E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Austilat Auch das geht vorbei!
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-24889-5
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Trostpflaster für den Mann ab 50
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-641-24889-5
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Austilat, geboren 1957, ist stellvertretender Leiter des Ressorts Sonntag beim Tagesspiegel. Regelmäßig erscheint dort seine beliebte Kolumne "Meine Frau, ihr Garten und ich". Er ist verheiratet, hat Sohn und Tochter und lebt in Berlin – wenn er nicht gerade mit dem Wohnwagen unterwegs ist.
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1
Der Hahn tropft
»Das Wasser!«, schallte ihre Stimme von unten, der Vorwurf darin war unüberhörbar. »Komme schon«, murmelte ich auf dem Weg zum Bad. Meine Tochter Sophie stand am Fuß der Treppe, ein Handtuch über der Schulter. Fehlte nur noch, dass sie mit dem Fuß aufstampft, wie früher. Aber das machen Sechzehnjährige natürlich nicht. Jedenfalls stimmte irgendetwas mit der Dusche nicht. Wir hatten nur noch die Wahl zwischen ganz kalt oder brutal heiß.
Warum das so war? Ich hatte keine Ahnung. Ob es mit der extremen Hitze draußen zusammenhing? Es war nicht mal halb neun in der Früh, und selbst der Hund sah aus, als schien er zu schwitzen. Eigenartig, dachte ich, Hunde können gar nicht schwitzen. Dann fiel mir wieder ein, dass er vergangenen Sonntag neben dem Grill gestanden hatte und auch nicht weggelaufen war, als ihm das Fett aus den Bratwürsten über den Rand des Grills auf den Schädel tropfte. Immer noch klebten ihm die Kopfhaare in Strähnen zusammen. Was ihn nicht zu stören schien, im Gegenteil, wahrscheinlich mochte er die leichte Bratenfettnote, die selbst nach sechs Tagen wie eine Fahne hinter ihm herwehte. Man sollte den Hund vielleicht mal draußen unter den Rasensprenger stellen. Ging aber nicht, ich hatte nämlich ein Rasensprengverbot ausgesprochen. Wir müssen sparen, weil ich wohl wieder keine Gehaltserhöhung bekommen würde. Eine hohe Wasserrechnung liefe meinen Bemühungen da sehr zuwider.
Der Frühling war in diesem Jahr ausgefallen, der Sommer dauerte nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Keine Frage, das musste der Klimawandel sein. Wahrscheinlich war der Durchlauferhitzer eines seiner ersten Opfer. Er kannte kein Mittelmaß mehr, keinerlei Dazwischen. Sollte das unser aller Schicksal sein? War der Durchlauferhitzer ein Beispiel dafür, dass auch Maschinen Gefühle entwickeln, sich am Ende der Natur unterwerfen müssen? In Gedanken entwarf ich einen Werbespot für einen Durchlauferhitzerhersteller, das Gerät trieb auf einer Eisscholle, die nicht kleiner wurde, weil der Heißwasserbehälter so gut isoliert war. Werbung ist mein Beruf.
»Das ist nicht schlecht!«, sagte ich laut.
»Papa, wovon sprichst du?« Sophie starrte mich an, während ich immer noch die Klinke der Badezimmertür in der Hand hielt. Erst jetzt schaute ich richtig hin. In ihrem Mundwinkel klebte noch ein wenig Marmelade. Das war wohl nicht der richtige Zeitpunkt, mit ihr über philosophische Fragen zu diskutieren. Sie wollte duschen. Und zwar lauwarm. Du liebe Zeit. Ist es nicht das Vorrecht der Jugend, sich in Extremen auszuprobieren? Lauwarm kann man doch später noch haben. In meinem Alter zum Beispiel. Wenn man nicht mehr so wild ist. »Warum duschst du nicht einfach mal eiskalt?«, sagte ich.
»Manchmal bist du echt komisch«, erwiderte sie, ließ mich stehen und ging in ihr Zimmer.
