Atwood | Brennende Fragen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 704 Seiten

Atwood Brennende Fragen

Essays | Autorin von »Der Report der Magd«
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8270-8081-3
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Essays | Autorin von »Der Report der Magd«

E-Book, Deutsch, 704 Seiten

ISBN: 978-3-8270-8081-3
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dieser lustigen, gelehrten, unendlich neugierigen und gespenstisch weitsichtigen Essaysammlung fragte die Kultur-Ikone Margaret Atwood: - Warum erzählen Menschen aller Kulturen überall Geschichten? - Wieviel kann man von sich presigeben, ohne zu verschwinden? - Wie können wir auf unserem Planeten leben? - Stimmt das? Und ist das gerecht? - Was haben Zombies mit Autoritarismus zu tun? In über fünfzig Texten richtet Atwood ihren erstaunlichen Intellekt und frechen Humor wie einen Scheinwerfer auf unsere Welt und berichtet uns dann, was sie dabei entdeckt. Die Achterbahn-Zeitspanne, in der diese Essays entstanden bescherten uns das Ende des Endes der Geschichte, eine Finanzkrise, den Aufstieg Donald Trumps und eine Pandemie. Ob zu Schulden oder zur Tech-Welt, zur Kilimakrise oder zur Freiheit, von der Frage, wann man der jüngeren Generation seine Weisheit überhelfen soll (nur wenn man gefragt wird) zur Frage was Granola eigentlich ist - es gibt niemand der bessere Fragen stellt zu den zahllosen so unterschiedlichen Fragen unseres menschlichen Universums. »Brilliant und witzig« Joan Didion »Sie nimmt sich unsere Zeiten vor und macht uns klüger dafür .« Ali Smith »In der gesamten lesenden Welt werden die Geschichtsbücher auf der nächsten leeren Seite aufgeschlagen und obendrüber steht Atwoods Name.« Anne Enright, ?Guardian?

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde für inzwischen mehrere Generationen zum Kultbuch. Zudem stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
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SCIENTIFIC ROMANCING


(2003)

Es ist mir eine große Ehre, hier in der Carleton’s School of Journalism and Communication den Kesterton-Vortrag halten zu dürfen.

Meine drei Vorgänger waren sehr bedeutende Männer, und ich bin nun die Vierte in der Reihe. Der Zahl Vier habe ich nie so recht über den Weg getraut, meine Vorliebe gilt der Drei. Darum habe ich die dubiose Vier in zwei Gruppierungen aufgeteilt: einen munteren Dreier aus Personen männlicher Orientierung, der mich ausschließt, und ein Einer-Set, das Personen weiblicher Ausrichtung und damit auch mich miteinschließt. Demnach bin ich das erste Mitglied einer Gruppe, zu der hoffentlich alsbald viele weitere Individuen zählen werden.

Das war’s mit dem Feminismus für heute Abend, und wie Sie sehen, habe ich so das Thema raffiniert mit der obligatorischen Auftaktwitzelei verknüpft, damit es Ihnen nicht zu viel Angst einjagt. Ich habe nie begriffen, warum ich Menschen manchmal Angst einflöße. Schließlich bin ich ziemlich klein, und welcher kleine Mensch außer Napoleon hat je bedrohlich gewirkt? Zweitens bin ich, wie Sie zweifellos gehört haben, eine Ikone, und als solche ist man so gut wie tot und muss nichts weiter tun, als mucksmäuschenstill in Parks herumzustehen und sich bronzebraun zu verfärben, während Tauben und andere sich auf den Schultern der Ikone niederlassen und ihr auf den Kopf machen. Drittens bin ich – in astrologischer Hinsicht – Skorpion, eines der freundlichsten und verträglichsten Sternzeichen. Wir leben gern ruhig im friedlichen Dunkel von Schuhkappen vor uns hin und machen nie Ärger, es sei denn, dass ein bösartig großer Fuß mit gelben Zehennägeln versucht, uns in die Enge zu treiben. Das gilt auch für mich: Ich bin die Harmlosigkeit in Person, solange man nicht auf mir herumtrampelt – in dem Fall kann ich für nichts garantieren.

Der Titel meines heutigen kleinen Vortrags lautet ›Scientific Romancing‹. Oberflächlich betrachtet handelt er von Science-Fiction. Der Subtext läuft vermutlich auf etwas Ähnliches wie Wozu dient »fiction«? hinaus. Der Subtext darunter besteht aus ein paar Abschnitten über die beiden Scientific Romances, die ich selbst geschrieben habe. Und der Sub-Sub-Subtext wäre womöglich die Frage: Was macht einen Menschen aus? Dieser Vortrag gleicht demnach den runden Bonbons, mit denen man sich früher für zwei Cent die Zähne ruinieren konnte: Außenhülle aus Zucker, darunter diverse verschiedenfarbige Schichten und schließlich im Zentrum des Ganzen ein eigenartiger, rätselhaft bleibender Kern.

Als Erstes gehe ich die Sonderform der Prosadichtung an, die häufig »Science-Fiction« genannt wird: ein Etikett, das zwei Begriffe unter einen Hut bringt, die sich eigentlich wechselseitig ausschließen müssten, da science – abgeleitet vom lateinischen scientia, i. e. »Wissen« bzw. »Wissenschaft« – sich nach allgemeinem Dafürhalten mit beweisbaren Fakten beschäftigt, wohingegen fiction – eine Wortbildung aus dem Stammverb fingere = »formen« wie aus Ton – etwas Vorgetäuschtes, Erfundenes bezeichnet. Viele meinen daher, bei Science-Fiction handle es sich um zwei Termini, die sich gegenseitig aufheben. Ein Buch dieser Gattung wird als etwas eingestuft, das etwas Wahres behauptet, aber der fiction-Teil – die Geschichte, die Erfindung – macht es für alle unbrauchbar, die sich ernsthaft mit beispielsweise Nanotechnologie beschäftigen wollen. Oder man bewertet es so, wie W. C. Fields Golf bewertete (er befand, damit verderbe man sich einen schönen Spaziergang) – das heißt, solch ein Buch und seine Erzählstruktur sind mit zu viel esoterischem Krempel zugemüllt, statt sich strikt an die Beschreibungen der sozialen und sexuellen Interaktionen zwischen Bob und Carol oder Ted und Alice zu halten.

