E-Book, Deutsch, Band 3, 256 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
Atilgan Der Müßiggänger
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-293-30808-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Türkische Bibliothek
E-Book, Deutsch, Band 3, 256 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
ISBN: 978-3-293-30808-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Yusuf Atilgan, geboren 1921 in Manisa (Westanatolien), studierte in Istanbul Literatur und arbeitete ein Jahr lang als Türkischlehrer, bevor er sich sich dann aber aufs Land zurückzog. Erst im Jahr 1976 kehrte er wieder nach Istanbul zurück, wo er für verschiedene Verlage als Übersetzer und Lektor tätig war. Yusuf Atilgan starb 1989 in Istanbul.
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2
Hatte ihn dieses griechische Lied geweckt, oder hörte er es erst, seit er wach war? Eleni sang, die Frau des Pastirma-Verkäufers. Eleni, das Dienstmädchen der Nachbarn im Stockwerk darüber, war zwar noch nicht verheiratet, aber für ihn war sie schon jetzt die Frau des Pastirma-Verkäufers. Für dreißig Lira im Monat kam sie an bestimmten Tagen zu ihm herunter und fegte sein Zimmer. In zwei, drei Jahren würde sie heiraten und gemeinsam mit ihrem Mann einen winzigen Meze-Laden eröffnen. Wenn Eleni davon erzählte, bekam sie glänzende Augen. Ihm tat der Mann leid. Der würde dann immer in diesem Laden sitzen und nach Knoblauch stinken. Dem Mann würde das vielleicht gar nicht auffallen. Aber er selbst ekelte sich vor Pastirma.
Er mochte sich vom Bett und von seiner eigenen lauen Wärme gar nicht trennen. Wenn er aufstünde und den Vorhang des einzigen Fensters in diesem Zimmer aufzöge, würde er auf die verputzte Mauer des Nachbarhauses mit ihren vielen kleinen Badezimmerfenstern blicken. Nach all den Jahren kannte er jede Unebenheit in dieser Wand. Auch das Nachbarhaus gehörte ihm oder, genauer, war ihm von seinem Vater vererbt worden. Um den Himmel zu sehen, musste er das Gesicht ans Fenster drücken. An regenlosen Vormittagen verleitete ihn dieser winzige Fleck Himmel häufig zu falschen Vermutungen über das Wetter in der Stadt.
Er drehte den Kopf nach links. In der Mitte der Wand hing, im Halbdunkel nur schwach erkennbar, Kemals Bild Die Nackte. Draußen sang gerade eine Frau, die man leicht nackt ausziehen konnte. Das Lied, dem Rhythmus des Besens angepasst, geriet immer mal wieder ins Stocken. Vielleicht wunderte sich diese Frau, dass er sie nicht einfach ins Bett zerrte. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sich der Anwalt von oben bei jeder Gelegenheit an sie heranmachte. Er aber tat das nicht. Er würde die Frau nicht ausziehen. Schließlich wollte er nicht so sein wie sein Vater.
Das rechte Bein hatte er angewinkelt und kratzte sich am Knie. Als er ein Kind war, hatten die Dienstmädchen im alten Haus oft gewechselt. In manchen Nächten hörte er unterdrückte Schreie, Geflüster und das Knarren von Sprungfedern. Eines Tages hatte er seinen Vater in der Küche gesehen: Total erregt, war er von hinten über die Frau gebeugt und hielt sie an der Hüfte gepackt. Als ihm das Glas aus der Hand gefallen war, hatten sich die beiden plötzlich aufgerichtet. Es war entsetzlich. Sein Vater war auf ihn losgegangen und hatte ihn geohrfeigt. Zehn war er da erst, aber über Männer und Frauen wusste er schon Bescheid. Seit je hatte er sich vor seinem Vater geekelt. Vielleicht war das auch wegen seiner Tante?
