E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Bachmann Der letzte Aufruf
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-4448-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
2. Auflage
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-7427-4448-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meinolf Bachmann ist Autor von spannenden psychologischen Romanen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Abseits des Weges
Bei seiner unnachahmlichen Art, nicht zu antworten, hm, äh, abweisender Blick, gab sie es auf, ihn danach zu fragen, wo er hinführe, ob er ihr vielleicht etwas aus der Stadt mitbringen könne. Sein ganz normales Verhalten, keine Rechenschaft abzulegen, sich nicht übermäßig kontrollieren zu lassen. Oder war das doch abweisender geworden, sogar unhöflich, nicht mehr zu tolerieren. Aber auch auf Fragen der Kinder reagierte er manchmal wortkarg, so schlimm war es vielleicht nicht, drückte Antworten in einsilbige Laute aus, piepste, grunzte, belustigte sie damit. War das miteinander zu vergleichen? Also nichts Besonderes, als er sich dann, wie meistens bei halbwegs erträglichem Wetter, mit dem Fahrrad aufmachte, in das nahegelegene Stadtzentrum fuhr oder ganz nach Lust und Laune, einen Weg durch die am Stadtrand gelegenen Felder und Wiesen einschlug. An Sonn- und Feiertagen genehmigte er sich schon mal beides, leistet sich einen größeren Bogen, was dann gut zwei bis drei Stunden dauern konnte. Nur selten gab es schon von Anfang an ein festes Ziel für seine Fahrten, war was in der Buchhandlung, Bücherei oder ein Einkauf zu erledigen, verstand die Fahrten viel mehr als sportliche Betätigung, Entspannung und Luftschnappen von seinem Job, bei dem er größtenteils am Schreibtisch saß, sich in geschlossenen Räumen aufhalten musste und ließ sich in dieser freien Zeit nicht gerne zusätzliche Pflichten auferlegen, die wiederum seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt hätten. Oder war doch etwas anders, wurden seine Bögen größer, veränderten sich seine Gedanken, seine Aufmerksamkeit. Hatte er sich je näher für die Landschaft interessiert, wurde es später, erfand er Ausreden, belastet ihn nicht doch das Gewissen, suchten seine Blicke nach anderem, was sich mit der jetzigen Lebensweise nicht vertrug, alles sprengen konnte was im viel Wert war? Er erinnerte sich an die Diskussion zu Beginn eines Krimis beim Fernsehen: „Das ist doch total langweilig, wie das schon anfängt.“
„Warte nur ab, ich kenne das, meist wird es dann ganz schlimm – wenn es so anfängt.“
Tatsächlich war es dann ein „reines Abschlachten“, kaum mehr zu ertragen und er hätte beinahe gebeten, doch umzuschalten. Warum fiel ihm öfter diese Geschichte ein, beunruhigte ihn, so dass er seinen Weg doch manchmal abkürzte?
Karg wie ihre Böden und Landschaft waren die Menschen. Die harte Arbeit beugte früh ihre Rücken und bevor die Maschinen Einzug hielten, mussten die Kinder früh mit anfassen, für Mägde oder Knechte reichte es bei vielen nicht. Überflüssige Mäuler verließen bald das Haus, mussten sich schon früh als halbe Kinder für geringen Lohn oder nur Kost und Loggia anderswo verdingen, litten nicht selten unter der allzu zeitig erzwungenen Selbständigkeit, hatten Geborgenheit selbst nicht erlebt, konnten sie nicht weitergeben.
Vom Munde sparten sie sich den ersten Fortschritt ab, holten mit den neuen Maschinen und landwirtschaftlichen Hilfen das Letzte aus ihren Böden heraus, arbeiteten bis zum Umfallen.
Erst mal den richtigen Gang finden, zu groß ist inzwischen die Auswahl. Etwas rauf, runter, sind die Reifen zu schlapp, kommt der Wind von vorne, warum geht das heute schwerer oder sind die Muskeln schlaff, vom vielen Sitzen? Noch etwas runter mit der Übersetzung, langsam warm werden, so geht es. Ein gutes Radwegenetz zieht sich durch die Stadt, rot gefärbt sind die Überwege an den Kreuzungen, gegen rote Ziegel ausgetauscht sind die früheren grauen Platten auf den Gehwegen.
Mit der zunehmenden Wärme der Muskeln veränderte sich die Stimmung, sah man manches nicht mehr so eng, lösten sich Grübeleien auf. Warum hatte gerade er diese oder jene Arbeit machen müssen, warum mischte sich da jemand ein, konnte alles wieder nicht schnell genug gehen, drohte ein Auftrag ein Termin zu platzen und nicht mehr gefallen lassen, sich wehren, es denen zeigen, so nicht, waren die ersten Gedanken - war es doch nur das alltägliche Einerlei, musste einem nur erst wieder einfallen - nichts Besonderes, keine Katastrophe, nur der normale Existenzkampf. So sortierte er aus, bewertete neu. Wo musste tatsächlich Widerstand geleistet werden und in welcher Form, keine Überreaktion, aber das meiste konnte man ablegen, war es nicht wert, sich weiter Gedanken darüber zu machen.
Einen besseren Ort als das Fahrrad kannte er nicht, sich hier Klarheit, Entspannung zu verschaffen.
Auf dem Bürgersteig meditierte wieder die alte Türkin, im Schneidersitz hockte sie da auf der Erde, sah nicht die alten verbeulten Autos, das schäbige verlassene Fabrikgebäude, in der die Familie lebte, sah nur nach innen. Merkte nicht die Abgase, den Lärm, den Staub der Straße - wie eine Statur saß sie da, fast unwirklich, sah vielleicht grüne sanfte Hügel, ein schönes aber kärgliches Land, das die Menschen nicht ernähren wollte, alte wunderschöne Walnussbäume - vor ihrem inneren Auge, sah sie dies, nur das konnte noch weinen.
