E-Book, Deutsch, 207 Seiten
Barth Unser letzter Sommer mit Sophie
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6064-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Über das viel zu kurze Leben meiner Tochter
E-Book, Deutsch, 207 Seiten
ISBN: 978-3-7325-6064-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sophie ist ein lebenslustiges Kind: Sie singt, plantscht im Wasser, und am liebsten lässt sie sich vorlesen. Doch eines Tages zeigen sich verdächtige Knoten an ihrem Körper. Als die Ärzte eine Diagnose haben, ist es schon zu spät: Sophie leidet unheilbar an Krebs, ihr bleiben nur noch wenige Wochen. Wie alle Kinder glaubt auch Sophie, dass ihre Eltern allmächtig sind und sie beschützen werden, egal, was kommt. Aber gegen ihren Krebs gibt es kein Mittel. Erst Jahre später gelingt es Renate, die Zeichen der Versöhnung zu deuten, die Sophie ihr in ihren letzten Tagen gegeben hat.
Die berührende Geschichte einer Mutter, die den Glauben ans Leben zurückgewinnt, nachdem ihr das Wertvollste genommen wurde.
Renate Barth ist Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin und Familientherapeutin. 1983 wanderte sie nach Australien aus. Dort bekam sie ihre Tochter Sophie, die als Kleinkind an Krebs erkrankte und starb. Renate Barth hat diverse deutsch- und englischsprachige Artikel in psychologischen und medizinischen Fachzeitschriften und Fachbüchern veröffentlicht sowie 2008 den Ratgeber WAS MEIN SCHREIBABY MIR SAGEN WILL.
Autoren/Hrsg.
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1
Den 5. November 1986 werde ich nicht vergessen. Nie mehr. Mein ganzes Leben lang nicht. An diesem Tag erfuhren Peter und ich, dass unser Kind an Krebs erkrankt war. Mit zwei Jahren und sieben Monaten.
An Krebs.
Unsere kleine Sophie, unser Sonnenschein und ganzes Glück, sollte Krebs haben. Das konnte doch gar nicht sein. Aber es war so. Und die merkwürdigen Symptome, die uns seit vielen Wochen beunruhigten, hatten plötzlich einen Namen. Aber keinen, der dem Spuk ein Ende bereitet hätte. So, wie das der Fall ist, wenn man nach einem Arztbesuch mit einem Medikament nach Hause geschickt wird oder, im schlimmeren Fall, einer Operation ins Auge blicken muss. Wir hatten jetzt zwar einen Namen für Sophies Leiden. Aber er stand nicht für Hoffnung und Heilung, sondern für Angst, Ungewissheit und Tod.
Acht Monate zuvor hatte es noch keine Anzeichen für ein drohendes Unheil gegeben. Ich lebte seit knapp drei Jahren mit Peter in seiner Heimatstadt Sydney und nahm das familiäre Glück, das ich erlebte, als etwas Selbstverständliches hin, nicht als ein kostbares Gut, das nur auf der Durchreise war und mir einen kurzen Besuch abstattete.
Die Zeit seit meiner Einwanderung aus Deutschland war schnell vergangen. Am 27. März hatten wir den zweiten Geburtstag unserer Tochter Sophie gefeiert. Noch heute sehe ich sie in ihrem weiß-rot gemusterten Kleidchen mit dem runden Kragen und den Puffärmeln vor mir stehen. Ihre schnurgeraden honigfarbenen Haare waren frisch gewaschen und so geschnitten, dass sie ihr ebenmäßiges Gesicht wie ein Bild einrahmten. Mit strahlend blauen Augen lächelte sie mich an.
»Hübsch siehst du aus«, sagte ich und strich ihr über die Wange. »Jetzt können die Gäste kommen.«
Da klingelte es auch schon, und Sophie sauste mit ihrem Daddy zur Haustür. Ich blickte den beiden hinterher. Peter war über ein Meter neunzig groß und sehr schlank. Sophie hatte seine Statur geerbt, genau wie Joanne, seine neunzehnjährige Tochter aus einer früheren Beziehung, die gerade eintraf und gratulierte. Als Nächstes kam Peters Mutter, Sophies Nana mit dem Silberhaar. Unsere Tochter ließ sich kurz umarmen, wandte sich dann aber gleich den kleinen Weggefährten aus der Spielgruppe zu, die in Begleitung ihrer Eltern eintrudelten. Alle hielten kleine Päckchen in den Händen.
