Avel | Nur hier sind wir einzigartig | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Avel Nur hier sind wir einzigartig


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86648-398-9
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-86648-398-9
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Gruppe von Kindern verbringt ihre Sommer auf einer griechischen Insel, auf der ihre Eltern als Archäologen arbeiten. Die Wochen in der flirrenden Hitze erleben sie als magische Parallelwelt zu ihrem heimischen, von Schule und Elternzwist dominierten Alltag in Frankreich oder Italien. Von den Erwachsenen vergessen, streunen die Kinder über das Ausgrabungsgelände, tauchen im Meer, fürchten sich beim nächtlichen Versteckspiel, vergraulen die ersten Touristen, die sich zur Grabungsstätte vorwagen, verlieben sich in- und konkurrieren miteinander und werden mit der Zeit zu einer verschworenen Gemeinschaft. Bis sie Jahre später voller Wehmut feststellen müssen, dass nicht nur jeder Sommer, sondern auch jede Kindheit endet. In poetischem Ton und auf berückende Weise erzählt Christine Avel vom Zauber gemeinsam verlebter Kindheitssommer.

Christine Avel, geboren 1968, arbeitete nach dem Studium für eine NGO in Kambodscha und war nach dem Erscheinen ihres ersten Romans weiter als Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit in Asien und Afrika tätig. Heute lebt sie in Paris, hat mehrere Bücher veröffentlicht und schreibt für das Radio sowie für Zeitschriften. 'Nur hier sind wir einzigartig' ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.

