Athwal | Wir wollten doch nur frei sein | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Athwal Wir wollten doch nur frei sein

Wie meine Verwandten zu Mördern wurden
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0625-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie meine Verwandten zu Mördern wurden

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-7325-0625-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sarbjit Kaur Athwal lebt mit ihrer indischen Familie in London. Als ihre Freundin und Schwägerin gegen die strengen Regeln rebelliert, schmiedet Sarbjits Familie ein grausames Komplott. Fassungslos muss Sarbjit mit ansehen, wie ihre Freundin einem kaltblütig geplanten Ehrenmord zum Opfer fällt. Sarbjit ist entsetzt und beginnt, sich von den falsch verstandenen Traditionen zu lösen. Trotz massiver Drohungen bricht sie mit ihrer Familie, um für ihre tote Freundin und die Gerechtigkeit zu kämpfen.

Mitreißender Erfahrungsbericht

Die Autorin Sarbjit Kaur Athwal berichtet aufwühlend von dem Bruch mit ihrer Familie und schildert ihren Entschluss, ihre eigene Familie wegen des Ehrenmords an ihrer Freundin anzuzeigen. Sie unterfüttert ihre Erfahrungen mit einem ausführlichen Lebensbericht, der den Leser in die Traditionen der indischen Sikhs einführt und ihre Beweggründe anschaulich aufzeigt. Der Druck, unter dem eine Frau in der indischen Gesellschaft aus religiösen und traditionellen Gründen steht, wird am Beispiel von Sarbjit Kaur Athwal mit seiner ganzen Tragweite deutlich.

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1


Siegreich


Es ist ein Fest für die Sinne. Die Luft ist geschwängert von Weihrauch und den Aromen einer geschäftigen Küche. Frauen in hellen Kleidern drängeln mit Männern, die ihre bunten Turbane tragen und deren Bärte bis auf die Brust reichen, um den besten Platz. Gesprächsfetzen wie aus Schnellfeuerwaffen werden gelegentlich von Lachsalven durchbrochen, die zwischen einem Bissen Chapati und einem Schluck eisgekühltem Lassi ertönen. Es ist ein typischer Festtag für die örtliche Sikh-Gemeinde. Und auch wenn Pandschabi die einzige Sprache hier ist, sind doch alle Gäste von weit her, von Amritsar oder Chandigarh, zusammengekommen. Sie befinden sich in Hounslow, im Westen Londons. Und sie haben sich versammelt, um einen neuen Erdenbürger willkommen zu heißen.

Die glückliche, aber erschöpfte junge Frau presst das winzige glucksende Bündel an ihre Brust und lächelt. Wieder einmal. Sie kann nicht anders. Sie braucht nur das kleine Gesichtchen ihres Babys zu sehen oder ein schnelles Luftholen zu hören, und schon ist sie wieder erfüllt von Freude. Sie kann sich nicht vorstellen, jemals wieder unglücklich zu sein.

Ein Dutzend freundlicher Gesichter um sie herum scheint ihr zuzustimmen. Das kleine Wohnzimmer hat noch nie so viele Menschen beherbergt, noch nie hallte so viel Gelächter von seinen Wänden wider. Alle sind gekommen, um den neuen Erdenbürger anzuschauen, und die meisten würden ihn gern einmal halten.

Die Mutter sieht zu, wie ihr Erstgeborenes mit den großen Augen im Kreis der Bewunderer herumgereicht wird. Die Frauen liebkosen das Kind und machen gurrende Geräusche, während ihre Männer Grimassen schneiden oder den Säugling zu kitzeln versuchen. Die Mutter gehört zu ihren engsten Freunden und Verwandten, doch sie entspannt sich nicht, nimmt nicht die Augen von ihrem kleinen Schatz, bis ihr schließlich das sich windende Bündel zurückgegeben wird.

Als sie das Baby dann weiterreicht, lächelt eine Frau. »Meinen Glückwunsch, Amarjit Kaur«, sagt sie und berührt die sanfte Wange des Babys. »Aber es hätte ein Junge sein sollen.«

Ich kam am 6. November 1969 zur Welt, als erstes Kind von Sewa Singh und Amarjit Kaur Bath aus Hounslow, London. Mädchen in einer indischen Familie zu sein ist nicht der beste Start ins Leben. In den Augen vieler brachte ich damit zum ersten Mal Schande über meine Familie.

