E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Ays Der innere Schrei
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8670-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8670-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Ays ist Star Wars Fan und natürlich im Erscheinungsjahr von Episode IV (1977) geboren. Wann sonst? Er stammt aus Bad Säckingen, ist freier Autor und hat bislang vier Romane veröffentlicht. Neben seinem Erstling, der Coming-Out-Geschichte "Romeo & Julian", sowie deren Fortsetzung, sind auch die Familiengeschichten "Der innere Schrei" und "Ihr Versuch zu leben" erschienen. In seinen Werken begibt er sich auf die Suche nach Identität im Spannungsfeld einer strikt normativen Welt. Auf unterschiedlichste Art und Weise bewegt er sich in Themenfeldern, wie Sexualität, Familie, Gesellschaft und psychischer Gesundheit. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Thomas Ays über 15 Jahre filmjournalistisch tätig.
Autoren/Hrsg.
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1
Heiligabend, Gegenwart
Es war klirrend kalt, als Leo die Haustür zur Straße öffnete. Sofort bildeten sich Rauchwolken, als er ausatmete. Die Gegend, in der das Haus seiner Familie stand, war keine Besondere. Hier wohnten hart arbeitende und gut-verdienende Menschen, die größtenteils auch wirklich nett waren, was zahlreiche Garten- und Nachbarschafts-feste eindeutig belegten.
Zumindest war man hier in der Lage den Schein zu wahren und auf „liebevollen Umgang“ zu machen. Leo betrachtete oft von seinem Fenster im zweiten Stock aus die warm beleuchteten Räume der Nachbarhäuser, versuchte hineinzuspähen, was ihm auch oft gelang, und stellte sich insgeheim immer wieder abstruse Dinge vor, die sich hinter diesen Mauern abspielen könnten.
Swingerparties vielleicht?
Teufelsanbetungen?
Leos direkter Nachbar war ein Familienvater um die 30 mit wirklich sehr kleinen Kindern. Er arbeitete ziemlich oft in Nachtschichten und kam deshalb meistens dannnach Haus, wenn sich Leo entweder gerade für die Arbeit fertigmachte oder am Wochenende, wenn Leo von irgendwelchen Clubs nach Hause kam.
Morgens war es deshalb oft das gleiche Spiel. Gegen 6:20 Uhr ging der Fernseher an und irgendwelche vollbusigen Blondinen mit aufgespritzten Lippen taten Dinge mit haarigen Kerlen, die Leo eigentlich gar nicht sehen wollte. Es war ihm schleierhaft, wie sich der Typ jeden Morgen die gleichen Pornos reinziehen konnte, ohne dass es ihn abturnte.
Die Welt war ein Tollhaus.
Vor allem in der Kleinstadt.
***
Die Straße lag verlassen vor ihm. Statt dem erhofften Schnee fiel nur leichter Nieselregen an diesen Weihnachtstagen, der von den geschwungenen Dächern der Nachbarhäuser abprallte und in extra dafür vorgesehene Behälter prasselte.
Es war eine schöne Nacht.
Friedlich.
Ruhig.
Hinter den beleuchteten Fenstern feierten die Familien das Fest der Liebe, als Leo an ihnen vorbeiging. Weil Leos Mutter Amerikanerin war, zelebrierte seine Familie Weihnachten seit er auf der Welt war am 25. Dezember.
Alte Gewohnheiten ließen sich eben nur schwer ablegen.
Leo war froh, an Heiligabend das Haus verlassen zu können, um seine eigenen kleinen Päckchen zu öffnen. Seit Jahren schon ging er mehrmals im Monat in verschiedene Clubs seiner Heimatstadt, um sich etwas Spaß zu gönnen. Der Club, in den er wollte, hieß „Black Mamba“ und lag einige Kilometer entfernt in der anonymeren größeren Stadt. Hier wurde alles geboten, was Männer einer speziellen Klientel dringend benötigten. Verschiedene in unterschiedliche Neontöne getunkte Dancefloors mit vollkommen unterschiedlicher Musik, kleine Kämmerchen aus billigem Holz, hinter deren Wänden Gott weiß was ablief und natürlich die berühmten Darkrooms im Keller des Gebäudes.
Leo hasste Darkrooms.
Nicht zu wissen, wer ihn gerade berührte, war für ihn ein absolutes No-Go.
Nicht jedoch anonymer Sex, der keinerlei Verpflichtung bedeutete.
Vor dem neonbeleuchteten Eingang standen wie gewöhnlich die gleichen zwei Bodyguards, wie jeden Abend, an dem der Club geöffnet hatte. Trotz, oder gerade weil Weihnachten war, zogen sie auch heute Abend ihre fiesen und aufgesetzten Gesichter.
Boris, Typ Nummer Eins, nickte Leo kurz zu, versuchte ein Lächeln, das misslang, und trat einen Schritt zur Seite, um ihn hereinzulassen. Chris, Typ Nummer Zwei, strafte Leo mit Nichtbeachtung. Die Abfuhr vorein paar Wochen, als sich Chris offenbar endlich dazu hatte durchringen können, Leo anzubaggern, war an Leo gescheitert.
Unter seiner rauen Schale war er ja eine solche Queen!
Leo kümmerte es nicht. Er war in der Fleischwarenabteilung, wie er das „Black Mamba“ gerne nannte, angekommen und das Casting, wer es heute zum sexuellen Abenteuer mit ihm schaffen würde, war eröffnet.
