E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Balzer Just one breath
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95818-588-3
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Casper & Eliott
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-95818-588-3
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claudia Balzer, Jahrgang 1987, wuchs vor den Toren Dresdens auf, wo sie noch heute mit Mann, Kind und zwei Katzen lebt. Schon im zarten Alter von fünfzehn Jahren hat sie sich in den Kopf gesetzt, ein Buch zu veröffentlichen, bevor sie dreißig wird. Dass sie ihr Ziel sogar deutlich vor ihrem dreißigsten Geburtstag erreicht hat, verdankt sie nicht nur einem ausgeprägten Hang zur Nachtaktivität, sondern vor allem ihrem Lieblingsgetränk: Kaffee.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 Misanthrop – grie., Nomen; jemand, der die Gesellschaft von anderen meidet
Mittwoch, 07. Oktober
Eliott
Liebe Mama,
das neue Semester hat vor Kurzem begonnen.
Es läuft super.
Der Stoff liegt mir und die Dozenten sind toll.
Ich lerne viel bei ihnen.
In Liebe
Dein Eliott
»Herr Kellermann!«
Wenn dein Name in diesem Ton – irritiert, genervt und ungläubig zugleich – gerufen wird, hast du für gewöhnlich etwas ausgefressen. Ich weiß nur nicht, was ich angestellt haben soll, das diesen Tonfall rechtfertigt. Es ist ruhig um mich herum, so wunderbar friedlich und dunkel. Mein Körper ist leicht. Keine schweren Gedanken, die ihn auf den Boden drücken. Warum muss ich gestört werden, wenn ich doch augenscheinlich niemanden störe? Mein Name fällt noch einmal, ungeduldiger, drängender. Diesmal gefolgt von einem Stoß in meine Rippen, der mich zusammenzucken und die Schwere in meinen Körper zurückkehren lässt. Die Erfahrung gleicht dem Gefühl, das im Vergnügungspark bei der Attraktion »Freier Fall« entsteht. Der Moment, kurz bevor man wieder in die Höhe katapultiert wird und tief im Sitz versinkt, wo man sich nicht aufrichten kann, selbst wenn man es mit aller Kraft versucht.
»Ey, wach auf!«, zischt mir jemand ins Ohr. Sollte ich in einer Vorlesung sitzen? Zumindest ist der Hörsaal das Letzte, woran ich mich erinnern kann. Ein kleiner Kampf bahnt sich zwischen mir und meinen Augenlidern an. Ich müsste sie öffnen, um das Geschehen um mich herum einordnen zu können. Der Sieger dieser Fehde ist noch nicht absehbar. Aber will ich überhaupt gewinnen? Ich will sie geschlossen halten und weiter in der Stille baden. Also haben beide Seiten verloren, als ich sie schließlich aufbekomme. Ich blinzle gegen die Helligkeit an. Bei jedem Blinzeln überlege ich, ob ich die Augen nicht doch einfach wieder schließe. Ich benötige einen Moment, um mich zu orientieren. Die vielen Tische und Stühle, die große Fensterfront. Die Gesichter, die mich anstarren. Der Dozent, dessen Namen ich mir noch nicht gemerkt habe und den ich mir auch bis Ende des Semesters noch nicht gemerkt haben werde. Er steht aufrecht vor mir. Offensichtlich kennt er meinen Namen und weiß genau, wer ich bin. Hinter ihm erkenne ich verschwommen das Logo meiner Familie auf seiner Präsentation zu den mittelständischen Unternehmen. Ja, ich sitze definitiv noch immer in der Vorlesung. Welche war es? Buchführung? Mathe? Meine Gehirnfunktionen sind noch zu träge, als dass ich die Aufzeichnungen und den Dozenten einem meiner Fächer zuordnen könnte. Es kann genauso gut Unternehmensführung oder Volkswirtschaftslehre sein. Ich habe also absolut keinen Plan. Ich setze mich auf und versuche die Glieder zu strecken, ohne dass dabei zu offensichtlich wird, wie tief ich weggenickt war. Können die anderen Studenten nicht einfach weiter in ihre Hefte oder Smartphones sehen? Sie haben sicher noch nicht alles notiert, das für die Prüfungen relevant sein wird. Ein beim Schlafen erwischter Kommilitone wird dafür wohl kaum von Bedeutung sein. Ich sehe mich im Raum um und bemerke jedes Augenpaar, das auf mich gerichtet ist. Flashbacks meiner Zeit im Internat drängen sich mir auf. Ich nehme den Kuli vor mir in die Hände und spüre seiner glatten, runden Oberfläche nach. Ich versuche mich damit in der Gegenwart zu halten, um nicht zu sehr in die Vergangenheit abzudriften. Doch verhindert es nicht, dass mein Knie unaufhörlich wippt. So viele Augenpaare sind auf mich gerichtet, dass ich mir wie Hester aus »Der scharlachrote Buchstabe« vorkomme. Nur haben sie mir noch kein A auf die Klamotten geschrieben und auch habe ich nichts mit dem Pfarrer laufen. Mein Hals ist zu trocken, als dass mein eigener Gedanke mich zum Lachen bringen könnte. Unfreiwillig räuspere ich mich.
»Sehr nett, dass Sie Ihren Schönheitsschlaf für uns unterbrechen und uns mit Ihrer Aufmerksamkeit segnen«, begrüßt mich der Dozent und ich verstehe nicht, was er für ein Exempel an mir statuieren will. Soweit ich mich entsinnen kann, hat es dieses Semester noch keine Lehrkraft interessiert, ob ich die Vorlesung verschlafen habe oder nicht. Geschweige denn, dass sie sich persönlich um das Aufwachen gekümmert hätten.