Mums Eltern hatten mit der gesamten Familie ihre gewohnte Heimat verlassen, um mit Umweg über Singapur nach England zu ziehen. Im Gegensatz dazu war mein Vater der erste seiner Familie, der das indische Dorf im Pandschab verließ. Als er das tat, war er bereits ein verheirateter Mann. Sewa Singh und Amarjit Kaur waren von ihren Familien füreinander bestimmt worden und wurden in einer Zeremonie in Indien miteinander verheiratet, ohne einander vorher je gesehen zu haben.

Das Heim der Neuvermählten war ein Haus mit vier Zimmern in Hounslow. Nein, eigentlich war es bloß ein Teil des Hauses: Meine Großeltern wohnten in dem einen Zimmer, Mums Schwester und deren Kinder hatten ein weiteres Zimmer, ihr Bruder, dessen Frau und Kinder bewohnten das dritte. Somit blieb das kleinste Zimmer für Mum und Dad – und einen weiteren Bruder! Als ich dann noch dazukam, zwängten sie irgendwie noch ein Kinderbettchen hinein.

In solch einem überfüllten Haushalt aufzuwachsen war normal für Mum und Dad, und auch ich lernte nichts anderes kennen. Was auch immer das Wort für »Privatsphäre« auf Pandschabi sein mochte, ich würde es für eine ganze Weile nicht brauchen. Außer in den Momenten, in denen ich mal für kleine Mädchen musste, kann ich mich nicht daran erinnern, je von weniger als zwei Menschen umgeben gewesen zu sein.

Dass so viele Verwandte ständig in der Nähe waren, hatte den Vorteil, dass es nie an Leuten fehlte, die mir von den Wundern Indiens erzählten. Vor allem, wenn wir ins Bett gebracht wurden, saß ich mit meinen Cousins und Cousinen da und lauschte fasziniert, wie meine Tante wieder einmal eine schillernde Geschichte vor uns ausbreitete. Am Ende platzten meist unzählige Fragen aus mir heraus:

»Scheint die Sonne wirklich den ganzen Tag?«

»Spazieren die Kühe wirklich über die Straßen, da wo die Autos fahren?«

Es klang nach einem Ort voller Magie.

Weshalb Mum und Dad wohl stattdessen hier leben wollten?

Mit ihrer Großfamilie unter einem Dach zu wohnen war nicht die einzige Tradition, die meine Eltern aus Indien mitgebracht hatten. Wäre da nicht das englische Wetter gewesen, hätte keiner geglaubt, dass wir im Schatten des Flughafens von Heathrow lebten und nicht im Pandschab: Pandschabi war die einzige Sprache, die im Haus gesprochen wurde. Es war die einzige Sprache, die meine Großeltern beherrschten, und natürlich auch die einzige Sprache, die mir beigebracht wurde. Als mein Vater einen Job bei British Airways in Heathrow bekam, musste er Englisch in einem irrsinnigen Tempo lernen. Zu Hause wurde allerdings nie Englisch gesprochen. Dass diese Sprache überhaupt existierte, erfuhr ich erst, als ich in die Schule kam.

Manchmal schaute ich aus dem Schlafzimmerfenster, und mir fiel auf, dass die Passanten ganz anders gekleidet waren als ich. Sogar die Mädchen. Im Haus und außerhalb des Hauses trug ich immer die im Pandschab übliche Kleidung – salwar, locker sitzende Hosen, und kameez, eine Art längeres Hemd. Meine Mutter, meine Tanten und Cousinen hatten davon diverse Varianten in vielen Farben, und ich stellte mir gern die exotischen Farbtöne vor, die ich eines Tages tragen könnte. Vor allem eines war wichtig: Wann immer ich das Haus verließ, war mein Kopf bedeckt mit einer Art Schal, der chunni oder dapatta genannt wurde. Die Mädchen draußen vor meinem Fenster trugen so etwas zwar nicht, doch trotzdem habe ich mich nie als anders wahrgenommen. Alle in meinem Haus kleideten sich wie ich. Alle, mit denen ich je sprach, kleideten sich ebenso. Dies war die einzige Welt, die ich kannte.

