Arz | Westend 17 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Arz Westend 17

Max Pfefers 5. Fall
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-940839-34-3
Verlag: Hirschkäfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Max Pfefers 5. Fall

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-940839-34-3
Verlag: Hirschkäfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Toter hängt an der Hackerbrücke. Was zunächst nach einem Selbstmord aussieht, entpuppt sich als regelrechte Hinrichtung. Doch warum wurde der türkische Obsthändler aus Berlin so spektakulär mitten in München erhängt? Erste Spuren führen den Münchner Bullen Max Pfeffer zum 'Chinesen', einem ebenso aalglatten wie skrupellosen Geschäftspartner des Ermordeten. Doch auch ein Wohnheim für obdachlose Jugendliche im Westend rückt bald ins Zentrum der Ermittlungen. Es scheint, als wären einige der Zöglinge dort auf der Flucht – zum Beispiel vor ihren Familien … Gehen die jungen Männer für ihre Freiheit auch über Leichen? 'Westend 17' ist der 5. Fall des Münchner Kriminalrats Max Pfeffer. 'Er ist ein Kind des Schlachthofviertels, Sohn kleiner Leute, der es mal besser haben sollte. Und wie das Leben so spielt, landet er bei der Münchner Kriminalpolizei, Pfeffer, der melancholische Ermittler, der in den dunklen Abgründen der Stadt wühlt, die ansonsten so hell erstrahlt', schrieb Wolfgang Görl in der Süddeutschen Zeitung über Max Pfeffer.

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Zielgruppe


Krimifans, Krimileser, Münchner


Autoren/Hrsg.


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02 Die eben noch wärmende Nähe wurde jäh unterbrochen, als Max Pfeffer hochschnellte und nach seinem Handy tastete, das Geräusche wie ein Stahlwerk, in dem Kesseldampf abgelassen wird, von sich gab. Dann sagte eine Männerstimme »Okay, ready, let’s do it« und der industrielle Maschinensound des »Being Boiled«-Intros von Human League stampfte rhythmisch durch das Schlafzimmer, bis Pfeffer ranging.

»Ja«, bellte er ins Telefon, während Tim sich stöhnend umdrehte und seine langen Arme um Pfeffers Hüften schlang.

»Deshalb müsst ihr mich wecken?«, sagte Pfeffer ärgerlich. Tim biss Pfeffer spielerisch in die Hüfte.

»Gut, verstehe … Ja … Ist okay. Ich komme gleich.« Pfeffer legte auf.

»Du solltest dir endlich mal einen dezenteren Klingelton zulegen«, grummelte Tim, das Gesicht halb im Kissen. »Oder warte wenigstens, bis der Gesang mit ›Listen to the voice of Buddha‹ kommt, dann wacht man omtechnisch besser auf.«

»Ich brauch nen Klingelton für die Arbeit, den ich überall raushöre und von dem ich schnell aufwache«, antwortete Pfeffer knurrig und kuschelte sich noch kurz zu Tim.

»Haben wir wieder eine Leiche, Maxl?«

»Wir haben.«

»Und die brauchen dich bei der Leiche, weil ja sonst keiner Mörder finden kann?«

»Erraten.«

»Wie spät isses denn?«

»Gleich halb fünf.«

»Scheiße. Na gut, dann kann ich ja auch gleich aufstehen.«

»Spinnst du? Du musst nicht wegen mir …«

»Geh duschen, Herr Oberkriminaldirektor. Ich mach Kaffee und hab auch einen vollen Tag vor mir. Schadet gar nix, wenn ich mal früh aufstehe.«

»Wie du meinst, mein Schokocrossie.«

»Wow, der ist neu. Und so gar nicht rassistisch.« Mandelaugen funkelten, weiße Zähne blitzten und Sommersprossen tanzten auf Tims Kupferteint – und Max Pfeffer wusste wieder, ohne es wirklich jemals vergessen zu haben, warum er sich damals in diesen exotischen Hünen von der niederländischen Karibikinsel Curaçao verliebt hatte. Tim de Fries, der sich selbst immer als »holländische Kolonialware« bezeichnete, weil in seinen Adern das Blut fast aller Völker des einst gigantischen niederländischen Weltreichs floss; vom friesischen Bauern zur indonesischen Wäscherin bis hin zum ghanaischen Kaufmann reichten seine Vorfahren. Für Max Pfeffer war sein Lebensgefährte der Beweis, dass ein Mix aus allen Völkern und Hautfarben der Welt die schönsten Menschen hervorbringt.