Natürlich wusste ich das mit der Dusche schon länger. Ich hatte gehofft, das Problem würde sich von alleine erledigen. Aber meine Tochter erwartete von mir, dass ich das jetzt richtete. So wie ich immer alles gerichtet hatte, wie früher zum Beispiel, als Maxi, ihr schwarzes Kaninchen, mit seinen Nagezähnen ihrer Lieblingspuppe den Zeh abgebissen hatte und sie zu mir gekommen war, um mich zu bitten: »Mach das wieder ganz.«
Die Kleine. Das heißt, Sophie war gar nicht mehr klein. Sechzehnjährige sind viel schwieriger zu beeindrucken als Kleinkinder. Sind sie noch kein Jahr alt, reicht es doch, den Lichtschalter an- und auszuknipsen, schon ist man so etwas wie Gott. Ein Mann mit magischen Kräften, Herr über Licht und Dunkelheit. Daran muss ich immer denken, wenn mir Markus von seinem Nachwuchs erzählt, von vollen Windeln und Schreibabys. Und dass er selbstverständlich Erziehungszeit genommen hat, als Noah zur Welt kam. Markus ist mein Kollege und war mit vierundvierzig spät gebärend. Jetzt tat er auf einmal so, als lägen Jahrzehnte zwischen uns. Was für ein Unsinn, ich bin Anfang fünfzig. Außerdem blieb Markus nur zwei Monate zu Hause, und er hatte dort auch nicht etwa den Laden alleine geschmissen, wie er uns heute in der Kantine glauben machen wollte, wenn er seine neuerworbenen erzieherischen Fähigkeiten zum Besten gab. Sogar wenn die Webdesignerin aus dem ersten Stock vom Stillen erzählt, will er mitreden. Und natürlich hatten es junge Eltern nie so schwer wie heute, seit sein Noah auf der Welt war. Alles sei ja so teuer. Wenn ich dann mal einwende, das sei nur der Anfang, hört er mir gar nicht zu. Er glaubt ganz fest, ich als alter Vater könne das nicht beurteilen. Außerdem sei sein Noah einzigartig, er könne nämlich schon sprechen, er sagt Mama und Papa und Babamm, wenn er Luftballon meint. Wahrscheinlich steckte auch ein bisschen Kalkül dahinter. In meinem Job gilt man jenseits der dreißig schnell als weniger kreativ, weil irgendwie in Routinen verfangen. Also geben sich alle so jung wie möglich und zwängen sich in viel zu enge Hosen.
Nun, ich kann versichern, da kommt noch eine ganze Menge mehr auf Markus zu. Ich weiß das, denn ich habe zwei Kinder, Florian heißt der Junge und Sophie das Mädchen. Sophie ist in der Pubertät, Florian schon drüber. Die sagen nicht Babamm zu Luftballon, die kommen mit den binomischen Formeln, Futur II in Französisch und dem Frauenbild bei Heinrich von Kleist. Und es mag ja sein, dass so ein Beutel Windeln nicht billig ist. Aber hat eigentlich irgendjemand, der sich gerade darüber Gedanken macht, wie man einem Vierjährigen Radfahren beibringt, eine Vorstellung davon, was ein Auslandsaufenthalt für einen sechzehnjährigen Oberschüler in Amerika kostet? Ich weiß es, denn Sophie plant seit Wochen genau das. Oder ein Führerschein. Und das, obwohl ich mit Anfang fünfzig gerade in einer Phase stecke, in der die großen Gehaltssprünge ausbleiben.
Das mit ihrer Puppe und dem Kaninchen damals war der erste Fall, in dem ich Sophies Vertrauen enttäuschen musste. Natürlich konnte ich keinen neuen Zeh modellieren. Stattdessen zog ich der Puppe eine Socke an und behauptete, sie hätte kalte Füße. Funktionierte leider nicht wirklich. Meine Tochter fand die Puppe fortan gruselig, verstieß sie, und ich wusste, dass Sophie mir insgeheim Vorwürfe machte. Dabei war ich gegen das Kaninchen gewesen. Kaninchen sind längst nicht so kuschelig, wie man gemeinhin glaubt. Und in seinem letzten Lebensmonat hat Maxi Tierarztrechnungen für zweihundert Euro aufgehäuft. Das meiste ging für seine Zahnbehandlung drauf. Das hat Maxi auch nicht gerettet, aber welcher Vater will seiner Tochter schon erklären, dass das liebe kleine Kuscheltier mit den traurigen braunen Knopfaugen keine Operation mehr bekommt? Weil sich das nicht mehr lohnt.
