E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Bachleitner Nachlass bei Lebzeiten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-1988-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein letales Rhizom II
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-7460-1988-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit dem Studium von Germanistik, Linguistik und Philosophie literarische, essayistische und journalistische Arbeiten, parallel zur Berufsausübung als Musiker. Im November 2016 wurde ihm der Dominante-Literaturpreis verliehen.
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Spaziergang
Am Spätnachmittag noch entschloß er sich, einen Spaziergang zu machen. Es war ihm, als versäume er etwas, wenn er sich heute mit seinem vertrauten Gehäuse zufrieden gegeben hätte. Daß es zufällig Sonntag war, war ihm dabei gleichgültig und hätte ihn eher gehindert, denn er haßte die beflissenen Sonntagsspaziergänge, wie sie meist von mittleren Ehepaaren zum Leidwesen ihrer Kinder unternommen wurde, denen altersgemäß das Verständnis für die Natur fehlte, während sich die Eltern unbekümmert über die Wünsche der Kinder hinwegsetzen. Beide Beteiligten taten ihm leid, und weil ihn diese zur Schau gestellte Beschaulichkeit zu sehr an seine eigene Kindheit erinnerte, ging er ihren Heerstraßen aus dem Wege. Er kannte Pfade genug, um ohne lästige Begegnung in die Natur vorzudringen. Im übrigen war es für einen Spaziergang eine ungewöhnlich späte Zeit. Es hatte auch vor wenigen Minuten erst geregnet, und der Himmel schichtete gewaltige, dunkle Wände und Gebirge auf einander, die jeden Augenblick sich zu einem neuen Schauer verflüssigen konnten. Ihn kümmerte das nicht; ja es schien, als wolle er sein Glück herausfordern.
Das Verlangen nach Luft und uneingegrenzter Weite trieb ihn hinaus. Er brauchte den Raum, den großen, belebten, fernen, nur immer an einer Stelle nahbaren Raum. Er hatte sein Lebtag die meiste Zeit in Gebäuden verbracht, und hin und wieder verdichteten sich ihm die Mauern seiner Wohnung zu drohenden Fliegenklappen, vor denen er nur weglaufen konnte. Erst vor der Stadt, ihre adrett einförmigen Zweifamilienhäuser hinter sich, atmete er anders. Vielleicht gab er sich einer Illusion hin, wenn er die Landschaft für ein freies Feld hielt; der Bauer, der die Erde bearbeitete, sah es mit den Augen seines Berufs: als Tagewerk, und in den Papieren der mächtigen Behörden, die die Verwendung des Landes kontrollierten, erschien es möglicherweise schon als Bauerwartungsland, dem Hunger der Stadt zum Fraß ausgelegt. Diese amtliche Betrachtung hielt er für zynisch, und er schreckte vor ihr zurück, weil er wohl insgeheim wußte, daß sie den gleichen Anspruch auf Gültigkeit erhob wie seine private. Seine Landschaft würde mit ihm sterben. Wieviele Landschaften waren schon tot, bevor jemand sie sich zu entdecken vermocht hatte?
Er brauchte das Land und seine Weite, weil er alt war. Wie alt, konnte er nicht genau angeben, denn die Zahl der Jahre sagte hierüber, wie er sich eingestand, so gut wie nichts aus. Er rechnete sein Alter nach Zahl und Wichtigkeit seiner Gedanken, die im Laufe des Lebens zu ihm gekommen waren, ohne daß es ihm freilich gelungen wäre, ein zuverlässiges und verbindliches Maß dafür anzugeben. So war er sich im Unklaren, ob er es auf einige Millionen Gedanken (und diese ansprechende Wörter) gebracht hatte, oder nur auf einige Tausend, oder auf einige Dutzend, ob er überhaupt je einen Gedanken hervorgebracht hatte. Vielleicht wäre es eine Gnade, wenn der Mensch einen wirklichen Gedanken schaffen könnte oder die Sprache einmal wenigstens auszuschöpfen vermöchte. Ist dieser Gedanke, der erste, dann nicht der einzig mögliche und der letzte, und muß er nicht tödlich sein? Oder ist der Tod selbst jener letzte Gedanke, den der Mensch immer vergeblich zu denken versucht hat? Bis er ihm begegnet und er ihn wie selbstverständlich denkt.
Er hatte zwar versucht, diesem Gedanken beizukommen und sich eine Vorstellung von ihm zu machen, aber weil er nicht wußte, wie er aussehe, konnte er nicht beurteilen, wie weit ihm die Annäherung an ihn gelungen war. Immerhin war er sich bewußt, einen alten, hinfälligen Leib zu haben, der dem Tode nicht mehr all zu viel Widerstand würde leisten können, und einen Kopf, in dem alle wesentlichen Gedanken, die er zu finden vermochte hatte, gedacht waren und der darum leer war und auf den letzten Gedanken wartete. Die Projektion von Zeit, die er früher im Vertrauen auf seine Gesundheit und die Wahrscheinlichkeit der Welt vor sich entworfen hatte, war aufgezehrt und in Geschehnisse verwandelt, die jetzt, lange danach, selbst in seiner Erinnerung, ebenso unwirklich und ihm unzugehörig geworden waren wie die Entwürfe und Träume, Hoffnungen und Täuschungen, denen er sie seiner Zeit verdankt hatte.
