E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Ghost
Bartsch Ghost
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-9022-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schicksal, geflüstert im Wind
E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Ghost
ISBN: 978-3-8192-9022-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Svenja Bartsch, geboren 1998, in Nordrhein-Westfalen, hat schon früh mit dem Schreiben angefangen. Ihre ersten Geschichten schrieb sie im Alter von 13 Jahren. Seinen Anfang nahm alles mit dem Schreiben von Märchen und Kurzgeschichten im Deutschunterricht. Darüber hinaus fand sie schnell Gefallen daran, ihre eigenen Geschichten zu schreiben, da sie einen Verlauf und ein Ende nach ihren Vorstellungen bekommen konnten. Bis zum ersten veröffentlichungsreifen Buch dauerte es allerdings noch einige Zeit. Mittlerweile ist die Autorin 27 Jahre alt und schreibt nach wie vor gerne. Ihr erster Roman erschien im April 2020. Inzwischen ist sie neben dem Beruf der Autorin, Korrektorin für andere Autor:innen und Texterin.
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Prolog
Nach wie vor müde, schlug ich die Augen auf. Wie jeden Morgen schien die Sonne vom Himmel herab und es war totenstill. Kein Auto fuhr durch die Straßen, nirgendwo bellte ein Hund oder zwitscherte ein Vogel. Die Welt, die in den letzten drei Jahren meine Welt geworden war, stand wie immer unverändert vor mir. Eingefroren bis in die Ewigkeit.
Als ich hier angekommen war, verstand ich nicht, wo ich mich befand. Erst nach Tagen begriff ich, dass ich die Erde verlassen haben musste, denn hier sah alles identisch aus. Bäume, Straßen, kleine Reihenhäuser, geparkte Autos, Busse, aber keine einzige lebende Seele. Ich hatte Stunden damit verbracht, nach anderen Menschen zu suchen, nach übernatürlichen Wesen, wie Geistern oder Hexen, aber vergebens. Erst Wochen später hatte ich festgesellt, dass alles aussah wie in meiner Jugend. Diese Welt war ein Abbild von New York City. Ich fand sogar den Wohnsitz meines Vaters mit der Flasche Whiskey auf seinem Schreibtisch. Hier begann schließlich mein Albtraum, denn als ich das Haus zum ersten Mal betrat, hielt es mich fest und ich landete jeden Abend aufs Neue dort.
Schnell wurde mir klar, dass sich hier nichts bewegte, denn ich betrat das Arbeitszimmer meines Vaters täglich aufs Neue und jeden Morgen war die Flasche Whiskey wieder voll. Obwohl ich sie zuvor geleert hatte. Mittlerweile kotzte mich der Anblick seines akkurat aufgeräumten Büros, wie man heutzutage sagen würde, regelrecht an. Der schwere dunkle Holzschreibtisch in der Mitte, die Papiere geordnet. Ich konnte ihn förmlich an dem Tisch sitzen und mich und meinen Bruder ignorieren sehen. Immer hatten wir leise sein müssen und ihn nicht stören dürfen.
Die Kälte dieses Zuhauses kroch unweigerlich in mein Innerstes. Wieder einmal wischte ich mit einer Handbewegung sämtliche Papiere vom Tisch und donnerte den Whiskey gegen die Wand. Morgen würde alles erneut aussehen wie zuvor. Maria hatte mich doch in meinen schlimmsten Albtraum geschickt.
Unwillkürlich musste ich lachen bei der Ironie, dass wir nun beide in der Hölle saßen. Sie im wahrsten Sinne des Wortes, so hoffte ich jedenfalls.
„Und dennoch hast du mich nicht besiegt!“, schrie ich die Wand an. Nach drei Jahren, die ich nun hier festsaß und irgendwann akzeptierte, dass dies nicht das Wartezimmer zum Himmel oder meinem Leben nach dem Tod war, sondern für immer, hatte ich dennoch die Schnauze voll.
„Glaubst du, die Schlampe kommt her, wenn du ihr einredest, dass du nicht besiegt bist?“, kam eine Stimme aus dem Flur. „Sie kann dich nicht mal hören.“ Ein Mann mittleren Alters lehnte sich an den Türrahmen und musterte mich. Sein kurzer Bart sah aus wie immer, denn selbst wenn er ihn abrasierte, war er am nächsten Tag zurück. Interessant war nur, dass dieser Gesetzmäßigkeit einer Art Zeitschleife nicht alles folgte. Im Anwesen meines Vaters konnte ich nichts verändern, in den anderen Häusern des Ortes schon. John hingegen konnte dies in seinem Haus nicht. Wieso auch immer.
„Jetzt hast du wieder den guten Whiskey vergeudet. Was trinken wir heute Abend, Will?“
„Ich bin sicher, irgendwo werden wir schon etwas auftreiben“, knurrte ich. Auch wenn ich ziemlich abweisend zu ihm war, so war ich erfreut, ihn zu sehen. Er hatte mich gefunden, kurz nachdem der Hokuspokus hier im Haus losgegangen war.
„In den anderen Häusern ist der Whiskey keine Endlosschleife.“
„Dann solltest du froh sein, dass wir nicht gezwungen sind, zu essen, und keinerlei Hunger verspüren, denn weder in deiner Brandruine noch bei meinem Vater hätte es etwas gegeben.“
John zog die Augenbrauen zusammen. Er mochte es nicht, wenn ich ihn auf seine Vergangenheit ansprach, aber meine Laune war an diesem Tag besonders übel. Heute jährte sich der Tag, an dem ich mein Leben aufgegeben hatte.
„Wirst du den ganzen Tag so schlecht gelaunt sein? Dann gehe ich wieder. Ich habe nämlich eine neue Spur gefunden.“
„Und die führt uns dann genau wohin?“, fragte ich grummelnd.
