Bachleitner | Nachlass bei Lebzeiten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Bachleitner Nachlass bei Lebzeiten

Ein letales Rhizom 1
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-2163-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein letales Rhizom 1

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7431-2163-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



- Ein gebildeter, aber sozial ausgegrenzter jüngerer Bruder von H. C. Andersen, - ein Dorian Gray, dessen Traum von der ewigen jugendlichen Schönheit nochmals anders als bei O. Wilde enttäuscht wird, - ein künstlerisch hochbegabter weißer Rabe, der seinen Entdecker nicht nur zum Staunen bringt, - und eine makabre Kontrafaktur auf Kafkas bereits ausreichend makabre "Strafkolonie", auch als "komponierte Interpretation" seines "Prozess"-Romans zu lesen, dies sind Personen und Schauplätze der hier versammelten Erzählungen, die auf formal zuweilen ungewohnten Wegen ihre letale Erfüllung finden.

Seit dem Studium von Germanistik, Linguistik und Philosophie. Literarische, essayistische und journalistische Arbeiten, parallel zur Berufsausübung als Musiker.
Bachleitner Nachlass bei Lebzeiten jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Ein anderes Andersen-Märchen


Hans Christian Andersen hatte einen jüngeren Bruder, Hans Parvus getauft. Er selbst deutete das H.P. jedoch gewöhnlich als Hans Pauper.

Hans Christian sperrte ihn in den Kleiderschrank ein und ließ ihn nur heraus, wenn sie beide unbeobachtet waren. So blieb der arme Mensch den Zeitgenossen und auch der forschenden Nachwelt verborgen. Daß der kleine Hans nicht am sozialen Leben teilnehmen konnte, führte freilich zu immer wiederkehrenden Streitgesprächen.

"Es ist schlimm genug, daß ich meine Visage mit dir teilen muß," jammerte Parvus etwa, "und jeden Tag mein Spiegelbild leibhaftig vor Augen habe. Wie soll da etwas aus mir werden?"

"Ich muß mit oder trotz dieser Visage unter die Leute, mich beliebt machen und Geld verdienen, vergiß das nicht," wies ihn Hans Christian zurecht.

So übte der Dichter zwar Macht über seinen Bruder aus, doch half ihm das in seinen eigenen Angelegenheiten trotzdem nicht.

Als Hans Christian wieder einmal sein trauriges Dasein beklagte, das auch seinen Märchen oft einen traurigen Ton verleihe, schlug der kleine Hans zurück.

"Weshalb beklagst du dich, daß dir keine Frau zu willen sei? Du vermerkst doch jeden Geschlechtsakt rot in deiner Kladde?"

Hans Christian: "Das will nichts heißen. Es sind vorgestellte Geschlechtsakte," gestand Hans Christian seufzend zu, "und vielleicht nicht einmal das. Ein Organ will sich betätigen - oder betätigt werden -, doch wie unendlich weit ist der Weg von einem solchen Gefühl zu einer ausgearbeiteten Choreographie mit einem anderen, fremden Wesen eigenen Rechts! Ich muß mir auch die Liebe erdichten."

"Oder aus den Fingern saugen," vergröberte HP patzig diese Selbstdarstellung.

"In meinem Bildungsgang war nicht vorgesehen, Liebe zu erlernen," "Deshalb hast du einschlägige Studienreisen nach Paris unternommen, weg vom prüden, protestantischen Kopenhagen in den Sündenpfuhl der Liebe."

"Immerhin gehört dies auch zum bürgerlichen Habitus. Ich folgte nur den Konventionen meines Standes."

"Du bist ein larmoyantes Glückskind des Schicksals, Hans Christian, denn du hast es wenigstens versuchen können und die Gelegenheit aufgesucht. Bei mir ist überhaupt nicht abzusehen, wie ich auch nur zu einem Geschlechtsakt gegen Entgelt kommen könnte, geschweige, daß sich mir ein anderer Mensch von sich aus zuwenden möchte."

