E-Book, Deutsch, 153 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 200 mm, Gewicht: 250 g
Bakhti Wie man aus der Welt verschwindet
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7550-5045-2
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Ein seltenes Buch, das wie kein anderes die Isolation und Poesie des ländlichen Lebens darstellt.« – Annie Ernaux
E-Book, Deutsch, 153 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 200 mm, Gewicht: 250 g
ISBN: 978-3-7550-5045-2
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marouane Bakhti, geboren in Nantes, ist Schriftsteller und Kunstjournalist. Als Sohn eines marokkanischen Vaters und einer französischen Mutter studierte er Geschichte und Journalismus an der Sorbonne. Er lebt in Paris und schreibt Kritiken für das Magazin Mouvement.
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Unter den Weiden
Full of lust wollte ich um jeden Preis fortgehen. Die Hässlichkeit hinter mir lassen, die tristen grünen Flecken auf den großen grauen Ebenen. Ich wollte alles zerstören, meine Provinzialität und die erotische Wüste ausmerzen, in der ich dort so lange umherirrte.
In dieser Gegend lernte mein jugendliches Ich jedoch die Namen der einzelnen Baumarten und wie man ein neugeborenes Tier in den Händen hält.
Voller Abscheu für sie alle sehe ich mich auf der ebenen Busstrecke. Die Tragödie, nirgendwo ein menschliches Wesen zu sehen, das mir ähnelt.
Die gewaltige Ausbreitung des Stadtrands, verdammt zu einer verrückten Disharmonie, bleibt ein Erinnerungsort.
Am Rand eines mit Vieh übersäten Feldes der Stacheldraht an meinen Kinderbeinen.
Mein Herz ist eine Heckenlandschaft, in die schwarze Steine eingefasst sind, ich trage diese riesenhafte Angst in mir, auf frischer Tat beim Begehren ertappt zu werden. Mein Herz ist eine Heckenlandschaft, in die Haizähne eingefasst sind, die mein Vater mir aus der Wüste mitgebracht hat.
Und unter der Haut der Blindschleiche erahne ich Eier, die reif sind zum Schlüpfen.
Das lange Wohnzimmersofa und sein vom Mittagsschlaf zerknautschtes Leder, das mein endloses inneres Geschrei aufnimmt. Das langgestreckte Haus liegt gegenüber von den Weiden und Birken, die im feuchten Wind singen. Vom Esszimmertisch kann man den Kräutergarten, Disteln und Maulwurfshügel sehen.
Meine Lippe blutet von seiner trockenen Hand. Der Dattelgeschmack versüßt all das. Am Nachmittag träume ich auf den weißen eiskalten Fliesen vor mich hin. Durch die Fenster gehen die Katzen ein und aus. Das ganze Haus ist von hellem Licht durchflutet.
Ich glaube an Meteoriten und suche sie in der weichen Erde des Unterholzes. Ich glaube an das Wunder Gottes und suche es in der weichen Erde des Unterholzes.
Andere Erinnerungen als diese gibt es in meinem Kopf nicht, sie schreiben sich von selbst. Ich weiß nicht, warum ich all das vor meinem inneren Auge sehe. Ich lebe nur im Wunder und Unglück kindlicher Heimlichkeiten.
Ich denke wieder an den von den Straßen umschlossenen Wald, in dem eine Tierwelt lebt, mit der ich mich gern unterhalten würde. Schafskadaver für Eid al-Fitr durch die Zweige und die Flügel von Insekten, die an Feen glauben lassen.
So ist das in meinem Kopf, ich werde von Scham und Waldgespenstern verfolgt.
