E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Baron Drei Schwestern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3661-9
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Der neue Roman des gefeierten Erzählers und Bestseller-Autors | »Große Leseempfehlung.« Dora Heldt
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3661-9
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, lebt als freier Autor in Berlin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier arbeitete er mehrere Jahre als Zeitungsredakteur. 2020 erschien bei Claassen sein literarisches Debüt Ein Mann seiner Klasse, wofür er den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Literaturpreis »Aufstieg durch Bildung« der noon-Foundation erhielt. Die von ihm zusammen mit Maria Barankow herausgegebene Anthologie Klasse und Kampf erschien 2021 bei Claassen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Menschen am Freitag
In der Dämmerung lag ihre Hand auf dem Bauch. Das geschah wieder häufiger, ganz ohne Absicht, und heute Abend fiel es ihr vor dem Spiegel auf. Irgendwas in Mira hatte nicht begriffen, dass da kein Kind mehr unter ihrem Herzen wuchs.
Das letzte Licht des Tages schien durch das kleine Fenster über der Toilette und sank unter ihre Brust, so als wolle es den Fötus wärmen. Hatte sich also auch draußen im Kosmos noch nicht rumgesprochen, dass dieses Mädchen seit einem knappen halben Jahr fort war. Sie zog die Hand nach oben, die brauchte sie jetzt, sie war spät dran und durfte das Feuerwerk nicht verpassen.
Sie nahm die Bürste und zog einen Mittelscheitel, das glatte dunkle Haar band sie nicht zum Zopf, nein, dieser Abend versprach ein offenes Ende. Ständig nannten Leute sie hübsch oder schön sogar, dabei hatte sie selbst gar keinen Begriff davon, was das sein sollte. So was sah ja dann doch jeder anders. Sie fand sich jedenfalls nicht hässlich, doch misstraute sie denen, die ihr besonders viel Honig ums Maul schmierten, da stimmte doch dann was nicht.
Auf die Wangen kam Rouge. Mit dem Kajal blieb sie dezent, auch mit dem Lidschatten, zu viel davon sähe grässlich aus. Dafür trug sie blutroten Lippenstift auf und legte die silbernen Kreolen an, die sie nur zu Anlässen wie diesem aus dem Schmuckkästchen griff. Einen Träger ihres roten Abendkleids schob sie nach unten. Sie stieg in die roten Pumps mit den niedrigen Absätzen, die ihr den Fußweg erleichtern sollten, und dann strahlte sie sich im Spiegel an, so als sähe sie dort einen Menschen, der glücklich war.
Aus dem Wasserhahn, den ihr Vater selbst eingebaut hatte, kam braune Brühe, sodass sie das Händewaschen verschob und sich mit Klopapier behalf, als aus dem Wohnzimmer wieder dieses Gebrüll herüberdrang. Sie trat hinaus.
Zwei Zimmer hatten sie bloß. Im Flur stand auf einer wurmstichigen Kommode dieses neue farngrüne Telefon mit den großen schwarzen Tasten, das der Techniker von der Post erst vor ein paar Wochen gebracht hatte.
Seit diesem Jahr gab es den Acht-Minuten-Takt, wofür der Vater eine Sanduhr auf die Kommode gestellt hatte. Nach sechs wurde es billiger, dafür waren dann die Leitungen überlastet. Für Mira und Juli war das kein Problem, sie warteten sowieso lieber bis nach acht, wenn der Vater in die Kneipe ging. Jeden Monat setzte er seine Lesebrille auf, sah die Telefonrechnung durch und stieß einen langen Seufzer aus.
Vom Flur ging es zur Küche, die Platz bot zum Essen und Sitzen. Dann kam das Wohnzimmer, dem ein Fenster die Anmut einer Zelle nahm, dahinter lag Miras und Julis Schlafkammer, der Vater pennte seit Jahren schon in der Stube auf dem Sofa.
