Balzer | Meant to be | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Balzer Meant to be


18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95818-208-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-95818-208-0
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nichts kann die Vergangenheit ungeschehen machen, aber du kannst deine Zukunft selbst bestimmen  Lexis Welt ist die Musik. Da ist sie sicher, kennt sich aus und kann ihre Vergangenheit so gut es geht vergessen. Mit Menschen hat sie es nicht so, scheut ihre Berührungen mehr als alles andere auf der Welt. Doch dann tritt Luke in ihr Leben. Gemeinsam sollen sie einen Song für das Plattenlabel, das Lexi gemeinsam mit ihrem Onkel führt, schreiben. Und so sehr es Lexi vor der Zusammenarbeit graut, so sehr ist sie überrascht, dass sie Lukes Brührungen nicht fürchtet, sondern sogar genießt. Aber ihre Vergangenheit holt Lexi unaufhaltsam ein und sie weiß nicht, ob sie Luke vollends vertrauen kann.

Claudia Balzer, Jahrgang 1987, wuchs vor den Toren Dresdens auf, wo sie noch heute mit Mann, Kind und zwei Katzen lebt. Schon im zarten Alter von fünfzehn Jahren hat sie sich in den Kopf gesetzt, ein Buch zu veröffentlichen, bevor sie dreißig wird. Dass sie ihr Ziel sogar deutlich vor ihrem dreißigsten Geburtstag erreicht hat, verdankt sie nicht nur einem ausgeprägten Hang zur Nachtaktivität, sondern vor allem ihrem Lieblingsgetränk: Kaffee.
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1 – Dark Blue


Lexi


Das Dark Blue ist brechend voll, obwohl es ein Donnerstagabend ist. Die After-Work-Party zieht viele der Arbeit überdrüssigen Angestellten an, die das Wochenende zum Greifen nah ahnen. Die meisten holen sich hier die Energie für den letzten Tag der Woche. Ich finde den Aufenthalt mit so vielen Menschen auf so engem Raum eher anstrengend. Meine beste Freundin Anna und ich vergnügen uns am Rande der Tanzfläche. Es ist eine Weile her, dass ich so ausgiebig getanzt habe.

Mit ihren langen dunklen Haare sticht Anna aus der Menge hervor. Ihr leicht exotisches Aussehen stellt für viele einen Blickfang dar, aber das ist Anna egal. Sie besitzt mehr Temperament, als man einer gebürtigen Iranerin normalerweise zutrauen würde. Sie weiß, dass sie bildhübsch ist, und unterstreicht ihre Vorzüge gekonnt, aber sie bildet sich nichts darauf ein. Das macht sie so liebenswert. Alle scheinen mit ihr tanzen zu wollen. Oder mir kommt es nur so vor, weil ich nur mit ihr tanzen will und verkrampfe, sobald uns jemand zu nahe kommt. Zu gerne würde ich über die Tanzfläche fegen, tanzend zum Beat – ohne an das Morgen zu denken. Doch dagegen spricht, dass ich am liebsten eine Haut hätte, die von Augen übersät ist, damit ich jeden im Blick habe, der mir zu nahe kommt.

Aber leider ist dem nicht so und ich muss mich am Rand der Menge begnügen. Anna ist anzusehen, dass sie sich liebend gern ins Getümmel stürzen würde. Der Tanzbereich ist aber so überflutet, dass ich keine Sekunde sicher wäre. Die ständige Angst, dass mich jemand absichtlich oder unabsichtlich berührt, lähmt mich. Der Großteil versteht ein Nein, aber es gibt immer ein paar Sonderexemplare, die sich dadurch eher angestachelt fühlen. Das Risiko, dass ich vor Überwältigung zur Salzsäule erstarre, ist mir zu hoch. Mit einzelnen Vorfällen komme ich zurecht, aber besonders bei Vertretern der männlichen Fraktion ist es schlimm. Auch heute fühlt es sich an, als würde die betroffene Hautstelle mit ätzender Säure überschüttet. Doch über die Jahre habe ich meine Tricks entwickelt, die mir die Besuche in solchen Einrichtungen erträglicher machen. Ich habe Wege gefunden, mit meinem Handicap über die Runden zu kommen, ohne dass ich das Gefühl habe, etwas von meinem Leben zu verpassen. Man arrangiert sich.

Als meine Füße zu protestieren beginnen, weil sie das ausgiebige Tanzen nicht mehr gewöhnt sind, deute ich Anna an, dass ich mich an die Bar zurückziehe und sie eine Runde durch die Menge drehen kann. Sie nickt grinsend und winkt mir zu, ehe sie von der Masse verschluckt wird.