"Ach HP, Du baust Dir unnötige Hürden auf. Das ist schließlich nur ein Geschäftsakt. Nachdem du mit einer von ihnen handelseinig geworden bist, sorgt sie schon für den Rest."

"Aber warum markierst du jeden mit einem Kreuz im Kalender, wenn der Erfolg schon garantiert ist?"

"Ich trage im Haushaltsbuch ja auch die größeren Einkäufe ein."

"Aber Hans Christian, du kannst in diesen fremden Kammern doch nicht wirklich das finden, was sich deine Fantasie vorstellt. In Wirklichkeit bist du schwul, weil du ja erst einmal deinen eigenen Körper erwerben müßtest, ehe du ihn gegenüber dem anderen Geschlecht einsetzen könntest, und das lernt sich nur mit einem gleichartigen."

Hans Christian war leicht zusammengezuckt, was Parvus nicht entging und ihm signalisierte, daß sich sein Bruder durchschaut fühlte. Anmerken ließ er sich jedoch nichts, sondern griff mit dem Werkzeug seiner Einbildungskraft seinem tatsächlichen Leben weit voraus.

"Armer HP. Es ist ein wunderlich Ding um die Liebe. Wirklich sind nur die Eltern-, Geschwister-, Gottesliebe, vielleicht auch, wie nach uns ein Philosoph sagen wird: die Fernstenliebe. Die erotische Liebe ist ein Popanz. Er wird um so größer, je weiter man von ihm entfernt ist. Je näher man ihm kommt, desto geringer wird er, und wenn man vor ihm steht, erkennt man ihn kaum noch, so unscheinbar ist er geworden, so gewöhnlich wie ein Pflasterstein in der Straße oder ein Grashalm auf der Wiese."

"Um so schlimmer, Hans Christian. Dann leide ich Phantomschmerzen um ein Phantomglück."

"Es ist kein Glück, sondern Vollzug der Zugehörigkeit."

"Es ist immerhin jenes Glück, um dessentwillen Engel und Meerjungfrauen auf ihre Unsterblichkeit verzichten."

"Das bilden sich die Menschen ein. Sie mußten ja der Vertreibung aus dem Paradies auch etwas abgewinnen. Wie du dich erinnerst, datiert die Fleischeslust erst seitdem. Man will Proselyten machen."

"Auf mich sind sie dabei aber nicht gestoßen."

"Du bist ja auch kein Engel, HP."

"Mein Heiligenschein erdrückt mich. Siehst du nicht das goldene Wagenrad über meinem Haupte?" Parvus machte eine übertriebene Armbewegung, die Hans Christian belustigte.

"Wenn ich boshaft wäre," erwiderte er amüsiert, "könnte ich dich auf mein Märchen über den Engel verweisen. Dort finden das tote Mädchen und der tote Knabe tatsächlich zusammen, wenngleich erst im Himmel. Und nicht die Meerjungfrau ist unsterblich, sondern die Menschen haben eine unsterbliche Seele."

"Ja, was für ein Hohn. Und noch ein Phantom. Wenn ich ebenfalls boshaft wäre, würde ich aus der Bibel zitieren, oder vielmehr dem Symbolum Nicaeum: Et incarnatus est, auch er hat Fleisch angenommen, wollte leibhaftig lebendig sein."

"Na, was aber auch für ein Fleisch: de Spiritu Sancto. Es ist übrigens nicht überliefert, daß er Sex gehabt hätte."

"Kazantzakis hat es behauptet (oder vielmehr: wird es behauptet haben)."

"Der hat wohl auch mit übersetzt."

"Sei nicht albern, Hans Christian, als Grieche war er für die Vulgata nicht zuständig. Aber er fand das Interesse für Maria Magdalena etwas auffällig."

