E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Bachstein Katzenleben
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7317-6128-0
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neueste Katzengeschichten aus aller Welt
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6128-0
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Julia Bachstein wurde in Montevideo geboren und lebt in Frankfurt am Main.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
John Steinbeck
Zum liebenswürdigen Floh
Manchmal wirft man mir vor, ich würde den grellen Misstönen unserer Zeit keine Beachtung schenken und meine Ohren vor den täglichen Trommelschlägen drohenden Ungemachs verschließen. Aber ich habe festgestellt, dass der Lärm des Augenblicks sehr bald zu einem Flüstern verhallt und die momentane Aufregung in Vergessenheit gerät, während die leisen Wahrheiten Jahr für Jahr Bestand haben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während ich das hier schreibe, fährt Mendès-France, das Schicksal der Welt in den Händen, nach Genf zurück. England und Amerika werden vom Sturm gebeutelt, und vielleicht wird sogar der Sowjet hinter seinem eisernen Vorhang von Albträumen geplagt. Angenommen, ich schriebe über diese bedeutsamen Ereignisse! Bevor mein Text gedruckt wäre, wäre alles vergangen und zum größten Teil vergessen und es gäbe neue Erschütterungen.
Als Gattung hatten wir Menschen mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen, seit wir von den Bäumen stiegen und furchtsam in Höhlen Unterschlupf suchten, aber wir haben als Gattung überlebt. Und zwar nicht aufgrund großer Ereignisse, sondern vielmehr dank unbedeutender Dinge, wie der kleinen Geschichte, die mir zu Ohren kam – wahrscheinlich ist es eine sehr, sehr alte Geschichte. Aber so habe ich sie gehört.
Irgendwo in Paris – weder zu weit weg von der Place de la Concorde, noch zu nahe daran, gab es und gibt es vielleicht noch heute ein kleines Restaurant namens Zum liebenswürdigen Floh. Drei der Außentische wurden Tag für Tag geziert von einem Poeten, dessen Werk so grandios unergründlich war, dass nicht einmal er selbst es verstand; einem Architekten, dessen Ruhm auf seiner leidenschaftlichen Ablehnung des Strebebogens beruhte, und einem Maler, der mit unsichtbarer Tinte malte. Natürlich hatte jeder dieser drei seine Anhängerschaft, so dass der Liebenswürdige Floh mit der Zeit sogar von den Reiseleitern vorbeifahrender Touristenbusse erwähnt wurde.
Ungeachtet der wachsenden künstlerischen Bedeutung des Liebenswürdigen Flohs, zog auch die Küche durch ihre zunehmende Vortrefflichkeit immer mehr Gäste an. Madame leitete das Etablissement mit der Tüchtigkeit einer Tigerin. Madames Mutter verlieh dem Ganzen eine verblichene Eleganz, denn in der Provence war allgemein bekannt, dass sich ihre Tochter unter ihrem Stand verheiratet hatte. Drei heranwachsende Söhne widmeten sich vormittags in Les Halles der Auswahl des Geflügels und dem Erwerb der Mohrrüben und betätigten sich abends als Tellerwäscher, während die erwachsene Tochter, Angel genannt, bereits mit siebzehn in unsichtbarer Tinte gemalt, in einem Gedicht mit dem Titel »Traktor aus Butter« verewigt und von besagtem Architekten wegen ihrer Strebebögen verunglimpft worden war.
Doch nicht allein diese glücklichen Umstände begründeten das Geheimnis hinter der zunehmenden Bekanntheit des Liebenswürdigen Flohs. Diese beruhte vielmehr, so wie es sein soll, auf der Genialität des Besitzers und Küchenchefs, M. Amité, eines Mannes voller Leidenschaft und Empfindsamkeit, aber auch voller Ehrgeiz. Gewiss wäre ihm ein langes, zufriedenes Leben beschieden gewesen, hätte der Michelin ihn nicht mit einem Stern geehrt.
Dieser Stern veränderte alles. Der Ehrgeiz nährte sich an diesem Stern und wurde davon immer hungriger. M. Amité träumte, plante, lebte und litt in der Hoffnung auf einen zweiten Stern. Er fing an, sich geheimnistuerisch zu verhalten. Niemand durfte mehr in seine Nähe kommen, wenn er einem Soufflé seine Magie einflüsterte, das heißt, niemand mit Ausnahme eines großen und würdevollen Katers namens Apollo.
Wenn M. Amité seine Alchimie betrieb, flüsterte er Apollo, der sich gern auf einem hohen Hocker neben dem Hackbrett zusammenrollte, nicht nur seine Geheimnisse, sondern auch seine Bedenken und seine ehrgeizigen Ziele zu. Wollte der Meister eine Soße probieren, tunkte er Zeige- und Mittelfinger hinein, leckte den Zeigefinger ab und hielt Apollo den Mittelfinger hin, damit dieser kosten konnte. Auf diese Weise wusste er genau, was dem Geschmack des Katers entsprach, vor dessen Urteilsvermögen er den allergrößten Respekt hatte.
Viel Zeit war vergangen, seit der Michelin den ersten Stern vergeben hatte, eine lange und qualvolle Zeit. Daher machte sich, als ein Spion die Nachricht vom bevorstehenden Besuch des Michelin-Prüfers an einem Mittwoch überbrachte, im ganzen Restaurant allerhöchste Hochspannung breit. Erregung durchzitterte die Stammgäste. Spekulationen flogen hin und her. Madames Mutter holte den Spitzenkragen ihrer Großmutter aus dem schützenden Seidenpapier. Madame befehligte ein Reinigungskommando, das Ecken aufstörte, die seit der Weltausstellung von … nicht mehr behelligt worden waren. Angel verschob die Ankündigung ihrer dritten Verlobung.
