Ashford | Lord Theos schönstes Geschenk | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Digital Edition

Ashford Lord Theos schönstes Geschenk


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7337-2897-7
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Digital Edition

ISBN: 978-3-7337-2897-7
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Duft von Tannengrün erfüllt das Herrenhaus. Obwohl ihr Arbeitgeber, der attraktive Lord Theo, kein Interesse an Besinnlichkeit zeigt: Haushälterin Jenna hat sich fest vorgenommen, ihm die schönste Zeit des Jahres zu bereiten. Und tatsächlich scheint sein Herz zu tauen, an Weihnachten raubt er ihr gar einen heimlichen Kuss. Jenna träumt von mehr. Doch würde ein Mann wie er wirklich eine Dienstbotin heiraten?

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1. KAPITEL

Dezember 1817

Die Landschaft wirkte ausgesprochen trostlos. Theo zügelte sein Pferd und ließ den Blick umherschweifen, in der Hoffnung, dass er in den Nebelschleiern irgendetwas erkennen konnte, das kein flaches Moorland war. Vielleicht hätte er dem angenehmen Leben in London nicht ausgerechnet im Dezember den Rücken kehren sollen.

Vielleicht aber – Theos graue Augen verengten sich – hätte er dafür auch keinen besseren Monat wählen können.

Am vergangenen Abend, nach zwei Tagen Reise im strömenden Regen, war er mit seinem treu ergebenen Burschen Henry endlich in dem hügeligen Kurort Buxton angekommen. Am Morgen hatte Theo beschlossen, allein weiterzureisen, und Henry mit der Kutsche nach London zurückgeschickt, da sein hohes Gefährt ganz eindeutig für die Straßen in Derbyshire nicht geeignet war.

Henry hatte die Kutsche sorgfältig untersucht und anschließend einen Blick auf die düster wirkenden Berge geworfen, die Englands höchste Stadt umgaben.

„Wenn ich Sie wäre, Mylord, würde ich mir überlegen, ob Sie das nicht auch tun sollten“, bemerkte er finster.

„Was? Nach London zurückkehren?“

„Genau. An Ihrer Stelle hätte ich mich gar nicht erst auf dieses aberwitzige Unterfangen eingelassen.“

Theo Lord Dalbury – etwa ein Meter achtzig groß, muskulös und schlank – blickte den recht kleinen Mann amüsiert an. „Das gefällt mir so an dir, Henry. Du strotzt förmlich vor Optimismus und Respektlosigkeit. Aber lass dir gesagt sein, ich werde heute nach Northcote Hall reiten, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“

Henrys zusammengepresste Lippen verrieten, dass es seiner bescheidenen Meinung nach durchaus Theos letzte Tat sein könnte. Klugerweise beschränkte er sich jedoch darauf, seinem Herrn, der bereits damit beschäftigt war, die wasserdichten Satteltaschen auf dem großen, gemieteten Rotschimmel zu befestigen, eine gute Reise zu wünschen. „Wann kehren Sie nach London zurück, Mylord?“

„Bald, Henry. Sehr bald!“

Danach war Theo in die Wildnis aufgebrochen, ohne genaue Vorstellung, in welcher Richtung sein Ziel lag oder was ihn dort erwartete. Das allerdings war keine neue Erfahrung für ihn, sondern zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben.

Vor langen Jahren, nach dem Tod seines Vaters, hatte er eine Baronie geerbt: ein kleines Anwesen, das ihm ein bescheidenes Einkommen und wenige Pflichten bescherte. Und das war ein Glück, da Theo als Offizier in Wellingtons Armee ohnehin nicht viel Zeit in England verbrachte. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Waterloo hatte er sich gemeinsam mit seinem alten Armeefreund Gilly auf Reisen begeben. Kairo, Konstantinopel und viele weitere Städte hatten sie besucht, denn Zuhause wartete nichts und niemand auf ihn.

Zumindest hatte er das gedacht.