Von der Küche aus sah Mira durch die geöffnete Tür das stumm geschaltete Fernsehgerät, in dem Helmut Schmidt mit Brille und Sorgenmiene vor einem Mikro stand und irgendwas Weltbewegendes mitzuteilen hatte. Hinter dem Fernseher und dem Nierentisch sah sie den kahlen Hinterkopf des Vaters. Der Mann hing reglos unter dem funzligen Deckenlicht in seinem Sessel, neben ihm lag Prinz, der Schäferhund der Familie.
Der Vater sah aus dem Fenster und ertrug Julis Ausraster. Sie musste an der gegenüberliegenden Wand vor der Tür zum Schlafraum stehen. Es genügte Mira, ihre kleine Schwester nur zu hören. Sie warf dem Vater alles vor, was ihr gerade gegen den Strich ging. Vor allem gefiel ihr nicht, dass er nach dem Tod der Mutter vor einem Dreivierteljahr gleich wieder mit seiner früheren Geliebten angebandelt hatte. Susanne, eine Polizistin, der er nach einer Nacht in der Ausnüchterungszelle vor ein paar Jahren begegnet war und in die er seitdem verschossen war. Beinahe hätte diese Susanne eine Ehe zerstört. Und nicht nur das: Sie hatte Mira und Juli dazu bringen wollen, dass sie »Mutter« zu ihr sagten. Ja sie behauptete steif und fest, der Vater und sie seien nun ihre Eltern, das sei Fakt und werde sich auch nicht mehr ändern auf absehbare Zeit.
Dieser Zeitpunkt war schneller gekommen als erhofft, der Vater also hatte sich schon wieder von Susanne getrennt, vor allem auf Druck von Juli, und dass sie dem armen Tropf bei ihrem Wutanfall heute Abend schon wieder mit dieser Geschichte kam, fand Mira so ungerecht, dass sie beinahe dazwischengegangen wäre, denn womöglich würde der Vater für den Rest seines Lebens keusch bleiben, nur um seine jüngste Tochter zufriedenzustellen.
Juli schrie nach einer Weile so laut, dass Mira sich die Ohren zuhielt und dennoch jedes Wort verstand. Sie werde die Schule schmeißen und dann habe er als Vater für sie zu blechen, notfalls ziehe sie vor Gericht, er solle einmal Verantwortung übernehmen im Leben, ein einziges Mal, und als der Vater schwungvoll in Julis Richtung abwinkte, da lief diese Vierzehnjährige davon, ehe sie nach wenigen Sekunden zurückkam und Mira fürchterlich erschrak, als aus Julis Richtung Bücher und Becher und was wusste sie noch alles über den Kopf des Vaters gegen die Schrankwand flogen.
Prinz sprang auf und lief zur Küche, der Vater blieb im Halbdunkel des Wohnzimmers vor dem flimmernden Fernseher sitzen, als gehe ihn das alles nichts an und als sei es ihm egal, dass einer dieser Gegenstände ihn schwer zu verletzen drohte, oder sogar: als meine er, das alles verdient zu haben.
Mira ging raus. Auf dem Weg hinunter zur Straße mischte sich Julis Gekeife mit dem Krach, der in den anderen Wohnungen herrschte. Wie sie auf der Gasse stand, den Wollmantel überwarf und sich eine Stuyvesant ansteckte, da überfiel Mira schon wieder diese Last, die ihr auch an einem lauen und sternenklaren Freitagabend wie diesem keine Pause ließ.
Eine Uhr hatte Mira nicht bei sich. Noch war es nicht ganz dunkel, also konnte es kaum schon neun sein. Eine knappe Dreiviertelstunde würde sie brauchen in diesen Schuhen bis zum Messeplatz, und wenn sie auch dem Vater ganz sicher ein paar Mark für ein Taxi hätte abschwatzen können, entschied Mira sich für den Fußweg, allein schon deshalb, weil ihr diese Zeit keiner nehmen konnte, die Gedanken griffen niemals so ineinander wie bei einem einsamen Spaziergang.
