Asserate | Deutsch vom Scheitel bis zur Sohle | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 466, 304 Seiten

Reihe: Die Andere Bibliothek

Asserate Deutsch vom Scheitel bis zur Sohle

Ein Vademecum
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8412-3373-8
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Vademecum

E-Book, Deutsch, Band 466, 304 Seiten

Reihe: Die Andere Bibliothek

ISBN: 978-3-8412-3373-8
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Spaziergang durch die Seelenlandschaft der Deutschen mit Bestseller-Autor Asfa-Wossen Asserate.

Als Asfa-Wossen Asserate im Sommer 1968 zum Studieren aus Addis Abeba nach Tübingen kam, geriet er mitten hinein in die Studentenbewegung. Inzwischen besitzt der äthiopische Prinz die deutsche Staatsbürgerschaft, von seinen englischen Freunden wird er liebevoll »My favourite Kraut« genannt. Nach über fünfzig Jahren in Deutschland ist es an der Zeit für ein persönliches Fazit. Im vorliegenden Buch - der Autor nennt es ein Vademecum - geht er deutschen Eigenheiten, Marotten und Klischees auf den Grund und spart dabei seine eigenen Vorlieben nicht aus. Das Alphabet erlaubt es ihm, leichtfüßig von einem Thema zum nächsten zu springen: von der Autobahn zur Bratwurst, von der Freikörperkultur zum Gartenzwerg, von der Kehrwoche zur Kuckucksuhr, von der Waldeinsamkeit bis zum Zapfenstreich.



Asfa-Wossen Asserate, 1948 in Addis Abeba geboren, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, lebt seit über fünfzig Jahren in Deutschland. Er ist Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten in Frankfurt am Main, politischer Analyst und Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher zum Thema Deutschland und Afrika. Sein 2003 in der Anderen Bibliothek erschienenes Buch »Manieren« wurde zum gefeierten Bestseller.

Asserate Deutsch vom Scheitel bis zur Sohle jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


A


Abendbrot


»Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König, abends wie ein Bettelmann«: An dieses deutsche Sprichwort habe ich nie recht geglaubt. Sicher stammt es aus Zeiten, in denen der Arbeitstag der allermeisten noch durch harte körperliche Arbeit geprägt war, eine ordentliche Stärkung zu Beginn des Tages konnte da sicher nicht schaden. Auch kann es seinen protestantischen Hintergrund nicht verleugnen, galt (und gilt) doch in der Katholischen Kirche das Gebot: Nur nüchtern, will heißen: ohne Frühstück, zur Eucharistie!

Im Abendbrot, mag es auch noch so karg sein, schwingt stets das heilige Abendmahl mit. Das Brot spielt hierzulande die Hauptrolle bei dieser Mahlzeit zum Abschluss des Tages. Im Zweifel genügen ein, zwei Schnitten, mit Butter bestrichen, und dazu vielleicht noch eine Scheibe Wurst. Fertig ist das Abendbrot. Es darf natürlich gerne auch etwas üppiger ausfallen, etwa als »Kalte Platte«. Neben dem Abendbrot gibt es auch noch die Brotzeit, in Bayern traditionell vor dem Mittagessen, als herzhaftes zweites Frühstück eingenommen. Zu Fontanes Zeiten war dafür noch der Begriff »Gabelfrühstück« in Gebrauch, das aus warmen und kalten Speisen bestehen konnte. Heute nennt man es neudeutsch »Brunch«. In einigen süddeutschen Gegenden wird diese Zwischenmahlzeit auch als Vesper bezeichnet, im Österreichischen als Jause. Für all das gibt es inzwischen keine festen Regeln mehr: Gegessen wird, wenn man Appetit hat.

Unser tägliches Brot gib uns heute: Über 300 Brotsorten soll es in Deutschland geben, dabei kommen neben Roggen und Weizen auch Hafer, Gerste, Hirse, Buchweizen, Dinkel, Kleie und Mais zum Einsatz. Vom Frankenlaib, Spessartkruste und Münsterländer Stuten über Altmärker, Paderborner und Oldenburger bis hin zum Schlesischen Landbrot ist für jeden etwas dabei. Dabei handelt es sich – der Tradition gemäß – ganz überwiegend um Schwarzbrot. Pane utuntur nigro: »Sie essen schwarzes Brot«, notierte der päpstliche Legat Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., der Mitte des 15. Jahrhunderts Deutschland bereiste und sich von der Pracht und der Sauberkeit deutscher Städte beeindruckt zeigte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde auch Weißbrot in Deutschland allmählich populär. »Weiß und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen«, musste Goethe im denkwürdigen September 1792 feststellen, als er den Feldzug der alliierten Truppen gegen Frankreich als Kriegsberichterstatter begleitete. Die französischen Knaben, mit denen er nach der Kanonade von Valmy sein Kommissbrot teilen wollte, hatten dankend abgelehnt: Sie nähmen nur »gutes Brot, gute Suppe, gutes Fleisch und gutes Bier« zu sich.

