E-Book, Deutsch, Band 10, 180 Seiten
Reihe: Drachenblut
Awert Tamalones Verrat
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95959-189-8
Verlag: Machandel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drachenblut 10
E-Book, Deutsch, Band 10, 180 Seiten
Reihe: Drachenblut
ISBN: 978-3-95959-189-8
Verlag: Machandel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ab wann Wolf Awert anfing, Geschichten zu schreiben, ist nicht überliefert. Erfunden und erzählt hat er sie, ab dem Zeitpunkt, an dem seine Erinnerung einsetzte. Vielleicht auch früher. Weggefährten berichten, dass er oft auf dem Weg zur Schule in ständige Selbstgespräche vertieft war. Später studierte er Geographie, Biologie, Geologie, Bodenkunde, Meterologie und Ethnologie, nicht alles mit Abschluss, und arbeitete danach als Umweltwissenschaftler an der Universität. Er schrieb wissenschaftliche Publikationen, Sachbücher und Lehrbücher, erfand Denkwerkzeuge und baute ein System für ein Ideenmanagement auf. Seine Berufstätigkeit führte ihn in viele Teile der Welt, wo er mehr als nur Konferenzsäle besuchte. In China bekam er 1980 zum ersten Mal Kontakt mit dem Qi Gong und Tai Chi Quan, das er heute ehrenamtlich lehrt. Für Fantasygeschichten sind es ideale Voraussetzungen, wenn man Waffen wie Schwert, Säbel, Lanze, Langstock und Fächer aus der eigenen Erfahrung kennt. Katana und Jo (Kurzstock) kamen aus dem Aikido dazu, Florett, Degen und Sportsäbel sorgten bereits zu Studentenzeiten für die Fitness. Heute führt Wolf Awert das geruhsame Leben eines Pensionär in der Eifel und schreibt nur noch Belletristik.
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Seele des Ausgleichs
Seele des Ausgleichs konnte auf ihrem Weg nach Neustadt der Versuchung nicht widerstehen, ihre alte Wirkungsstätte zu besuchen. So landete sie außerhalb der Bergarbeitersiedlung und legte die restliche Strecke zu Fuß zurück.
„Was willst du hier?“, blaffte der Aufpasser sie an. „Du bist nicht erwünscht.“
Seele des Ausgleichs starrte in die leicht verkniffenen Augen ihres ehemaligen Lebensgefährten.
„Vielleicht hat mich die Sehnsucht nach dir zurückgebracht. Oder es war der Wind des Zufalls, denn mein Auftrag hat nichts mit dir zu tun? Aber vielleicht möchtest du mir helfen. Um der alten Zeiten willen. Weißt du, ich kann mir meine Aufträge nicht immer aussuchen und muss auch mal etwas annehmen, für das ich dicke Handschuhe benötige.“
„Ich weiß, für wen du arbeitest. Er fordert viel, aber nie mehr, als seine Leute zu leisten in der Lage sind. Was sollst du für ihn herausfinden?“
„Mein Herr möchte wissen, warum der Krieg zwischen den Stadt- und den Waldelfen zu Ende gegangen ist.“
Der Aufpasser lachte laut auf. „Mein Herr! So hast du mich nie genannt. Ich muss wohl etwas falsch gemacht haben in unserer Beziehung.“
„Ich habe dich nie so genannt, weil du nie mein Herr gewesen bist.“
„Dann sag ihm, dass der Krieg zu Ende ist, weil die Soldaten und Stadtelfen abgezogen sind.“
„Ich denke, das weiß mein Herr schon.“
Der Aufpasser wurde wieder ernst. „Dann sag ihm, der ein guter Freund von mir ist, dass ich nicht mehr für ihn habe als das. Es sei denn, er wäre an Gerüchten und Redereien interessiert. Danach soll ein Drache Neustadt niedergebrannt haben. Doch das ist Unsinn, denn es wurden zwar etliche Leute verletzt, aber niemand getötet. Nur Barionstab ist verschwunden. Da seine Leiche nicht gefunden wurde, könnten wir annehmen, dass ihm die Flucht gelang. Doch teile ich diese Meinung nicht, weil Barionstab keiner war, der so einfach weglief. Und dann soll es noch eine Elfe gegeben haben, die die Soldaten nach Hause geschickt hat. Ich frage dich, was für eine Elfe das denn gewesen sein soll, die ihre Feinde einfach nach Hause schicken konnte, nachdem alle Waldelfen sich haben vertreiben lassen? Wahrscheinlich war alles ganz anders, einfach und harmlos. Jedenfalls zu Beginn. Jemand hat nicht aufgepasst und ein Feuer ausgelöst. Das Feuer ist dann von Haus zu Haus gesprungen. Oder jemand hat ein Feuer gelegt. Und Barionstab wurde entweder getötet und sein Leichnam versteckt, oder er wurde entführt. Dein Herr hat viel Geld verloren. Ist es das? Er hat sich immer viel Sorgen um sein Geld gemacht.“