Jules Verne, ein Großvater der Science-Fiction und Autor von Werken wie ›Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer‹, war entsetzt über die Freiheiten, die H. G. Wells sich nahm; anders als Verne beschränkte der sich nicht auf Maschinen, die im Bereich des Möglichen lagen – wie zum Beispiel U-Boote –, sondern erschuf noch andere, so etwa die Zeitmaschine, die dieses Kriterium offensichtlich nicht erfüllten. »Il invente!« (»er erfindet!«), soll Jules Verne mit abgrundtiefer Missbilligung geäußert haben.

Der Knack- und Schnittpunkt meines Vortrags ist daher jener eigenartige Ort, an dem science und fiction zusammentreffen. Wo kam dieses Zeug her, warum schreiben und lesen Menschen so etwas, und wozu taugt es eigentlich?

Bevor der Begriff Science-Fiction aufkam – im Amerika der 1930er-Jahre, während des Goldenen Zeitalters von glubschäugigen Monstern und Mädchen in durchsichtigen Gewändern –, nannte man Geschichten wie ›Der Krieg der Welten‹ von H. G. Wells scientific romances. In beiden Bezeichnungen – scientific romance und science fiction – dient das wissenschaftliche (scientific) Element zur näheren Bestimmung. Die Substantive sind romance und fiction, und das Wort fiction deckt ein weites Feld ab.

Wir haben uns angewöhnt, alle längeren Prosadichtungen als »Romane« zu bezeichnen und sie nach Normen zu beurteilen, die zur Einschätzung einer ganz bestimmten Form langer Prosadichtung entwickelt wurden, nämlich jener, die von Individuen handelt, eingebettet in ein realistisch geschildertes soziales Milieu. Im englischsprachigen Raum kam das durch das Werk von Daniel Defoe auf – der versuchte, es als Journalismus hinzustellen – sowie im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert durch die Werke von Samuel Richardson, Fanny Burney und Jane Austen. Weiterentwickelt wurde der Roman von Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch George Eliot, Charles Dickens, Flaubert, Tolstoi und viele andere.

Diese Werkform gilt als überlegen, wenn sie »runde Figuren« statt »flachen« präsentiert; den runden Figuren maß man mehr psychologischen Tiefgang bei. Alles, was nicht in dieses Schema passte, wurde in eine weniger ernsthafte Ecke verbannt und »Genreliteratur« genannt; hier nun müssen Spionage-, Kriminal- und Abenteuerromane, Geistergeschichten und Science-Fiction, wie exzellent sie auch geschrieben sein mögen, ihr Dasein fristen: gewissermaßen auf ihr Zimmer geschickt für das Vergehen, in einer als frivol erachteten Weise unterhaltsam zu sein. Sie sind, wie allgemein bekannt, zumindest bis zu einem gewissen Punkt Erfindungen und handeln demnach nicht vom »wirklichen Leben«, in dem es keine Zufälle, Merkwürdigkeiten, »Action« und Abenteuer geben sollte – außer natürlich, es geht um Krieg –, und darum sind sie nicht solide.

Der echte Roman hat stets Anspruch auf ein gewisses Maß an Wahrheit erhoben – sei es die Wahrheit über die menschliche Natur oder darüber, wie sich voll bekleidete Menschen außerhalb des Schlafzimmers tatsächlich benehmen –, das heißt unter beobachtbaren gesellschaftlichen Bedingungen. Die »Genres« hingegen, so meint man, haben anderes mit uns vor. Sie wollen unterhalten – eine schlimme Flucht vor der Wirklichkeit –, statt uns mit der Nase auf das zu stoßen, was die tägliche Plackerei uns bringt. Pech für die Autoren ernsthafter Romane, dass ein Großteil des Lesepublikums sich recht gern unterhalten lässt. In George Gissings Meisterwerk ›Zeilengeld‹ begeht ein bettelarmer Schriftsteller nach dem Misserfolg seines beinhart realistischen Romans mit dem Titel ›Mr Bailey, Grocer‹ Selbstmord. ›Zeilengeld‹ kam zu einer Zeit heraus, als Abenteuerromane der neuen Schule wie ›Sie‹ von Rider Haggard und die scientific romances von H. G. Wells ganz hoch im Kurs standen. ›Mr Bailey, Grocer‹ – wäre es denn ein richtiger Roman gewesen – hätte es da schwer gehabt. Wenn Sie meinen, dergleichen könne heutzutage nicht mehr passieren, sehen Sie sich die Verkaufszahlen von ›Schiffbruch mit Tiger‹ – Abenteuerroman in Reinkultur – oder dem ›Da Vinci Code‹ sowie der langlebigen Vampirchroniken von Anne Rice an.

Schauplatz des ernsthaften, realistischen »Romans« ist Tolkiens Mittelerde, und die Mitte von Mittelerde ist die Mittelschicht, und Held und Heldin entsprechen für gewöhnlich den wünschenswerten Normen oder hätten ihnen – beispielsweise in tragischen Varianten wie bei Thomas Hardy – entsprechen können, wenn das Schicksal und die Gesellschaft nicht so widrig gewesen...



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