Banks | Joyride | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 354 Seiten

Banks Joyride


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-16750-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 354 Seiten

ISBN: 978-3-641-16750-9
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die schüchterne Carly und der Draufgänger Arden – Gegensätze, die sich eigentlich so gar nicht anziehen. Dennoch verlieben sie sich Hals über Kopf ineinander – der Beginn einer leidenschaftlichen Love-Story. Und eines gefährlichen Abenteuers. Denn sowohl Carly als auch Arden hüten ein brisantes Familiengeheimnis, dessen Enthüllung zu einem atemberaubenden Wettlauf gegen die Zeit führt …

Anna Banks ist die international erfolgreiche Autorin der New-York-Times-Bestsellerreihe Blue Secrets. Sie schreibt romantische Fantasy für Jugendliche und junge Erwachsene. Anna Banks lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Crestview, Florida.
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Kapitel 1

Mr Shackleford kommt durch die Ladentür in den Breeze Mart geschlurft und lässt die Glöckchen klingen, die an einer Samtschnur von der Klinke hängen.

Bitte, sterben Sie nicht während meiner Schicht.

Bitte, sterben Sie nicht während meiner Schicht.

Bitte, sterben Sie nicht während meiner Schicht.

Er ist einer meiner Stammkunden – vielleicht sogar der Stammkunde – und einer der wenigen, die nach ein Uhr morgens hereinkommen. Ich warte mit dem Fegen und Wischen immer, bis er wieder gegangen ist. Ich schaue auf die Uhr: ein Uhr siebenunddreißig.

Pünktlich.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich mit dem Wischen warte: Mr Shackleford ist die menschliche Version von altbackenem Brot. Er ist verschrumpelt – siebzig Jahre alt mit einem schuppigen Äußeren, an den Rändern verkrustet, vor allem rund um die trüben Augen mit dem grauen Star. In seinem Inneren zersetzen langsame chemische Reaktionen, was früher einmal weich, biegsam und wahrscheinlich angenehm war (ich sage wahrscheinlich, denn da, wo alte Menschen gerne mal Zornesfalten haben, hat Mr Shackleford Lachfalten). Das Einzige, was ihn am Leben erhält, ist der Alkohol; das liegt vermutlich an dessen konservierender Wirkung. Und der Alkohol ist auch der Grund dafür, dass er Gang vier bisweilen mit der Herrentoilette verwechselt.

Als er an der Kasse vorbeikommt, wo ich meine Mathesachen ausgebreitet habe, nickt er mir zu, was den Rückschluss zulässt, dass er heute einigermaßen klar im Kopf ist – und wahrscheinlich nicht neben das Dörrfleisch pinkelt. Er fummelt auch nicht am Reißverschluss seiner Tarnhose herum – normalerweise das erste Zeichen dafür, dass ich ihn unverzüglich zur Toilette dirigieren sollte.

Ich höre ihn den letzten Gang entlangschlurfen und wieder zurückkommen; diesmal begleitet ihn das schwappende Geräusch einer Flasche Wodka. Ich versuche, meine Bücher wegzuräumen, bevor er die Theke erreicht, aber ich bin zu langsam; er stellt die Flasche auf meinen Schmierzettel aus Millimeterpapier, sodass sie die Linien vergrößert, die ich zehn Sekunden zuvor gezeichnet habe.

»’n Abend, Carly«, sagt er. Ich weiß, dass er getrunken hat, ich kann es riechen, aber er nuschelt noch nicht. Er mustert die Bücher und Papiere vor mir. »Mathe, das ist gut. Mit Mathe wirst du es im Leben weit bringen.«

Ich merke, dass er sich für die Frage der Nacht rüstet. Ganz gleich, in welchem Stadium der Trunkenheit er sich befindet, er wird immer philosophisch, bevor er den Wodka bezahlt. Ich weiß, dass er denkt, ich würde an den Fragen scheitern, aber das ist okay. Ich lebe in der wirklichen Welt, nicht auf einer alkoholbedingten Euphoriewolke. Gestern Nacht lautete die Frage: »Ist es besser, krank und reich zu sein oder gesund und arm?« Natürlich musste ich einige Punkte klären, wie zum Beispiel, wie krank und wie reich und wie arm. Sehr krank, sehr reich, sehr arm, lautete seine Antwort.