Es gibt diesen einen Fleck neben der Bar, der immer frei zu sein scheint. Genau zwischen dem Ende der Theke und dem Beginn der Stehtische entsteht an der Wand meistens eine Lücke. Ich weiß nicht warum das so ist, aber dieser Platz ist meine erste Anlaufstelle, auch wenn es um einen Ausgangspunkt für meine Arbeit geht. Vielleicht liegt es daran, dass dort oft der Durchgang für die Barkeeper ist – und niemand will es sich mit ihnen verscherzen. Ich bin oft auf Konzerten und in Bars oder ähnlichen Etablissements. Mein Job bringt das automatisch mit sich. Erst recht in letzter Zeit, da ich darauf angewiesen bin, Mike anders als mit meinen Songs zu unterstützen.

Die Worte fließen seit Wochen, ach, was rede ich, seit Monaten nicht mehr. Wenn ich vor einem Klavier sitze oder eine Gitarre in der Hand halte, sind meine Finger steif, als hätten sie nie ein Instrument gespielt. Ich hänge fest und habe keine Ahnung, wie ich mich davon lösen soll. Die Trophäen in Mikes Büro, die meinen Künstlernamen tragen, verspotten mich immer aufs Neue, wenn ich bei ihm antrete. Ich habe über die letzten Jahre genügend verdient, aber es ist nicht das Geld, das mich beschäftigt. Seit ich Songs schreibe, ist dies meine erste Blockade. Vielleicht weiß ich deshalb nicht damit umzugehen und bin darum seit ein paar Wochen zurück in Berlin. Wenn man sich verliert, soll man sich seiner Wurzeln besinnen und dahin zurückkehren, wo alles angefangen hat.

Bisher habe ich davon nichts bemerkt. Meine Reisen haben mir viel Input gegeben und ich habe einen Song nach dem anderen rausgehauen. Seit einem knappen halben Jahr ist das anders. Es gab keinen Auslöser oder einen Grund, den ich benennen könnte. Die Worte wollten nicht mehr durch meinen Kopf in meine Hand und dann aufs Papier. Selbst das Komponieren stockt. Mike und Anna sagen, dass ich ausgebrannt bin und ein paar Gänge zurückschalten soll. Aber ich weiß nicht, was ich stattdessen mit meiner Zeit anstellen soll. Seit dem achtzehnten Geburtstag habe ich nonstop gearbeitet. Das sind inzwischen fünf Jahre. Vielleicht haben sie recht, vielleicht aber auch nicht. Für mich fühlt es sich eher an, als ob ich alles, über das es sich zu schreiben lohnt, bereits zu Papier gebracht habe.

Ich schüttle kurz den Kopf und versuche, aus meinen melancholischen Gedanken aufzuwachen. Ich lasse meinen Blick wieder durch das Dark Blue schweifen. Mit etwas Glück hat die Inspiration sich entschlossen, heute Abend zu mir zurückzukehren.

Die Bar hat sich über die Jahre verändert. Wände wurden eingerissen, damit die Bühne vergrößert werden konnte. Die Wandverkleidung wurde entfernt und das alte Mauerwerk mit den roten Backsteinen verleiht allem einen industriellen Touch. In Amerika habe ich diese Gebäude gehasst, aber hier in Berlin wirkt es authentisch und das Konzept überzeugt. Dass sich der Inhaber diesen umfangreichen Umbau leisten konnte, liegt nicht zuletzt an Mike und mir. Nachdem immer mehr Künstler Interesse an meinen Texten und Kompositionen bekommen hatten, haben wir an dem Tag, an dem ich volljährig wurde, unser eigenes Label gegründet. Wir sind ein vergleichsweise kleines Unternehmen, aber beliebt bei Bands und Solosängern. In den letzten Jahren haben wir allein über Auftritte im Dark Blue fünf Künstler unter Vertrag genommen, die sich zufriedenstellend in den Charts und in ihrer eigenen kleinen Community machen.

Heute folgt vielleicht Nummer fünf. Auf diese vier Jungs bin ich gespannt. Mike hat mir nichts von ihnen vorgespielt – er ist der Meinung, dass ich mich selbst von ihnen überzeugen muss. Das hat er noch nie getan. Aber das ist nicht das Einzige, das an dieser Band anders ist. Andere, zum Teil um einiges größere Plattenfirmen haben ihnen Verträge angeboten, aber sie haben abgelehnt. Unzählige Telefonate sind nötig gewesen, bis ich den Grund erfahren habe.