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Grabungsfelder
Unsere Eltern sind hier nicht mehr dieselben. Sonst so verantwortungsbewusst und erwachsen, sind sie auf einmal sprunghaft, viel attraktiver als sonst und ein wenig beängstigend. Wir begegnen ihnen mittags und abends auf der Veranda, ehe jeder wieder seiner Wege geht, die einen zur Ausgrabung, die anderen zur Bucht. Bei unseren betrunkenen, durchgeknallten Sommer-Eltern ist an einen regelmäßigen Tagesablauf oder einen sorgfältig zubereiteten Imbiss nicht mehr zu denken. Unsere Mütter reinigen das ganze Jahr über den Kühlschrank mit Desinfektionsmitteln, kaufen luftdicht verpackte Steaks und wachen wie besessen über unsere Körperhygiene, aber hier suchen sie das Fleisch am dörflichen Marktstand aus, der voller Fliegen und schwarz geronnenen Bluts ist; wir halten uns im Hintergrund, wenn uns nicht gerade übel ist. In den Nächten danach stellen unsere Mütter mit trübem Blick fest, dass wir uns übergeben haben, dann gehen sie wieder schlafen, und wir bleiben teilnahmslos, erschöpft und mit wirren Haaren im säuerlichen Geruch unserer schmutzigen Laken zurück. Zacs Mutter, die in unförmigen Jeans, mit zerzaustem Haar und dunklen Rändern unter den völlig ungeschminkten Augen von der Fähre gegangen ist, verwandelt sich hier in eine erotische Diva mit üppigen Formen. Sogar auf das Grabungsfeld geht sie in extravaganten Bikinis und Miniröcken und trägt so zu einem plötzlichen Temperaturanstieg in der ohnehin schon drückenden Hitze bei. Abends in der Taverne tanzt sie barfuß, die Arme in die Höhe gereckt, ihre Achselhöhlen sind verblüffend weiß. Obwohl Zacs Mutter immer nur kurz bleibt – ihren Sohn lässt sie in der Obhut des Archäologen-Onkels zurück, dem einzigen Asketen der Gruppe –, gibt sie den Ton an. Wenn sie wieder abreist, ihre Starallüren abgelegt hat und Zac an der Pier einen halbherzigen Abschiedskuss gibt, die Zigarette in der Hand, drückt sie uns für den restlichen Sommer ihren Stempel auf, stanzt ihr Bild auf unsere Netzhaut. Die letzte Zigarettenkippe mit karminroten Spuren, die auf dem Tisch im Hafencafé liegen bleibt, verschwindet zuverlässig, ein heimlicher Talisman unter der Matratze oder in einer Papadopoulos-Keksdose. In einem August, in der größten Sommerhitze. Obwohl sie nur zwei Wochen da sind, haben wir nur Augen für sie. Sie halten den Ort besetzt, beschlagnahmen das Licht, durch ihre Anwesenheit erhält alles eine ungewöhnliche Intensität und Färbung, die Luft wird trocken, wir können kaum atmen. Er ist irgendeine Art von Künstler, der mit dem Grabungsfeld nichts näher zu tun hat. Eigentlich soll er einen Dokumentarfilm drehen, aber wir sehen ihn nie bei der Arbeit, nicht einmal mit einer Filmkamera oder einem Fotoapparat in der Hand. Anders als unsere Väter trägt er die Haare halblang; er hat feingliedrige Hände, einen Silberring an beiden Zeigefingern und am rechten Handgelenk ein Lederarmband. Er ist Deutscher, braun gebrannt, wir halten ihn für eine Mischung aus Skilehrer und James Bond und stellen uns vor, wie er in einer traumhaften Bergwelt elegant und in gleichmäßigen Schwüngen über makellose Pisten saust. »Amore, Schatz.« Sie turteln und küssen sich auf den Nacken, eine Hand berührt die Haut, schiebt sich unter das zarte Geflecht eines durchsichtigen Stoffs. Die beiden haben die Veranda, von ihren Bewohnern seltsamerweise verlassen, in Beschlag genommen. Sie sitzt auf seinen Knien, und am Eckpfeiler, unserem Beobachtungsposten, blicken wir mit glühenden Wangen in die andere Richtung. Neben ihm liegen immer ein Päckchen Zigaretten, ein Notizheft und ein Bleistift, über den er mit dem Daumen streicht, ohne je etwas aufzuschreiben. »Komm her.« Sie trägt die knappsten Shorts, die wir je gesehen haben, und tief ausgeschnittene, ärmellose T-Shirts, die ihre runden, bloßen Schultern zeigen. Anders als er gibt sie nicht vor zu arbeiten. Sie geht nur von einem Zimmer ins andere – schlank, temperamentvoll und schweigend –, auf dem Gang durchbohren uns ihre grünen Mandelaugen. »Cosa dici?