E-Book, Deutsch, 222 Seiten
Arnold Maik - Der Heimweg
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-9054-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 222 Seiten
ISBN: 978-3-7693-9054-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der sozialkritische Frauen-, Familien- und Schicksalsroman Maik - Der Heimweg beschreibt den Lebensweg des fast volljährigen Maik. Schon vor der Geburt beginnt sein vorgezeichneter Lebensweg, dessen Verlauf er ausgeliefert ist. Angst, Trauer, Sorgen und Enttäuschungen sind mit wenigen Ausnahmen ständige Begleiter in einer Zeit, die eigentlich die schönste im Leben eines Menschen sein sollte, bevor er es eigenverantwortlich gestalten muss.
Michael Arnold, geb. 1970 in Dinslaken / NRW, u.a. seit 1996 als staatl. gepr. Erzieher in der stationären Jugendhilfe (Heimerziehung) mit der Zusatzausbildung zum Deeskalationstrainer tätig, verheiratet, 1 Tochter, 1 Enkel
Autoren/Hrsg.
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K1 - LÄHMENDE ANGST
Das Hindernis kommt mit beängstigender Geschwindigkeit näher. Um langsamer zu werden, ist es zu spät. Mit diesem Tempo wächst das eigene Spiegelbild bis zur Lebensgröße heran, bevor es mit einem lauten Knall in unzählige Einzelteile zerbricht. Station 4, es ist 14.00 Uhr und somit der Beginn einer neuen Mittagschicht auf der Inneren Medizin. Der Ort wirkt auf Eva nach 43 Dienstjahren als Krankenschwester in dieser Klinik auch weiterhin kalt, unfreundlich und vor allem lieblos. Obwohl sie diesen Eindrücken täglich über viele Stunden hinweg ausgesetzt ist, nimmt Schwester Eva sie kaum noch wahr. Zu sehr ist sie im Laufe ihrer Dienstzeit gegenüber vielen Dingen einfach abgestumpft. Oft hatte sie Verbesserungsvorschläge eingereicht, um diese ganzen Räumlichkeiten auch im Sinne der Patienten etwas menschlicher zu gestalten. Aber ihre Vorschläge wurden nie umgesetzt. Auf Anfrage wurde ihr stets zurückgemeldet, dass die Gelder knapp wären und wichtigere Ausgaben anstünden. So muss auch sie täglich mit einem endlos lang erscheinenden und weiß gestrichenen Flur leben, in dessen Verlauf sich auf der linken Seite eine Türe an die nächste reiht. Die exakten Abstände zwischen den identisch gestalteten Türen perfektionieren diese alltägliche Monotonie. Auf der rechten Flurseite langweilen sich die Augen durch ebenso viele gegenüberliegende Türen weiter, bis sie auf eine Glaswand treffen. Etwas Tageslicht tritt durch das Glas auf den Flur, was der Atmosphäre des langen Ganges gut zu Gesicht steht. Aber es schieben sich in diesem Moment bereits dunkle Wolken vor die Sonne, die ein Wärmegewitter mit kräftigem Regen ankündigen. An dieser Stelle würde man sonst keinerlei Lichtblicke erwarten. Hinter der Glaswand präsentiert sich das Schwesternzimmer, in dem vier Krankenschwestern und ein Arzt arbeiten. Während zwei Kolleginnen wortlos mit der schnellen Durchsicht von einheitlich grauen Akten beschäftigt sind, verschwindet die Dritte hinter einem Aktenschrank, der mitten im Raum steht. Zu den Wänden rechts und links hält dieser in heutigen Tagen antiquiert anmutende Arbeitsspeicher einen akkuraten Abstand von jeweils zwei Metern. Eva ist die vierte Schwester im Raum und erwartet zu Dienstbeginn von dem Chefarzt Dr. Brucks ihre täglichen Anweisungen. Wie an jedem Tag darf sie auch heute davon ausgehen, dass er dabei äußerst