Banks | Die Wespenfabrik | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

Banks Die Wespenfabrik

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-902950-63-5
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

ISBN: 978-3-902950-63-5
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Protagonist Frank Cauldham, 16 Jahre alt, lebt mit seinem wahnsinnigen Vater in einem vereinsamten Haus im schottischen Hochland. Abseits familiärer Behütetheit entwickelt Frank seine eigene Fantasiewelt der Grausamkeiten und der Bestrafungen, eine von Ritualen und Totems bestimmte Gegenrealität. Als sein in eine geschlossene Anstalt abgeschobener Bruder ausbricht, um die Geheimnisse seiner Familie zu lüften, droht Franks Weltentwurf endgültig aus den Fugen zu geraten, hat er doch mittlerweile drei Morde begangen ... Iain Banks Debütroman Die Wespenfabrik ist eine wilde, zornige Mischung aus der 'Blechtrommel' und 'American Psycho'. Teils psychopathologische Innenansicht eines jugendlichen Killers, teils schwarzhumorige schottische Familiengeschichte, wurde das Buch bei seinem Erscheinen 1984 gleichermaßen bejubelt und bekämpft. Wollten die konservativen Kritiker darin nur eine Gewaltorgie sehen, so erkannte ein sensibleres Publikum das erste Werk einer starken erzählerischen Stimme vom Schlage eines Alasdair Gray oder einer A. L. Kennedy.

Iain Banks, geb. 1954 in Schottland, studierte Philosophie, Englisch und Psychologie in Stirling. Nach dem College arbeitete Banks als Portier eines Krankenhauses, Angestellter, Gärtner und Techniker. Alle Berufe ließen ihm ausreichend Zeit, seine schriftstellerischen Ambitionen zu verfolgen. Danach trampte er durch Europa und arbeitete als Techniker für British Steel. 1980 schrieb Banks in London seinen ersten Roman Die Wespenfabrik, der 1984 veröffentlicht wurde und mit dem er auf einen Schlag weltberühmt wurde. Seither schreibt Banks regelmäßig Romane und gelegentlich Kurzgeschichten, die in Großbritannien fast alle Bestseller wurden.
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DIE OPFERPFÄHLE


An dem Tag, an dem wir hörten, daß mein Bruder davongelaufen war, war ich bei den OPFERPFÄHLEN gewesen. Ich wußte bereits, daß etwas geschehen würde; die FABRIK hatte mich darüber unterrichtet.

Am nördlichen Ende der Insel, in der Nähe der Überreste der zusammengebrochenen Schiffsrutsche, wo die Kurbel der rostigen Winde in der östlichen Brise immer noch quietscht, standen zwei meiner PFÄHLE auf der anderen Seite der letzten Düne. Auf einem der PFÄHLE waren ein Rattenkopf und zwei Libellen aufgespießt, auf dem anderen eine Möwe und zwei Mäuse. Ich war gerade dabei, einen der Mäuseköpfe wieder zu befestigen, als sich die Vögel keifend und schreiend in die Abendluft erhoben und Kreise über den Dünenpfad zogen, wo er dicht an ihren Nestern vorbeiführte. Ich vergewisserte mich, daß der Kopf hielt, dann stieg ich auf den Gipfel der Düne, um durch mein Fernglas zu blicken.

Diggs, der Polizist aus der Stadt, kam auf seinem Fahrrad den Weg heruntergefahren; er trat kräftig in die Pedale und hielt den Kopf gesenkt, da die Räder ziemlich tief in der sandigen Oberfläche versanken. An der Brücke stieg er vom Fahrrad und lehnte es gegen die Hängeseile, dann ging er bis zur Mitte der schwankenden Brücke, wo sich das Tor befindet. Ich sah, wie er den Knopf der Sprechanlage drückte. Er stand eine Weile da und betrachtete die stillen Dünen ringsum und die sich beruhigenden Vögel. Er sah mich nicht, weil ich zu gut versteckt war. Offenbar hatte mein Vater inzwischen im Haus den Gegendrücker betätigt, denn Diggs beugte sich etwas vor und sprach in das Gitter neben dem Knopf, bevor er das Tor aufschob und über die Brücke marschierte, auf die Insel und den Weg entlang, der zum Haus führte. Als er hinter den Dünen verschwand, blieb ich noch eine Weile sitzen und kratzte mich zwischen den Beinen, während der Wind mit meinen Haaren spielte und die Vögel in ihre Nester zurückkehrten.

