E-Book, Deutsch, 95 Seiten
Reihe: TEXT + KRITIK
E-Book, Deutsch, 95 Seiten
Reihe: TEXT + KRITIK
ISBN: 978-3-96707-938-8
Verlag: edition text+kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Natascha Wodin wurde 1945 als Kind verschleppter Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion in Fürth geboren. Ihre Prosa steht im Zeichen der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse und historischer Tabus. Die Autorin thematisiert die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Entdeckung der Herkunft, die Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit und ihre Überwindung. "Ich schrieb, weil ich nicht leben konnte", heißt es im Roman "Nachtgeschwister". Die Protagonistinnen Natascha Wodins sind benachteiligte, aber starke, lebensbejahende Frauen, ihre Schicksale berühren und ergreifen.
Die Beiträge des Heftes untersuchen die vielseitigen thematischen Aspekte im literarischen Schaffen der Autorin. Im Mittelpunkt stehen die Aufarbeitung der Wende und die Ost-West-Dichotomie, Ausgrenzung und Resilienz, Zeitgeschichte und kulturelles Gedächtnis. Die Thematisierung von Intertextualität und Übersetzung ermöglichen Einblicke in die Schreibverfahren Wodins und machen neue Verknüpfungen und Dynamiken innerhalb der Texte sowie die lyrischen Verfahren der Verdichtung und Verschränkung sichtbar.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Inhalt
Natalia Blum-Barth
"[G]efangen in der Unvereinbarkeit […] von Literatur und Leben"
Einige Bemerkungen zum Werk von Natascha Wodin
Helmut Böttiger
Ukrainische Regentropfenprélude
Natascha Wodins deutsch-slawische Grenzverschiebungen
Lucia Perrone Capano
In "einem nie geträumten Bild aus Ost und West"
Bewegungsräume im Werk von Natascha Wodin
Hans-Christian Trepte
Natascha Wodin und Wolfgang Hilbig
Zur literarischen Zweisamkeit in der deutschen Einheit
Natalia Blum-Barth
"[D]ie geheimnisvolle Geschichte von der gläsernen Stadt"
Intertextualität und Historizität im Leben und Werk von Natascha Wodin
Natalia Blum-Barth / Chrystyna Nazarkevytch
Das Verborgene sichtbar machen
Ein Interview mit der Übersetzerin des Romans "Sie kam aus Mariupol" ins Ukrainische
Jörg Magenau
Natascha Wodin: eine Berichterstatterin von schmerzlicher Genauigkeit
Auswahlbibliografie
Notizen
Helmut Böttiger Ukrainisches Regentropfenprélude
Natascha Wodins deutsch-slawische Grenzverschiebungen
Natascha Wodin hat, wenn sie spricht, einen unverkennbaren fränkischen Einschlag. Die Klangfarbe ihrer Stimme, vor allem, wenn sie das »R« ein bisschen rollt, stammt aus der Region um das Flüsschen Regnitz, aus der Gegend nördlich von Nürnberg und Fürth, in der sie groß geworden ist. Aber gleichzeitig rührt dieses »R« noch an ganz andere Grundlagen: Es reicht bis ins Russische hinüber. Bis zum Alter von sechs Jahren hat Natascha Wodin ausschließlich auf Russisch gedacht und gesprochen, der Sprache ihrer Eltern. Zwischen dem Russischen und dem Fränkischen ist vieles möglich. Die besonderen Umstände aber, unter denen Natascha Wodin ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, bewegen sich jenseits aller Kategorien. Sie wurde im Dezember 1945 als Tochter russisch-ukrainischer Eltern geboren, in einer verkommenen Baracke auf einem Fabrikhof an der Grenze zwischen Nürnberg und Fürth. Die Eltern waren von den Nationalsozialisten als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden und befanden sich nun als staatenlose »Displaced Persons« außerhalb der Zeiten und Räume. Immer wieder taucht diese Baracke in Natascha Wodins Prosa auf, ein gespenstisches Bild mit Taschenlampen, die im notdürftig mit einem Bettlaken zugehängten Fenster aufblitzen. Und ihre Kindheit und Jugend sind durchgehend von dieser Existenz als Nichtzugehörige gezeichnet, sie verbrachte sie am äußersten Ortsrand in den »Häusern«, wie die einheimischen Deutschen in der Stadt Forchheim in verächtlicher Abwehr die Siedlung für gestrandete Fremde nannten. Hier wohnten die