E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Arold Edgar und die Schattenkatzen
13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-522-61018-6
Verlag: Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-522-61018-6
Verlag: Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marliese Arold wurde als jüngstes Kind von drei Geschwistern in Erlenbach am Main geboren. Das Nesthäkchen liebte die Märchen, die ihre Mutter ihr erzählte und entdeckte sehr früh die Liebe zu Geschichten. Sie konnte von Büchern nicht genug bekommen, aber Bücher waren knapp. Um Abhilfe zu schaffen, beschloss sie kurzerhand, selbst zu schreiben. Über zweihundert Bücher hat die Vollzeit-Autorin, die ihrem Mann noch immer in Erlenbach lebt, schon geschrieben. Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Ihre lustigen, traurigen, spannenden und frechen Erzählungen vermehren sich fröhlich weiter und, tatsächlich, langsam wird es auf ihren Bücherregalen eng!
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Edgar hielt sich dicht an Algernons Seite. Sie trotteten durch die engen Gassen. Ohne Algernon hätte sich Edgar sicherlich heillos verlaufen, aber der Straßenkater schien sich bestens auszukennen. So erreichten sie nach einer Weile einen breiten Fluss – die Themse. Nebel schwebte über dem Wasser, das nach Fisch und Unrat roch.
Algernon sprang auf ein Abfallrohr, aus dem sich eine widerliche Brühe in den Fluss ergoss.
»Komm her, Edgar, hier kannst du lernen, wie man Fische fängt.«
Edgars Schnurrhaare sträubten sich ein wenig, aber er gehorchte und stellte sich hinter Algernon auf das Abfallrohr. Algernon hatte seinen Kopf weit über das Rohr hinausgeschoben und verharrte in Lauerstellung.
Edgar sah sich um, während er auf der glatten Röhre balancierte. In einigem Abstand fuhren Schiffe über den Fluss, was Algernon jedoch nicht zu stören schien. Im Nebel wirkten die Boote und Lastkähne wie gespenstische Schatten. Auch die Geräusche schien der Nebel zu dämpfen. Einige Vögel flatterten am Ufer entlang und stießen dabei schrille Schreie aus. Einer landete nur wenige Meter entfernt und schaute die beiden Katzen interessiert mit seinen stechend gelben Augen an. Edgar wurde nervös, der Vogel kam ihm ziemlich groß vor.
»Alles Angeber und Wichtigtuer!«, knurrte Algernon. »Die Biester warten nur darauf, dass einer von uns etwas fängt, um uns dann die Beute abzujagen. Faule Fettsäcke! Sieh sie nur an, wie dick ihr Kropf ist. Sie werden bald nicht mehr fliegen können, weil sie zu schwer sind!«
»Lügner, Lügner!«, kreischte die Möwe und trippelte am Ufer entlang. »Das sagst du nur, weil du nicht fliegen kannst. Du bist neidisch, jawoll!«
»Hör nicht auf dieses Ungeziefer, Edgar!«, brummte Algernon. »Diese Möwen sind die Pest. Und nimm dich in Acht vor ihrem Schnabel.« Plötzlich schnellte er blitzschnell vor und hatte tatsächlich einen kleinen Fisch in der triefenden Pfote. »Bingo! So macht man das!«
Der Fisch zappelte. Algernon warf ihn Edgar zu. »Hier, iss! Normalerweise bin ich nicht so, aber heute habe ich meinen großzügigen Tag.«
Edgar versuchte, den Fisch aufzufangen. Er war nicht besonders geschickt, und fast wäre der Fisch ins Wasser zurückgeschnellt. Der schwarze Kater trat mit der Pfote auf die Schwanzflosse. Der Fisch drehte und wand sich. Edgar starrte angewidert auf die Beute. Dieses glitschige Ding sollte er essen?