Drei Monate zuvor war Theo – inzwischen siebenundzwanzig Jahre alt, schlank und gebräunt von seinen Reisen – nach London zurückgekehrt und hatte den Brief eines Anwalts vorgefunden, der ihm mitteilte, dass sich seine Zukunftsaussichten beträchtlich verändert hatten. Aus diesem Grund befand er sich nun im Dezember in der einsetzenden Abenddämmerung in den Hügeln von Derbyshire, mit nichts als unaufhörlich prasselndem Regen zur Gesellschaft. Und was die Straßen betraf …

„Nennen Sie das etwa Straße, Mylord?“, hatte Henry am vergangenen Tag höflich gefragt, als die Karriole wieder mal in einem Schlagloch feststeckte. Wohin man auch blickte, gab es nichts weiter als Schlamm. Und Schafe. Und endlos erscheinende graue Mauern, die sich über die düster wirkenden Hügel zogen.

Seufzend trieb Theo sein Pferd weiter und fragte sich, ob er überhaupt noch in die richtige Richtung ritt. Der Nebel verdichtete sich, ebenso wie die Dunkelheit; er konnte kaum noch die Straße vor sich erkennen, ganz zu schweigen irgendein Anzeichen, dass hier jemand lebte.

Halt! Was war das? Unvermittelt tauchten ein paar winzige Lichter vor ihm auf und hüpften durch die Finsternis. Was um Himmels willen ging da vor? Im Krieg hatte er ähnliche Lichtpunkte in den Sümpfen von Spanien gesehen – Irrlichter, wie sie die Soldaten nannten. Der gelehrte junge Leutnant versuchte den Leuten zu erklären, dass sie durch Sumpfgase entstanden. Die Einwohner und Soldaten hielten jedoch an ihrem Glauben fest, es seien die Geister der Verstorbenen.

Beruhigend tätschelte er sein Pferd, das sich vor den Lichtern ebenso fürchtete wie die Soldaten, und zog vorsichtig seine Pistole hervor. Da vernahm er plötzlich Stimmen. Kinderstimmen.

Erstaunt senkte Theo die Waffe und lenkte den Rotschimmel behutsam in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. Der Nebel teilte sich kurz und die Lichtpunkte waren deutlicher zu erkennen. Tatsächlich – in einiger Entfernung sah er ungefähr ein Dutzend Kinder durch das Moor stapfen. Das Kleinste trug an einem Seil befestigte Einweckgläser, in denen Talgkerzen brannten.

Von wegen Geister der Toten. Ein paar ältere, größere Kinder zogen einen zweirädrigen Karren hinter sich her. Was um Himmels willen taten sie hier draußen zu dieser späten Stunde? Vermutlich wollten sie irgendeinen Unfug anstellen. Ganz offensichtlich kannten sie sich aber gut aus und wussten, wohin sie gingen. Und das war mehr, als man von ihm behaupten konnte. „Hey!“, rief er und ritt auf sie zu. „Hey!“

Sie drehten sich um. Die Kleinen blickten ihn verängstigt an, und ein paar wollten sogar davonlaufen. Das größte Kind, ein Junge in einem langen Mantel und mit Mütze, rief ihnen mit heller Stimme nach: „Halt! Lauft nicht weg. Er ist keiner von ihnen! Bleibt hinter mir – wir wollen rausfinden, was er will!“

Keiner von ihnen. Verwundert steckte Theo die Pistole weg. Was in Teufels Namen ging hier vor sich?

Die Hände tief in den Taschen vergraben, kam der Junge misstrauisch näher. Und Theo erkannte unvermittelt, wie sehr er sich geirrt hatte. Das war kein Junge, sondern ein Mädchen, etwa achtzehn Jahre alt, mit zerzaustem blonden Haar, das unter der schmuddeligen Jungenmütze hervorlugte. Sie hatte eine Himmelfahrtsnase und große braune, von dichten Wimpern umrahmte Augen. Ja, sie trug tatsächlich einen sackartigen, viel zu großen alten Mantel, Männerhosen und Stiefel. Aber sie war eindeutig eine Frau, auch wenn sie sich im Gegensatz zu all den anderen Frauen, die er kannte, große Mühe gab, diese Tatsache zu verbergen.