Jemand klopfte leise an seine Zimmertür. Er richtete sich im Bett auf und sagte: »Komm rein.«
Eleni blieb in der Tür stehen. »Ich bin fertig. Nur hier muss ich noch Ordnung machen.«
»Das kann heute so bleiben. Es ist noch sauber. Wenn du sonst nichts mehr zu tun hast, kannst du gehen.«
»Ist ja so dunkel hier drin. Soll ich nicht mal die Vorhänge aufziehen?«
Er nickte. Die Frau stand für einen Moment im Licht. ›Was für ein schönes Gesicht sie hat. Wer weiß, wie beschissen meins dagegen aussieht – verschlafen und aufgequollen‹, dachte er.
»Die Fensterscheibe im Zimmer zur Straße ist kaputt. Soll ich heute noch einen Glaser rufen?«
»Ja, gut«, sagte er. »Gib mir mal mein Jackett.« Eleni holte es.
»Was wird die Scheibe wohl kosten?«
»Keine Ahnung. Aber sechs, sieben Lira werden es schon sein.«
Er nahm einen Zehn-Lira-Schein aus der Innentasche und gab ihn ihr. »Den Rest kannst du behalten. Davon kaufst du ein halbes Kilo Wurst für deinen Laden.« Er schaute sie nicht an, während er ihr das Geld gab, aber er sah ihre Hand. Eine lebendige, ausdrucksvolle Hand.
Erst wurde die Zimmertür geschlossen, dann die Wohnungstür. Er schlüpfte in seine Pantoffeln und öffnete das Fenster. Kalt. Er beugte sich hinaus und sah zum Himmel. Bleigrau. Heute würde es regnen. Er zog sich eine Jacke über und ging zur Toilette. ›Sperrgebiet für den schlechten Schriftsteller.‹ Was war das noch mal für ein Buch, das er gestern zur Hand genommen und dann gleich wieder weggelegt hatte? ›Der Mann steht morgens auf, wäscht sich das Gesicht, setzt sich in den Park, isst etwas und geht mit seiner Geliebten spazieren. Irgendwann nachts kommt er nach Hause und legt sich schlafen. Muss der niemals pinkeln? Das ist doch völlig unglaubwürdig. Im Park muss er bestimmt irgendwann dringend, sucht sich einen Baum mit dickem Stamm, guckt überall herum, ob jemand kommt, und pinkelt dann an den Baum.‹ Nach dem Gang zur Toilette rasierte er sich, wusch sich das Gesicht, zog sich an und verließ das Haus.
Von Nisantasi bis Maçka nahm er die Straßenbahn. Beim Aussteigen glitt er aus. Letzte Nacht hatte es angezogen, nun waren die Pflastersteine vereist und rutschig. Während er den Abhang hinunterging, setzte er vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ein verspäteter Sesamringverkäufer kam an ihm vorbei, das Tablett auf dem Kopf. Er hielt ihn an und kaufte einen Sesamring. Vor einem Haus schüttelte eine Frau einen Kelim aus. Er blieb kurz stehen und ging dann weiter. ›Eine schöne Frau, aber sie schaut verdrossen drein. Wir alle sind so: Entweder gucken wir verdrossen, oder wir grinsen dämlich.‹ Im Gehen aß er den Sesamring. Die wenigen Passanten drehten sich nach ihm um. ›Einem anständig gekleideten Mann ist es verboten, auf der Straße einen Sesamring zu essen. Kann man dieses Verbot nicht genauso umgehen wie alle anderen auch? Doch: Man muss nur den Ring in Stücke brechen und sich in die Tasche stopfen. Dann kann man mit einer Hand kleine Stückchen abreißen und sie sich unbemerkt in den Mund stecken. Aber solange ich gute Zähne habe, bin ich fürs Abbeißen.‹
Die Tür zum Haus des Obsthändlers stand sperrangelweit offen. Er verzehrte das letzte Stückchen Sesamring und steckte sich auf der Treppe eine Zigarette an. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock gab es nur eine Tür. Er öffnete sie und blieb auf der Schwelle zu einem hellen, großen Raum stehen. Die jungen Leute, die mit einer Palette in der Hand vor ihren Staffeleien standen, wandten sich nach ihm um und riefen: »Oh, wer kommt denn da!« Und dieser Geruch … Auf einmal wurde ihm klar, dass er sich nach diesem Duft gesehnt hatte, seit er ziellos von zu Hause weggegangen war. Dieser Duft nach Ölfarbe und Leinöl …
»Komm rein und mach die Tür zu, wir erfrieren gleich«, sagte Sadik.