Algernon, der ihn beobachtete, kicherte. »Kennst du keinen Fisch?«, fragte er. »Noch nie welchen gegessen?«
»Noch keinen … lebendigen«, ächzte Edgar, der Mühe hatte, den Fisch festzuhalten. Um ein Haar wäre er ihm entwischt. Er musste die zweite Pfote benutzen. Edgar dachte daran, wie lecker Emmas Futter immer ausgesehen hatte – appetitlich auf einem Teller oder in einer Schale angerichtet. Und nun vor seiner Nase – dieser ekelhafte, stinkende Fisch! Wenn nur nicht der Hunger in seinem Bauch gewesen wäre!
Die Möwe trippelte näher heran. In ihren Augen blitzte Gier.
»Du magst keinen Fisch, das sehe ich«, sagte sie. »Gib ihn mir!«
»Untersteh dich, Eddy«, knurrte Algernon. »Für dieses langschnäbelige Drecksvieh ist jede Gräte zu schade! Nun iss den Fisch schon, oder glaubst du, er schmeckt besser, wenn du ihn vier Wochen aufhebst?«
Edgar hob die Pfote, um dem Fisch einen tödlichen Hieb zu versetzen. Doch dieser machte eine blitzschnelle Bewegung, kam frei und sprang ins Wasser. Weg! Edgar starrte ihm verdutzt nach.
»Also, du bist wirklich ein Volltrottel!« Algernons Stimme klang genervt.
»Tut mir leid«, sagte Edgar zerknirscht.
Die Möwe lachte ein keckerndes Lachen. »So blöd, so blöd!« Sie schwang sich in die Luft und kreiste über Edgar. Ein weißer Klacks fiel herunter. Er verfehlte Edgar nur knapp.
»Miststück!«, fauchte Algernon, sprang aus dem Stand in die Höhe und hätte fast eine Schwanzfeder erwischt. »Das zahle ich dir heim! So was versuchst du gar nicht mehr bei meinem Freund, verstanden?«
Edgar glaubte, sich verhört zu haben. »Hast du eben … Freund gesagt?«, fragte er, während sich ein warmes Gefühl in seiner Brust ausbreitete.
»Ist mir versehentlich rausgerutscht.« Algernon wich seinem Blick aus.
»Ich hatte noch nie einen Freund«, meinte Edgar glücklich. »Du bist der erste. Danke.«
»Ach, bilde dir bloß nichts drauf ein. Ich bin oft ziemlich unausstehlich – und dann wirst du es bereuen, mit mir Freundschaft geschlossen zu haben. Manchmal habe ich so schlechte Laune, dass ich den ganzen Tag nichts reden möchte. Da darf mir auch keiner zu nahe kommen, weil ich dann sehr schnell Ohrfeigen austeile. – Oh, hier ist wieder einer!« Algernon angelte einen zweiten Fisch aus der Themse, der deutlich größer war als der erste. »Der entkommt uns aber nicht mehr!« Er packte die Beute mit den Zähnen und sprang ans Ufer, wo er dem Fisch den Garaus machte. Dann halbierte er ihn und warf Edgar einen Teil zu. »Und jetzt denk nicht lange drüber nach, sondern iss! Oder willst du verhungern?«
Edgar verschlang den Fisch mit Todesverachtung. Es war das Widerlichste, was er in seinem Leben gegessen hatte – aber was sollte er machen? Hier gab es niemanden, der ihm gebratene Leberstückchen servierte oder ihm eine Schale Sahne hinstellte! Und die gierige Möwe, die schon wieder in der Nähe umherspazierte, wartete nur darauf, dass er seinen Magen entleerte und alles hervorwürgte.
Edgar schluckte und hoffte, dass das glitschige Ding unten blieb und seinen quälenden Hunger stoppte.
Inzwischen hatte Algernon seine Hälfte ebenfalls vertilgt und strich sich über die Schnurrhaare. Er schien zu überlegen, ob er weiterangeln sollte, entschied sich aber dann dagegen.
»Komm, Edgar, hier gibt’s zu viele Zuschauer. Wir müssen weiter. Ich habe heute noch eine Verabredung.« Er machte ein paar drohende Schritte auf die freche Möwe zu, die erschrocken hochflatterte. Algernon lachte. »Das nächste Mal erwische ich dich«, kündigte er an und trottete am Ufer entlang. »Genieße die Tage, die dir noch bleiben.«
Edgar schlich hinter dem roten Kater her, gespannt, wohin er ihn führen würde.