H.C. war seinem Bruder etwas unterlegen, was Bildung anging. Kein Wunder, denn während HP immerzu lesen konnte, mußte Hans Christian seinen Trieben nachgehen und an seinem Ruhme arbeiten. Allerdings lernte er viele Leute kennen und machte auch genügend menschliche Erfahrungen, daß er nicht nur seine Literatur damit speisen konnte, sondern seinem verkümmerten Bruder Belehrungen erteilen konnte.

"Man bekommt nie die Konstellation, die einem die eigene Fantasie vorspiegelt. Das sind Fata Morganen, und dein Unglück ist, daß du daran festhältst." fuhr er bei nächster Gelegenheit, vor dem Spiegel des Kleiderschrankes stehend, fort, während HP zum Fenster hinaussah. Dieser drehte sich um und zeigte einen gequälten Gesichtsausdruck.

"Aber was habe ich davon, wenn ein Anderer als ich Anderes erlebt? Man kann eine Rolle spielen, gewiß, und als Autor kann man sich eine andere Welt ausdenken, aber man kann nicht als Anderer empfinden. Was nicht auf eigene Rechnung geht, geht mich nichts an."

"Und weil das so ist, lebst du im Wandschrank, HP."

"Nach uns wird einer eine verborgene Tür darin entdecken, und sie wird ins Königreich Narnia führen."

"Du bist gut unterrichtet, HP, aber dann weißt du auch, daß es dort keine Menschen mit Unterleib gibt. Ich kenne auch jemanden, der eine Kleiderpuppe in den Schrank stellen wird, die das einzige Wesen sein wird, an das er seine Gefühle richten kann."

"Weißt du, was? Ich bin die Kleiderpuppe. Ich bin aus Styropor, formstabil, geschmacksneutral, biologisch nicht abbaubar."

"Soll ich dir eine Styroporin besorgen (oder nennt man das Styroporeuse?), mit Loch. Es wird aber schrecklich quietschen."

"Wie kommt es, daß du in deinen Märchen herzzerreißendes Unglück schildern kannst und als Mensch einen so kranken Ehrgeiz entwickelst? Als ob ich dir im Wege stünde. Du könntest mich wenigstens bedauern, wie deine zahllosen armen und verwaisten Kinder."

"Das will ich auch stets, denn du bist ja mein armer Bruder, aber wie ich schon sagte: man bekommt nie die Konstellation, die einem die eigene Fantasie vorspiegelt. Ein Elend, das sich rhetorisch zu behaupten weiß, ist nicht mehr bedauernswert, sondern wird Gegenstand einer Auseinandersetzung. Was glaubst du, warum ich meine Erlebnisse in Paris suche? Natürlich, das Angebot ist unvergleichlich viel besser als in Kopenhagen."

"Und nicht auszudenken, wie schnell hier die Runde machen würde, welches Werkzeug du wie eingesetzt hast", warf HP hämisch ein.

"Vor allem aber," überging Hans Christian den Einwurf, "halte ich mich in einer Fremdsprache auf. Ich muß nicht verstehen, was die Dienstleisterinnen sagen, und alles, was sie mir sagen können, mag unwahr oder falsch verstanden sein. Meine Vorstellung wird so jedenfalls am wenigsten beeinträchtigt."

"Grauenhaft. Ich hasse dich und deinesgleichen. Du hast es dir eingerichtet, deine Bedürfnisse an das Marktangebot angepaßt. Ich aber bleibe stets ausgeschlossen."

"Eingeschlossen, um genau zu sein."

"Genau, und du bist noch egoistisch genug, als mein Totengräber aufzutreten. Warum erschlägst du mich nicht gleich ganz? Das wäre ehrlicher."

Hans Christian fand es an der Zeit, den aufgebrachten Bruder etwas zu beruhigen. "Ich behaupte ja nicht, daß ich mir auf meine Weise Liebe verschaffen kann. Aber zumindest bin ich unterwegs und kann - für großes Geld in Scheinen - wenigstens das Kleingeld der Liebe bekommen, ein offenes Ohr und ungeteilte,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.