»Eben. Ich gebe mir Mühe, Brownie.«

Max Pfeffer sprang schnell aus dem Bett und Tims spielerischer Schlag ging ins Leere.

»Schokocrossie ist mir lieber«, rief ihm Tim hinterher. »Klingt knackiger als Brownie. Und eigentlich bin ich ja eher ein Karamellbonbon …«

»Werds mir merken«, antwortete Pfeffer vom Flur aus, bevor ihm einfiel, dass er leiser sein musste, wollte er nicht seinen Sohn Florian aufwecken.

Ein zartes Morgenrot beleuchtete die Szenerie, als Max Pfeffer die Betontreppe neben den Gleisen hinunterstieg. Er ärgerte sich ein wenig, dass der Tag so begann, statt mit seinem üblichen Sportprogramm. Obwohl er erst Anfang vierzig war, hatte Max Pfeffer schon seit Jahren graue Haare. Daran hatte er sich nie gestört, und er hatte alle Versuche seines Friseurs, die Haare zu »renaturieren«, abgelehnt. Außerdem kontrastierten die Haare bestens mit seinen tiefbraunen, sanftkuscheligen Augen, die ihm nicht ausschließlich, aber doch zumeist bei Frauen gewisse Sympathiepunkte einbrachten. Ein Kollege hatte mal gesagt: »Du redest dir leicht mit deinen Schenkelöffneraugen …« Pfeffer fand sich selbst nicht besonders hübsch, aber er achtete sehr auf sich – seit er sich einen kurzen Bart hatte stehen lassen, brauchte er im Bad etwas kürzer. Er kleidete sich immer mit Stil und Geschmack. Was Pfeffer jedenfalls massiv störte, waren Fettpölsterchen und Bierbäuche. So etwas würde es bei ihm nicht geben. Also zog Max Pfeffer konsequent und diszipliniert seit ewigen Zeiten sein Sportprogramm durch. Idealerweise in der Früh. Außer an Tagen wie diesem.

Pfeffer schwang sich über das Absperrgitter und lief die paar Schritte durch ein bisschen Böschung mit Grünzeug, bis er am Schotterbett der Bahngleise stand. Vor ihm lag die Hackerbrücke im Licht des beginnenden Tages. Hinter mehreren Reihen Gleisen und Weichen, zwischen denen ein Wald von Signalmasten stand, erhob sich düster wie eine Trutzburg das Stellwerk. Auf den Gleisen dahinter rauschten schon die ersten S-Bahnen mit Pendlern in Richtung Hauptbahnhof, von der Ferne wehten die Lautsprecherdurchsagen her. Züge rangierten auf den seitlichen Gleisen. Ein weißer ICE glitt im Schleichtempo gespenstisch leise vorbei.

Die grellen Scheinwerfer der Spurensicherung wiesen Pfeffer den Weg. Er sah es schon von Weitem: Ungefähr in halber Höhe zwischen Brückengeländer und Bahngleisen hing ein menschlicher Körper an einem Seil. Dahinter sah er die Silhouette der Stadt, die Türme der Frauenkirche und die aufgehende Sonne. Im Halbdunkel den Weg halbwegs stolperfrei zwischen Bohlen, Schienen, Schotter und erstaunlich wenig Abfall zurückzulegen, war nicht so einfach. Pfeffer sah, dass wenige Meter vor ihm eine Frau mit kurzen blonden Haaren, die denselben Weg zu haben schien, stolperte und hinfiel. Seine Kollegin. Er beeilte sich und half ihr auf. »Gehts, Bella?«

»Chef, mein starker Held.« Hauptkommissarin Annabella Scholz richtete sich stöhnend auf, stemmte den linken Arm in die Seite und wischte sich über den mächtigen Bauch. Sie roch angenehm nach Kaffee. Seit sie Kontaktlinsen statt einer Brille trug, hatte sie etwas Lieblicheres an sich.

»Schwangerschaftsgymnastik, Bella?«, fragte Pfeffer schmunzelnd. Alle nannten Annabella nur Bella.

»Klar, Chef. Ist eine Yogaübung. Nennt sich Verbrühung mit heißem Kaffee am Morgen.« Sie wischte mit der flachen Hand weiter über ihre Kleidung, in der anderen hielt sie noch den Pappbecher, dessen Inhalt sie über sich geschüttet hatte.

»War er arg heiß?«

»Nein, geht schon. Nur ärgerlich, dass ich gleich die neue Hose eingesaut habe.«

Die beiden gingen vorsichtig weiter.