Ich nahm die Schleuder von meinem Gürtel, wählte ein Halbzoll-Stahlgeschoß, zielte gründlich und schickte es schließlich in einem weiten Flugbogen hinaus über den Fluß, vorbei an den Telefonmasten und der kleinen Hängebrücke, die die Verbindung zum Festland darstellte. Das Geschoß traf das Schild mit der Aufschrift »Privatbesitz – Betreten verboten« mit einem Aufprall, den ich gerade noch hören konnte, und ich lächelte. Das war ein gutes Omen. Die FABRIK hatte sich nicht sehr klar geäußert (das tat sie selten), doch ich hatte das Gefühl, daß das, wovor sie mich warnte, wichtig sein mußte, und ich hatte außerdem den Verdacht, daß es nichts Gutes sein konnte, doch ich war klug genug gewesen, den Hinweis ernst zu nehmen und meine PFÄHLE zu überprüfen, und jetzt wußte ich, daß ich noch immer zielsicher war; die Dinge verliefen nach wie vor zu meinen Gunsten.

Ich beschloß, nicht direkt zum Haus zurückzugehen. Vater hatte es nicht gern, wenn ich in Anwesenheit von Diggs dort auftauchte, und überhaupt hatte ich noch einige PFÄHLE zu inspizieren, bevor die Sonne unterging. Ich sprang mit einem Satz auf, rutschte den Hang der Düne hinunter in ihren Schatten, dann drehte ich mich an ihrem Fuß um und blickte zurück zu den kleinen Köpfen und Körpern, die die nördlichen Zugänge zur Insel beobachteten. Sie sahen gut aus, diese Hülsen an ihren knorrigen Ästen. Schwarze Bänder, die um die hölzernen Zweige gebunden waren, flatterten sanft im Wind und winkten mir zu. Ich kam zu dem Schluß, daß alles gar nicht so schlimm sein konnte, und nahm mir vor, von der FABRIK morgen ausführlichere Informationen zu erbitten. Wenn ich Glück hatte, würde mir mein Vater etwas sagen, und wenn ich noch mehr Glück hatte, wäre es vielleicht sogar die Wahrheit.

Ich verstaute den Beutel mit Köpfen und Körpern im BUNKER, und unterdessen wurde es vollkommen dunkel, und die Sterne erschienen nach und nach am Himmel. Die Vögel hatten mir erzählt, daß Diggs ein paar Minuten zuvor weggegangen war, also rannte ich über die Abkürzung zum Haus, wo wie üblich alle Lichter brannten. Ich traf meinen Vater in der Küche an.

»Diggs war gerade hier. Ich nehme an, du weißt das.«

Er hielt den Stumpen seiner dicken Zigarre, die er geraucht hatte, unter den Kaltwasserhahn und ließ den Strahl kurz darüberlaufen, woraufhin der braune Stummel zischte und erlosch; dann schmiß er den aufgeweichten Rest in den Mülleimer. Ich legte meine Sachen auf den großen Tisch und setzte mich mit einem Achselzucken hin. Mein Vater drehte den Schalter für die Herdplatte, auf der der Suppentopf stand, auf eine höhere Stufe, hob den Deckel, um die aufzuwärmende Mischung zu begutachten, und wandte sich wieder zu mir um.

Eine Schicht blauen Rauchs hing etwa in Schulterhöhe im Raum, mit einer großen Welle darin, die wahrscheinlich von mir verursacht wurde, als ich durch die Doppeltür des Hintereingangs hereinkam. Die Welle stieg langsam zwischen uns höher, während mein Vater mich ansah. Ich rutschte nervös auf meinem Stuhl hin und her, blickte zu Boden und spielte mit dem Handriemen der schwarzen Schleuder. Flüchtig kam mir in den Sinn, daß mein Vater besorgt aussah, aber er war ein begabter Schauspieler, und vielleicht wollte er, daß ich genau das dachte, weshalb tief in meinem Inneren ein Hauch von Zweifel blieb.

»Ich denke, ich sollte es dir besser sagen«, setzte er an, dann wandte er sich wieder ab, nahm einen Holzlöffel und rührte die Suppe um. Ich wartete. »Es geht um Eric.«

Da wußte ich, was passiert war. Er brauchte mir den Rest nicht zu erzählen. Ich schätze, ich hätte nach seinen wenigen Worten auf den Gedanken kommen können, daß mein Halbbruder tot war oder krank oder daß ihm etwas passiert war, aber ich wußte in diesem Moment bereits, daß es um etwas ging, das Eric seinerseits getan hatte, und es gab nur eine Sache, die Eric getan haben konnte und die meinen Vater besorgt aussehen ließ. Er war geflohen. Ich sagte jedoch nichts.

