Atkins | An jenem dunklen Tag | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 414 Seiten

Atkins An jenem dunklen Tag

Psychothriller
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2950-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychothriller

E-Book, Deutsch, 414 Seiten

ISBN: 978-3-7325-2950-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Tess den erfolgreichen Kinderherzchirurgen Greg kennenlernt, ist es bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Schon bald wird Tess schwanger, und ohne zu zögern folgt sie Greg von London in die USA, wo er einen wichtigen Posten annimmt. Doch für Tess fühlt sich ab dem ersten Moment alles falsch an: Der stille Vorort wirkt feindselig, das Haus viel zu groß, die Nachbarn abweisend - und Tess wird das Gefühl nicht los, dass jemand sie verfolgt.

Das Schlimmste ist jedoch, dass Greg sich völlig verändert und ihr plötzlich wie ein Fremder erscheint. Dann trifft der erste Drohbrief ein. Und Tess muss sich fragen, wer es auf sie abgesehen hat - und warum Greg von alldem nichts wissen will ...



Lucy Atkins schreibt für zahlreiche namhafte Zeitungen und Magazine wie The Times, Guardian und Independent und wurde für ihre Features mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Ihr erster Roman Das Flüstern des Meeres wurde hochgelobt und eroberte in Großbritannien auf der Bestsellerliste. Nach Stationen in Philadelphia, Seattle und Boston lebt sie inzwischen mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und einem verrückten Hund in Oxford.
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Kapitel 1


Greg hat sie vor den heißen Sommern in Boston gewarnt, aber dass sie so schwül und drückend sein würden wie in Bangkok … Man hat förmlich das Gefühl, zu ersticken. Joe wird in seinem eigenen Saft kochen, wenn er noch lange im Wagen sitzt, selbst wenn sie die Türen offen lässt. Ein silberner Spuckefaden läuft an seinem Mundwinkel herunter, was seinem Gesicht etwas Babyhaftes gibt. Tess widersteht dem Impuls, die Spucke wegzuwischen. Sie muss sich das Haus ansehen, bevor er aufwacht, sich ansehen, was sie hinter der überraschend hässlichen Fassade des Tudor-Hauses erwartet, damit sie Zuversicht und Optimismus ausstrahlen kann. Schließlich muss sie ihrem neunjährigen Sohn zeigen, dass dieser Umzug ein großes Abenteuer ist und nicht etwa ein Fehler.

Das Haus steht auf einem Eckgrundstück in einer breiten, menschenleeren Straße. Der Vorgarten zieht sich um das Gebäude herum. Hier gibt es ein hölzernes Schaukelgestell und eine Einfahrt zur Garage, die sich unter dem rückwärtigen Teil des Hauses befindet. Greg hat die Straße als »fast schon eine Sackgasse« beschrieben, aber es ist eher eine kurvenreiche Wohnstraße. Greg hat ihr all das in einer unscharfen Skype-Tour gezeigt, aber in der Realität wirkt alles breiter, größer, klobiger.

Tess hatte sich vorgestellt, in ein malerisches New-England-Haus zu ziehen: weiß, mit einer Holzveranda – vielleicht sogar mit Hollywoodschaukel –, einem Apfelbaum und einem typisch amerikanischen Briefkasten samt rotem Fähnchen. Dieses Haus hier hat mit ihrer Vorstellung nichts gemein. Es gibt eine Veranda, aber die ist aus roten Backsteinen gemauert und hat ein spitzes Dach, das die gesamte Front überschattet. Der obere Teil des Hauses besteht aus Fachwerk. Dichte, hohe, kratzig aussehende Bäume, vermutlich Zypressen, schirmen es zum Nachbarhaus hin ab. Greg hat ihr erklärt, dieses Haus sei ein »Glückstreffer«. Ein Einfamilienhaus zur Miete sei eine Rarität. Hier kaufen die Leute normalerweise ihre Häuser und bleiben dort wohnen, sagt er.

Tess berührt ihren leicht gewölbten Bauch, legt die Hände darauf. Das hier wird das erste Zuhause ihres Babys sein, und wenn sie alt sind, werden sie sich die Fotos anschauen, auf denen sie alle auf dieser Veranda stehen. Für immer erstarrt vor diesen roten Backsteinen.