Also verkündete ich, dass es das Beste wäre, sehr krank und sehr reich zu sein. Auf diese Weise könne man sich die beste nur vorstellbare Pflege leisten, und wenn man sterbe, könne man seinen Lieben mehr hinterlassen als ein gebrochenes Herz und die Rechnung vom Bestatter. In diesem Land ist es nur ein Ideal, über gesund und arm hinauszugelangen. Die meisten armen Menschen haben gar keine Zeit, über dieses Ideal auch nur nachzudenken, weil sie zu beschäftigt damit sind, Essen auf den Tisch zu bringen oder dafür zu sorgen, dass das Licht weiter brennt.

So wie ich und mein Bruder Julio.

Ja, das klingt nach einer pessimistischen Lebenseinstellung, bla, bla, bla. Aber Pessimismus und Realismus hat man schnell miteinander verwechselt. Und für gewöhnlich sind die Realisten die Einzigen, die das erkennen.

Mr Shackleford blättert in seinem schmutzigen Geldbeutel mit dem Camouflage-Muster, der immer voller Hundertdollarnoten ist, und zieht einen Zwanziger heraus. Es ist wahrscheinlich der einzige, den er in diesem fetten Ding hat. Ich gebe ihm das Wechselgeld, das gleiche wie jede Nacht, und er steckt die Scheine ein, legt aber die sieben Cent in die Schale vor der Kasse. Ich stecke seine neue Flasche in eine braune Papiertüte und mache mich für die Frage bereit.

Er klemmt sich seinen Einkauf unter den Arm. »Ist es möglich, wirklich glücklich zu sein, ohne jemals wirklich arm gewesen zu sein?«

Ich verdrehe die Augen. »Es ist nicht nur möglich, Mr Shackleford. Es ist sogar wahrscheinlich.« Okay, ich mag diese Diskussionen. Mr Shackleford ist ein angenehmer Gesprächspartner. Er ist unvoreingenommen und ich halte ihn auch nicht für einen Rassisten. Die meisten Leute sagen nicht einmal was, wenn sie bei mir an der Kasse bezahlen. Ich weiß, dass ich durch und durch mexikanisch aussehe – nicht einmal halb mexikanisch, einfach richtig mexikanisch, wie frisch von der Grenze. Aber in dem Punkt irren sie sich. Ich komme nicht direkt von der Grenze. Ich bin hier geboren, in Houghlin County, Florida.

Ich bin US-Amerikanerin. Genau wie Julio.

Mr Shackleford hat mich nie wie etwas anderes behandelt. Er verhält sich, als ob ich ihm ebenbürtig wäre, was gleichzeitig ein bisschen seltsam und ein bisschen cool ist – dass ich mit meinen sechzehn Jahren einem reichen, alten Mann ebenbürtig sein könnte.

Mr Shackleford schürzt die Lippen. »Glück kann man nicht kaufen.« Das ist die Wurzel all unserer Diskussionen und seine übliche Erwiderung.

Ich zucke die Achseln. »Arm zu sein hat noch keinem Spaß gemacht.«

Er kichert. »Einfachheit hat ihre Vorzüge.«

»Arm zu sein ist nicht dasselbe, wie einfach zu sein.«

Und er weiß mit Sicherheit, wie scheinheilig das aus seinem Mund klingt. Schließlich wird er sich gleich in seinen brandneuen, riesigen Pick-up hieven und zu dem Haus auf der Plantage seiner Familie fahren. Er wird wahrscheinlich ein wenig fernsehen, bevor er in sein nächtliches Wodkakoma gleitet. Klingt für mich wie die Definition von Einfachheit.

Aber arm ist er todsicher nicht.

Außerdem kann alles wirklich kompliziert werden, wenn man so arm ist, dass man sich entscheiden muss, welche Rechnung man bezahlen soll – Strom oder Wasser? – und welche nicht. Wenn man seiner Familie nicht genug Geld schicken kann, ohne selbst einige Mahlzeiten auszulassen. Wenn die Schule einen zwingt, einen Taschenrechner zu kaufen, der über hundert Dollar kostet, nur um einen Mathekurs zu belegen – und man sich ohne den Mathekurs nicht für das Stipendium qualifizieren kann, auf das man vom ersten Tag an hingearbeitet hat.

