E-Book, Deutsch, Band 7, 500 Seiten
Reihe: G.F. Barner
Barner E-Book: 35 - 40
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7409-3201-5
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
G.F. Barner Jubiläumsbox 7 - Western
E-Book, Deutsch, Band 7, 500 Seiten
Reihe: G.F. Barner
ISBN: 978-3-7409-3201-5
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Autor wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde quasi als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Sein überragendes Werk beläuft sich auf 764 im Martin Kelter Verlag erschienene Titel. Seine Leser schwärmen von Romanen wie Torlans letzter Ritt, Sturm über Montana und ganz besonders Revolver-Jane. Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. So unterschiedliche Romanreihen wie U. S. Marines und Dominique, beide von ihm allein geschrieben, beweisen die Vielseitigkeit dieses großen, ungewöhnlichen Schriftstellers.
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Er ist groß, schwarzhaarig, schlank in den Hüften und hat ein Paar kühle graue Augen.
Und er weiß, daß er sterben muß.
Er hat jemanden umgebracht.
Nicht erschlagen, nicht erstochen, nicht im betrunkenen Zustand getötet, sondern kaltblütig und gemein aus sieben Yards Entfernung von hinten in den Rücken geschossen.
Und der Mann, der starb, als sie ihn fanden, konnte noch reden.
»Lee – Lee…«
Und danach schwieg er.
Er hatte den Namen seines Mörders genannt.
Lee Dunn!
Lee Dunn, ehemaliger Revolvermann, Zureiter, Maultiertreiber, Cowboy – und wild.
Lee Dunn zieht die Schultern zusammen.
Er friert.
Nicht allein darum, weil er weiß, daß er sterben muß. Verurteilt von der Jury in Challis zum Tode durch den Strang.
Verurteilt von Männern, die in einem Toten einen ehrenwerten Menschen gesehen haben. Und in Lee Dunn jenen Burschen, der zehn Jahre seines Lebens wild war, der mit Leuten ritt, die heute steckbrieflich gesucht werden. Lee Dunn, der Mann, der schneller schießen als ein anderer Mann bis zwei zählen kann. Lee Dunn, der Mörder.
Die Kutsche rumpelt durch ein Schlagloch auf dem Weg von Challis nach Pocatello. In Pocatello, so will es das Gesetz, werden sie ihn aufhängen. Er wird sich eine Mahlzeit vor seinem Ende wünschen können, eine gute Mahlzeit. Und danach den Gang zum Balken antreten und auf die Falltür gestellt werden. Und jemand wird ihn fragen, ob er noch etwas zu sagen habe.
Und dann wird Lee Dunn reden. Er wird ganze drei Worte sprechen, dieselben Worte, die er seit Wochen gesprochen hat, seit jener eiskalten Februarnacht, in der sie ihn fanden, den Mann, der von ihm erschossen worden ist: Ich bin unschuldig!
Er wird es sagen und sie alle lächeln sehen. Lächeln wie den Sheriff von Challis, lächeln wie die Männer der Jury, denen nur einmal das Lächeln verging, als er die Nerven verlor und nicht mehr schrie, daß er unschuldig sei. Denn damals schrie er: »Wenn ich jemals rauskomme, dann bringe ich euch um, ihr Schurken! Ich bin unschuldig, ich habe ihn nicht umgebracht. Sollte ich herauskommen, bevor ihr mich hängen könnt, dann bringe ich euch um!«
Die Kutsche neigt sich, an das linke Fenster peitscht der Wind und treibt den Schnee heran, der langsam, sich in ganzen, schwammigen Stellen lösend, von der Scheibe nach unten rutscht, um irgendwo unterhalb der Kutschenwand auf den Weg zu klatschen.
Aprilwetter, kalt, regnerisch. Und hier, auf der Höhe, ist der Regen zum Schneematsch geworden.
Es regnet schon drei Tage, und seit zwei Wochen friert Lee Dunn, denn vor zwei Wochen hat man das Urteil gefällt. Seit zwei Wochen weiß er, daß sie ihn hängen werden.