präzise wird und alle Formulierungen sofort auf den Punkt bringt. Dabei bemüht er stets eine strenge Stimme, die auch von einem General kommen könnte. Doch heute läuft es etwas anders. Es beginnt damit, dass auch Schwester Eva sich durch die grauen Akten lesen möchte, um sich auf ihren Dienst und auf die Patienten optimal vorbereiten zu können. So streckt sie gerade die Hand aus, um nach einer Akte zu greifen, als sie die Stimme des Chefarztes hört. Dabei schaut er sie noch nicht einmal an, weil er mit einem aufgeschlagenen Bericht in seiner Hand beschäftigt ist. »Sie brauchen die Patientenakten heute nicht zu lesen, Schwester Eva. Es reicht völlig aus, wenn Sie nur eine, die dafür aber umso genauer, studieren. Setzen Sie sich bitte auf den Stuhl. Auf Sie wartet heute eine andere Aufgabe.« Während der Arzt weiterhin mit seinem Bericht beschäftigt ist, scheint er gar nicht bemerkt zu haben, dass er soeben erneut die erfahrene Schwester wie einen dummen Schuljungen zum Sitzen auf einem Stuhl degradiert hat. Genau dieses menschlich abwertende Verhalten hasst sie an ihrem Chef. Zu gerne hätte sie ihm das einmal gesagt, aber befürchtete Repressalien hielten sie nicht grundlos immer davon ab. Ihm ist es nach ihrer Ansicht zuzutrauen, dass er auch sie nach einer ausgesprochenen Kritik, selbst wenn die berechtigt wäre, ins Tal des Todes zum Staubwischen versetzen würde. Damit ist innerhalb des Hauses die Pathologie im Keller gemeint, in die schon einige von ihren Kolleginnen nach einer Auseinandersetzung mit Dr. Brucks versetzt worden waren. Dies brachte ihm in den Kreisen des weiblichen Personals den nur vorsichtig geflüsterten Spitznamen »Ladykiller« ein. Nachdem sie widerwillig Platz genommen und ihren Chef eine Weile erwartungsvoll angeschaut hat, legt dieser endlich seinen Bericht aus der Hand und wendet sich der Schwester zu.Dabei schaut er gewohnt streng mit nach vorne geneigtem Haupt über den Rand seiner Lesebrille, was sie auch heute als Wichtigtuerei interpretiert. In diesem Moment schießt, wie schon so oft in der Vergangenheit, die Frage durch ihren Kopf, ob der Arzt ihr Wissen, ihr Können und ihre Zuverlässigkeit überhaupt bemerken und richtig einschätzen würde. Oder würde sie in seinem Denken vielleicht nur ein zweckdienliches Arbeitsmaterial darstellen? Doch auf eine Art ist sie froh, dass er sich ihr gegenüber zu diesem Thema noch nie äußerte. Vielleicht wäre die Zusammenarbeit danach mit diesem Ekelpaket weitaus unerträglicher, als Schwester Eva sie bislang schon immer empfunden hat. »Schwester Eva, in Zimmer 422 befindet sich der Patient Maik Harms. Er ist 17 Jahre alt und wurde gegen Mitternacht im Rahmen eines Notfalls mit dem Rettungswagen zu uns gebracht. Aus seiner Akte entnehmen Sie bitte, nach meiner gegebenen Dienstanweisung, alle notwendigen Informationen.« Naja, denkt sich Schwester Eva eher ernüchtert. Bisher erscheint ihr noch alles im Rahmen des Machbaren. Der Patient Harms wäre nicht die erste Notaufnahme, die sie zu versorgen hätte. Aber sie fragt sich auch, warum der Doktor wegen einer Notaufnahme solch ein Fass aufmacht. Um ihren Gedankengängen keinen verräterischen Ausdruck zu verleihen, schaut sie den Chefarzt weiterhin reg- und kommentarlos an. Er soll wieder einmal auf keinen Fall ihre Verunsicherung und vor allem die Angst spüren, die sie vor ihm und seiner Macht als Chefarzt hat. »Halten Sie seine Vitalfunktionen genau im Auge! Ich wünsche zudem, dass Sie ihren heutigen Dienst elementar anders gestalten, als Sie es gewohnt sind.