ja nicht erst seit gestern Kreativdirektor und Co-Geschäftsführer der SummerPod Kommunikations-GmbH Offenbach.

Deshalb weiß er auch bereits, wie die Geschichte ausgehen wird: Der Kunde wird dennoch auf der Umsetzung des Konzepts seines Sohnes beharren. Er wird viel Geld versenken. Sein Traditionsunternehmen wird im Shitstorm der Häme ins Schlingern geraten. Schließlich wird er im Zorn die Agentur wechseln.

Den Kunden werden sie also in jedem Fall verlieren. Dann lieber vorher noch abkassieren. Das zumindest wird Urs’ beste Freundin und Geschäftspartnerin Alexa sagen.

Also: das Gutachten in die Agentur tragen.

Dem Drang widerstehen, Herrn Dr.-Ing. Herzog samt schöpferischem Filius den ringgebundenen Bericht auf die Hinterköpfe zu hämmern. Auch wenn der Herr Dr.-Ing. Herzog, Geschäftsführer von Herzog Raubach – »dem führenden Unternehmen für Verzögerungstechnik!« – alle Argumente vom Tisch fegen wird.

An den Umsatz denken.

Freundlich nicken und lächeln.

Warum fällt diese Art der Krisendiplomatie eigentlich immer ihm zu?

Eine rhetorische Frage. Urs weiß genau warum.

Seine wenig furchteinflößenden hundertsiebzig Zentimeter Körpergröße – okay, hundertvierundsechzig Zentimeter, aber keinen Millimeter weniger.

Seine Stimme. Warm. Weich. Gerne spricht er die von ihm ersonnenen Werbespots und Filmtexte selbst ein – zumindest in der Entwurfsphase.

Der respektheischende Doktortitel. Ob er sich auch einen weißen Kittel zulegen soll?

Und dann ist da natürlich sein Sprachfehler: Urs kann nicht »Nein« sagen.

Eigentlich wäre das Überbringen schlechter Nachrichten ja Aufgabe des Account Managers – ein Ausdruck, den Urs nicht anders als kloakenbraun denken kann, mit einem Nachgeschmack von Großkantinen-Bratensoße.

Der Account Manager besteht jedoch auf diesem Titel – und ebenso darauf, »Hörb« genannt zu werden. Mit amerikanisch gerolltem »R«. Er hat mal ein Gastsemester in New York studiert.

Hörb wäre zwar eigentlich für die Kommunikation mit Dr.-Ing. Herzog zuständig, hat sich aber schon seit einiger Zeit »strategisch retreatet«, um »One-on-One Communications zwischen Kreativen und Kunden zu enablen«.

Übersetzt: Hörb ist das, was man in der Branche ein Trüffelschwein nennt. Mit seiner empfindlichen Nase wittert er Geschäftschancen ebenso gut wie – in diesem Fall – heraufziehende Krisen. Also hat er den Kopf eingezogen.

Urs schnallt die Riemen seines Rucksacks fester. Dann setzt er erneut seinen Fuß vor. Wieder genau auf eine Gehwegplatte.

Und noch einmal.

Und noch einmal.

Über die Ungerechtigkeiten dieser Welt kann er auch später noch lamentieren. Morgen zum Beispiel. Genau, Morgen!

Er blickt auf die Uhr seines Handys: halb eins. Mittag. Nachmittag. Praktisch schon Feierabend. Also erst mal heimfahren. Duschen. Home-Office bei einem Glas Rotwein.

Auf zur S-Bahn. Zur Konstabler Wache. Vorbei an Transitions!.

Er hätte doch den Weg über die Zeil nehmen sollen. Sich mitziehen lassen vom Getümmel auf Frankfurts Einkaufsmeile.

Er hätte nicht auf dem Tanngraben bleiben sollen.

Die parallel zur Zeil verlaufende Gasse ist bisher von Sanierungswahn und Gentrifizierung verschont geblieben. Zumindest fast: Das Marktforschungsinstitut mit seiner Fassade aus dunklem Stein und verspiegelten Fenstern ragt zwischen den alten Häusern auf wie ein nagelneuer Stiftzahn aus dem kariösen Gebiss eines Kettenrauchers.

Hier, im Tanngraben, gibt es sie noch: die Resterampen und Waffengeschäfte. Die Gebrauchtwarenläden, in denen man sein Smartphone zurückerwerben kann. Die Kneipen, aus denen man das abgestandene Bier bis auf die Straße riecht, und deren Wirte auf die Frage nach einem Latte macchiato antworten: »Latte? Die Puffs sind in der...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.