Die Jungs gibt es nur mit Anhang. Sie verlangen, dass ihr Songwriter ebenfalls einen Vertrag bekommt. Das ist eher unüblich. Unüblich, weil die meisten Texter als Freelancer arbeiten. Sicher gibt es auch hauseigene, aber das gleich als Newcomer zur Bedingung zu machen? Ich selbst biete meine Werke nicht nur unseren Künstlern im Label an. Meine Songs, solange mir denn welche einfallen, wurden nach Amerika, Großbritannien und in Deutschland verkauft. Ich schreibe inzwischen neben deutschen Songs auch englische. Aber noch mehr habe ich anderen dabei geholfen, ihre Stimme in den Texten zu zeigen. Umso makabrer, dass ich meine eigene in meinen nicht mehr zu finden scheine. Diese Band bekommt von mir allein dafür schon Pluspunkte, dass sie ihren Freund nicht zurücklassen und ihm ebenfalls einen Einstieg verschaffen wollen.

Bis ich mich davon überzeugen kann, dass sie die Umstände wert sind, ist etwas Geduld gefragt. Sie treten erst um halb elf auf. Die stickige Luft hat mich inzwischen durstig gemacht. Otto, der Barkeeper, und ich haben zusammen die Schulbank gedrückt und gemeinsam unsere Erdkundelehrerin überlebt. So eine Erfahrung prägt, sodass man den anderen selbst Jahre nach dem Abschluss solidarisch unterstützt. Sobald er in meine Richtung sieht, hebe ich die Hand und mache mich bemerkbar, und obwohl er von den ausgetrockneten Gästen überrannt wird, bedient er mich bevorzugt. Er gießt mir nicht nur ein Glas Wasser oder einen Softdrink ein, nein, er serviert mir ein buntes Getränk, das mit frischer Ananas und Orange garniert ist. Er weiß, dass ich keinen Alkohol mehr trinke, und so ist dieser jungfräuliche Cocktail bedenkenlos zu genießen. Das heißt, wenn ich dazu käme.

»Gott sei Dank«, höre ich Anna nur, als sie mir auch schon das Glas aus der Hand reißt. »Ich bin am Verdursten.« Ein wenig wehleidig und perplex sehe ich zu, wie sie den gesamten Cocktail hinunterkippt.

»Ich hoffe, er hat geschmeckt«, gebe ich trocken von mir. Hilfesuchend sehe ich mich nach Otto um. Er hat das ganze Schauspiel aus dem Augenwinkel beobachtet und grinst nach meinem Geschmack eine Spur zu schadenfroh. Er war damals in Anna verliebt und würde ihr noch heute so einiges durchgehen lassen. Kopfschüttelnd widmet er sich wieder der zahlenden Kundschaft. Wann und ob ich überhaupt einen neuen Durstlöscher von ihm erhalte, steht in den Sternen.

»Was hast du gesagt?«, ruft mir meine beste Freundin, die mir den Tod durch Verdursten zu wünschen scheint, über den lauten Bass hinweg zu.

»Das ist meiner gewesen«, rufe ich zurück und beuge mich ein wenig in ihre Richtung. Damit kein Spielraum für Missverständnisse entsteht, zeige ich auf das leere Glas in ihrer Hand.

»Ups.« Sie lacht ertappt. Während ich mir wenigstens das Obst gönne, kann ich deutlich beobachten, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht steigt. Ich habe ihr diesen unbedachten Stunt in dem Moment verziehen, in dem er passiert ist, aber dennoch darf ich es ein wenig genießen, wenn Anna ihr überstürztes Handeln bewusst wird. Sie sieht sich um, als würde sie in unmittelbarer Nähe eine Lösung für unser Problem finden. Otto ist schwer beschäftigt. Anscheinend will sich jeder stärken, bevor die Band...


Balzer, Claudia
Claudia Balzer, Jahrgang 1987, wuchs vor den Toren Dresdens auf, wo sie noch heute mit Mann, Kind und zwei Katzen lebt. Schon im zarten Alter von fünfzehn Jahren hat sie sich in den Kopf gesetzt, ein Buch zu veröffentlichen, bevor sie dreißig wird. Dass sie ihr Ziel sogar deutlich vor ihrem dreißigsten Geburtstag erreicht hat, verdankt sie nicht nur einem ausgeprägten Hang zur Nachtaktivität, sondern vor allem ihrem Lieblingsgetränk: Kaffee.



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