E-Book, Deutsch, 318 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 190 mm
Arz Stadtpanther
Ersrausgabe
ISBN: 978-3-940839-94-7
Verlag: Hirschkäfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Pfadfinderclub zum Verbrechersyndikat
E-Book, Deutsch, 318 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-940839-94-7
Verlag: Hirschkäfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Arz, geboren in Würzburg, begann mit dem journalistischen Schreiben einst für Süddeutsche Zeitung Magazin. Dann arbeitete er als PR-Berater für den weltgrößten Systemgastronom, bevor er sich ganz den Künsten widmete: der Malerei und dem Schreiben. 2008 gründete er dann mitten im Münchner Glockenbachviertel den Hirschkäfer Verlag, um endlich Bücher nach eigenem Gusto machen zu können. Arz hat zahlreiche Kriminalromane und Sachbücher veröffentlicht, er ist Verleger, Hardcore-München-Kenner, Safari-Guide und Künstler. Mehr Info: www.martin-arz.de
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Herbst 1943 Kinderlandverschickungslager Aindling
»Komm schon, Schorsch, das tut nicht weh.« Alle lachten, bis auf Georg, dem die Röte in die Wangen stieg. Mehr aus Wut, weil sie über ihn lachten, als aus Scham, weil er zu feige war. Er war nicht feige! Er war, wie alle anderen auch, am Marterpfahl gestanden und hatte alles ausgehalten! Nur die Fingerkuppe – Blut! Das mochte er gar nicht. Blut war bislang keines geflossen, und er hasste es, wenn er sein eigenes Blut fließen sah.
»Also gut.« Georg Haslbeck streckte seine rechte Hand aus, Handfläche nach oben und kniff die Augen zu, als die Messerspitze in seine Ringfingerkuppe stach. Sie hatten sich bewusst einen Finger ausgesucht, an dem eine Verletzung nicht so dramatisch war. Ein kleiner Blutstropfen fiel in das Glas. Oskar, der Georgs Hand festhielt, drückte ein bisschen am Finger herum, bis seiner Meinung nach genug Blut in das Glas getropft war. Als Oskar losließ, zog Georg seine Hand schnell zurück und steckte den blutenden Finger in den Mund.
»So«, verkündete Oskar feierlich und hielt das Glas in die Höhe. Das flackernde Licht des Lagerfeuers tauchte die Gesichter der Burschen in warmes Orange. Sie hatten sich alle indianermäßig zurechtgemacht. Gut, dass es ein relativ warmer Nachmittag war, man konnte den Herbst zwar regelrecht riechen, doch das Thermometer zeigte immer noch 16 Grad. Da mussten sie mit ihren dünnen ›Indianer‹-Hemdchen nicht allzu sehr frieren. Sie hatten sich indianische Symbole auf die Gesichter gemalt und mit allen möglichen Federn, die sie gefunden hatten, Kopfschmuck gebastelt. Oskar hatte als ihr Häuptling den eindrucksvollsten – neben den üblichen Tauben-, Gänse- und Hühnerfedern zierten zwei lange Fasanenfedern seinen Kopf. Die anderen Burschen sahen Oskar gespannt an. Er ließ die Spannung steigen und schwieg. Alfons Zech, vierzehn Jahre alt, Berthold Kröger, elf, Kurt Reicherts, dreizehn, Georg Haslbeck, zwölf, und er, Oskar Gerber, dreizehn. Fünf Buben aus München starrten auf das Glas in Oskars Händen. Das Lagerfeuer knisterte.
»Trinkt nun von dem Heiligen Gral«, deklamierte Oskar mit dramatischem Timbre. »Trinkt von unserem Blut, damit der Bund für alle Zeiten besiegelt ist und wir für alle Zeiten nach Sitte der edlen Indianer Blutsbrüder sind. Manitu sei unser Zeuge.« Er nahm einen kleinen Schluck aus dem Glas, in das alle ein paar Tropfen Blut gegeben hatten. Damit die Flüssigkeit für alle zum Trinken reichte, hatten sie Wasser hinzugegeben. Er gab das Glas an seinen Nebenmann Berthold weiter. Als alle getrunken hatten, nahm Oskar das Glas und leerte den Rest über ein kleines Holzpferd, das sie auf einer Stoffserviette neben das Lagerfeuer platziert hatten. »Billie ist unser Zeuge«, sagte Oskar. Das Holzpferd namens Billie gehörte Berthold, sein Großvater hatte es geschnitzt und dem Buben zum fünften Geburtstag geschenkt. Für den kleinen Berthold, der mit der Schande leben musste, der ledige Balg einer Zugehfrau zu sein, sein wertvollster Schatz. Während das Blut-Wasser-Gemisch über Billies Rumpf rann und vom Holz aufgesaugt wurde, wurde allen feierlich ums Herz.
Oskar ergriff erneut das Wort: »Wir sind nun der Panther-Bund, Kameraden. Panther fürs Leben!« Auf die Idee mit den Panthern waren sie gekommen, weil sich eine Gruppe Jungs aus der Klasse über ihnen die Tiger nannten. Da war Panther nur recht und billig.
»Der Panther-Bund«, riefen alle im Chor. »Panther fürs Leben!«
»Wir schwören, dass wir für uns einstehen und auf unser aller Wohlergehen schauen. Und ganz wichtig: Schweigen ist unser Motto«, sagte Oskar.