»Es ist perfekt«, hatte er gesagt, als er aus Boston anrief, um ihr zu erzählen, dass er den Makler schon bezahlt habe. Ohne vorher mit ihr darüber zu sprechen, ohne ihr wenigstens ein Foto zu mailen. Sein Gesicht schwankte auf dem Bildschirm ihres Handys zwischen scharf und verschwommen. Er war wohl in der Kinderklinik, vermutlich in der Cafeteria. Tess konnte Leute mit Tabletts oder Kaffeebechern im Hintergrund sehen, viele von ihnen in der typischen Kleidung von Krankenhausangestellten.

»Es wird dir gefallen, Tess, glaub mir. In dem Viertel gibt es eine erstklassige Grundschule, einen großen Park, eine hübsche kleine Einkaufsstraße mit ein paar Cafés, einer Bar, einem echten Bäcker, einem Lebensmittelgeschäft und einem Yogastudio. Alles sehr grün und nett, keine Kriminalität, und über den Freeway sind es nur zwanzig Minuten bis nach Boston. Es ist die perfekte kleine Stadt.«

»Ich dachte, es ist ein Vorort?«

»Wir nennen einen Vorort Stadt.«

Wir. Greg hatte fünfzehn Jahre in London gelebt und nie wie ein Amerikaner gewirkt. Die letzten amerikanischen Überreste waren sein Akzent, seine Rechtschreibung und seine chronische Verzweiflung, wenn es um die britische Service-Mentalität ging. Und jetzt hieß es plötzlich wir.

»Du bist nicht ans Handy gegangen. Ich musste einfach zuschlagen.« Ein Baby schrie irgendwo in seiner Nähe, ein unnatürlicher, klagender Laut, verstörend kraftlos und unmelodisch. »Der Makler hatte an dem Morgen noch drei andere Familien, die sich das Haus ansehen wollten. Ich musste mich sofort entscheiden. Aber es wird dir gefallen, Schatz, ich verspreche es dir. Es ist nicht weit zum Krankenhaus – fünfzehn, maximal zwanzig Minuten. Und es hat drei Schlafzimmer, drei Badezimmer und einen riesigen Garten für Joe. Viel mehr Platz, als wir jetzt haben …«

»Drei Badezimmer?«

Er verzog das Gesicht, die Augen halb geschlossen, und es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, dass die Verbindung abgebrochen und sein Gesicht zu einer finsteren, pixeligen Grimasse erstarrt war, auf halbem Weg zu einem Lächeln.

Tess hatte immer geglaubt, dass Greg ihr Haus am Stadtrand von London mochte, mit dem Maisfeld dahinter und dem Blick auf die Downs mit ihren unglaublichen Grüntönen im Frühling, dem leuchtenden Keksgelb im Sommer, den zunehmend dunkleren Brauntönen, wenn der Herbst in den Winter überging. Als er bei ihr einzog, war er von den schiefen Böden und dem alten Holzofen begeistert gewesen, ihren Fotos an den Wänden neben den Gemälden ihres Vaters, den Regalen voller Bücher, den alten Polaroids, die hinter Bechern und Vasen klemmten, Joes Bildern, die sich mit eingerollten Ecken vom Kühlschrank lösten, den tausend Dingen, die auf anderen Dingen förmlich zu balancieren schienen. Und dem Licht, das von draußen hereinfiel. Damals hatte er erklärt, er wollte nicht ein einziges Detail ändern.

Ihre Brust zog sich zusammen bei dem Gedanken an das, was sie zurücklassen würde.

»Greg? Bist du noch dran? Greg?« Aber er antwortete nicht. FaceTime hatte sich tatsächlich aufgehängt.

Ihr bricht schon der Schweiß aus, während sie nur den Weg zur Haustür hinaufgeht. Schon das Atmen überfordert sie. Es ist, als würde sich eine heiße Hand über Mund und Nase legen. Aus der Nähe wirken die Außenmauern des Hauses mit ihren verschieden großen Backsteinen, von denen manche in unterschiedlichen Winkeln hervorstehen, seltsam unregelmäßig. Sie erinnert sich, dass Greg, nachdem er das Haus eigenmächtig gemietet hatte, während seiner Skype-Tour ebendiese Charakteristik heranzoomte und ihr erklärte, das sei damals in den 1920ern, als das Haus gebaut wurde, modern gewesen. Auf sie wirkt es eher wie ein Baufehler, aber er wird während seines Medizinstudiums hier etwas über die typische Architektur in Massachusetts gelesen haben. Und dann hat er dieses Wissen irgendwo auf seiner gigantischen mentalen Festplatte gespeichert.

