E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Arold Edgar und der sprechende Totenschädel
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-522-61035-3
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-522-61035-3
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marliese Arold wurde als jüngstes Kind von drei Geschwistern in Erlenbach am Main geboren. Das Nesthäkchen liebte die Märchen, die ihre Mutter ihr erzählte und entdeckte sehr früh die Liebe zu Geschichten. Sie konnte von Büchern nicht genug bekommen, aber Bücher waren knapp. Um Abhilfe zu schaffen, beschloss sie kurzerhand, selbst zu schreiben. Über zweihundert Bücher hat die Vollzeit-Autorin, die ihrem Mann noch immer in Erlenbach lebt, schon geschrieben. Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Ihre lustigen, traurigen, spannenden und frechen Erzählungen vermehren sich fröhlich weiter und, tatsächlich, langsam wird es auf ihren Bücherregalen eng!
Autoren/Hrsg.
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Ich haare«, klagte Leyla. Die Siamkatze saß in der obersten Kiste und betrieb ausgiebig Fellpflege. »Und das seit Tagen. Bald werde ich völlig kahl sein – eine hässliche nackte Katze.«
»Ach was«, schnurrte der rote Kater Algernon, der es sich schräg unterhalb von ihr bequem gemacht hatte. »Du bist und bleibst die Schönste von London.«
Es war kühl in dem Kellerraum, in dem nur ein Stapel alter Kisten stand. Seit einigen Monaten diente das Gewölbe vier Katzen als Zuhause. Immerhin waren sie hier vor Regen und allzu großer Kälte geschützt, vor allem, wenn sie sich gegenseitig wärmten.
»Algernon, du bist ein Schmeichler!« Leyla spuckte ein Knäuel heller Haare aus. »Hier! Schau doch! So viel Fell habe ich nie verloren, als ich noch bei meinem Herrn war.«
Algernon seufzte. Er streckte sich und sprang dann mit einem Satz auf den Boden. Er trabte in die Ecke, in der Edgar auf einer Decke lag, und fragte: »Was ist, Kumpel? Gehst du mit auf die Piste?«
»Ja, klar.« Der junge schwarze Kater war sofort auf den Beinen. Der Hunger nagte in seinem Magen. In der letzten Zeit hatte er das Gefühl, dauernd essen zu können. Er war während des Winters ein gutes Stück gewachsen und inzwischen fast so groß wie Algernon, obwohl dieser mit seinem buschigen Fell deutlich dicker wirkte.
»Will noch jemand mit?« Algernon sah zu Leyla hoch, die immer noch ihren Bauch leckte und auf seine Frage nicht reagierte. Und Sue, die getigerte Katze, schlief. Sie lag auf dem Rücken und streckte dabei alle vier Beine in die Höhe. Ab und zu machte sie Laufbewegungen und fauchte leise dabei.
»Die Ladys haben heute kein Interesse«, stellte der rote Kater fest, lief zur Wand und sprang zum Kellerfenster hoch. Edgar folgte ihm.
Milde Luft empfing die beiden.
Edgar reckte den Kopf und schnupperte. »Es riecht irgendwie anders als sonst, findest du nicht?«
»Das ist der Frühling, Ed. Hüte dich. Er kann dich nämlich so kirre machen, dass du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist.« Ohne eine weitere Erklärung trottete Algernon über die Straße.
Edgar lief hinterher, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die nächste Kutsche noch weit genug weg war. Inzwischen hatte er gelernt, die Geschwindigkeit der Fahrzeuge einzuschätzen, und er war stolz darauf, dass ihm der schwarze Kuttenmann erst einmal begegnet war. Es kam Edgar vor, als lebte er jetzt schon eine Ewigkeit mit Algernon und den anderen beiden Katzen zusammen – dabei waren gerade erst ein paar Monate vergangen, seit sein Frauchen gestorben war. Edgar hatte sich damals von heute auf morgen auf der Straße zurechtfinden müssen – und wäre er nicht Algernon begegnet, dann wäre es ihm wohl schlecht ergangen. Er war dem erfahrenen Straßenkater immer noch dankbar.
