E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Audrain Der Verdacht
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27533-4
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. THE PUSH - Der New York Times Bestseller und BookTok-Erfolg – spannend bis zur letzten Seite
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-641-27533-4
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie wollte dein Glück von Anfang an zerstören. Und niemand will dir glauben.
Du hattest alles. Doch nun gehört dein Familienglück einer anderen Frau. Du siehst das Licht hinter den Vorhängen aus Leinen, und stellst dir vor, wie sie durch die Flure des Hauses wandelt, das dir gehören sollte. Wie sie in deiner Küche steht, und den Mann anlächelt, der vor Kurzem noch an deiner Seite war. Sie alle halten dich für schuldig. Und niemand will dir glauben, dass sie es war, die euch alle ins Unglück stürzte. Nur du kennst die ganze Wahrheit. Bist du bereit, sie zu erzählen?
»Ein erstklassiger Spannungsroman.« STERN
Ashley Audrain wuchs außerhalb von Toronto auf, studierte Medienwissenschaften und arbeitete viele Jahre im Bereich Public Relations unter anderem im Verlagswesen. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie in Toronto. Ihr Debütroman »Der Verdacht« begeisterte Lektorinnen und Lektoren in aller Welt; lange vor Erscheinen verkauften sich die Übersetzungsrechte in über 30 Länder.
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6
Die Ellingtons. Sie wohnten drei Türen weiter von dem Haus, in dem ich aufwuchs, und ihr Rasen war der einzige in der Nachbarschaft, der in den trockenen, erbarmungslosen Sommern grün blieb. Mrs Ellington klopfte, exakt zweiundsiebzig Stunden nachdem Cecilia mich verlassen hatte, an unsere Tür. Mein Vater schnarchte noch immer auf dem Sofa, auf dem er das ganze letzte Jahr jede Nacht geschlafen hatte. Ich hatte erst eine Stunde zuvor begriffen, dass meine Mutter diesmal nicht mehr nach Hause kommen würde. Ich hatte in ihrer Kommode nachgesehen, in den Schubladen im Bad und an den Stellen, wo sie ihre Zigarettenstangen bunkerte. Alles, woran ihr etwas lag, war weg. Damals war ich schon so klug, meinen Vater nicht zu fragen, wohin sie verschwunden war.
»Hättest du Lust auf einen schönen Sonntagsbraten bei uns, Blythe?« Ihre Ringellöckchen waren glänzend und hart, frisch vom Friseur, und ich antwortete ihnen unwillkürlich mit einem Nicken und einem Dankeschön. Ich ging schnurstracks in den Wäscheraum und zog meine schönsten Sachen – einen dunkelblauen Trägerrock und einen bunt gestreiften Rollkragenpulli – aus der Waschmaschine. Ich hatte überlegt, sie zu fragen, ob mein Vater mitkommen könnte, aber ich kannte niemanden, der bessere Manieren hatte als Mrs Ellington, und ich dachte mir, wenn sie ihn nicht mit eingeladen hatte, musste es einen Grund dafür geben.
Thomas Ellington junior war mein bester Freund. Ich weiß nicht mehr, wann ich ihm dieses Prädikat verlieh, aber als ich zehn Jahre alt war, gab es außer ihm niemanden, mit dem ich gern spielte. Andere Mädchen in meinem Alter machten mich unsicher. Mein Leben war anders als ihres mit ihren Spielzeugküchen, ihren selbst gemachten Haarschleifen, ihren sauberen Söckchen. Ihren Müttern. Ich lernte sehr früh, dass es kein schönes Gefühl war, anders als sie zu sein.
Aber bei den Ellingtons fühlte ich mich wohl.
Das Seltsame an Mrs Ellingtons Einladung war, dass sie irgendwie gewusst haben musste, dass meine Mutter sich vom Acker gemacht hatte. Weil meine Mutter mir nämlich nicht mehr erlaubte, bei den Ellingtons zu essen. Irgendwann hatte sie beschlossen, dass ich jeden Tag um Viertel vor fünf zu Hause sein musste, obwohl dort nichts auf mich wartete: Der Herd war immer kalt und der Kühlschrank immer leer. Zu der Zeit aßen mein Vater und ich an den meisten Abenden Fertighaferbrei. Er brachte kleine Tütchen mit braunem Zucker zum Drüberstreuen mit nach Hause, die er in der Cafeteria des Krankenhauses, wo er das Reinigungspersonal leitete, stibitzt hatte. Er verdiente damals ganz anständig, zumindest im Vergleich zu anderen in unserer Gegend. Aber so lebten wir nun mal.
