E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Aufleger / Blumtritt / Grains Im Schatten des Meisters
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8761-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Erbe der Großen Alten
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-7534-8761-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kaum ein Horrorautor der Neuzeit hat so viel Einfluss auf die unterschiedlichsten Formen der Kunst gehabt, wie Howard Phillips Lovecraft. Zu Lebzeiten wenig beachtet, wurde sein Werk von vielen nachfolgenden Autoren in Ehren gehalten, als Inspiration genutzt und weiter geführt. Heute findet man seinen Einfluss längst nicht mehr ausschließlich in der Literatur, sondern auch in der Musik, auf der Leinwand und in Computerspielen. Dieses Buch versammelt 8 junge Autoren mit insgesamt 10 Kurzgeschichten und Novellen, die von den Werken des Meisters inspiriert worden sind. Zudem dient diese Sammlung unter dem Fantastic Aid Projekt einem guten Zweck, denn sämtliche Erlöse gehen an die Deutsche Kinderkrebshilfe. Das Erbe des Meisters des kosmischen Horrors lebt weiter, und so es der Wille der Großen Alten ist, wird es die Zeiten überdauern, bis die Sterne wieder richtig stehen. Cthulhu fthagn.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Alexander Blumtritt
Der lunare Gast
Die Erinnerungen an meine Kindheit erscheinen mir fast traumgleich, denn damals konnte ich noch gehen. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester Wanda kamen kurz nach unserer Geburt bei einem Unfall ums Leben, wie man mir gesagt hatte. Das war im Winter 1940. Ich wuchs bei einem Vetter meines Vaters, Otto, und seiner Frau Clara auf, denn ich hatte keine näheren lebenden Verwandten. Ich mochte die beiden nicht, denn sie ließen mich Tag für Tag spüren, dass sie die Rolle meiner Zieheltern nur höchst unfreiwillig übernommen hatten. Ich wurde in eine wirre Zeit hineingeboren, doch den Krieg überstanden wir gut. Als ich dann zwölf Jahre alt war, setzte im Zuge einer damals noch ungeklärten Krankheit die allmähliche Lähmung meiner beiden Beine ein. Das war eine schreckliche Zeit für mich. Zu wissen, dass ich niemals wieder würde laufen können, stürzte mich in die tiefste Verzweiflung, und nur sehr langsam gewöhnte ich mich an die Behinderung. Von Anfang an gaben mir meine Stiefeltern das Gefühl, große Verärgerung über meinen auf einmal pflegebedürftigen Zustand, sowie dessen Konsequenzen für ihre eigenen Belange in sich zu tragen. Sie gaben sich keine besondere Mühe, diesen herzlosen Groll zu kaschieren, und kümmerten sich wirklich nur gerade so viel um mich, wie es nötig war, um mich am Leben zu halten. Wir lebten in einem sehr alten, zweistöckigen Haus im Randgebiet einer kleinen Stadt. Meine Kammer lag im Erdgeschoss. Otto hob mich zumeist gegen Sonnenaufgang aus dem Bett in den Rollstuhl und brachte mich ins Bad, wo er mich mir selbst überließ und zum Tagewerk aufbrach. Sobald ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten gewaschen hatte, holte mich Clara an den Esstisch und stellte mich danach entweder in irgendeine Ecke des Wohnzimmers, wo sie die Bremsen meines Stuhls festzog und ihren Haushalt erledigte, oder sie schob mich in den langen Flur, wo es mir erlaubt war, eine halbe Stunde auf- und abzufahren. Gegen Mittag dann, wenn auch Clara das Haus verließ – ich wusste nicht, welcher Arbeit die Beiden nachgingen – wurde ich wieder in mein schmales Federbett in der kleinen stickigen Schlafkammer gelegt, wo ich bis zum nächsten Morgen liegenblieb. Meine häufige Bitte, mich doch auch während ihrer Abwesenheit im Rollstuhl zu lassen, übergingen sie Mal für Mal und sahen mir dabei nicht in die Augen. Otto und Clara schienen frustriert und mutlos angesichts meines unheilbaren Defektes und waren der Ansicht, ich bräuchte viel Ruhe. Doch für mich war das endlose Liegen eine unvergleichliche Qual. Handeln konnte ich nur in dem kleinen Radius, den mir meine Arme erschlossen; ich bekam einen wunden Rücken und langweilte mich Tag für Tag entsetzlich, bis ich dann irgendwann endlich schlief. Manchmal durfte ich leise Musik hören, doch in meiner eintönigen Umgebung bot auch das nur wenig Unterhaltung, zumal meine Zieheltern nur in großen Zeitabständen die Platte im Spieler wechselten, und irgendwann war mir die Stille lieber. Schließlich bat ich um ein paar Bücher. Otto hegte eine Vorliebe für einige sehr spezielle Sparten der Phantastik, sodass auch ich mich im Laufe der Zeit mit Namen wie Clark Ashton Smith, Lord Dunsany oder Howard Phillips Lovecraft vertraut machen konnte. Nun, ich fand nicht nur Gefallen daran, sondern entwickelte sogar eine unbändige Faszination für dergleichen makabre Erzählungen. Sie strichen eine tiefe, dunkle Saite in mir an. Ich spürte, wie sie eine Brücke vom lichtlosen Kosmos zu den Abgründen meines eigenen Lebens bauten, und gewann viel Kraft daraus. Das andauernde Liegen und die immer gleichbleibende Szene der schmucklosen Zimmerwände vor meinen Augen ließen mich, mangels jeder Ablenkung neben den Büchern, bald eine Art eigene Imaginationswelt erschaffen, in der ich