„Ja, für ihn sind Geld und Gold immer sehr wichtig. Aber er spricht von einer Investition und versucht, nun sein Geld zu retten.“
„Dann ist er ein Dummkopf. Er hat Barionstabs Feldzug auf Bitten eines gemeinsamen Freundes hin finanziert. Ich habe ihm damals gesagt, dass er darauf bestehen soll, einen Teil der Befehlsgewalt zur Bedingung zu machen, aber ihm gefiel die Idee, ganz aus dem Hintergrund zu agieren und unsichtbar zu bleiben, besser. Mit Barionstabs Tod hat er alles verloren.“
„Was hätte er denn gewinnen können?“
„Das geht dich nichts an. Du würdest es auch nicht verstehen. War’s das?“
Seele des Ausgleichs nickte gleichmütig. Sie wusste, wann der Aufpasser bereit war zu sprechen und wann nicht. Jetzt tat sie so, als wenn das alles für sie persönlich ohne Bedeutung wäre. Dabei hatte sie mehr erfahren, als sie zu hoffen gewagt hatte. Und so fragte sie nur noch, wann der nächste Frachter vorbeikommen würde, der zu den Drachenbergen fuhr. Sie musste sich unbedingt ansehen, was von Neustadt übriggeblieben war. Und noch etwas spukte in ihrem Kopf herum. Wer war der gemeinsame Freund? Und womit sollte ihr Herr bezahlt werden, wenn es nicht einfach nur Kriegsbeute war? Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Also setzte sie sich einfach neben den Schienenstrang und wartete auf das Schwarze Biest.
Das Schwarze Biest kam, hielt bei der Mine, entlud einen Teil seiner Ladung und nahm Seele als einzigen Passagier auf. Anschließend fuhr es weiter in Richtung Drachenberge. Als Neustadt in Sichtweite kam und der Maschinenführer weder ein Signal gab, noch Anstalten machte, die Geschwindigkeit zu senken, sprang Seele des Ausgleichs ab. Ganz offensichtlich war Neustadt für die Besatzung des Transporters schon nicht mehr vorhanden. Wer von hier fortkommen wollte, musste sich wahrscheinlich auf die Schienen stellen und hoffen, wahrgenommen zu werden oder auf den fahrenden Zug aufspringen. Der Drachentochter war all das gleichgültig. Sie war nur gekommen, um sich umzusehen. Die paar Stunden restlichen Tageslichtes mussten dazu reichen. Ob sie dann blieb, um mit den Waldelfen zu sprechen, oder ob sie im Dunklen zurückfliegen würde, war noch offen.
Das Bild der zerstörten Stadt schlug jedem aufs Gemüt, dessen Herz nicht versteinert war. Die Ordnung der Stadt war immer noch gut zu erkennen, weil die Straßen und Gassen nahezu unverändert waren. Aber dort, wo vorher Häuser gestanden hatten, lagen nun verkohlte Balken in Haufen von Asche. Ein säuerlicher Geruch hing immer noch in der Luft. Nur an ganz wenigen Stellen entdeckte sie dunkel gefärbte Steine, die einmal als Fundament für irgendetwas gedient hatten. In dieser Verwüstung gab nur zwei Ausnahmen. Ein ausgebranntes Haus aus Stein, bei dem nur das Dach eingestürzt war, und ein kleiner Stall – oder was auch immer es einmal gewesen sein mochte. Steine waren im Waldland ein Luxus. Wer mochte auf die Idee gekommen sein, einen Stall aus Stein zu errichten, und wichtiger noch, warum?
Seele des Ausgleichs fand in dem Stall nichts, was ihr weiterhalf. Sie wunderte sich lediglich über den Schacht, der in den Boden gegraben worden war und nicht tiefer als eines Mannes Länge reichte. Wohin sollte der führen?