Kaum hatte er sich seiner schwarzen Lederjacke und seines ebenso dunklen Schals entledigt, ging er zwei Stockwerke nach oben, auf dem der größte Floor lag und zog sich auch gleich an den Rand der Tanzfläche zurück, um die Lage zu sondieren. Im Moment schallte harte Housemusik aus den Boxen und die Typen um Leo herum tanzten sich die Seele aus dem Leib – wie auf dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ – nur schlimmer. Hinter ihm, durch Pflanzen und Geländer abgetrennt, lag eine Art Kuschelecke. Bequeme Sofas und rauchiges Licht sorgten für die passende Atmosphäre, um den Typen, die reden wollten, genügend Raum zu geben. Wirklich reden wollten hier jedoch die Wenigsten. Männer waren berechenbar und auch nach Jahrhunderten der Evolution nach wie vor ziemlich einfach gestrickt.
Leo teilte die Typen vor ihm gedanklich gerade in ABC-Grüppchen auf, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
„Hi!“, hauchte es ihm ins Ohr, so dass Leo Gänsehaut bekam. Er schüttelte die Hand ab und sah seinem kommenden Gesprächspartner in die grünen Augen. „Wie geht’s?“, fragte der Fremde weiter.
„Danke, gerade gings noch“, gab Leo zurück und drehte sich wieder in Richtung Tanzfläche. Mr. Erotic kümmerte die Abfuhr nicht und er fühlte sich wohl bemüßigt, die Eroberung weiter auszubauen. Er legte Leo erneut die Hand auf die Schulter und drehte ihn sanft zu sich um.
Leo verdrehte die Augen.
„Was darf ich für dich tun?“, fragte er entnervt.
Mr. Selbstvertrauen, nun von unbändigem Mut gepackt, kam näher, wohl in der Absicht, keine Worte mehr verschwenden und stattdessen durch Zungenakrobatik punkten zu können - sie hing ihm jedenfalls schon aus dem Mund und seine Augen waren bereits geschlossen. Leo war fast beeindruckt von so viel Mut. Seine Hand schoss nach vorne auf dessen Brust und schob ihn so sanft es Leo möglich war mit einem leichten Ruck in die Richtung, aus der er kam.
Als der leicht irritiert die Augen öffnete und Leo verwirrt musterte, raunte der nur ein „Ich bin nicht dein Typ.“, und drehte sich erneut zu den Jungs auf der Fläche. Dies hatte der Fremde nun offenbar verstanden – einen dritten Versuch gab es nicht.
Einige Stunden später musterte Leo noch immer die Meute im „Black Mamba“. Je später der Heilige Abend,desto mehr fremde, neue Kerle kamen in den Club und Leo legte sich noch immer nicht fest. Einige Typen hatten ihn bereits angesprochen, er hatte jedoch jedes Mal Abfuhren erteilt. Er brauchte den Sex nicht unbedingt. Wenn es sich ergab, schön. Falls nicht, und das kam hin und wieder vor, ging Leo auch schon mal ohne Abenteuer nach Hause.
Heute sollte jedoch keiner dieser Fehlschlagtage sein.
An der Bar angekommen, überlegte Leo bereits, ob er für heute aufgeben und in sein Bett verschwinden sollte, als sich ein Schatten über sein Gesicht legte – zumindest kam es ihm so vor. Neben ihm bestellte ein rotblonder, großer und offensichtlich extrem gut gebauter Kerl ein Bier und beachtete niemanden neben ihm. Da Leo nicht zu den Jungs gehörte, die Schüchternheit zu ihren positiven Eigenschaften zählten, drehte er sich ganz zu diesem Adonis um, nippte an seiner Cola und sah den Fremden mit einer Mischung aus Neugier, Interesse und Überlegenheit an.
Als der nicht reagieren wollte, fluchte Leo in Gedanken und trat einen Schritt auf ihn zu. Die Initiative zu ergreifen, gehörte nicht zu seinen Vorlieben. Was jedoch sein musste, musste sein.
„Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass du ein wundervolles Lächeln hast, würdest du denken, dass ich dich anmachen will“, begann er und der Fremde drehte sich ihm zu, sah Leo kurz erstaunt an und lächelte verwirrt, was Leo nur noch mehr überzeugte.
„Und damit hättest du recht. Hi, ich bin Leo.“
„Bastian“, gab Adonis zurück und bezahlte im Anschluss sein Bier. „Allein hier?“
„Allein allein, allein allein“, sang Leo zurück und grinste.
„Du Armer.“
„Aber echt. Ich Armer.“ Er zog die Unterlippe vor und setzte seinen berüchtigten Dackelblick auf. Bastian grinste wieder. Dieses Mal breiter, was Leo ungeheuer beflügelte.
„Leo? Steht das für Leopold?“, lächelte er Leo an.
Total komisch – ich habe einen Witzbold kennenge-lernt!, dachte Leo wenig begeistert und fühlte sich kurz darauf bemüßigt, dem Fremden seinen vollen Namen zu nennen „Leonard.“ Seine Mutter liebte Namen, die man abkürzen konnte.
„Verstehe. Auch schön. Wie alt bist du?“
Leo kam sich vor wie in einer schlechten Folge von Tatort, während eines besonders traumatischen Verhörs. „23“, war die schlichte Antwort.
„Ich bin 20“, informierte ihn Bastian.
„Eigentlich bin ich an deinem Alter nicht interessiert“, grinste Leo seine künftige Eroberung an.
„Ach, nein?“ Bastian schien nicht beleidigt zu sein. Ein weiteres, wegweisend gutes Zeichen. „An was bist du dann interessiert?“
Statt einer Antwort ließ Leo seinen Blick sanft an Sebastians Körper hinabgleiten.
„Verstehe.“ Bastian lehnte sich zu Leo herüber. „Du gehst ganz schön...