Heimatlosen und Unbehausten aus dem Osten, die von der deutschen Bevölkerung nie als dazugehörig akzeptiert wurden. Natascha Wodin ist in ihren Büchern immer wieder auf diese Urszenen zurückgekommen. Konsequent schien jene Zeit auf die erste große Zäsur zuzulaufen, nämlich den Selbstmord der Mutter, als die Tochter zehn Jahre alt war. Die »Häuser« am Rande der üblichen deutschen Zivilisiertheit erscheinen in den Büchern der Autorin in unterschiedlichen Zusammenhängen und Beleuchtungen, und im Lauf der Zeit wird das Traumatische, das mit ihnen in Verbindung steht, immer detaillierter beschrieben. In Natascha Wodins Prosadebüt »Die gläserne Stadt« aus dem Jahr 1983 wirkt die erste Lebensphase, obwohl der gewalttätige, entwurzelte und in einem Kosakenchor singende Vater bereits eine große Rolle spielt, am stärksten von der Russlandsehnsucht der Mutter geprägt. Sie vermittelte der Tochter das Gefühl, dass in der russischen Kultur ihre eigentliche Identität läge – vor allem durch Musik, durch gemeinsames Singen. Daraus entsteht ein Bild, mit dem Deutschland ganz allgemein und als das nicht zu Erreichende schlechthin charakterisiert wird, es ist »Die gläserne Stadt« des Titels, die »sauberste Stadt der Welt«. Zu diesem Blick auf das Land ihrer Geburt kommt die Hauptfigur auch durch die Konfrontation mit dem wirklichen Russland viele Jahre später. Dafür werden wichtige Lebensetappen übersprungen. In den 1970er Jahren arbeitete Natascha Wodin wie ihre Protagonistin als Dolmetscherin in Moskau, unter schwierigsten Bedingungen. Aber im Mai 1979 lernte sie den um 24 Jahre älteren »L.« kennen und erlebte anschließend eine der glücklichsten Phasen ihres Lebens. Das Debüt der Autorin reagierte auf diese unmittelbar zurückliegende Erfahrung. Eine Zeit lang schien es tatsächlich so zu sein, als könnte sich im Moskauer Alltag die Möglichkeit einer Heimat verbergen. Bis zum September 1980 lebte Natascha mit L. in der aus der üblichen Gesellschaft herausgehobenen Moskauer Schriftstellersiedlung zusammen. Die Autorin verhüllt die autobiografische Grundlage ihres Buches nicht, aber sie macht sie gleichzeitig zu einem literarischen Stoff: Lew Ginzburg war ein bekannter russischer Dichter, Germanist und Übersetzer. Er starb im Alter von 59 Jahren, kurz nachdem die beiden beschlossen hatten, zu heiraten. In »Die gläserne Stadt« wird die Zeit der Beziehung mit Lew Ginzburg zu einer Einlösung früher Traumvisionen, die durch die russischen Erinnerungen der Mutter ausgelöst wurden. Aber es bleibt alles dennoch sehr fragil. Vor der Bekanntschaft mit »L.« erlebt Natascha das russische Leben als eine nicht zu bewältigende Herausforderung, es setzt ihr psychisch und physisch zu. Und dem Milieu der etablierten russischen Kulturschaffenden steht sie durchaus zwiespältig gegenüber, sie sieht die Privilegien und Repressionen in der sowjetischen Gesellschaft, und nach dem Tod ihres Geliebten wird sie auch sofort ausgeschlossen. Der Roman endet mit der Rückkehr ins »gläserne« Deutschland, und das zentrale Lebens- und Schreibmotiv der Autorin kristallisiert sich dadurch umso deutlicher heraus: die Suche nach Verortung, die Ruhelosigkeit, das Hin- und Hergetriebensein. Erst in den folgenden Büchern widmet sich die Autorin den schwierigen und komplexen Phasen ihrer Biografie, die sie in ihrem Debüt ausgelassen hat. Es sind die Jahre zwischen der Zeit in einem katholischen Mädchenheim, in das ihr Vater sie nach dem Selbstmord der Mutter gebracht hatte, und der späteren Berufstätigkeit als Dolmetscherin. »Einmal lebt ich«, 1989 erschienen, ist lange, bevor dieses Wort in Deutschland aufkam, ein autofiktionaler Text: ein schonungsloser Rechenschaftsbericht, der der eigenen Biografie nachspürt und in dem es um die sozialen Verhältnisse und ihre psychischen Implikationen geht. Es ist überhaupt bemerkenswert, dass Natascha Wodins erste Texte parallel zu den später berühmt gewordenen Prosastücken von Annie Ernaux entstanden, die