Sie hielt inne, schärfte ihre Sinne, suchte nach Spuren von Magie. Wenn es jemals etwas gegeben hatte, das magischen Ursprungs war, dann hatte der Wind es verweht. Es war sinnlos, hier weiterzusuchen. Sie wandte sich dem größeren Gebäude zu. Wahrscheinlich hatte hier Barionstab gewohnt.
Eine Bewegung in der Ruine ließ sie vorsichtig werden, aber es zeigte sich bald, dass dort jemand arbeitete, der sich um nichts weiter kümmerte. Er trug verbranntes Holz weg, überprüft, was man noch verwerten konnte und was nur noch für ein nächtliches Feuer dienen mochte. Sie trat näher.
Der Mann hatte sie längst bemerkt. Er reckte sich, stützte die Hände ins Kreuz, blickte einmal kurz zu ihr herüber und bückte sich erneut, um den nächsten Balken aus der Asche zu ziehen.
„Was ist hier passiert?“, fragte Seele des Ausgleichs.
Der Mann schaute sie etwas verärgert an. „Ich vermute mal, dass es hier gebrannt hat“, sagte er und kümmerte sich wieder um die Holzreste. Er warf einige kleinere Teile über die Reste der Hausmauer.
Der Mann sah aus wie eine Elfe, wenn man einmal davon aussah, dass seine Haut beinahe schwarz war. Aber das war Rußschmier, nicht seine natürliche Hautfarbe. Seine Elfenmagie war eingetrübt. Also keine Waldelfe, sondern ein Komposit.
„Gibt es noch eine Antwort, die ein wenig weiterführt? Sehr höflich bist du nicht gerade“
Der Mann richtete sich wieder auf, schenkte der Seele des Ausgleichs einen zweiten und auch noch einen dritten Blick.
„Ungefähr so höflich wie jemand, der fragt, ohne vorher zu sagen, wer sie ist. Aber lasst nur, ich sehe schon, zu wem Ihr gehört. Also, was wollt Ihr?“
„Erfahren, was hier geschehen ist. Und woher willst du wissen, zu wem ich gehöre? Du hast mir auch nicht gesagt, wer du bist und was du hier machst.“
„Mein Name ist Steindorn, und ich wohne hier mit meiner Familie. Oder besser gesagt, ich habe vor, hier mit meiner Familie zu wohnen, nachdem ich etwas aufgeräumt habe. Und erzählt mir nicht, Ihr hättet keine Ahnung, wer hier mit Feuer gespielt hat.“ Plötzlich ging ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er schien sich prächtig zu amüsieren. „Ihr wollt spielen? Dann spielen wir. Eine Waldelfe mit Namen Chamsiana hat den Brand gelegt. Allerdings war ich nicht dabei. Ich bin ihr etwas später begegnet. Zufrieden?“
„Wie kann eine Waldelfe so einfach einen ganzen Ort niederbrennen?“
„Das wisst Ihr besser als ich, also solltet Ihr darüber reden. Chamsiana ist kein Elfenname. Deshalb vermute ich mal, dass sie zu Euch gehört.“
„Hast du keine Augen? Ich bin ein Mensch.“
„Erzählt das einem Blindlurch. Es gibt drei Völker mit Vernunft auf dieser Welt. Drachen, Waldelfen und Menschen. Ihr gehört zu keiner dieser drei Gruppen. Das eint uns, denn auch ich bin nicht reinen Blutes. Aber ich hätte nicht das gekonnt, was für Chamsiana ein Leichtes war. Jetzt wollt Ihr mir vorspielen, dass Ihr die Reste eines Drachenfeuers nicht erkennt, und wundert Euch, dass ich mich mit Auskünften zurückhalte?“
„Du hast einen scharfen Blick oder bist bereits weit herumgekommen in deinem Leben. Du machst mich neugierig. Sag mir, warum ich kein Mensch sein soll.“ Und dann fügte sie noch hinzu: „Wenn du magst. Es muss nicht sein.“ Sie schwieg, schaute Steindorn an und wusste noch einmal etwas zu sagen: „Ich habe immer gedacht, ich könnte gut mit Menschen umgehen und deshalb auch mit Waldelfen, die Kontakt mit Menschen haben. Du bist ein Komposit. Aber so jemandem wie dir bin ich noch nie begegnet.“
Steindorn lachte auf: „Ich sehe schon, das dauert etwas länger. Gönnen wir uns also eine Pause. Mögt Ihr etwas trinken?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm er zwei hölzerne Becher aus einem Beutel, tauchte sie in einen Eimer und reichte einen davon seiner Besucherin. Die schnupperte...