Er war durch sein Leben gegangen, indem er, was vor ihm zu liegen schien, umschichtete und hinter sich brachte, so daß die vor ihm liegende Zeit immer weniger und die verbrauchte Zeit immer mehr wurde. Insgesamt blieb das Gleichgewicht, die Summe erhalten, und nachdem das Spiel einmal ganz durchgespielt war, war es genug, und der Spieler, der es in der Bewegung gehalten hatte, wurde wie ein Unbeteiligter entfernt. Er hatte, als er zu leben anfing, etwas Bleibendes zu erreichen oder erhalten gehofft, doch mußte er erkennen, daß Durchgang alles war, was ihm gegeben sei. Die versprochen geglaubte Einheit fand sich nicht, statt dessen sah er sich getrieben, ihr durch die Zeit, in der Zeit nachzulaufen, und er ging den Weg, an dessen Beginn er nur vorwärts, und an dessen Ende er nur rückwärts schauen konnte. Jetzt stand er an dieser Rückprojektion und versuchte, die verfallene Zeit durch den Raum zu ersetzen. Kein realer Raum war ihm groß genug, sein Bewußtsein brauchte einen Überraum und schuf sich ihn.
Er bemerkte kaum, daß der Horizont, weil der Weg einen Hügel hinaufführte, nicht sehr weit von ihm entfernt war und auch die zahlreichen Wolken recht tief herabhingen, so daß sie das Himmelsgewölbe fühlbar eingrenzten. Ihm schien der ansteigende Weg, gerade weil der kurze Horizont jeden gewohnten beschränkenden Hintergrund ausschloß, aus dem Unendlichen zu kommen. Zu beiden Seiten fiel die Höhe rasch ab und eröffnete den Blick auf weitere Hügel und Hügelketten, die man sich leicht ohne Ende fortgesetzt denken konnte. Das teerschwarze Band der Straße, die er beging, war er selbst; die Landschaft bestand nur aus der Straße und einem unermeßlich weiten, unerreichbar fernen Etwas außerhalb ihrer, dessen Gestalt beinahe völlig nebensächlich war.
Die vielfältige Gliederung des Himmels ließ der Phantasie freien Lauf und ermunterte, mit den riesigen dort geschichteten Räumen wie mit einem Riesenspielzeug zu spielen. In der Nähe wuchs eine wuchtige, blaugraue Wolkenwand empor, die in ihrem oberen Teil ein Loch enthielt, durch das lichtblau und von Sonne beschienen ein anderer Raum sichtbar wurde. Von der Wand aus erstreckte sich ein flacher, weißgrauer Raum seitlich bis nahe an den Horizont. Dort in der Ferne ballten sich wiederum dunkle Bäusche und zogen feine Schleier auf die Erde, eine virtuelle Galerie der Berührung. Jenseits davon begann von neuem ein Raum aus Blau und Licht, und wenn man seiner habhaft hätte werden können, wären darin großartige Bauten aufführbar gewesen. Über das alles sah er hinaus, ordnete es nach seinem Willen in seinem Bewußtsein und fügte ihm die Projektion der Unendlichkeit hinzu. Nichts als heimatliche Leere um sich wanderte er durch die Landschaft.
Nach einiger Zeit hatte er das Ende der Steigung erreicht, die in ein Plateau überging, an dessen anderem Ende der Wald begann. Er kam an einem wie verloren stehenden, nicht großen Baum vorbei, der seine kahlen, schwarzen Äste scharf umrissen gegen den zartfarbenen Himmel richtete. Er glaubte, ein düsteres, einstiger Zeit bereitetes Grabmal vor sich zu sehen; das Gegenlicht rückte den Tod vor eine wehmütige und sehnsuchtsvolle Ferne, die alles, nur den Tod nicht kennt. Der Tod machte keine Illusionen, schmeichelte nicht, aber zusammen mit dem, was er nicht war, sah er beinahe schön aus, und eine Regung, die nicht über den Gefühlen von Freude und Schmerz gestanden hätte, wäre ihm hier nicht gerecht geworden.
Der alte Mann verließ den seltenen Anblick wider Erwarten leicht, so, als wisse er, daß er heute noch viel zu sehen bekommen werde, oder, als sei er so reich, daß er auch besondere Augenblicke leicht verschenken könne. Er wußte, daß es kein Verweilen gab, geben konnte, und daß ihm der Schmerz, ein schönes Bild zu verlassen, die versagte Freude, es je wieder zu sehen, ersetzen mußte. Die toten Felder des Winters begleiteten ihn bis zum Gehölz.
Er betrat eine dunkle Säulenhalle, die stechend grün aus einem schattenbraunen Boden wuchs, welcher den vormals auf den Steinen noch hörbaren Schritt bis zur Geräuschlosigkeit dämpfte. schien diese Stille sagen zu wollen. Sein Ohr unterschied aber bald in der vermeintlichen Stille eine Vielzahl von Geräuschen, harmonische Obertöne der Ruhe. Er hatte im Wald nicht mehr die Weite des Himmels und brauchte sie auch nicht, weil er sie inzwischen mit sich trug. Der Wald schien ihm das schönste Bauwerk, das die belebte Natur auf dem Erdboden zu schaffen im Stande gewesen war; den Bäumen begegnete er als verwandten Geschöpfen - die meisten von ihnen waren mindestens ebenso alt wie er selbst. Er bewunderte ihren Bau, der Größe und Stabilität mühelos vereinigte. Seit langem war er mit ihnen vertraut.
Nachdem er die Eingangspforten hinter sich gelassen hatte,...