« Seine erweiterte Ausführung lässt Sorgen in der Krankenschwester aufkommen. Vielleicht handelt es sich bei dieser Notaufnahme um einen besonders schwer verletzten Patienten.Aber warum sollte sie dann ihren Dienst anders gestalten? So etwas wurde von ihr noch nie verlangt. »Leisten Sie dem Patienten bis zu ihrem Dienstende am Abend Gesellschaft, wobei der Schwerpunkt von ihnen auf die Kommunikation zu setzen ist.« Das sollte es gewesen sein? Mehr nicht! Nur nach den Vitalfunktionen eines Jugendlichen schauen und dann ein wenig mit ihm plaudern? Und für diese Aufgabe wurde ausgerechnet sie ausgesucht? Warum könnte dieser Auftrag nicht von einer jüngeren Kollegin oder vielleicht von einer ehrenamtlichen Schwester erledigt werden? Diese Fragen lassen die Schwester etwas verständnislos in ihren Stuhl zurücksinken. Zunehmend fällt es ihr schwerer, den Grad ihrer Verunsicherung zu verbergen. Sah der Arzt in ihr mittlerweile nur noch eine alte Schachtel, die dem regulären Krankenhausbetrieb nicht mehr gewachsen ist? Mit ungebrochen hoher Aufmerksamkeit, aber auch mit gemischten Gefühlen, lässt sie den Rest dieser Dienstanweisung über sich ergehen. »Rechnen Sie mit Fluchtgefahr dieses Patienten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. Diese Vorgehensweise ist erforderlich, weil er sich laut Aussage der Polizei in seinem Verhalten stets ausgesprochen instabil zeigte. Da gegen ihn mal wieder aktuell ermittelt wird, müssen die es ja schließlich wissen.« Nach diesen Worten ihres Chefarztes ist das Unverständnis in ihrem Kopf komplett, da es völlig unüblich ist, solche Dienstanweisungen an Krankenschwestern zu vergeben. Wäre dies nicht eher ein Fall für einen Psychologen? Doch auch ein zunehmendes Interesse an dem Patienten macht sich in ihr breit.Vielleicht müsste sie sich nicht allein dieser Aufgabe stellen und könnte eventuell Unterstützung erwarten. Also fragt sie nach und ist dabei um Sachlichkeit mit einer gespielten Sicherheit bemüht. Dabei ist ihr klar, dass sie sich bei Dr. Brucks keine Unsicherheiten leisten darf. Er würde solche Gefühle garantiert sofort bemerken und sich dann sicherlich noch mächtiger fühlen. Diesen Triumph will sie ihm nicht gönnen. »Hat der jugendliche Patient Eltern oder Angehörige? Dürften diese zu dem Patienten ins Zimmer?« Dr. Brucks hebt die Augenbrauen, was sie noch weiter verunsichert. Hatte Schwester Eva vielleicht etwas Falsches gefragt? »Das ist eine gute Frage und zugleich das zentrale Problem, Schwester. Dieser Patient befindet sich in einer Maßnahme der stationären Jugendhilfe, die allgemein als Heimerziehung bekannt ist. Demnach dürfen Sie bei der Bewältigung ihrer Aufgabe nicht auf Hilfe von außen hoffen.« Nach diesen als gefühllos empfundenen Worten ihres Chefs, hätte sich Schwester Eva nur allzu gerne krankgemeldet.Eine solche Dienstanweisung erscheint ihr wie eine lupenreine Schikane und im ersten Augenblick als kaum umsetzbar.Offensichtlich handelt es sich bei diesem Patienten um einen unberechenbaren und zugleich kriminellen Jugendlichen, der schwer verletzt zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über sich verlieren könnte. Was hätte sie ihm da schon...