„Was soll das heißen – ich sei keiner von ihnen?“, fragte er scharf und beugte sich aus dem Sattel zu ihr hinunter.

Herausfordernd erwiderte sie seinen Blick. Sie war auffallend attraktiv und … nur ein Mädchen vom Lande, Theo. Beherrsch dich.

„Die Kinder haben gedacht, Sie wollen uns die Stechpalmen, die wir bei Hob Hurst’s Gate gesammelt haben, wieder abnehmen“, erklärte sie und deutete auf den Karren. Theo ließ den Blick zu dem Karren schweifen und entdeckte, dass er tatsächlich randvoll mit dornigen Zweigen beladen war. „Dort hängen die schönsten Beeren dran“, fuhr sie fort. „Hewitt und seine gierigen Freunde wollen sie aber immer für sich selbst, um sie auf dem Markt in Buxton zu verkaufen. Doch sie gehören allen. Jeder Dorfbewohner hat das Recht, sie für Weihnachten zu schneiden.“

Weihnachten. Sentimentaler Unfug, dachte Theo bei sich. „Und wohin karrt ihr die kostbaren Zweige?“

Sie zögerte.

„Sagen Sie’s ihm, Miss Jenna!“, drängte eines der Kinder. Ihre anfängliche Angst war großäugiger Neugier gewichen. „Sagen Sie es ihm!“

„Na schön.“ Sie antwortete jedoch nur widerwillig, was Theo nicht entging. „Vor Weihnachten schneiden wir immer Stechpalmenzweige für alle Häuser im Dorf und für den Pestbrunnen.“

Theo stockte der Atem. „Den Pestbrunnen?“

Sie nickte mit ungerührter Miene. „Während die Pest hier wütete, blieb nur das Wasser in diesem Brunnen sauber. Daher dekorieren die Dorfbewohner zum Dank den Brunnen jedes Jahr im Dezember …“ Ihr musste aufgefallen sein, dass sich seine Augen bei dem Wort „Pest“ verengt hatten, denn sie fügte fast mitleidig hinzu: „Keine Sorge. Das ist Hunderte Jahre her. Wohin sind Sie unterwegs? Die Straße nach Buxton befindet sich in einer ganz anderen Richtung.“

„Von dort komme ich eigentlich. Aber offensichtlich habe ich mich verirrt.“

„Und wohin wollen Sie?“

Zurück nach London, in mein behagliches Stadthaus … Nein. Das nicht. Zum Teufel, der Grund dieser Reise bestand schließlich darin, London zu entfliehen! Deshalb hatte er sie ja überhaupt erst unternommen.

Theo setzte sich im Sattel zurecht; der Nebel drang unangenehm kalt durch seinen Kapuzenmantel. „Ich bin auf dem Weg nach Northcote Hall.“

Er sah die Überraschung in den Gesichtern des Mädchens und der Kinder. „Warum?“, fragte sie. „Die alte Dame ist verstorben. Außerdem hat sie sich ohnehin nie im Herrenhaus aufgehalten.“

„Ich weiß, dass sie verstorben ist“, sagte Theo milde. „Aus genau diesem Grund bin ich ja hier.“

Das Mädchen trat zurück; flackernd erhellte das Kerzenlicht ihre hohen Wangenknochen und die großen, erschrocken blickenden Augen. „Sie sind der neue Lord?“

„Ja.“ Was für ein Empfang. Seufzend holte Theo ein paar Münzen aus seiner Tasche hervor. „Hier. Zwei Schillinge. Die könnt ihr euch teilen, wenn ihr mich zum Herrenhaus bringt.“

Beim Anblick des Geldes fingen die Kinder aufgeregt an zu schnattern,...



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