Anders bin nicht ich. Anders sind die Mädchen vor meinem Fenster.

Nicht nur die Frauen in unserer Familie bedeckten ihren Kopf. Mein Vater, mein Großvater und alle Onkel trugen Turban. Zuerst war es in Indien nur Adligen erlaubt, solch auffällige Kopfbedeckungen zu tragen. Doch mein Vater erklärte mir, dass vor etwa dreihundert Jahren ein Mann namens Gobind Singh das geändert hatte. Er hatte verfügt, dass keine Gesellschaftsschicht einer anderen überlegen sein sollte. Allerdings erfuhr ich auch, dass Gobind Singh selber kein gewöhnlicher Mann war. Er war ein »Guru«, der letzte der zehn Oberhäupter der Sikh-Religion.

Wie bei so vielem war ich mir nicht bewusst, dass ich aus einer religiösen Familie kam. So waren wir nun mal.

Lebte denn nicht jedes Kind so?

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist der Besuch eines großen gelben Gebäudes ganz bei uns in der Nähe. Mein Vater erklärte mir, es sei der gurdwara, der Tempel. Ich wusste nur, dass das Haus aussah wie ein Schloss. Besonders fasziniert war ich von den zwei wunderschönen weißen Kuppeln auf den hohen Säulen zu beiden Seiten des Eingangs. Innen gab es aber weder Könige noch Königinnen. Nur viele Hundert Menschen, die genauso gekleidet waren wie wir. Ich war nicht das einzige Mädchen dort im besten Sonntagsstaat, und im ersten Moment fühlte ich mich von den vielen verschiedenen hellen Farben um mich herum wie überrollt.

Obwohl ich meine schönsten Schuhe trug, musste ich sie ausziehen. Ich folgte meinen Verwandten und sah Hunderte Schuhpaare neben der Wand aufgereiht. Dann gingen mein Vater, mein Großvater und die Onkel in die eine, meine Mutter und die Frauen meiner Familie in die andere Richtung.

Nie zuvor hatte ich solch einen riesigen Raum gesehen wie die Haupthalle des Tempels. Wenigstens war ich es gewohnt, unter vielen Menschen zu sein, wenn sie auch normalerweise nicht nach Geschlechtern getrennt waren. Überall sah man Menschen: alle schweigend, alle im Schneidersitz auf dem Boden, alle im stillen Gebet. Wie das ging, wusste ich. Ich war noch sehr klein, da hatte meine Großmutter es mir schon beigebracht. Es sei nun an der Zeit für meine Zwiesprache mit Gott. Nicht mit unserem Gott oder meinem Gott. Die Sikhs glauben, dass es nur eine einzige Gottheit gibt. Andere Religionen mögen Gott unter verschiedenen Namen anbeten, aber wie immer sie ihn auch nennen, es ist ein und derselbe Gott, zu dem wir alle beten.

Wenn mich an diesem Tag schon die Ausmaße des Raums überraschten, erschlug mich fast seine Ausstattung. Ich schaute hinauf zu den riesigen Bildern von Männern mit Turban und weißem Bart, die auf uns herabstarrten, und ich dachte: Diese Bilder haben wir auch bei uns zu Hause!

Mit dem vertrauten Bild des Guru Nanak Dev Ji, des Gründers der Sikh-Religion, das meinen Blick erwiderte, konnte ich nicht anders, als mich einfach wohlzufühlen.

Mir gefällt es hier.

Meine Familie besuchte verschiedene Tempel. Der in Hounslow lag ganz in der Nähe unseres Zuhauses, aber die beiden anderen in Southall, der eine an der Park Avenue, der andere an der Havelock Road, wurden eher bei besonderen Gelegenheiten aufgesucht. Manchmal gab es von Priestern geleitete Gottesdienste, doch meistens waren wir unseren eigenen Gedanken überlassen. Nach dem Lärm und dem Gerede zu Hause empfand ich es als Erleichterung, wenn ich die Augen schließen und so etwas wie Stille genießen konnte.

Außerhalb des Gebetsraumes allerdings waren unsere...



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