»Kein Problem«, erwidere ich und ein leises Lachen dringt von den anderen Tischen an mein Ohr. Es lässt die Lippen des Dozenten noch schmaler werden. Mein Gähnen, das ich beim besten Willen nicht unterdrücken kann, bringt seine Nasenflügel zum Flattern. Ich balle meine Hände zu Fäusten, damit niemand sehen kann, wie sehr sie zittern. Es gibt keinen Grund ihnen noch mehr Gesprächsstoff zu bieten, damit sie sich später den Mund zerreißen können. Denn das werden sie mit Sicherheit. Der Mensch ist nun mal so gemacht. Er verbindet sich über gleiche Interessen und manchmal ist das der Tratsch, über den man sich unterhalten kann.
»Herr Kellermann, ich darf Sie daran erinnern, dass Sie niemand zwingt, hier zu sein.« Noch mehr Gelächter und ein herablassendes »Tsk« des Dozenten. Ich fühle die Blicke der anderen und das Getuschel wird immer lauter. Ich spüre meinen Puls im ganzen Körper und halte die Luft an – doch das verstärkt nur den Drang, aus dieser Situation zu fliehen. Der Raum beginnt sich zu bewegen und ich habe den Eindruck, dass die Wände sich mir nähern.
»Ja«, sage ich langsam und zwinge Luft in meine Lungen, weil ich sonst irgendwann vom Schwindel übermannt werde. Ich fahre mir durch die Haare, die einen Tag zu lang keine Dusche gesehen haben, und streiche die viel zu lange Vorderpartie aus den Augen. Kaum sinkt meine Hand, fallen die Haare an dieselbe Stelle zurück. Auch ein Spiel, das keiner gewinnen kann. »Stimmt«, wiederhole ich, mehr für mich. Das Getuschel wird abermals lauter. Oder ich bilde mir den steigenden Geräuschpegel nur ein, weil mein Hörsinn durch den in mir brodelnden Fluchtinstinkt überreizt reagiert? Ich schließe meine Augen. Haben die nichts anderes zu tun, als mich anzustarren und über mich zu reden? »Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und eine unterhaltsame Vorlesung«, sage ich, die Stimme ganz das Gegenteil meines inneren Tumults. Ich nehme meine wenigen Sachen vom Tisch und stopfe sie in den Rucksack. Das Getuschel erstirbt, als ich mich erhebe und die Stuhlbeine auf dem Holzboden ein schrecklich lautes Geräusch machen. Jetzt sehen auch die Letzten zu mir herüber. Der Dozent gleicht einem Fisch. Sein Mund öffnet und schließt sich, als ob er Probleme hätte, Luft zu bekommen. Ich nicke ihm ein letztes Mal zu, als ich an ihm vorbeigehe. Ich halte selbst die Luft an, als ich mir meinen Weg durch den Raum bahne und versuche jegliche Blicke abzuschütteln. Ich atme erst wieder, als die Tür zum Seminarraum hinter mir zufällt und das Getuschel mir nicht mehr wie das Summen eines Wespenschwarms folgen kann. Meine Kopfhörer liegen um meinen Hals und ich schiebe sie auf meinen Kopf, bis die Lautsprecher meine Ohren komplett bedecken. Meine Finger gehorchen mir noch nicht wieder, als ich die Kopfhörer mit meinem Smartphone verbinden will. Ich brauche mehrere zittrige Versuche, um den Stecker in das dafür vorgesehene Loch zu bekommen. Ich atme tief ein, obwohl ich viel lieber weiterhin die Luft anhalten würde – als könnte ich dadurch auch die Zeit anhalten. Erst als die vertraute Musik durch meine Gehörgänge schallt, normalisiert sich endlich mein Herzschlag. Ich ziehe die Kapuze meines Hoodies über die Kopfhörer. Sie drückt meine Haare noch tiefer in die Augen. Der Rest meines Gesichts versinkt in meinem weichen Schal. Es führt dazu, dass ich andere anremple und falsche Entschuldigungen murmle. Die Musik übertönt ihre Beschwerden. An einem guten Tag kann die Musik auch meine Gedanken ausblenden.
Wohl fühle ich mich erst wieder, als ich das Unigelände verlasse und in der Masse der Berliner Bewohner und Touristen untergehe. Eine von tausend Seelen, die sich alle nicht kennen. Alle haben ihre Geschichte, aber niemand kennt sie. So könnte die Frau, der ich im letzten Moment auf dem Gehweg ausweiche, eine schwere Krankheit besiegt haben. Sie könnte mit dem Gedanken spielen sich das Leben zu nehmen oder vielleicht ist sie auf dem Weg zu einem geliebten Menschen. Alles ist möglich und niemand, dem man auf der Straße begegnet, wird je erfahren, zu welchem Ziel man wirklich unterwegs ist. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich zweimal begegnet oder mit einem völlig Fremden ins Gespräch kommt, um mehr über denjenigen zu erfahren? Bei mir ist sie nicht besonders groß.
Für Oktober ist es schon viel zu kalt. Vielleicht verfälscht auch die Müdigkeit mein Empfinden. Ich ziehe den dicken Schal bis über meine Nase. Mein Atem wärmt mein Gesicht. Die Wärme trägt dazu bei, dass auch der Rest meines Körpers sich beruhigt. Meine Schultern sinken wieder nach unten, als die Anspannung in meinen Muskeln nachlässt. Ich spüre meinen Herzschlag nicht länger unter jedem Millimeter meiner Haut pulsieren und ich will mich nicht mehr sofort an Ort und Stelle auflösen. Die Nervosität ebbt ab.
Als ich die Treppen zur U-Bahn-Station hinuntergehe, springt meine Playlist...