»Geht schon mal in den Garten«, rief ich den Kindern zu, als das Gedränge an der Tür zu groß wurde. Die Kleinen stürmten los. Allen voran Sophie.
Die erwachsenen Gäste sahen sich interessiert in unserem neuen Haus um. Es war schon hundert Jahre alt und etwas ramponiert. Alles musste renoviert werden. Aber Peter versicherte unseren Freunden, dass das kein Problem sei. Er würde es richten. Wichtig sei die Lage im schönen Mosman, nur wenige Autominuten entfernt von mehreren weißen Stränden, dem Sydney Harbour Nationalpark, dem Zoo und der Fähre, die in fünfzehn Minuten direkt in die City fuhr.
Dem konnte keiner widersprechen, denn Mosman gehörte zweifelsohne zu den attraktivsten Stadtteilen Sydneys.
Unsere Besichtigungstour führte über die große rückwärtige Veranda in den Garten. Dort versuchte ein kleines Mädchen gerade, zwischen den Stühlen und den mit Getränken, Obst und Kuchen beladenen Tischen Dreirad zu fahren. Ein Junge ritt ein paar Meter davon entfernt auf einem Holzpferdchen, und dazwischen liefen mehrere kleine Menschenkinder herum und untersuchten das bereitliegende andere Spielzeug. Sophie war bestens gelaunt und bewegte sich munter zwischen ihren kleinen Freunden hin und her.
Als alle Gäste versammelt waren, nahm ich sie auf den Arm, und Peter zündete die beiden Kerzen auf der mit saftigen Erdbeeren garnierten Geburtstagstorte an.
Eine für jedes Lebensjahr.
Dann sangen alle:
»Happy birthday to you,
happy birthday, liebe Sophie,
happy birthday to you.«
Sophie guckte mit großen Augen in die Runde und lächelte in der ihr eigenen, etwas scheuen Art.
»Jetzt pusten«, rief Peter.
Sophie atmete tief ein, beugte sich vor und blies.
Die beiden Kerzen erloschen.
***
Viereinhalb Monate später wurde offenkundig, dass mit unserer Tochter etwas nicht stimmte.
Bis dahin war sie durchs Haus gerannt, auf ihren Hochstuhl geklettert, hatte Muscheln am Strand gesammelt und war so schnell ins Meer gelaufen, dass Peter und ich nur mit Mühe hinterherkamen. Manchmal sagte sie: »Diddle, Diddle, Mami«, und dann sollte ich Hey Diddle, Diddle, die Katze und die Fidel singen, während sie ihr Bett als Trampolin benutzte und im Rhythmus des Liedes auf und ab hüpfte. Höher und höher. Dabei passte ich mit ausgebreiteten Armen auf, dass sie nicht abrutschte und auf den Boden fiel. Manchmal ließ sie sich auch absichtlich von hoch oben mit Wucht und Wonne in meine Arme fallen und kreischte vergnügt. Und wenn ich zu singen aufhörte, rief sie: »Diddle, Diddle, Mami, weiter.«
Diese ausgelassenen Zeiten waren nun schlagartig vorbei.
Sophie wollte oder konnte nicht mehr laufen, rennen, hüpfen und klettern. Egal ob zu Hause, am Strand oder bei anderen Familien: Sie setzte sich da, wo sie sich gerade befand, hin – meist auf den Boden – und war durch nichts dazu zu bewegen, aufzustehen. Auch wenn ich versuchte, sie mit Hey Diddle, Diddle zu locken, hatte ich keinen Erfolg. Sie schüttelte den Kopf oder reagierte gar nicht auf solche Vorschläge. Manchmal beschäftigte sie sich eine Weile mit einem Buch oder Spielzeug, aber oft saß sie einfach nur unglücklich da.