Ich hatte irgendwo gelernt, dass es höflich war, ein Geschenk mitzubringen, wenn man zum Essen eingeladen war, also hatte ich eine Handvoll Hortensien von dem Busch vor unserem Haus gepflückt, obwohl die weißen Blütenblätter Ende September größtenteils vertrocknet waren. Ich band die Stiele mit meinem Haargummi zusammen.
»Du bist so eine aufmerksame junge Lady«, sagte Mrs Ellington. Sie tat die Blumen in eine blaue Vase und stellte sie behutsam auf den Tisch, mitten zwischen die dampfenden Schüsseln.
Thomas’ kleiner Bruder Daniel himmelte mich an. Nach der Schule spielten wir mit seiner Holzeisenbahn auf dem Wohnzimmerboden, während Thomas mit seiner Mutter Hausaufgaben machte. Ich fing mit meinen immer erst nach acht Uhr an, wenn Cecilia entweder ins Bett ging oder schon losgezogen war, um die Nacht in der Stadt zu verbringen. Das machte sie oft – und kam erst am nächsten Tag wieder. Die späte Erledigung meiner Hausaufgaben war für mich eine Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken, bis meine Augen müde wurden. Der kleine Daniel faszinierte mich. Er redete wie ein Erwachsener und konnte schon mit fünf Jahren multiplizieren. Ich fragte ihn das Einmaleins ab, während wir auf dem kratzigen orangefarbenen Teppich der Ellingtons spielten, und staunte, wie schlau er war. Mrs Ellington kam manchmal herein, hörte kurz zu und strich uns beiden über den Kopf, ehe sie wieder ging. Schön macht ihr das, ihr zwei.
Auch Thomas war intelligent, aber anders. Er dachte sich die unglaublichsten Geschichten aus, und wir schrieben sie in kleine Spiralhefte, die seine Mutter uns aus dem Eckladen mitbrachte. Dann malten wir Bilder passend zu jeder Seite. Für jedes Büchlein brauchten wir Wochen – wir erörterten ausführlich, zu welchem Teil der Geschichte wir was malen würden, und dann spitzten wir in aller Ruhe sämtliche Buntstifte im Malkasten an, ehe wir anfingen. Einmal ließ Thomas mich ein Heft mit nach Hause nehmen, eine Geschichte, die ich besonders mochte. Sie handelte von einer Familie mit einer schönen, liebevollen Mutter, die an einer seltenen Art von tödlichen Windpocken erkrankt. Sie wollen ein letztes Mal alle zusammen Urlaub machen und reisen auf eine ferne Insel, wo sie im Sand einen winzigen Zwerg mit Zauberkräften finden, der George heißt und nur in Reimen spricht. Er gewährt ihnen die Gabe einer besonderen Superkraft, wenn sie ihn dafür in ihrem Koffer mit nach Hause auf die andere Seite der Welt nehmen. Sie stimmen zu, und er gibt ihnen das, was sie sich gewünscht haben – Eure Mom wird ewig leben und immer bei euch sein. Und seid ihr einmal traurig, singt diesen kleinen Reim! Der Zwerg wohnt von nun an in der Tasche der Mutter, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Ich hatte die Familie sorgfältig auf die Seiten dieses Heftes gemalt – sie schauten aus wie die Ellingtons, aber mit einem dritten Kind, einer Tochter, die anders als sie eine buntstiftrosa Haut hatte wie ich.
Eines Morgens sah ich meine Mutter auf meiner Bettkante sitzen und das Heft durchblättern, das ich ganz unten in einer Schublade versteckt hatte.
»Wo kommt das her?«, fragte sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und dann verharrte sie bei der Seite, wo ich mich als Teil der schwarzen Familie gemalt hatte.