stilbildend geworden sind. Der Unterschied zwischen dem französischen und dem deutschen Sujet bei beiden Autorinnen ist sehr beredt: das Deutsche zerfällt bei Natascha Wodin in viele verschiedene Bestandteile, und die Risse zwischen den deutschen und russischen Komponenten im Selbstbild der Autorin bilden das Movens des Schreibens. »Einmal lebt ich« setzt an dem Punkt ein, als die Erzählerin nach fünf Jahren in der klösterlichen Mädchenschule in die »Häuser« ihres Herkommens zurückkehrt. Die Protagonistin sieht sich der Aggressivität des Vaters, der bis zu seinem Tod Jahrzehnte später kein Wort Deutsch sprechen wird, schutzlos ausgeliefert. Sie ist seinen Forderungen, den Haushalt zu führen und samstags penibel zu putzen, nicht gewachsen, und parallel dazu werden in beklemmenden Szenen die sexuellen Irritationen der Heranwachsenden deutlich. Einmal legt sich der Vater betrunken zu ihr ins Bett, und sie hat sich in einer Vorahnung, von der sie nicht genau weiß, worin sie eigentlich besteht, eine Schere auf den Nachttisch gelegt, um sich im Notfall zu wehren – es kommt nicht dazu, aber damit wird eine spezifische Atmosphäre verdichtet, die das gesamte Buch durchzieht. Den Wechsel zu einer durch und durch protestantischen Schule, in der sie als »Russin« verunglimpft wird, verkraftet sie ebenfalls nicht, und sie ergreift schließlich die Flucht. Die Romane »Einmal lebt ich« und »Die Ehe« loten die biografischen Abgründe und Leerstellen aus, die die Autorin Natascha Wodin wie ihre jeweilige Protagonistin vor der ihren Debütroman beherrschenden Tätigkeit als Dolmetscherin in Moskau ausmachen. Dabei treten soziale Szenerien ins Bild, wie sie in der zeitgleich veröffentlichten deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in der Wohlstands- und Markt-Euphorie vor und vor allem nach 1989 kaum vorkommen. Die Erzählerin in »Einmal lebt ich« reißt in die nächstgelegene Großstadt aus, lässt sich von einem Iraner in dessen möbliertes Zimmer mitnehmen und wird, bevor es ihr gelingt, zu entkommen, von ihm mehrfach vergewaltigt. Es folgen lange, demütigende Monate auf der untersten Stufe der sozialen Skala, in denen sie auf der Straße lebt und verdrängt, dass sie schwanger ist, bevor sie das Kind unter Lebensgefahr in der Wohnung des Vaters abtreibt. Die Form des Romans rekurriert auf eine expressionistische Sozialpathetik, erzählt wird in einer Rede an das mit brutaler Gewalt gezeugte und abgetriebene Kind. »Die Ehe« schließt fast nahtlos daran an: Die Erzählerin rettet sich vor dem übermächtigen Vater in die Heirat mit dem einäugigen Harald und schafft es dadurch, endlich einen deutschen Nachnamen und einen deutschen Pass zu bekommen. Ihr Mann ist, was die Ich-Erzählerin zunächst kaum einordnen kann, Mitglied der NPD, ihre Schwiegereltern sind alte Nazis. Durch den Impuls eines Slawisten aus den USA beginnt sie jedoch langsam darüber nachzudenken, was sie eigentlich ausmacht. Es gelingt ihr über aberwitzige Umwege, eine Ausbildung als Dolmetscherin zu absolvieren und an die nach dem Tod der Mutter fast völlig verleugnete russische Sprache wieder anzuknüpfen. Dadurch gerät sie, in der Zeit der 68er-Bewegung, in studentische Kreise, lässt sich von Harald scheiden und zieht in eine Wohngemeinschaft, die sie trotz aller Distanz als befreiend erlebt. Am Schluss des Romans bricht sie zu einem ersten beruflichen Aufenthalt nach Moskau auf, und damit ist der Kreis zu ihrem Debüt »Die gläserne Stadt« geschlossen. Die ersten Jahrzehnte des Lebens von Natascha Wodin sind durchgehend von grundlegenden existenziellen Problemen geprägt, und neben den extremen sozialen Bedingungen, in die sie hineinwächst, geht es vor allem um die alles verunsichernde Frage, was sie eigentlich ausmacht, worauf sie ihre eigene Person gründen kann. Ihre ersten Schreibversuche finden auf Zetteln statt, auf Parkbänken und sonstigen Stationen ihrer Obdachlosigkeit nach dem vorzeitigen Schulabgang. Auf das Jahr...