mal durch verfallene Tempel vorsintflutlicher Ozeangötter wandeln, mal halbvergessenen Mythen untergegangener Kulturen lauschen und mal unaussprechlichen Riten vor der Kulisse schleimtriefender Basalttürme beiwohnen konnte. Wann immer ich eines der inspirierenden Werke gelesen hatte, flüchtete ich auf eine solche Gedankenwanderung. Ich las jede Geschichte so häufig, dass ich bald so oft und so weit in meinen Geist abtauchen konnte, wie ich es nur wollte. Nach einigen Monaten war ich in der Lage, allein kraft meiner bewussten, konzentrierten Vorstellungsgabe, epische, vielschichtige Welten mit unzähligen Einzelheiten zu erschaffen und darin frei zu wandeln. Erst nach Stunden – zumeist dann, wenn jemand ins Zimmer kam – kehrte ich zurück mit dem Gefühl, viele Tage fort gewesen zu sein. Bald brauchte ich nicht einmal mehr die Augen zu schließen, sondern starrte bloß entrückt an die Zimmerdecke und gab mich meinen Vorstellungen hin, die plastisch, farbig und greifbar vor mir erschienen, wann immer ich es zuließ. Sie wurden für mich ebenso wirklich wie das Zimmer, in dem ich lag – vielleicht sogar ein Stück realer, denn in ihnen konnte ich gehen, oft sogar fliegen. Der Entzug von der Außenwelt ließ meine Phantasie damals eine ungeahnte Stärke entwickeln. Das einzige Licht, das für gewöhnlich ins Innere der Kammer fiel, drang durch das kreisrunde Fenster in der Wand gegenüber meines Bettes. Es befand sich knapp unter der Decke und hatte keine Vorhänge. Durch eben jene Scheibe betrachtete ich in bedeckten Mondnächten oft die vorüberziehenden Wolken, und so manches Mal meinte ich, darin die schattenhaften Fetzen äußerst ungewisser, bizarrer Welten fließen zu sehen. Je länger ich dort ruhigen Auges hinaus starrte, desto mehr verfestigte sich jedes Mal der Eindruck, als führte das kleine, runde Fenster unter der Decke geradewegs in rasende Tunnel und gewaltige Labyrinthe, denen ich in irrwitziger Geschwindigkeit durch die unfassliche Endlosigkeit körperlos folgte. Oft gingen diese Bilder in Träume über, die sich entsprechend erhaben und abenteuerlich gestalteten. Ich hatte in ihnen manchmal die völlige Kontrolle über Umgebung, Bewegung und Handlung. Es waren düstere Welten, durch die ich strich, doch ich fühlte mich in ihnen lebendig und zuhause. Im Traum konnte ich ein mehr als erträgliches Leben führen. Meine Krankheit indes verschlechterte sich. Nach drei Jahren hatte ich auch das Gefühl im Hüftbereich verloren, und nach weiteren drei Jahren waren selbst meine Arme kaum noch bewegungsfähig. Die Ärzte erklärten meinen Zieheltern mit teilnahmsvoller Mine, es sei sehr unwahrscheinlich, dass ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag noch erleben könnte. Mein voranschreitender Muskelschwund würde sich letztendlich auch auf Lunge und Herz ausweiten. Sie wiesen zudem – wie schon alle Ärzte zuvor – darauf hin, dass das lange, tägliche Liegen mir nicht guttäte, und jedes Mal versicherten Otto und Clara, etwas an dieser Situation zu ändern. Doch in ihrer Grausamkeit blieben sie bei ihrer bisherigen Vorgehensweise, um mich für einen Großteil ihrer Zeit nicht umsorgen zu müssen. Sie müssten sehr viel arbeiten, sagten sie mir immer, um die Ärzte und die Medikamente zu bezahlen. Ich hatte das Gefühl, sie warteten nur auf meinen Tod. Heute bin ich weit älter als fünfundzwanzig und lebe, anders als Otto und Clara, noch immer. Würde ich sagen, ich hätte sie umgebracht, so wäre das weder gelogen noch die ganze Wahrheit. Ihr Tod war ein Resultat einer Reihe von überaus erschreckenden und unglaublichen Geschehnissen, die in mein Leben traten, als ich ein junger Mann in den anfänglichen Zwanzigern war, der nur noch seinen Kopf bewegen konnte. Von dieser Zeit werde ich berichten. Ich gebe zu – Autoren wie Lovecraft, mit ihren schauerlichen Erzählungen vom kosmischen Grauen, von außerirdischen Mächten extremen Alters, formlosen Chaosgöttern und bizarren Landschaften, haben mein tagtägliches Denken zu dieser Zeit dergestalt beeinflusst, dass die Behauptung, meine Erlebnisse seien nicht bloß auf makabre Tagträume zurückzuführen, wohl nur wenig glaubhaft ist. Und dennoch schwöre ich, dass eines Nachts, kurz nach meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag, vor meinen Augen das pure Grauen ins greifbare Diesseits drang. In jener Hochsommernacht hatte ich sehr intensive Träume, die mich bis in die entferntesten Winkel des Universums trugen. Ich sehe sie noch sehr deutlich. Körperlos trieb ich zwischen den Sternen einem Punkt geballter Widerwärtigkeit entgegen, einer abstrusen Wesenheit, deren Name immer lauter in meinen Geist drang, je näher ich ihr kam. Ich kannte diesen Namen aus der Phantastik Lovecrafts. Azathoth! Als ich dem unbegreiflichen Ding so nahe war, dass es mir schien wie ein lebendiger Planet, und ich durch den flimmernden Äther seine waben- oder schaumartige Konsistenz erkennen konnte, da hörte ich arhythmische Gesänge, die – von höllischen Flötentönen und schmerzhaft tiefen Trommeln wie irrsinnig begleitet – in einer Sprache von Azathoth sangen, die ich nicht verstand, doch die mir zugleich unheimlich vertraut...