»Das hab ich gemacht. Mit Thomas. Bei ihm zu Hause.« Ich griff nach dem Heft in ihren Händen, meinem Heft. Es war ein zaghafter Versuch. Sie riss ihren Arm weg, und dann warf sie mir das Heft an den Kopf, als wäre sie angewidert von den spiralgebundenen Seiten und allem, was darauf war. Eine Ecke traf mich am Kinn, und das Heft landete zwischen uns auf dem Boden. Ich starrte darauf, schämte mich. Für die Bilder, die ihr nicht gefielen, für die Tatsache, dass ich das Heft vor ihr versteckt hatte.
Meine Mutter stand auf, den dünnen Hals gereckt, die Schultern gestrafft. Sie schloss die Tür leise hinter sich.
Am nächsten Tag brachte ich das Heft zurück zu den Ellingtons.
»Warum willst du es denn nicht behalten? Du warst doch so stolz darauf, was ihr beide gemacht habt.« Mrs Ellington nahm es mir aus der Hand und sah, dass es ein paar Knicke hatte. Sie strich sanft über den Umschlag. »Ist schon gut«, sagte sie kopfschüttelnd, sodass ich nicht antworten musste. »Du kannst es hier aufbewahren.«
Sie legte es auf ein Bücherregal im Wohnzimmer. Als ich an dem Tag gerade gehen wollte, sah ich, dass sie die letzte Seite des Heftes aufgeschlagen und wie ein Bild aufrecht hingestellt hatte – die fünfköpfige Familie, mich eingeschlossen, die Arme umeinander gelegt, und aus der lächelnden Mutter in der Mitte kam eine Explosion von winzigen Herzen.
Nach dem Essen an dem Sonntagabend, kurz nachdem meine Mutter verschwunden war, bot ich an, Mrs Ellington beim Aufräumen in der Küche zu helfen. Sie legte eine Musikkassette ein und sang ganz leise vor sich hin, während sie den Tisch abräumte und die Arbeitsplatte abwischte. Ich spülte das Geschirr und beobachtete sie dabei schüchtern aus dem Augenwinkel. Plötzlich hörte sie auf und nahm den Topfhandschuh von der Arbeitsplatte. Dann stülpte sie ihn über ihre Hand, hob ihn dicht neben ihr Gesicht und sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an.
»Miss Blythe«, sagte sie mit einer lustigen, quietschigen Stimme, wobei sie die Hand in der Handschuhpuppe bewegte. »Wir stellen allen unseren prominenten Gästen hier in der abendlichen Ellington-Talkshow ein paar persönliche Fragen. Also. Verraten Sie uns – was machen Sie gern in Ihrer Freizeit? Zum Beispiel ins Kino gehen?«
Ich lachte verlegen, war unsicher, wie ich mitspielen sollte. »Ähm, ja. Manchmal?« Ich war noch nie im Kino gewesen. Ich hatte auch noch nie mit einer Handpuppe geredet. Ich schaute nach unten und schob ein paar Teller in der Spüle hin und her. Thomas kam in die Küche gerannt, schrie: »Mommy macht wieder die Talkshow!«, und prompt kam Daniel hereingesaust. »Frag mich was, frag mich!« Mrs Ellington stand da, eine Hand auf die Hüfte gestemmt, während die andere Hand plapperte, und quetschte ihre Stimme aus dem Mundwinkel. Selbst Mr Ellington schob den Kopf herein, um zuzuschauen.
»Also, Daniel, was isst du am liebsten, und sag nicht Eis, das gilt nicht!«, quietschte die Puppe. Daniel hüpfte ein paarmal auf und ab, während er über seine Antwort nachdachte und Thomas Vorschläge rief. »Kuchen! Ich weiß es, Kuchen!« Mrs Ellingtons Topfhandschuh keuchte auf. »KUCHEN! Doch wohl nicht Rhabarberkuchen, oder? Davon muss ich pupsen!«, und die Jungen brüllten vor Lachen. Ich hörte ihnen weiter zu. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Die Spontaneität. Die Albernheit. Die Geborgenheit. Mrs Ellington sah mich von der Spüle aus zuschauen und winkte mich mit einem Finger zu sich. Sie schob mir den Topfhandschuh auf die Hand und sagte: »Ein Gastmoderator heute Abend! Wie schön!« Und dann flüsterte sie mir zu: »Los, frag...