Zu den Stadtfahrten gehörte, in dieses oder jenes Schaufenster hineinsehen, kurz zu einem Stehkaffee anhalten, so entwickelte sich häufig erst während der Fahrt die genaue Route.
Hier in der Nebenstraße war weniger renoviert, die Schaufenster noch nicht bis zum Boden vergrößert, graue, weniger aufgetakelte Fassaden, Eingänge. Als wären nicht fast zwanzig Jahre vergangen, wirkte alles in der Gastwirtschaft noch so vertraut, dunkel, heimelig, kaum Licht drang durch die Schmalen Sprossenfenster , wie früher. Eine schmucklose Einrichtung, einfache dunkelbraune, durch den Laufe der Zeit und vorn Tabaksqualm fast schwarz gewordene Holztische, klobige Stühle, Ausgetretener Steinfußboden, richtige Furchen hatten sich an den viel begangenen Stellen eingegraben. Nach einigem Zögern setzte er sich an die Theke, ungewohnt war der Sitz auf dem abgewetzten Hocker, unsicher schlenkerte er mit den Beinen hin und her, hatte sich früher häufig da hinten an dem großen Tisch in der Ecke mit anderen getroffen, aber alleine wollte er sich dort nicht hinsetzen. Fing an, seinen Entschluss zu bereuen, Schnapsidee, was sollte er hier.
Hatte er etwa erwartet, hier noch jemanden zu treffen? Nur ein weiterer Gast saß dort, und er war froh, dass er sofort seine Bestellung aufgeben konnte. "Eine Tasse Kaffee."
Nein, nur Kännchen gab es. "Ja, dann bitte ein Kännchen", oh je. Nein das war nicht der frühere Wirt, der hier konnte sich mit seinem Leibesumfang kaum hinterm Tresen bewegen und überwiegend hatte damals eine Frau hier bedient.
Unmöglich, hier nicht an alte Zeiten zu denken, die viel geplagten Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Neuer Slogan aus Amerika dazu: "Let the sixties dy", was so viel hieß wie, lass die sechziger Jahre sterben, wir wollen davon nichts mehr hören, von diesen Heldentaten. Noch ziemlich jung war er, aber vielleicht hatte sich die Ereignisse dieser Jahre gerade deshalb so tief eingeprägt. Dies war ein besonderer Treffpunkt für Schüler und Studenten, die sich mit viel Engagement die Köpfe heiß redeten und so manch einen halben Liter dazu tranken. Beliebt waren die kalten Frikadellen, davon war nichts mehr zu sehen, höllisch scharfer Senf, ganz nach Bedürfnis ein Stück Weißbrot dazu und manch einer verpasste so den rechtzeitigen Heimweg. Einige begannen schon am frühen Tage mit der Weltverbesserung, andere kamen direkt nach der Schule, dem Besuch des Filmrings : Anti-Atom Film, der Versammlung für die Schaffung eines Jugendzentrums oder einfach so, Aufbruch selten vor Mitternacht und dann meistens noch die Frage, wo ist denn noch was los, auf irgendeiner Bude ging es weiter, wurde noch ein Schluck italienischer Landwein getrunken, diese großen Flaschen, warum nicht der Billigste, süßlich, höllisch unreines Zeug - arme Leber - wenn der Magen jetzt, nach den Bieren, Frikadellen mit dem scharfen Senf, Weißbrot, Rotwein, nicht ernsthaft rebellierte, den Körper wieder davon befreite und unvermeidlich die selbstgedrehten Zigaretten, nur einige .konnten das mit der bloßen Hand. Bei den anderen halfen die kleinen zigarettengroßen Geräte, in die man möglichst gleichmäßig den Tabak stopfte und das Papier hineinsteckte, anlecken nur noch drehen und ein bisschen Tabak wurde dabei immer auf den Matratzen verkrümelt, die schon aus Prinzip auf der Erde lagen: "Verdammt, wie soll ich da heute Nacht schlafen, passt doch mal auf und jetzt noch den Wein umgekippt?" Wenn es irgendwie finanziell hinhaute, wurde möglichst früh eine eigenes Zimmer genommen, der eigene Herr sein, keiner sollte einem mehr dreinreden, das war wichtig.
Die Lehrer hatte man schon im Griff, die trauten sich nicht mehr so streng zu sein, richtig büffeln war out, sportliche Betätigung sogar verdächtig - sah nach Streber, zu angepasst aus.
Wozu das denn gut sein sollte, mit Fragen nach der Anwendung für die Praxis, begannen die meisten Debatten und die Antworten ausnahmslos hilflos, die wussten keine größeren Zusammenhänge herzustellen, die Formel war eben die Formel. Aus Amerika kam der eine, sollte in Forschungsvorhaben für den Vietnamkrieg verstrickt gewesen sein, geriet schwer in Bedrängnis und immer mehr setzten sich auf seine Fährte. Hatte angeblich nur Grundlagenforschung betrieben, fühlte sich völlig unschuldig. Die Aufsässigkeit sei eine Folge der nach wie vor zu autoritären Gesellschaft, Erziehung, sagte gerade der, hätte eine zu geringe oder zu starke Identifikation mit den sozialen Normen zur Folge. Keine Ausflüchte halfen ihm, die Fragen wurden drängender und die Versammlungen größer, in denen er sich rechtfertigen sollte. Dubiose Vorlesungstechniken wurden aufgedeckt, hatte angeblich Seiten aus einem Buch her- ausgerissen, auf neutrales Papier...