Mein Gott, denkt Lee und prallt, als die Kutsche sich nach rechts neigt, gegen seinen rechten Nebenmann, einen Iren, kein Mensch glaubt mir, außer einem Mädchen. Ich habe keine Freunde mehr, ich habe niemanden mehr.
»He, paß auf, Dunn, Trottel!«
Der Ire stößt ihn mit dem Ellbogen zurück, so daß Dunn wieder in die Mitte fliegt und an seinen linken Nebenmann stößt.
»Verdammte Schaukelei«, sagt der Mann aus Malad City keuchend. »Deputy, he, Deputy, was ist denn das für eine Affenschaukel?«
Er spricht wie ein Herumlungerer, wie jemand, der im Dreck aufgewachsen und in ihm groß geworden ist. Genau das ist er auch. Er heißt David Johnson, der Mann aus Malad City. Dieser Mensch spricht nicht, er nuschelt. Drei Jahre Jail wegen Diebstahls, anderthalb Jahre wegen räuberischer Erpressung, zwei Jahre und zwei Monate wegen Raubes und versuchten Totschlages. Und so weiter… Ein ganzes Register, eine Tat gemeiner als die andere.
Und nun sitzt der Mann aus Boston, der sich David Johnson nennt, neben Lee Dunn in der Transportkutsche.
»Halt die Klappe, Dieb!«
»Soll das ein Witz sein?« fragt Johnson giftig. »Dreckskerl von Deputy, du stiehlst selber dem lieben Gott die Zeit, wie? Sitzt da in der Ecke und raucht. He, du, gib mir wenigstens ’nen Rest von deinem Stengel ab.«
»Du sollst dein Maul halten, Johnson!«
»Sieh an, der Sheriff muß also auch seinen Senf dazu tun«, sagt Johnson ungerührt. »Der hohe Herr sollte sich lieber darum kümmern, daß ich einen Glimmstengel unter die Nase bekomme. Oder haben Sie kein Mitleid mit einem armen Mann?«
»Johnson, wenn du weiter so redest, dann binde ich einen Strick an denWagen«, erwidert Sheriff Atman aus Challis scharf. »Und am anderen Ende des Strickes wirst du hängen, um laufen zu lernen. Es ist kalt draußen, mein Freund. Vielleicht kühlt das dein sonniges Gemüt ab.«
»Wie kann man nur so brutal sein«, antwortet Johnson hämisch. »Sey, hast du das gehört? Und so behandeln die einen Mann, der nie etwas verbrochen hat, stimmt’s, Sey?«
Dabei sieht er Seymour an, seinen linken Nebenmann. Vier Mann auf einer Bank. Gegenüber zwei, die einen Stern tragen und sie hinbringen sollen, auch nach Pocatello. Auf dem Bock noch ein Fahrer, der für das Gesetz fährt und immer die Spezialkutsche lenkt, die extra für den Gefangenentransport umgebaut worden ist.
Seymour nickt in der Dunkelheit und sagt gähnend, dabei ist er weder müde noch schläft er seit Stunden auch nur eine Minute: »Du hast nichts getan, Dave, ist wahr. Wir haben alle nichts getan. Der Kerl muß uns verwechselt haben.«
»Verdammtes Packzeug!« schimpft der Deputy los. »Euch werden sie endlich zehn Jahre in den Käfig stecken, euch Gesindel. Haben nichts getan, hast du gehört, Sheriff?«
»Nur einen Store ausgeraubt, den Storebesitzer niedergeschlagen, seine Frau gefesselt und die Kasse genommen«, erwidert der Sheriff kühl. »Johnson, sie werden euch dem Mann und der Frau gegenüberstellen, weißt du das?«
»Dann«, sagt Johnson mit der Frechheit eines Mannes, der die Hälfte seines Lebens gesiebte Luft geatmet hat, »lügen diese Leute eben, sie lügen, sag’ ich.«
In der Kutsche brennt eine Laterne, aber sie schwankt so heftig und flackert ab und zu im Windzug, der in die Kutsche kommt, daß die Gesichter der Insassen manchmal im Schatten liegen.