»Gehts wirklich, Bella?«, fragte Pfeffer und deutete auf den Bauch der schwangeren Kollegin.

»Klar. Er tritt nur ein wenig. Kein Thema.« Bella Scholz hielt sich sacht an Pfeffers Arm fest. »Warum haben sie dich rausgeholt, Chef?«, fragte sie dann. »Muss schon was verdammt Wichtiges sein.«

»Keine Ahnung«, antwortete Max Pfeffer. »Sie haben nur gesagt, dass das vermutlich ein höchst sensibler Fall sei, und dass auch The Big Boss informiert wurde und anwesend sein wird. Ebenso der Oberstaatsanwalt. Da muss ich also auch kommen.«

»Elefantenrunde«, sagte Bella Scholz trocken und deutete auf eine kleine Gruppe Menschen, die außerhalb des Flutlichts stand und sich unterhielt: Oberstaatsanwalt Norbert Bauer, Kriminaldirektorin Jutta Staubwasser und Rechtsmedizinerin Doktor Gerda Pettenkofer. Die Rechtsmedizinerin trug als Einzige der drei einen weißen Overall, ebenso wie die Kollegen der Spurensicherung innerhalb des gleißenden Flutlichtkreises. Bella Scholz sah beim Gehen konzentriert auf den Boden, um nicht noch einmal zu fallen. Deshalb fuhr sie überrascht zusammen, als Pfeffer plötzlich seinen Arm befreite, davonsprintete und dabei »Seid ihr völlig übergeschnappt! Stopp!« brüllte. Das Quietschen eines rangierenden Zugs verschluckte sein Geschrei.

Hauptkommissarin Bella Scholz stolperte ein zweites Mal an diesem Morgen und schlug sich diesmal das rechte Knie an einer Schiene auf. Das Baby in ihrem Bauch trat und boxte.

»Stopp!«, brüllte Pfeffer noch einmal. Die Kollegen von der Spurensicherung drehten sich zu ihm um, auch Kriminaldirektorin Staubwasser, die Rechtsmedizinerin Doktor Gerda Pettenkofer und Oberstaatsanwalt Bauer richteten ihre Aufmerksamkeit auf Pfeffer. Nun endlich nahmen ihn die Uniformierten oben auf der Brücke wahr und hielten inne. Sie waren auf die Absperrung auf der Brüstung geklettert, hatten mehrere Decken auf den Stacheldraht gelegt und waren dabei, den Erhängten am Seil, das ihm das Genick gebrochen und dann tief in seinen Hals eingeschnitten hatte, nach oben zu ziehen.

»Seid ihr wahnsinnig?!«, rief Pfeffer den Kollegen oben auf der Brücke zu. »Runterlassen, nicht raufziehen!«

»Aber wir haben doch Handschuhe an«, rief einer der Uniformierten.

»Runterlassen!«, brüllte Pfeffer.

Sofort ließen die beiden Uniformierten das Seil los, die Leiche rauschte nach unten und landete mit einem unangenehmen Knacksen wieder in ihrer Auffindposition.

»Das … also wirklich …«, stammelte Kriminaldirektorin Jutta Staubwasser, als sie zu Pfeffer trat. Weder sie noch die Rechtsmedizinerin oder der Staatsanwalt hatten zuvor bemerkt, was vor sich gegangen war. »Wie pietätlos …«

»Wobei … sie hatten ihn doch schon fast oben«, sagte Oberstaatsanwalt Bauer. »Gut, warten wir eben, bis der Laster mit Hebebühne hier ist und ihn runterholt.«

Doktor Gerda Pettenkofer verdrehte die Augen und zündete sich eine Zigarette an. »Sie wissen schon, dass die beiden Kasper da oben mit ihrer Aktion meine Arbeit unnötig erschweren«, knurrte sie.

»Mein Gott«, entgegnete der Staatsanwalt, »Sie werden ja wohl noch feststellen können, welche Verletzungen zum Tode führten und welche danach …« Er brach ab und zuckte mit den Schultern.

»Ich glaube, falls hier irgendwer mit dem Handy fotografiert oder filmt, macht das keinen guten Eindruck von der Arbeit der Münchner Polizei, wenn sie einen Erhängten am Galgen hochziehen, oder?«, sagte Max Pfeffer. Er hatte ein, gelinde gesagt, schwieriges Verhältnis zu Oberstaatsanwalt Norbert...



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