»Bist du ordentlich hungrig?«, wollte Algernon wissen, als Edgar auf der anderen Seite angekommen war. »Ich hab da nämlich eine Idee … nicht ganz ungefährlich, aber du stehst doch genau wie ich auf ein richtiges Abenteuer, oder?«
»Was hast du vor?« Edgar war neugierig geworden.
»Es gibt da ein Paradies. Essen in Hülle und Fülle. Alles vom Feinsten.«
»Ehrlich?«
»Hab ich dich schon mal angelogen, Ed?«
»Na ja …« Angelogen vielleicht nicht. Aber Algernon neigte dazu, maßlos zu übertreiben. Er hatte manchmal eine etwas spezielle Sichtweise. Zum Beispiel hielt er sich für den mutigsten Straßenkater von ganz London. Das hatte ihm schon etliche Narben eingetragen, die er stolz präsentierte – besonders den Katzendamen.
»Also, wie ist das mit dem Essen?«, hakte Edgar nach.
»Wart’s ab. Lass dich überraschen. Du wirst Augen machen groß wie Kutschenräder.« Algernon grinste, sodass Edgar seine schlechten Zähne sah, und setzte sich in Trab. Edgar lief hinterher.
»Zartes Hühnchen«, summte Algernon übermütig. »Saftiges Schweinchen. Leckeres Kälbchen … Mal was anderes im Magen als immer nur dürre Mäuschen und freche Rattenbiester oder stinkige Fische …«
Es klang verlockend. Edgar musste an die Zeit denken, die er bei seinem Frauchen verbracht hatte. Damals hatte er sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob er etwas zu fressen finden würde. Jeden Tag hatte er pünktlich sein Futter bekommen, appetitlich auf einem kleinen Teller angerichtet. Ab und zu auch ein Schälchen Milch mit einer dicken Sahneschicht. Mmmmhhhh …
Edgar war ganz in Erinnerungen versunken. Er merkte gar nicht, dass Algernon stehen geblieben war, und prallte gegen sein Hinterteil. Algernon fuhr herum, die Pfote ausgestreckt und Edgar entging nur knapp einer Ohrfeige.
»Kannst du nicht aufpassen? Fast hätte ich dir eine gescheuert! Purer Reflex. Ich kann nichts dafür!«
»Entschuldigung«, sagte Edgar kleinlaut.
Algernon hatte seine Aufmerksamkeit bereits wieder nach vorne gerichtet. Seine Schwanzspitze bewegte sich angespannt hin und her.
»Was ist los?«, erkundigte sich Edgar.
»Schschsch! Halt doch mal die Klappe, sonst hör ich nichts!«
Edgar schwieg. Er beobachtete, wie sich Algernons Fell sträubte. Der Kater wirkte jetzt noch größer und voluminöser als sonst. Aus seiner Kehle klang drohendes Grollen.
»Verdammtes Pack!«, knurrte er. »Ich hab’s geahnt. Robin der Räuber und seine Bande. Diese räudigen Kanalratten! Die haben mir gerade noch gefehlt!«
Edgar erwartete im ersten Moment tatsächlich eine Schar Ratten. Doch dann erkannte er eine Straßenkatzen-Gang.
Sie waren zu siebt: dürre ausgemergelte Gestalten, die sich von der anderen Seite her näherten. Ihre Felle waren zerfetzt, Narben zogen sich über ihre Gesichter und verliehen manchem Tier einen fiesen Ausdruck. Die Mitglieder der Gang bauten sich drohend nebeneinander auf, eine scheinbar undurchdringliche Sperre. Edgar hätte liebend gern die Straßenseite gewechselt, aber Algernon war nicht der Typ, der sich vor einem Kampf drückte. Furchtlos setzte er seinen Weg fort und blieb dicht vor der Gang stehen. Edgar folgte ihm mit einem flauen Gefühl im Magen. Der Anführer der Gang sah schrecklich aus. Ihm fehlte ein Auge und von seinen Ohren war nur noch die Hälfte übrig. Eine Narbe zog sich über das verbliebene Auge, dadurch wirkte der Blick des Katers verschlagen und gefährlich. Robin war groß und schlank, aber äußerst muskulös. Und seine Krallen schienen gefährliche Waffen zu sein.