Seit einem halben Jahr dachte sie nach, über den Sprung ins kalte Wasser, einen Neuanfang, einen Ausweg aus der Gesamtscheiße, den Mira nur selbst finden konnte, also hatte sie niemanden einbezogen, nicht mal Juli, vor allem nicht Juli, die hätte ihr alles wieder ausgeredet, dieses eloquente Biest, und Ella, diese feine Dame, die hätte Mira nur noch mehr Nebel ins Hirn geblasen, ganz zu schweigen vom Vater, der wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen wäre.
Im laufenden Schuljahr hatte sie schon mehr Fehl- als Präsenztage. Noch ließen die Lehrer der Gesamtschule auf dem Betzenberg sie gewähren, und Mira wusste, dass sie die Mittlere Reife schaffen konnte, sicher sogar, aber eben nicht unter den Umständen, sie konnte sich nicht auf Logarithmen und die Vererbungslehre konzentrieren, wo sie doch wusste, dass es nicht bleiben durfte, wie es war. Also hielt sie sich meist fern vom Unterricht, suchte eine Lösung, und alle Gedankenpirouetten liefen auf ein und dasselbe hinaus: Sie musste fort.
Bloß wohin? Natürlich lag es nahe, sich auf den Weg zu machen bis nach Italien, um Nino zu überraschen, ihn zur Rede zu stellen, ihm zu vergeben und für immer bei ihm zu bleiben, doch war sie nachtragend, da hatte der Vater abgefärbt auf Mira, was denn auch sonst, sie kam nicht aus ihrer Haut, wollte sie auch gar nicht, aber fort von hier, das wollte sie, und seit Nunzia gegangen war, verdrängte sie diesen Wunsch nicht mehr, sondern begann mit dem Träumen.
Keinen Satz hörte Mira aus Ellas Mund öfter als diesen. Und immer wenn die große Schwester das sagte, war der Ton so scharf, als würde sie Mira eine Standpauke halten. Tat sie auch gewissermaßen, nur empfand Mira dann genau diesen Trotz, den der Vater ihr vererbt hatte, es hielt sie dann erst recht in der Berliner Straße, in der sich die Bruchbuden stapelten und kein Eigentümer auf die Idee kam, Badewannen einzubauen oder eine Heizanlage.
Anfang fünfzig war der Vater. Seit er vor Jahren vom Dach des Topeka-Kaufhauses mitten in der Stadt gestürzt war, konnte er nicht mehr als Zimmermann arbeiten. Seitdem ging dieser Kerl gebückt durch die Welt. In einer Polsterei wies er nun die Jungen an, jene körperliche Arbeit zu tun, die ihm die Ärzte verboten hatten. Seine Hoffnung ruhte auf Juli. Sie war seine Jüngste und sollte die Erste sein, die länger durchhielt als bis zum Hauptschulabschluss, die sich nicht von einem Mann abhängig machen müsste. Mira hatte der Vater verloren gegeben, ganz sicher hatte er das. Und Ella?
Was sollte das überhaupt heißen? Mehr als der Vater? Der mochte nicht in einem großen Haus leben, aber er hatte doch Beachtlicheres geleistet als sie, die nur nach oben gekommen war, weil sie ihre Reize zur Schau gestellt hatte. Sich einem reichen Typen zu unterwerfen, das kam für Mira nicht infrage.
Jetzt war Mira schon fast am Schillerplatz. Mehr als die Hälfte des Weges hatte sie geschafft. Auf der Bank unter dem Wartehäuschen an der Bushaltestelle klirrten die Bierflaschen um die Wette, was sie immer an ihre Mutter erinnerte, die ihre leeren Pullen so lange hinter der Wohnstubentür gehortet hatte, bis sich...