Gestern sprach ich lange mit einer Freundin und sie sagte: »Die eigene Vergangenheit nicht zu hassen, ist auch gut.«
Dann erzähle ich ihr das: »Die Gegend, in der ich geboren bin, schafft es nicht, uns in die Welt hinauszuschleudern. Die Gegend, aus der ich komme, tötet die Träume, frisst die Hoffnungen. Es ist eine ebene, triste, doch stellenweise sattgrüne Region.«
Ich sehe die Jungsclique mit ihren Synthetik-Klamotten (und meine Mutter wollte mich in Cord und khakifarbene Baumwolle stecken) noch mal vor mir. Sie blickten mich an und mit ihren hellen Augen in ihren bereits von der Müdigkeit aufgedunsenen Gesichtern sagten sie: »Wir wissen nicht genau warum, aber du bist unser Feind. Du bist aus tausend Gründen, die nicht mehr wahr sind, unser Feind. Aus Gründen, die weder für uns noch für unsere Eltern noch wahr sind.«
Lange Zeit habe ich ihren Anblick verachtet. In meinen Erinnerungen spucke ich auf sie. Sie setzen mir zu und ich sehe meine Eltern an, einen Araber und ein Mädchen von hier, und ich kann ihre Entscheidung nicht verstehen, uns das aufzubürden.
Zum Glück gibt es die Landschaft und ihre Sanftheit. Da sind die Wäldchen und die Sümpfe, die sie miteinander verbinden. Doch immer begegnet man den Jungs auf ihren Mopeds: vor der Schule, am Hafen, in den Straßen der Siedlungen, durch die ich allein auf meinem leuchtend roten BMX-Rad fahre.
Meine Freundin hört mir zu. Ich sage ihr, wie es mir gelungen ist, ihnen zu vergeben. All das erzähle ich ihr. Der Ort meiner Jugend ist ein Sumpfgebiet.
Es ist wahr, es ist ein See, der von Sümpfen umgeben ist. Es ist eine Welt sich vermischender, unklarer Rivalitäten. Ich wusste nie, wo sich meine Verbündeten befanden. Ich verstand nicht, wo dieses Misstrauen und diese Blicke herkamen, die meinem Vater zugeworfen wurden. Und in den kindischen, von Geschrei und Freude erfüllten Rivalitäten eine Lektion: Wie man hier die Araber hasst, so hasst man auch die Schwulen.
Auf diesen cremefarbenen und ziegelroten Grundstücken befinden sich Löcher, die durch die Felder entstanden sind, auf denen beige, mit getrocknetem Dung verschmutzte Kühe weiden.
Die Leute hier verstehen nicht, warum ausgerechnet die Araber der Stadt das schönste Auto haben.
Die Leute hier wollen auf keinen Fall, dass man glaubt, sie würden den Boden bearbeiten wie diese Familie am Ende der Straße.
Es ist ein See, der von Sümpfen umgeben ist, aber auch eine große, von schwarzen und grauen Asphaltstraßen zerrissene Feuchtebene, die tonnenweise Autos in die Gewerbegebiete mit ihren Parkplätzen strömen lässt.
Riesige Parkplätze, all die kräftezehrende Arbeit, die es gekostet hat, dem Grün den Garaus zu machen und es mit Teer zu überziehen. Diese ganze Kraft hätte meisterhafte Schönheiten erschaffen können, große Schulgebäude, prächtige Obstgärten und weitläufige Paläste zum Tanzen, Heineken trinken, um Kronkorken-Schnipsen zu spielen und mit dem Moped eine Runde zu drehen.