Jedenfalls war das mit der Dusche im Winter nicht wirklich ein Problem gewesen. Ich hatte da eine Theorie entwickelt. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass das Wasser aus dem gefrorenen Erdreich vorgekühlt ins Haus gekommen war. Da hatte es der Durchlauferhitzer ganz einfach nicht geschafft, das eisige Nass zum Kochen zu bringen. Jetzt macht er das im Handumdrehen, selbst wenn man ihn nur auf der kleinsten Stufe einschaltet. Er kann gar nicht anders. Ich löste zwei Schrauben, die den Gehäusedeckel an seinem Platz hielten. Drinnen sah ich ein mysteriöses Wirrwarr aus Röhren und Spulen. Ich hängte den Deckel wieder in seine Verankerung. »Was kann es Schöneres geben, als im Sommer kalt zu duschen«, murmelte ich vor mich hin.
»Mann, Papa!« Meine Tochter stand wieder in der Badezimmertür, verdrehte die Augen, während sie gleichzeitig mit einer Hand ein Bündel ihres Langhaars hielt und mit der anderen die Bürste darüber hinwegführte. »Wenn du das nicht hinkriegst, hol halt einen Klempner.«
Ich war nicht mehr ihr Held. Genauso gut hätte ich sagen können: »Lass uns einfach eine Socke über den Brausekopf ziehen.« Sie hielt ganz offensichtlich einen fremden Profi für zuverlässiger als mich. Ich musste irgendwie von dem Thema Dusche wegkommen. »Was hast du denn da für ein Armband am Handgelenk?«, fragte ich im Gegenzug und zeigte auf ein neongelbes Kunststoffbändchen an ihrem Unterarm, das allerdings nicht mehr ganz frisch war. »Weißt du doch, vom Hurricane.« Das war ein Festival, das sie besucht hatte, drei Tage lang, irgendwo am Rand der Lüneburger Heide. Unsere Tochter hatte ein halbes Jahr lang genervt und aufgezählt, wer dort alles hindurfte, offenbar die halbe Schule. Erst im Nachhinein hatte sich herausgestellt, dass es sich eigentlich nur um ihre beste Freundin handelte. Aber da war es schon zu spät, da hatte sie mir schon die Eintrittskarte abgeschwatzt, hundertachtzig Euro. Ich hatte auch nicht vergessen, dass sie dafür eigentlich den Schuppen streichen wollte. Wozu sie leider noch nicht gekommen war. »Hurricane war vor einem Monat«, sagte ich, statt sie an den Schuppen zu erinnern, »und du trägst das Band immer noch.« Ich erzählte ihr von Wolfgang Petry, einem Sänger, der früher ungefähr hundert solcher Bänder am Handgelenk getragen hatte. »Das ist Wahnsinn«, sang ich vor mich hin, der einzige Song von Wolfgang Petry, der mir einfiel. Meine Tochter blieb unbeeindruckt. Sie kannte Wolfgang Petry nicht, und meinen Einwand, dass häufiges Duschen gar nicht gut für prähistorische Armbänder von hohem zeitgeschichtlichem Wert wäre, fand sie kein bisschen lustig. »Mann, Papa«, sagte sie noch mal.
Ich schraubte den Deckel wieder fest. »An der Elektronik liegt es nicht«, behauptete ich. Was einigermaßen kühn war, denn meiner Theorie vom Einfluss der Jahreszeiten auf die Wasserversorgung fehlte bislang der Beweis. Aber irgendetwas musste jetzt passieren. Und wieso sollte ich das nicht hinkriegen? Ich halte mich durchaus für einen praktisch veranlagten Menschen. Schließlich...