Auf dem Kai wimmelte es unterdessen von Menschen. Schiffe legten an und wurden entladen, Männer rollten Fässer und trugen Kisten. Es ging laut und hektisch zu, und überall hockten oder flogen die neugierigen Möwen, immer darauf erpicht, irgendeinen Brocken zu erhaschen. Edgar musste schweren Stiefeln ausweichen und hatte Mühe, den Anschluss an Algernon nicht zu verlieren. Der große Kater ließ sich von dem Trubel nicht irritieren. Ruhig und geschickt schlängelte er sich überall durch und wich den Männern aus, die nach ihm treten wollten.
Edgar dagegen wusste kaum, wo ihm der Kopf stand. So viele neue Eindrücke! Der Lärm, die vielen Menschen, die Gerüche … Es war eine Welt, die er nicht kannte, aber in der er sich ab sofort zurechtfinden musste. Um ein Haar wäre er von einem Fass überrollt worden. Im letzten Augenblick sprang er zur Seite.
Algernon hatte den Vorfall beobachtet.
»Eddy, du musst besser aufpassen, sonst bist du bald platt wie ein Blatt Papier – und das wäre schade.«
»Ich … ich … versuch’s ja«, stammelte Edgar, dem der Schreck noch in den Gliedern saß. Er war froh, als sie das Gewühl hinter sich ließen und einen Schleichweg nahmen, der zwischen zwei Kistenbergen hindurchführte. Der Gang war zwar eng und ziemlich dunkel, aber sie begegneten keinem Menschen. Es roch nach verfaultem Fisch, und Edgar musste wieder daran denken, was sich in seinem Magen befand. Ihm war leicht übel.
»Wohin gehen wir, Algernon?«, fragte er, um sich abzulenken.
»Wart’s ab!«, lautete die ruppige Antwort.
Edgar schwieg einige Augenblicke, doch dann siegte seine Neugier. »Mit wem bist du verabredet?«
Algernon blieb stehen, drehte sich um und funkelte ihn mit seinen grünen Augen an. »Habe ich dir schon gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn jemand zu viele Fragen stellt?«
»Entschuldigung!« Edgar hatte das Gefühl, noch viel lernen zu müssen, was den Umgang mit Algernon betraf. Er nahm sich vor, erst zu überlegen, bevor er etwas sagte. Schweigend trottete er hinter dem roten Kater her.
Sie entfernten sich von der Themse und näherten sich der Innenstadt. Edgar hatte großen Respekt vor den Kutschen, sie flößten ihm Furcht ein. Wenn die Holzräder vor seiner Nase vorbeirollten, wurde ihm schwindelig. Dazu kam der ohrenbetäubende Lärm, der in seinem Kopf dröhnte und dröhnte …
Algernon schien sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ohne Nervosität wartete er ab, bis die Lücke zwischen zwei Kutschen groß genug war, dann rief er: »Los, Edgar!« Die beiden Kater sausten pfeilschnell über die Straße und kamen heil auf der anderen Seite an.
Hier gab es eine Reihe von Läden, aus denen die unterschiedlichsten Düfte strömten. Einmal roch es nach Süßwaren, ein anderes Mal nach Leder, und oft genug konnte Edgar den Geruch nicht identifizieren. Algernon spazierte stolz auf dem Sims vor den Schaufenstern entlang und spiegelte sich hin und wieder in einer der Glasscheiben.
»Grausamer Mord an Katzen! Tod auf der Straße!«, brüllte ein Zeitungsjunge direkt vor Edgar. Er trug eine Holzkiste voller Zeitungen vor sich her, die mit einem Gurt an seinem Hals befestigt war. Der kleine Kater zuckte zusammen und wich dem Jungen aus, der sich neugierig nach ihm bückte.
»Keine Angst!«, rief Algernon ihm zu. »Vor dem da brauchst du dich nicht zu fürchten! Er zwickt dich höchstens ein bisschen in den Schwanz.«
Edgar sprang mit...