Hatte er so lange auf der Schwelle gestanden?
»Guten Tag allerseits«, sagte er, trat ein und zog die Tür hinter sich zu.
»Hallo.«
Außer Sadik waren zwei Mädchen da und acht junge Männer. Sadik hatte nie mehr als zehn Schüler gleichzeitig. Und er unterrichtete nur solche, die er mochte.
»Heute Morgen erst haben wir über dich gesprochen«, sagte Sadik. »Seit mindestens fünf Tagen hast du dich hier nicht blicken lassen. Wir dachten schon, du hättest die Schneider gefunden, die dich verprügelt haben, und verdrischst sie seit Tagen. Oder ein Auto hätte dich überfahren. Das hat am meisten Sami bedauert. Nicht weil du dann tot wärst, sondern weil dann das Porträt nicht fertig würde. Und du wirst es nicht glauben, aber schließlich haben wir uns auf den unwahrscheinlichsten Fall geeinigt: dass du eine Arbeit angenommen hast.«
»In Ordnung. Ausgehend von dieser Wahrheit können wir verallgemeinernd sagen: ›Der Instinkt des Künstlers ist untrüglich.‹«
Sie lachten und redeten alle durcheinander.
»Gelogen.«
»Ach was, das kann nicht sein.«
»Ich verwette meine Pinsel …«
»Er macht sich über uns lustig.«
Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich auf seinen angestammten Platz vor dem Fenster. »Ich mache mich überhaupt nicht lustig. Vor vier Tagen bin ich auf eine Straße mit dem Namen Zwei-Waisenkinder-Straße gestoßen. Und seither habe ich es mir selbst zur Aufgabe gemacht, die Straßennamen dieser Stadt aufzuschreiben und darüber nachzudenken. Hier ist der Beweis.« Er klopfte auf die Jackentasche, in der sich sein Notizbuch befand. »Drei Tage lang habe ich daran gearbeitet, aber seit gestern Mittag ist wieder Schluss. Denn egal, in welche Straße ich einbog, immer hatte ich den Mann mit der Hängeschulter hinter mir. Jetzt bin ich also wieder ein Müßiggänger.« Er blickte auf seine Schuhe. Alles schwieg. »Wahrscheinlich ist der eine oder andere von euch schon mal durch die Zwei-Waisenkinder-Straße gekommen, aber sie ist euch nicht aufgefallen. Die meisten Häuser dort sind zweistöckig und neu, oder jedenfalls sehen sie so aus. Das ist eine von denen, die Charlie Chaplin Easy Street nennt. Bei mir heißt sie ›Einkaufstütenträger-Straße‹. Die Leute, die da wohnen, haben keine anderen Sorgen, als dass die Nachbarn die Achtung vor ihnen verlieren könnten. Aber der Name der Straße irritiert mich. Wer waren diese beiden Waisenkinder bloß? Was haben sie getan, dass diese Straße nach ihnen benannt worden ist? Wie haben sie gelebt? An dem Abend hatte ich nicht getrunken, aber ich lehnte mich trotzdem an einen Strommast. Wenn ihr von Süden her in die Straße einbiegt und meint, ihr müsstet euch an einen Strommast lehnen, dann nehmt den dritten in der Reihe. Wenn ihr genauso groß seid...