« Während der Siesta bleiben sie stundenlang verschwunden. Wir treiben uns auf dem Gang herum, zitternd vor Ungeduld und mit gespitzten Ohren. Wir wundern uns über ihre Schamlosigkeit, mehr noch als über die Nacktheit der Forestiers einige Sommer später. Dann reist sie vor ihm ab, er bringt sie zur Pier. Frustriert beobachten wir ihre letzte leidenschaftliche, erotische Umarmung. Die Fährpassagiere drehen sich nach ihnen um, die Crew verpfuscht das Anlegemanöver. Während sie sich den Kuss des Jahrhunderts geben, können wir nichts weiter tun, als uns schmerzlich den Geschmack der warmen Zungen auszumalen. Allein zurück im Grabungshaus, streift er umher wie ein Tiger im Käfig, mit geschmeidigem Gang und betörendem Lächeln. Während die anderen auf dem Grabungsfeld sind, lungern wir überall herum. Drei Tage später spionieren wir Zac hinterher und entdecken hinter der Bürotür überraschend seine Mutter: den Arm, der ihre Taille umfasst, den durchgebogenen Rücken und ihr Lachen. Abends strahlt sie. Wenn sie in der Taverne tanzt, sieht man unter dem geschlitzten Rüschenrock ihre bloßen Schenkel. Wir weichen Zacs Blicken aus, so gut es geht, zum Glück starrt er stur auf seinen Teller. Als seine Mutter dann eines Morgens den anderen zur Pier bringt, weil er nun seinerseits abreist, der ruhmbekränzte Verführer, sind wir enttäuscht: Die leidenschaftliche Umarmung fällt diesmal aus. Ein Blick aufs Meer, eine hängende Schulter, die Haare vom Wind zerzaust, das nervöse, vergebliche Reiben am Feuerzeug (den herbeistürzenden Chef des Fährbetriebs, der ihr beflissen die dünne Zigarette anzündet, ignoriert sie) und die Rückkehr von Zacs Mutter zum leeren Haus, mit kleinen, vorsichtigen Schritten. Unsere Väter – die wenigen Archäologinnen, die es gibt, sind Single – sind witziger, abgedrehter und lässiger als wir. Sie nehmen ihre Wissenschaft sehr ernst, alles andere ist ihnen egal. Schon frühmorgens mühen sie sich auf dem Grabungsfeld ab, nach der Siesta ziehen sie sich zum Arbeiten zurück, und abends diskutieren sie in der Taverne endlos über verworrene Wissenschaftsfragen, in denen wie aufregende Geheimnisse immer wieder die Wörter Chronologie, Anastylose und Epigraf auftauchen. Doch dann kippt alles, sie lassen die anstrengende Arbeit hinter sich und werden zu lüsternen Mönchen: Jetzt zeigt sich ihre zweite Natur. Ihr Humor ist seltsam vulgär, »graben« und »bohren« ermöglichen in der Tat viele Anspielungen. Mit vorgespieltem Ernst weihen sie uns in die alte Kunst der schlüpfrigen Schüttelreime und der großen Rede ein, in der es natürlich um das antike Griechenland und ungewöhnliche Grabungen geht und sich auf wundersame Weise aus einem Wort das nächste ergibt. Sie sind unumstrittene Meister in Scherzen aller Art. Prunkvoll laden sie, auf weißem Velinpapier, zu Davieros Hochzeit ein: Der ewige Junggeselle heiratet eine neunzigjährige dänische Aristokratin mit unaussprechlichem Namen. Und wie Plakate im ganzen Dorf verkünden, eröffnet Forestier im Inselstädtchen ein belgisches Restaurant, frittierte Miesmuscheln und Aal in grüner Soße sind die Spezialitäten des Hauses. So sicher wie das Amen in der Kirche folgt ein Streich auf den nächsten, und am erstaunlichsten ist, dass sie stets gelingen; Daviero erhält fünfundvierzig Glückwunschkarten, und aus der bescheidenen Kneipe auf dem Plakat wird nach der angeblich historischen Eröffnung tatsächlich das beste (und einzige) Bierlokal der Insel. Das ist ihre Macht: Ihr Gefasel wird Wirklichkeit. Wir bewundern jeden Einzelnen. Scheinbar wollen sie alle, wie die Avengers, durch irgendetwas auffallen, durch einen raffinierten Spleen, ein überraschendes Talent. Castella, der gefürchtete Pokerspieler, kann auf Zacs Wuschelkopf ein Kartenhaus errichten. Steinbrechers Badehose im Leopardenlook wird am Strand von Touristen staunend bewundert. Brovski kann, mit dem Geruchssinn eines Trüffelschweins, Scherben allein durch Schnüffeln datieren und beim Metzger genauso zuverlässig das Fleisch beurteilen. Gerhard Bauer trägt seine ewig schwarzen Handschuhe selbst in der größten Sommerhitze, und Menaud begeistert sich für antike Abwassersysteme und schließt sich – vielleicht deshalb? – zum Lesen abends im Klo ein. Und Daviero, der Unverwüstliche, ein Unfall pro Monat. Kaum hat er das eine Auto zu Schrott gefahren, in alle Einzelteile zerlegt, mietet er ein neues, und es passiert genau dasselbe, fast in derselben Kurve und derselben Woche. Wenn die anderen ihn morgens aus dem Graben ziehen, sind sie erstaunt, dass er überlebt hat, wie durch ein Wunder unverletzt, na ja, ein paar blaue Flecken vielleicht, eine Schnittwunde oder eine kleine Verstauchung, aber nie bleibt mehr zurück als ein ordentlicher Brummschädel. Daviero ist...


Christine Avel, geboren 1968, arbeitete nach dem Studium für eine NGO in Kambodscha und war nach dem Erscheinen ihres ersten Romans weiter als Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit in Asien und Afrika tätig. Heute lebt sie in Paris, hat mehrere Bücher veröffentlicht und schreibt für das Radio sowie für Zeitschriften. "Nur hier sind wir einzigartig" ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.



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