M. Amité setzte Apollo in einen Korb und begab sich tief in den Wald von Vincennes, um nachzudenken. Und er ersann ein Gedicht, ein Gemälde, einen Triumph, dazu geeignet, Freudentränen in die Augen eines jeden Feinschmeckers zu treiben. Monsieur war zufrieden, seine Nerven waren ruhig.
Der Mittwoch aber war von Anbeginn an eine Katastrophe. Es regnete ununterbrochen, alles war ein einziges Grau in Grau. Die Mohrrüben in Les Halles waren schlaff, das Kalbfleisch zu alt oder zu frisch, die Seezungen – nun ja. Von den fünfhundert, die in die Hand genommen, beschnuppert und beäugt wurden, besaß nicht eine einzige die richtige Farbe, den richtigen Geruch, die richtige Konsistenz. Ein Komplott olympischen Ausmaßes war im Gange. Die Götter hatten sich gegen M. Amité verschworen.
Seine Ruhe war dahin. In seiner Nervosität beleidigte er Madames Mutter, zerstritt sich mit Madame, beschimpfte seine Tochter und verfluchte seine Söhne. Und als sei das alles noch nicht genug, trat er dem Kater auf den Schwanz, und als Apollo kreischte, versetzte M. Amité (wie soll ich es bloß ausdrücken?) versetzte M. Amité ihm einen Tritt, ja, richtig, einen Tritt.
Apollo schrie auf. Dann bedachte er seinen vormaligen Freund mit einem langen Blick, verzog das Gesicht zu einem Hohnlächeln und stolzierte aus der Küche, aus dem Restaurant, aus dem Liebenswürdigen Floh. Zuletzt erblickt wurde er auf dem Weg zu einer Gasse, in der er nicht nur Freunde, sondern auch Nachkommen sein eigen nannte.
Und da stand M. Amité nun am Morgen des Tages, der sein Glückstag werden sollte. Er hatte sich sein eigenes Gethsemane geschaffen. Dass sein häusliches Leben in Trümmern lag, hätte er vielleicht noch verkraften können, nicht jedoch, dass sein Vertrauter nicht mehr da war. Die Küche füllte sich mit harschen Echos, Töpfe und Pfannen klapperten in metallischem Zorn. M. Amités Stimme fand auf dem hohen Hocker keinen pelzigen Zuhörer. Apollo war weg, M. Amité war ein Wrack. Seine sonst so ruhige Hand zitterte, seine majestätische Gelassenheit lag in Scherben, sein Gespür dafür, was, wann und in welchen Mengen vonnöten war, war erschüttert, seine Geschmacksknospen taub, auf seinen Geruchssinn war kein Verlass mehr. Den Tränen nahe bereitete er das Mahl zu, das er so sorgfältig geplant hatte.
Der Regen troff, Madames Mutter keifte, Madame schwieg wie ein mürrischer Kartoffelkloß, und durch die Wände drang Angels Schluchzen.
Der Michelin-Mann kostete und war viel zu höflich, um die Teller von sich zu schieben. Aber als M. Amité aus der Küche kam, gab es keine Umarmungen, keine leuchtenden Augen, keine der kleinen Gesten von Fingern in der Luft, mit denen wir Vorzüglichkeit ausdrücken, die über Worte hinausgeht. Stattdessen war der Blick des Feinschmeckers verhangen, seine Höflichkeit eisig. Er verneigte sich, hüllte sich in seinen Mantel und trat in den strömenden Regen hinaus, um einer weiteren Verpflichtung nachzukommen.
In seiner Küche legte M. Amité den Kopf aufs Hackbrett und weinte.
Allmählich trat Zorn an die Stelle des Kummers, Zorn auf sich selbst: »Nur ein Unmensch«, sagte er laut, »würde seinem Freund einen Tritt versetzen. Nicht eines der wilden Tiere auf dem Felde würde sich ein solches Verbrechen zuschulden kommen lassen.«
Manchmal wirkt Verzweiflung wie Medizin. Nach einer Weile hob M. Amité den Kopf, sein Kinn zitterte nicht mehr. »Wahrscheinlich ist Apollo völlig durchnässt und todunglücklich«, dachte er. »Mag sein, dass es mir niemals gelingen wird, seine Freundschaft zurückzugewinnen, aber vielleicht kann er mir zumindest verzeihen.«
Und M. Amité machte sich daran, ein Gericht zuzubereiten, das eines Apollo würdig war.
Er rief sich in Erinnerung, welche Soßen an seinem Mittelfinger dem Kater besonders gemundet hatten. Seine Hand war wieder ruhig, seine Instinkte hellwach. Als er kostete, wusste er, dass seine Komposition ein Erfolg war und nur ein Kater auf dem besten Weg ins Irrenhaus diesem Gericht widerstehen konnte. Ganz zum Schluss fügte er noch eine weitere Zutat hinzu, fast einen Zauber, um seinen Freund zurückzugewinnen.
Das Gericht kam in den Herd und leicht gebräunt und duftend wie der Odem von Göttinnen wieder zum Vorschein. Mit großer Sorgfalt füllte M. Amité Apollos Napf und trat ohne Mantel in den Regen hinaus, um seinen Liebling zu suchen.
Der Olymp ist nicht gegen Mitleid gefeit. Die Musen können vergeben und vergessen. Waren sie boshaft und grausam, können sie gelegentlich auch Wiedergutmachung leisten. Falls Sie das nicht glauben, wie wollen Sie sich dann die folgenden Ereignisse erklären? Als der Michelin-Mann den Liebenswürdigen Floh verlassen hatte, bog er...