Der Deputy erwidert grimmig: »Diesmal bekommst du sechs Jahre, wette ich, Johnson. Und die beiden anderen mindestens drei. Bewaffneter Raubüberfall, das kostet dich wieder ein Stück deines Lebens.«
Johnson schweigt, die Laterne schwankt und wirft ihren Schein über die Beine des Sheriffs und seine Oberschenkel. Johnson schielt auf das Revolverhalfter des Sheriffs, in dem der Revolver steckt.
Dann stößt Johnson Seymour an. Der wendet erst nach einer Minute wie zufällig den Kopf und blickt auf die Scheibe rechts. Dort rutscht der Schneematsch herab.
»Zu fest?« fragt Johnson, kaum die Lippen bewegend und seine Worte so leise aussprechend, daß bei dem Geheul und dem Krachen der Wagenachsen, als die Räder in ein Loch der Straße donnern, seine Stimme nicht zu hören ist, nicht von Sheriff Atman und auch nicht von dem Deputy aus Pocatello. »Nichts zu machen, ha?«
»Absolut nichts«, erwidert Seymour, den Kopf erneut senkend. »Wenn dieser Kerl uns nicht hilft, dann ist es aus.«
»Redest du, Seymour?« fragt da Atman mißtrauisch.
»Ich?« erwidert Seymour erstaunt und sieht ihn aus unschuldigen Kinderaugen, die zu seinem pausbäckigen und harmlosen Gesicht passen, groß an. »Was soll ich denn zu reden haben? Ich habe nicht geredet.«
»Na, wenn du nicht lügst, dann will ich nicht mehr Sheriff sein!«
»Wär’ auch kein großes Unglück«, sagt Johnson giftig und blickt zu dem Iren. »Du, O’Fields, die Tür ist offen. Lauter Wasser, wer hat gesagt, daß wir hier baden sollen, ha?«
»Kann nichts dafür«, brummt der Ire, ein großer, stämmiger Mann, bissig. »Es zieht verdammt in mein Genick, ich werde ’nen steifen Hals haben, ehe wir ankommen.«
»Kannst auch einen steifen Hals gebrauchen«, erwidert der Deputy grimmig. »Für das, was du getan hast, brauchst du einen, verlaß dich darauf, O’Fields. Da sitzt du gut, auch wenn es zieht!«
»Dir möcht’ ich gern mal allein begegnen«, sagt O’Fields giftig. »Du hast eine Art, mit einem Menschen zu reden, daß man sich schlecht fühlt. Rede anders mit anständigen Menschen, Deputy!«
»Anständige Menschen?« echot der Deputy spöttisch. »O’Fields, wenn du ein anständiger Mensch bist, dann bin ich sonstwer. Ich mache diese Arbeit nun seit drei Jahren, aber solche Strolche wie euch vier habe ich kaum jemals gefahren. He, Dunn, warum sagst du nichts? Zieht es dir nicht?«
»Nein.«
»Seht ihr, dem zieht es nicht«, sagt der Deputy grinsend. »Ihr anderen müßt dauernd meckern, aber Dunn sagt gar nichts. Dunn, du bist ein ruhiger Gefangener, was?«
»Deputy, hör auf«, murmelt der Sheriff, als Dunn den Kopf hebt und den Deputy seltsam starr anblickt. »Rege Dunn nicht auf, er ist gefährlicher als diese drei zusammen!«
»Dafür ist er ja auch ein Mörder«, antwortet der Deputy kalt. »Ich bin schon mit anderen Burschen fertiggeworden.«
»Schon gut«, winkt der Sheriff ab. »Dunn, du bist mir zu ruhig, mein Freund. Solltest du versuchen auszubrechen, wir müssen schießen, ist dir das klar?«
»Man kommt hier ja nicht los«, antwortet Lee Dunn knapp. »Ich kenne diese Kutschen, Atman.«
»Ach ja, du bist ja mal als MarshalGehilfe geritten«, antwortet der Sheriff kurz. »Nun, Beine und Arme sind fest, Dunn, man kann sich wirklich nicht befreien, wie? Dabei bin ich sicher, du würdest es versuchen, wenn du nur könntest.«
Dunn schweigt und sieht auf das Fenster. Draußen wüten Sturm und Regen. Der Kasten der Kutsche wird vom Sturm gerüttelt, irgendwo in der Nacht kracht...