Für einen Außenstehenden hat die deutsche Liebe zum Brot fast etwas Rührendes. Mit wie vielen liebevollen, von Region zu Region wechselnden Bezeichnungen wird im Deutschen noch des letzten Rests Brot, des harten Endstücks gedacht! Man nennt es Scherzerl, Gigele oder Gnetzla, Knust, Krüstchen oder Knorzen, Knäusperle, Riebele oder Ränftel, Timpken, Griebsch oder Mürgel. Sogar die Bezeichnung »Ärschel« ist mir schon untergekommen. Nichts vermissten unsere deutschen Lehrer an der Deutschen Schule in Addis Abeba so sehr wie das heimische Schwarzbrot. Die Gattinnen der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft flogen regelmäßig nach Nairobi, um sich in den dortigen deutschen Bäckereien mit Brot zu versorgen. Und wenn ich heute einen meiner deutschen Freunde irgendwo im Ausland besuche und die Frage stelle, was er denn gerne als Mitbringsel hätte, lautet die Antwort meist: »Bring mir doch ein frisches Vollkornbrot mit.«

Wenn sie dann ihr Abendbrot mit mir teilen, begreife auch ich, was Friedrich Hebbel meinte, als er in sein Tagebuch notierte: »Wenn man die Menschen am Abend ihr Butterbrot essen sieht, so kann die Bemühung, das Leben zu erklären, sehr lächerlich erscheinen. Butter und Brot erklären alles.«

Altweibersommer


Es ist die vielleicht schönste Zeit des Jahres: die Tage, in denen der Sommer gemächlich ausklingt, sich das Laub zu färben beginnt, die schon tiefer stehende Sonne ihre Strahlen weit in den Wald hineinwirft und sich in die Wärme ein Duft von Feuchtigkeit mischt, der den nahenden Herbst erahnen lässt. Zu keiner Zeit ist es hierzulande angenehmer, einen Spaziergang zu unternehmen, mit offenem Hemd und ohne zu schwitzen, mit der Aussicht auf ein schönes Glas Riesling am Abend. Man sieht dann oft in Wald und Flur jene Spinnenfäden im Sonnenlicht glitzern, mit denen junge Spinnen durch die aufsteigende warme Luft segeln. Es ist die meiner Generation gemäße Jahreszeit, die Zeit des »Nachsommers«, oder – mit einem anderen schönen Wort gesprochen: »Altweibersommer«.

Die Bezeichnung »Altweibersommer« gibt es aber nicht nur im Deutschen, sondern auch im Ungarischen, im Polnischen, Tschechischen, Ukrainischen und in anderen slawischen Sprachen. Das Schweizerische kennt für das Phänomen auch den Namen »Witwesömmerli«, und im Bayerischen gibt es den »Ähnlsummer« (»Großvatersommer«). In den Nordenglandstaaten der USA und in Kanada wiederum spricht man vom »Indian Summer«. Ob der hiesige Name sich wirklich von älteren Damen ableitet, ist allerdings durchaus umstritten. Eine Fraktion von Sprachwissenschaftlern vertritt die Ansicht, dass in Wahrheit ebenjene nachsommerlichen Spinnen mit ihren Fäden Pate standen, wird doch im Althochdeutschen das Knüpfen von Spinnweben mit dem Wort »weiben« bezeichnet. Wobei einem bei diesen Spinnfäden ja auch wieder das graue Haar in den Sinn kommt.

Die Frage, ob der »Altweibersommer« möglicherweise frauen- und/oder seniorinnenfeindlich ist, beschäftigte schon vor über dreißig Jahren deutsche Gerichte. Im Jahr 1988 wies das Landgericht Darmstadt die Klage einer Dame zurück, die dem Deutschen Wetterdienst die Verwendung des Wortes untersagen wollte. Der Begriff sei, so das Gericht, weder ehrabschneidend noch beleidigend. Aber wer weiß: Ein solches Verfahren würde, in heutigen Tagen angestrengt, womöglich anders ausgehen.

Doch nicht nur wachsende Sprachsensibilität, auch der Klimawandel bedroht den »Altweibersommer«. Wenn die Klimaforscher mit ihren Prognosen recht behalten, werden die Jahreszeiten Frühling und Herbst in Mitteleuropa bald gänzlich verschwunden sein und die hochsommerlichen »Hundstage« unmittelbar vom Novembergrau abgelöst werden. Vielleicht sollten wir Älteren uns gelegentlich daran erinnern, wenn wir uns wieder einmal, im Stau stehend, über die jungen Menschen mokieren, die vor unseren Augen die Straßenkreuzung blockieren: Die »Klima-Demonstranten« streiten nicht zuletzt für den Erhalt des Altweibersommers.

Atomkraft? Nein danke


Erinnert sich noch jemand an das Hohelied auf das »friedliche Atom«? »Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln. Sie würden ausreichen, um der Menschheit die Energie, die sonst in Millionen von Arbeitsstunden gewonnen werden musste, in schmalen Büchsen, höchstkonzentriert, zum Gebrauch fertig darzubieten.« So beschwor es anno 1955 Ernst Bloch in seinem Großwerk Das Prinzip Hoffnung. Während der Koreakrieg und die Kubakrise die Welt in Atem hielten und die Furcht vor einem Atomkrieg allgemein verbreitet war, malten Wissenschaftler und Ingenieure das Goldene Zeitalter des friedlichen Atoms. Ihr Traum war es, die schrecklichste Waffe der Menschheit, die Atombombe, in den größten Segen zu verwandeln. Dass das friedliche Atomzeitalter einer sozialistischen Utopie entsprang, ist heute gemeinhin ...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.