Sie muss wohl seinem Urteil vertrauen, dass dieses Haus ein Glückstreffer ist. Vielleicht ist er in der Lage, kulturelle Nuancen wahrzunehmen, die ihr entgehen. Die Haustür sieht aus wie aus einem Märchen: überdimensioniert und mit Messingbeschlägen auf dem dunklen Holz. Sie kramt in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln. Irgendwo hinter ihr ruft ein Vogel sein eintöniges ha-ha … ha-ha … Ein Rasenmäher brummt. Sie fühlt sich, als würde sie schweben und sich selbst von oben betrachten. Als wüsste sie nicht mehr, wie sie hierhergekommen ist, an die Schwelle zu einem neuen Leben.

Die Geschwindigkeit ist schwindelerregend. Raus aus der Sicherheit, mit der sie Joe zur Schule fuhr, zu seinen Verabredungen und Fußballspielen an den Samstagnachmittagen, der Routine ihrer eigenen Aufträge und Projekte als Fotografin. Rein in eine Welt der Maklertermine und Umzugsunternehmen, Flugbuchungen, Schulen, Visaformulare, Kinderärzte, Gynäkologen, Krankenversicherungen, der amerikanischen Bankkonten und Mietverträge. Nur ein paar Monate. Und jetzt sind sie hier.

Ein Kind aus Somerset hat Joes Platz an der Schule bekommen; eine niederländische Familie wird heute in ihr Haus einziehen; in Tess’ Studio in der Künstlergemeinschaft sitzt ab sofort eine feministische Konzeptkünstlerin, die Handtaschen mit Schweineschmalz füllt. Ihr alter Ford gehört jetzt einem Mathelehrer. So muss es sein, wenn du stirbst – dein Platz in der Welt wird einfach von jemand anderem gefüllt, wie bei einer Schüssel voll Wasser, wenn du deine Hand herausziehst. Eine Welle der Übelkeit steigt in ihr auf – die typischen Schwangerschaftsbeschwerden, Hitze, Jetlag, vielleicht die Mischung von alldem.

Sie kann die Schlüssel nicht finden. Als sie sich aufrichtet, wird ihr ein wenig schwindelig. Sie blickt zurück zu dem Mietwagen, der wie ein silbernes Insekt mit ausgebreiteten Flügeln auf der anderen Straßenseite hockt, als wollte er jeden Augenblick anfangen zu surren und zu summen und dann mitsamt Joe davonfliegen. Hinter dem Wagen erhebt sich ein klobiges rotes Backsteinhaus auf einem Hanggrundstück. Eine Treppe windet sich im Zickzack einen steilen Felsengarten hinauf zur Tür. Tess stellt sich vor, wie das Haus knarrt, sich ein wenig hebt und von seinem Fundament hinabrutscht, um das Auto, den Zaun, das Tudor-Haus zu zerquetschen, bevor es unaufhaltsam weiter den Hügel hinabgleitet.

Sie beugt sich wieder über ihre Handtasche und gräbt tiefer. Das T-Shirt klebt ihr mittlerweile zwischen den Schulterblättern, ihre Jeans hat sich wie Frischhaltefolie um ihre Oberschenkel gewickelt, und der Bund drückt ihr, obwohl sie ihn bereits nach unten geschoben hat, in den Bauch. Sie ist erst in der achtzehnten Woche und ist jetzt schon viel dicker als damals mit Joe. Sie hätte sich für die Reise luftiger anziehen sollen, doch als sie England verließen, regnete es. Einer dieser Augusttage, an denen die Briten davon träumen, auszuwandern.

Nell war da, um sie am Taxi zu verabschieden – sie wussten beide, dass ein Abschied am Flughafen schrecklich gewesen wäre. »Pass auf dich auf.« Nells Stimme zitterte. »Und auf Joe – und auf das Baby. Kaum zu glauben, dass ich nicht da sein werde, wenn es kommt.«

»Du musst uns bald besuchen, okay?«

»Versprochen.« Nell trat zurück und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Und wenn es da drüben nicht funktioniert, warum auch immer, dann vergiss nicht, dass du jederzeit wieder...


Lucy Atkins schreibt für zahlreiche namhafte Zeitungen und Magazine wie The Times, Guardian und Independent und wurde für ihre Features mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Ihr erster Roman Das Flüstern des Meeres wurde hochgelobt und eroberte in Großbritannien auf der Bestsellerliste. Nach Stationen in Philadelphia, Seattle und Boston lebt sie inzwischen mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und einem verrückten Hund in Oxford.



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