Arm zu sein ist alles andere als einfach.

»Inwiefern soll Armut kompliziert sein?«, drängt er weiter. Er zählt an drei Fingern ab: »Arbeiten. Essen. Schlafen. Für etwas anderes haben die Armen keine Zeit. In dieser Einfachheit liegt eine Art Frieden. Ein Frieden, den die Reichen niemals kennen werden. Warum? Wegen der Dramen, Miss Vega. Höhere Steuern. Mehr Exfrauen. Eine Fülle von Gerichtsprozessen. Lange, quälende Familienferien mit Stieffamilien von Stieffamilien. Die Versklavung durch entsetzliche Modetrends …«

Die Liste steigert sich ins Lächerliche. Ganz zu schweigen davon, dass Mr Shackleford wohl kaum jemals das Opfer eines Modetrends gewesen ist. Tatsächlich sieht es so aus, als hätte er Mode zuletzt um das Jahr 1972 zur Kenntnis genommen – und diese Kenntnisnahme scheint sich auf das zu beschränken, was damals bei Hinterwäldlern in Sachen Flanellhemden gerade so angesagt war.

»Mag schon sein«, falle ich ihm wenig beeindruckt ins Wort.

Er grinst. »Ich höre ja gar kein Gegenargument, Miss Vega.« Er nimmt das Päckchen unter dem Arm hervor und streift die Papiertüte von der Flasche. Dann heftet er den Blick auf den Schraubverschluss und dreht ihn langsam auf. »Machen Sie mir eine Liste, die meiner eigenen entspricht. Beweisen Sie, dass das Leben eines armen Menschen so schrecklich ist.« Er nimmt einen Schluck und wartet auf meine Antwort.

Und plötzlich möchte ich nicht mehr darüber reden.

Ich weiß, dass Mr Shackleford wohlhabend ist. Jeder weiß das. Und ihm sollte klar sein, dass ich nicht die Friedhofsschicht an einer Tankstelle übernehme, weil meine Familie Hundertdollarscheine als Toilettenpapier benutzt. Dieses Gespräch ist persönlich geworden. Oder etwa nicht? Ich meine, seine Liste ist voller Dinge, die längst über das Leben der Reichen und Berühmten bekannt sind. Die ganzen Dramen, die sie veranstalten. Das kriegt doch jeder mit.

Aber die Liste für Arme? Das ist eine andere Geschichte. Die Medien berichten selten über das glamouröse Leben in Armut. Dieses verborgene Juwel der Wahrheit dürfen nur die Armen polieren. Damit die Liste authentisch ist, kann sie nur aufgrund von Erfahrungen aus erster Hand erstellt werden.

Mr Shackleford fragt also nicht, was ich über arme Menschen weiß. Er fragt mich nach mir. Er fragt, wie schlimm meine Lebensumstände sind. Meine, ganz persönlich. Zumindest kommt es mir so vor. Und es gefällt mir nicht. Vorher war es, als seien wir einander in diesen Gesprächen ebenbürtig. Ich bezweifle, dass es jemals wieder so sein wird. Sind die Gespräche die ganze Zeit über persönlich gewesen? Waren sie nur ein Versuch, um … ja, um was genau zu bewirken? Dass ich zugebe, dass ich arm bin?

Oder sehe ich das verkehrt?

Ich hoffe nur, dass er mich nicht zu seinem Wohltätigkeitsprojekt machen will. Ich könnte niemals etwas von ihm annehmen....


Banks, Anna
Anna Banks ist die international erfolgreiche Autorin der New-York-Times-Bestsellerreihe Blue Secrets. Sie schreibt romantische Fantasy für Jugendliche und junge Erwachsene. Anna Banks lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Crestview, Florida.

Link, Michaela
Michaela Link lebt mit ihrem Mann und engstem Mitarbeiter auf einem aufgelassenen Bauernhof in Norddeutschland. Sie hat zahlreiche Romane aller Art aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und auch selbst einige phantastische und historische Romane geschrieben.



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