Peter und ich sahen uns dieses merkwürdige Verhalten zwei Tage lang mit zunehmender Sorge an. Dann kontaktierte ich unsere Hausärztin, deren Praxis nur wenige Meter entfernt in der Canrobert Street lag. Wie in Australien üblich, redete ich sie mit ihrem Vornamen an. Shirley maß dem Problem jedoch keine größere Bedeutung bei.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte sie. »Es sind wahrscheinlich Hüftschmerzen. Sie können bei Kindern, auch zeitverzögert, nach Erkältungen auftreten und gehen dann wieder weg.«
Ich weiß nicht mehr, ob Sophie um diese Zeit herum erkältet war. Auf jeden Fall beruhigte uns die Diagnose nicht, und Peter und ich fuhren am folgenden Tag mit ihr in ein nahegelegenes Kinderkrankenhaus.
Wir mussten lange warten, bis wir an der Reihe waren, aber Sophie gelang es, die Zeit mit den mitgebrachten Büchern gut zu überbrücken.
Nach der Untersuchung sagte der Arzt, dass die Diagnose unserer Hausärztin vermutlich richtig war. Es könne sich jedoch auch um eine Knochenmarkentzündung handeln, aber die gehe mit Fieber einher. Ob unsere Tochter daran erkrankt sei, lasse sich nur mit einer Röntgenuntersuchung feststellen. Wir wollten erst einmal abwarten, ob sie Fieber bekommen würde, und entschieden uns dagegen.
Hungrig und durstig verließen wir das Krankenhaus und steuerten auf das nächstgelegene Café zu. Nachdem wir uns gestärkt hatten, erlebten wir eine Überraschung: Unser kleines Fräulein erhob sich von ihrem Stuhl und fing an, zwischen den Tischen nach der Radiomusik zu tanzen.
Peter und ich sahen uns überrascht an.
Wie war denn das möglich?
Tagelang hatte Sophie sich so gut wie gar nicht fortbewegen wollen, und jetzt war sie quietschfidel und hopste fröhlich vor sich hin. Da hatten wir mit dem Besuch der Notaufnahme aber ganz schön überreagiert. Erfreut sahen wir ihr beim Tanzen zu, und auch die Gäste am Nebentisch lächelten beim Anblick unserer ausgelassenen Tochter.
Das normale Leben hatte uns wieder.
Dachten wir.
Aber vier Wochen später, wir hatten inzwischen September, passierte etwas, das uns erneut in Unruhe versetzte. Es war ein schöner Frühlingstag. Peter hatte einen beruflichen Termin, und ich war für Sophies Betreuung zuständig. Nach dem Frühstück stellte ich die Waschmaschine an, machte die Betten und räumte ein bisschen auf. Dabei wuselte Sophie zur Musik einer ihrer Kassetten um mich herum. Laut schallte das Lied Humpty Dumpty durch alle Räume. Humpty Dumpty ist ein menschenähnliches rohes Ei mit einem Gesicht, Armen und Beinen, das in Australien jedes Kind kennt. Sophie summte und sang fröhlich mit, wie es erst auf einer Mauer saß und dann herunterfiel und zerbrach. Selbst mit allergrößtem Aufwand konnte es nicht wieder heil gemacht werden:
Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
all the king’s horses and all the king’s men,
couldn’t put Humpty together again.
Ich legte die nasse Wäsche in einen Korb, um sie draußen aufzuhängen.
Sophie folgte mir auf die Veranda und die sechs Stufen hinunter in den Garten. Dort angekommen, lief sie über den Rasen zur Sandkiste und fing an, mit Kuchenförmchen, Eimer und Schaufel zu spielen.
Eine leise Brise wehte und ließ unsere T-Shirts, Hemden und Hosen auf der Leine im Wind tänzeln. Ich ging zur Sandkiste, und Sophie stand auf, um mir entgegenzukommen. Und da sah ich sie, die Schwellung in der Leiste ihres linken Beines. Entsetzt beugte ich mich vor und ertastete einen etwa kirschgroßen harten Knoten. Was war denn das? Ich ließ alles stehen und liegen und eilte mit meinem Kind zu unserer Ärztin. Wir kamen sofort dran. Nachdem Shirley das Bein untersucht hatte, sagte sie: »Machen Sie sich keine Sorgen. Solche verdickten Lymphknoten können von kleinen Verletzungen kommen und verschwinden dann wieder.«
Diese Erklärung leuchtete mir ein, denn Sophie hatte sich in ihren neuen pinkfarbenen Clark-Sandalen gerade eine Blase am Fuß...