»Hallo, Al.« Das Auge funkelte. »Wohin des Wegs?«
»Das geht dich nichts an, Stinker.«
»Ich meine doch. Haben wir beide nicht noch eine Rechnung offen?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
»Dann will ich deinem lausigen Gedächtnis mal nachhelfen. Du hast mir im letzten Jahr eine Lady ausgespannt!«
»Davon weiß ich nichts. Du musst mich mit jemandem verwechseln.«
Die Pfote des Anführers schnellte blitzartig nach vorn. Algernon reagierte rasch genug, und so traf ihn der Hieb nur an der Flanke und nicht am Kopf, wohin der Kater gezielt hatte. Die Krallen rissen ihm das Fell auf.
Algernon fauchte und stürzte sich auf den Angreifer. Im Nu hatten sich die beiden Tiere ineinander verbissen.
Robins Gefolgschaft umringte die Kämpfenden. Zuerst sahen die Katzen nur zu und gaben ihre Kommentare ab. »Gib’s ihm, Robin!« – »Ja, mach ihn fertig!« – »Er kriegt jetzt, was er schon lange verdient hat.«
Dann mischten sich zwei weitere Katzen ein und kamen Robin zu Hilfe. Die anderen schienen Edgar gar nicht richtig wahrzunehmen, so sehr konzentrierten sie sich auf die Prügelei.
Drei gegen einen! Edgar war empört. Das war unfair! Er hatte das Gefühl, auf glühenden Kohlen zu sitzen. Sollte er sich ebenfalls einmischen und Algernon helfen? Aber er war kein erfahrener Kämpfer, sondern eher jemand, der nachdachte und seinen Gegner mit Worten besiegte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Ihm musste unbedingt etwas einfallen – und zwar sofort!
»Ziemlich feige, was ihr da tut«, platzte es dann aus ihm heraus. »Euer Anführer schafft es wohl nicht allein?«
Die vier Tiere, die zugeschaut hatten, fuhren herum und fixierten Edgar, als würden sie ihn erst jetzt sehen. Edgar blickte in vier Paar angriffslustige Augen – grün, gelb, grau und leicht orangefarben. Die zwei Kater auf der linken Seite waren gestreift und vermutlich Brüder. Sie glichen sich bis aufs Haar – nur die Augenfarbe war anders. Beide waren entsetzlich dürr, als hätten sie seit Wochen nichts mehr gefressen. Der Kater daneben hätte mit seinem schwarzen Fell beinahe Edgars Ebenbild sein können, aber er besaß einen enorm breiten Brustkorb, in dem es nun verdächtig rasselte. Das Tier ganz rechts war eine Katze, grau wie schmutziger Schnee. Sie war schon ziemlich alt. Ihr Fell war löchrig und voller Narben, außerdem schien sie auf einem Auge blind zu sein, denn es war mit einem hellen Schleier überzogen.
»Hast du was zu sagen, Kleiner?«, schnarrte sie. Ihr Schwanz, der steil nach oben ragte, hatte fast keine Haare mehr.
Edgar richtete sich automatisch auf, um größer zu wirken. »Ist das fair?«, erwiderte er. »Lasst Algernon los, er hat euch nichts getan!«
Die beiden gestreiften und der schwarze Kater wechselten einen Blick und grinsten abfällig. Die alte Katze dagegen verzog keine Miene.
»Die Straße gehört uns, und wir machen die Regeln«, antwortete sie. »Scheint so, dass es Zeit für dich wird, sie zu lernen.« Gefährlich langsam kam sie auf Edgar zu.
Er versuchte, ihrem Blick standzuhalten, während er seine Chancen...