Davon träume ich, während ich darauf warte, dass meine Mutter mit ihrem vollen Einkaufswagen den Geschäftsturm verlässt, der inmitten des ganzen Asphalts errichtet wurde. Sie verlässt den Leclerc mit Sonnenbrille auf der Nase und kommt näher. Manchmal warte ich nicht draußen. Ich begleite sie hinein und bleibe auf den kalten fleckigen Fliesen vor der Zeitschriftenabteilung sitzen. Ich blättere in einer Ausgabe der National Geographic, Schneeleoparden und eine Lautsprecheransage, ein Sonderangebot für die Brioches von Bonnin. Ich denke mir fremde Welten aus. Ich liebe es, zur Kühlung beim Anglerbedarf zu gehen und mir die rosafarbenen und gelben Maden in der Plastikschachtel anzusehen. Da sie von der Kälte ganz steif sind, winden sie sich in Zeitlupe. Ich suche das Leben in der Fischabteilung. Mit dem Finger berühre ich die reglosen Tiere, die auf einem Bett aus Eis ausgelegt sind, hinter dem eine Dame mit Häubchen steht, die niemals lächelt. Ich stelle mir vor, wie ich die Krabben im Aquarium hinter ihr stehle und sie in die Bäche freilasse, die den Garten des Hauses und das Gestrüpp voneinander abgrenzen. Ich suche etwas zum Retten.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Rückweg vom Einkaufen, still, den Kopf an die Autotür gelehnt.
Es gibt einen Weg, der vom oberen Ende der Straße abzweigt und mitten in die Wiesen hineinführt. Der Beton geht in Lehm über und verschmilzt mit den zu Boden gefallenen Blättern und den Wurzeln.
In der Straße, die vor unserem Eingangstor entlangführt, reiht sich ein Einfamilienhaus ans andere. Am Ende dieser großen Straße befindet sich die Ecke zum Angeln.
Dort sind die Katzenwelse meiner Kindheit.
Ihr Todeskampf voll von Auswurf, Schlamm und Luftblasen auf dem steinigen Boden ist dort.
Die Fußtritte der Angler auf ihre Schädel sind dort.
Mein Schmerz und die wenigen plattköpfigen Fische, die ich wieder in den Tümpel setzen konnte, während sie ihre Bartfäden in meine Handfläche bohrten, sind dort.
Ein leuchtend grüner Faden taucht in das braune Wasser ein und die Sonne knallt auf mich, den Hund und die Weiden hinunter.
Mein Vater versucht, es so wie die Männer hier zu tun: Sonntags geht er angeln. Ich beobachte ihn und langweile mich.
Das einzige Wunder geschieht, wenn ich den dickbäuchigen, mit Schleim bedeckten Fisch zu fassen bekomme, der sich unter meinen Fingern spannt.
Ein scheußlicher Gestank, aber meine krankhafte Faszination für ihren erbitterten Kampf an der freien Luft hält mich auf der Steinbank wach.
Fisch- und Silberreiher flogen dort durch den stets wolkenverhangenen Himmel.
Meine Angst bekam dort Aufwind: die Angst, mit anderen zusammen zu sein, aber auch, mit ihnen irgendwo hingehen zu müssen, mit ihnen zu reden, mit ihnen zu lachen.
Als Jugendlicher setze ich mich noch mal probeweise auf die weiße Steinbank, aber es ist kein Zufluchtsort mehr für mich. Es ist feucht und stinkt nach totem Fisch.
Überall um mich herum sehe ich Tiere, alle möglichen Tiere. Ich denke an ihre Höhlen am Fuß der Bäume. Ich fange sie und halte sie zwischen beiden Händen fest.
Sie zittern und fühlen sich wie geschmeidige, mit Knochen gefüllte Ledertaschen an.
Die Kaninchen haben Augen voller harter Murmeln, die ihnen aus dem Schädel fallen könnten, diese Augen, die unter ihren beiden von blauen und roten Gefäßen durchzogenen Ohren hervorlugen.
Meine Mutter versucht uns davon abzuhalten, aber für meinen Bruder und mich ist die Gelegenheit günstig, sie fangen und anfassen zu können. Wenn wir uns langweilen, fallen uns immer irgendwelche Dummheiten ein, und manchmal sind die Dummheiten ein bisschen grausam.
Eines Tages sagte meine Mutter: »Das ist Myxomatose …«
Ich glaube, ich habe nicht verstanden, dass es für die Kaninchen eine Tragödie war, eine Krankheit. Ich spüre wieder die Angst in mir aufsteigen, den Ekel.
Und im Morgengrauen durchbohren die winterlichen Baumskelette den Garten und die...