„Wenn wir Glück haben, zu der Hexe, die uns endlich verrät, wie wir hier rauskommen“, meinte John schulterzuckend, „aber du musst mich nicht begleiten.“
„Ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust. Jeder einzelne Hinweis, den wir in den vergangenen drei Jahren gefunden haben, hat sich als Sackgasse erwiesen. Wer immer diesen Ort erschaffen hat, hinterließ die Hinweise, um seine Gefangenen zu quälen.“ Ich ließ mich wieder in den Sessel fallen, auf dem ich letzte Nacht eingeschlafen war. Jeden Abend war es das Gleiche. Zunächst suchte ich mir ein Haus und machte es mir gemütlich, wie John. Der Unterschied war nur der, dass ich, sobald ich saß oder mich hinlegte, im Büro meines Vaters auftauchte. Ich konnte eine Nacht nicht woanders verbringen als in diesem vertrauten und doch antiken Haus. Anfangs war ich hoch in mein altes Zimmer gegangen, aber in letzter Zeit passierte es immer öfter, dass ich seinen Whiskey trank und im Sessel einschlief. Und auch wenn ich vermutlich tot war, meinem Nacken tat ich damit keinen Gefallen.
„Du solltest das nicht so pessimistisch sehen, ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich nicht mehr in meinem Haus übernachten musste, aber ich habe es geschafft. Also finden wir auch einen Weg hier raus. Und sobald wir es gepackt haben…“
„Was dann?“, unterbrach ich ihn. „Leben wir unser Leben einfach weiter? Wir sind tot, sieh es endlich ein, und vermutlich die Einzigen, die hier feststecken. Je eher wir das akzeptieren, desto besser.“
„Tot vielleicht. Die Einzigen – kann ich mir kaum vorstellen. Ich war allein und du die ersten Wochen auch. Als ich dich gefunden habe, hatte ich kurz vorher einen Zauber ausprobiert, der den Schleier heben sollte oder so ähnlich.“
„Das hast du mir nie gesagt.“ Ich legte meinen Kopf in den Nacken, um John besser ansehen zu können.
„Weil ich nicht sicher war, ob es daran gelegen hat. Ich habe es mehrfach versucht, aber bisher bist nur du mir begegnet.“
„Dann ist entweder der Zauber schrott oder es gibt doch nur uns zwei.“
„Das versuche ich ja, herauszufinden. Ich habe damals eine magische Karte gefunden. Sie zeigt mehr Menschen oder Wesen in dieser Stadt an, auch wenn ich sie nicht finden kann.“
„Dann lügt sie oder ist kaputt.“
„Das habe ich damals auch gedacht. Aber eines Abends erschien ein neuer leuchtender Punkt auf dem Papier. Genau hier, beim alten Parker-Anwesen.“
„Und?“
„Ich habe versucht, jemanden zu finden, und Wochen später ist es mir gelungen. Ironischerweise ist es genau drei Jahre her, dass der Punkt auf der Karte aufgetaucht ist.“
Ich erstarrte. Ich war vor genau drei Jahren hier angekommen. Wenn John mich nicht verarschte, dann funktionierte diese Karte vielleicht wirklich. Was immer noch nicht erklärte, wieso wir keinen anderen sehen konnten.
„Na schön. Wohin geht es diesmal?“
„Nach Liberty Island.“ Johns Augen funkelten. „Ich habe tatsächlich ein altes Ruderboot gefunden, als ich dem Hinweis nachgegangen bin.“
Einige Zeit später befanden John und ich uns auf dem Weg zum Hudson. Nur war an diesem Morgen etwas anders. Fröstelnd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper und rieb mir über die nackten Oberarme. John musterte mich besorgt.
„Ich hab es auch bemerkt, aber mir war in all den Jahren noch nie kalt. Hier stimmt etwas nicht.“ Er blickte sich suchend um, als eine Windböe auf uns zukam, meine Haare durcheinanderbrachte und in den Blättern raschelte. Ich zuckte zusammen. Solche Geräusche hatte ich seit drei Jahren nicht mehr gehört.
„Vielleicht sollten wir unsere Suche wann anders fortsetzen“, überlegte ich laut.
„Das ist ein Zeichen. Irgendwas oder irgendjemand will uns davon abhalten, auf die Insel zu fahren. Wenn wir dort nichts finden würden, wäre es egal.“
„Oder etwas verändert sich und wir sind in Gefahr“, hielt ich dagegen.
„Ist egal. Wir sind bereits tot.“
Ich blickte zum Himmel, an dem plötzlich Wolken aufgetaucht waren. Was zum Teufel war hier los?
„Das heißt nicht, dass andere Wesen nicht in der Lage wären, uns zu foltern. Ich hatte in meinem Leben genug Qualen.“
John ignorierte meinen Einwand gegen den immer stärker werdenden Wind, der mittlerweile einem Sturm glich, und lief weiter auf den Hudson zu. Blätter und Äste folgen uns entgegen, in der Ferne grummelte es und am Himmel leuchtete es taghell auf. Danach war es wieder dunkel. Erste Regentropfen fielen auf uns hinab und benetzten mein Gesicht. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie sehr ich das vermisst hatte. Das Gefühl, wenn der Wind durch einen durchfegte, die nassen Tropfen auf der Haut, die einen im Hochsommer abkühlten. Dennoch packte ich John am Arm und zog ihn gerade rechtzeitig zurück, bevor ein umstürzender Baum ihn traf. Auch wenn wir tot waren, wer wusste schon, was uns passierte, jetzt, da wir wieder Kälte spürten und Wind und Regen.
„Vielleicht sollten wir uns...