Alle nickten feierlich. Oskar sah allen in die Augen. Alle hielten seinem Blick stand. Dass er ihr Anführer war, stand von Anfang an fest. Selbst der ältere Alfons Zech, der eigentlich die Indianergruppe ins Leben gerufen hatte, akzeptierte ihn als Häuptling. Das lag nicht daran, dass Oskar die Aufsicht für ihre Stube innehatte, sondern weil der Bursche mit dem kantigen Schädel eine beinahe aggressive Autorität ausstrahlte. Deshalb war Oskar Gerber auch vom Hauptlagermannschaftsführer zum Stubenaufseher auserkoren worden. Und Alfons hatte noch einen Grund, Oskar die Häuptlingsrolle gerne zu überlassen: Er hatte es nicht so mit dem Denken. Der Oskar schon, der war schlau.
Die Jungen kannten sich fast alle schon lange. Sie gingen gemeinsam auf die Simmernschule in Schwabing, nur der Kurt besuchte die Klenzeschule in der Isarvorstadt. Im Sommer 1943 waren sie das erste Mal bei der Kinderlandverschickung dabei, gleich mit den Sommerferien. Die Achtklässler wurden in den Ferien als Erntehelfer eingesetzt. In den Jahren zuvor hatte man nur die Kinder aus Norddeutschland nach Bayern verfrachtet, »Sommerfrische für Kinder auf Weisung des Führers«, nannte man das offiziell, was in Wahrheit eine vorsorgliche Umquartierung war, um die Kinder vor Fliegerangriffen in Sicherheit zu bringen. Nun flogen die Alliierten immer näher, im März war München schwer bombardiert worden, am 7. September erneut. Da die Erweiterte Kinderlandverschickung eine freiwillige Aktion war, zu der es die Zustimmung der Eltern bedurfte, begann man nun, ganze Schulklassen zu verschicken. ›Wenn ihr die Hilfe der KLV nicht in Anspruch nehmt, seid ihr am Ende schuldig, wenn eure Kinder den Bomben des Feindes zum Opfer fallen‹, hieß es inzwischen. »Auch eure Jungen, durch die Fürsorge des Staates dem unmittelbaren Zugriff barbarischer Luftpiraten entzogen, lernen so, sich in guter Kameradschaft ineinander zu schicken«, tönte die Propaganda aus den Radios. Das erhöhte den Druck auf einzelne Eltern enorm, und aus Angst vor Repressalien wagte es kaum jemand, der Kinderlandverschleppung, wie man es unter der Hand längst nannte, zu widersprechen. Auch in der Simmernschule schickte man Klassen in eines der vielen KLV-Lager, die von der Hitlerjugend geleitet wurden. So kamen die Buben nach Aindling, einen Marktflecken mit knapp dreitausend Einwohnern nördlich von Augsburg, wo es zwar ein kleines Krankenhaus und eine Schule gab, ansonsten sich jedoch Fuchs und Hase Gute Nacht sagten.
»Und jetzt?«, fragte Berthold, der Jüngste unter ihnen, der wie ein Lausbub aus einem Film aussah.
»Wie und jetzt?«, gab Oskar die Frage zurück.
»Na, was machen wir jetzt als Panther? Immer nur Indianer spielen?«, fragte Berthold. »Oder mal was Gscheits?« Er grinste abenteuerlustig und strich Billie über den feuchten Rücken. Obwohl erst elf, war er wagemutiger und unerschrockener als die meisten anderen Panther.
»Wir könnten für unser Wohlergehen sorgen«, sagte Alfons und grinste.
Auch Oskar verzog seinen Mund zu einem Schmunzeln. »Und was schlägst du vor?«
»Na ja«, antwortete Alfons gedehnt. »Wir bekommen zwar gut zu essen hier und so …« Er klopfte sich auf den Bauch. Alfons, der Älteste der Gruppe, war auch mit Abstand der Größte. Ein dünner Schlaks, der seinen Körper noch nicht richtig unter Kontrolle zu haben schien. Arme und Beine schlackerten immer irgendwie herum. Seine Hosen und Hemden waren immer zu kurz für seine langen Glieder. »Aber ich hätte ganz gerne was von dem frischen Apfelsaft, den der Kramer im Schuppen hat. Der ist wieder nur für die Großkopferten. Oder sie verkaufen es eh gleich nach München.« Er war schon beim Metzger eingestiegen, das wussten alle, und hatte dort Rauchfleisch geklaut. Apfelsaft klang auch gut.
»Au ja!«, riefen Kurt und Georg unisono. »Lasst uns beim Kramer einbrechen und ein paar Flaschen holen.«
»Und wie habt ihr euch das vorgestellt?«, fragte Oskar.
»Na, Schuppen aufbrechen, also das Schloss, rein, so viele Flaschen nehmen, wie wir tragen können und wieder raus«, antwortete Alfons. Die anderen nickten und redeten durcheinander, wie toll das wäre und überhaupt. »Zack, bumm. Fertig.«
»Zack, bumm. Ihr seid so blöd!«, seufzte Oskar schließlich und schüttelte leicht den Kopf. »Ich dachte, ihr habt ein bisschen mehr im Hirnkasterl. Wenn wir beim Kramer einsteigen und klauen, dann merken die das sofort. Und die müssen nur eins und eins zusammenzählen, dass das Jungs aus dem Lager waren. Dann werden sie uns draufkommen, und wir werden bestraft, was uns im Prinzip egal sein kann, aber! Aber! Dann werden wir am Ende heimgeschickt! Und das sollte uns nicht egal sein. Das wars dann mit dem angenehmen Leben hier, mit genug Essen und immer frischen Klamotten und keinen Fliegerbomben und so weiter – und vor allem ohne die Alten!«
»Ach, ich vermisse meine Alten schon …«, sagte Kurt Reicherts leise. Die anderen lachten höhnisch.
»Was schlägst du also vor?«, kam Alfons Zech auf das Thema zurück. Erfahrungen mit kleineren Diebstählen hatten sie alle. Sie waren gelegentlich auf gemeinsamen Klautouren in Münchner...