»Eric ist aus dem Krankenhaus weggelaufen. Um uns das zu sagen, ist Diggs hergekommen. Man vermutet, daß er auf dem Weg hierher ist. Nimm dieses Zeug vom Tisch; das habe ich dir schon so oft gesagt.« Er probierte schlürfend die Suppe, immer noch mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich wartete, bis er sich umdrehte, dann nahm ich die Schleuder, das Fernglas und den Spaten vom Tisch. Im gleichen flachen Tonfall fuhr mein Vater fort: »Nun, ich glaube gar nicht, daß er so weit kommen wird. Man wird ihn vermutlich in ein oder zwei Tagen aufgreifen. Ich dachte nur, ich sage es dir besser. Für den Fall, daß jemand anderes irgend etwas hört und darüber spricht. Hol dir einen Teller.«

Ich ging an den Schrank und nahm einen Teller heraus, dann setzte ich mich wieder mit einem untergeschlagenen Bein hin. Mein Vater machte sich erneut ans Rühren der Suppe, deren Duft jetzt den Zigarrenrauch übertraf. Ich spürte Aufregung im Magen – einen emporsteigenden prickelnden Schwall. Eric kam also wieder nach Hause; das war gut und schlecht. Ich wußte, daß er es schaffen würde. Es kam mir gar nicht in den Sinn, mich bei der FABRIK danach zu erkundigen; er würde herkommen. Ich fragte mich, wie lange er wohl brauchen würde und ob Diggs es überall in der Stadt verbreiten und die Leute warnen würde, daß der Verrückte, der , wieder auf freiem Fuß war; sperrt eure Köter weg!

Mein Vater goß mit einer Schöpfkelle Suppe in meinen Teller. Ich blies darauf. Ich dachte an die OPFERPFÄHLE. Sie waren mein Frühwarnsystem und Abschreckungsmechanismus in einem; ausgeklügelte, wirkungsvolle Einrichtungen, die Ausschau hielten und Unheil von der Insel fernhielten. Diese Totems waren mein Warnschuß; jeder, der ihrer ansichtig wurde und dennoch den Fuß auf die Insel setzte, mußte wissen, auf was er sich einließ. Doch es hatte den Anschein, daß sie, anstatt wie eine drohend geballte Faust aufgefaßt zu werden, eine einladend geöffnete Hand darstellten. Für Eric.

»Wie ich feststelle, hast du dir auch diesmal wieder die Hände gewaschen«, sagte mein Vater, während ich die heiße Suppe schlürfte. Er meinte es ironisch. Er nahm die Whiskyflasche von der Anrichte und goß sich ein Glas ein. Das andere Glas, aus dem meiner Vermutung nach der Polizist getrunken hatte, stellte er ins Spülbecken. Er nahm am anderen Ende des Tisches Platz.

Mein Vater ist hochgewachsen und schlank, obwohl er leicht gebeugt geht. Er hat ein zartes Gesicht, wie das einer Frau, und dunkle Augen. Er humpelt, und das, so lange ich zurückdenken kann. Sein linkes Bein ist fast vollkommen steif, und für gewöhnlich nimmt er beim Verlassen des Hauses einen Stock mit. An manchen Tagen, wenn feuchte Witterung herrscht, braucht er den Stock auch im Haus, und ich höre ihn dann über die nackten Böden der Räume und Flure des Hauses tappen; es...


Iain Banks, geb. 1954 in Schottland, studierte Philosophie, Englisch und Psychologie in Stirling. Nach dem College arbeitete Banks als Portier eines Krankenhauses, Angestellter, Gärtner und Techniker. Alle Berufe ließen ihm ausreichend Zeit, seine schriftstellerischen Ambitionen zu verfolgen. Danach trampte er durch Europa und arbeitete als Techniker für British Steel. 1980 schrieb Banks in London seinen ersten Roman Die Wespenfabrik, der 1984 veröffentlicht wurde und mit dem er auf einen Schlag weltberühmt wurde. Seither schreibt Banks regelmäßig Romane und gelegentlich Kurzgeschichten, die in Großbritannien fast alle Bestseller wurden.



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