E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Arlt Nebenfrau
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-7998-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte in zwölf Beispielen
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7998-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ingeborg Arlt, geb. 1949 in Berlin, aufgewachsen in Pritzwalk, von Beruf Dipl.-Bibliothekarin, wohnhaft in Brandenburg an der Havel. Für die Erzählung "Das kleine Leben" erhielt sie 1987 den Anna-Seghers-Preis, für den Roman "Die Hure und der Henker" 2008 den C. S. Lewis-Preis. 2023 erschienen unter dem Titel "Die Würde der Weichen" ihre Gedichte, 2024 unter dem Titel "Selber lesen" ihre Essays. (Den darin enthaltenen Essay über Wilhelm Müllers "Winterreise" haben sowohl die Internationale Wilhelm-Müller-, als auch die Franz Schubert-Gesellschaft in ihre Bibliografien aufgenommen.)
Autoren/Hrsg.
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Einfache Verhältnisse
Bohne, die eigentlich Antje Bohnacker hieß, war meine Freundin schon in der Zeit, als wir noch Kinder waren. Wir wohnten dort, wo im Mittelalter der Stadtrand war, sie mit Mutter, Vater, Oma und geistig behindertem Bruder in einem heruntergekommenen Fachwerkhaus, das sich schief an die Reste der Stadtmauer lehnte, ich mit meiner Mutter in zwei Räumen zu ebener Erde, die vom Hof eines Kinos aus zugänglich waren.
Vor dem Fachwerkhaus lauschten die Leute gern, denn Bohnes Mutter schimpfte viel, Bohnes Oma weinte viel und Bohnes Vater trank viel. Bei uns rissen die Kinobesucher gern unsere Küchentür auf, wobei sie vorgaben, die Toiletten zu suchen, und meine Mutter erklärte ihnen dann nicht, dass mein Vater die DDR Richtung Westen verließ, sie viel krank war und wenig verdiente. Zwar war die Stadt seit dem Mittelalter gewachsen, aber Bohne und ich wohnten trotzdem am Rande.
Von Bohne habe ich eine Menge gelernt. Obwohl zwei Jahre älter, war sie kleiner als ich, aber groß darin, sich zu wehren. Als sie einmal auf ihren lallenden Bruder, mit dem sie schon den ganzen Tag herumzog, ihm den Speichel vom Kinn wischte, die Nase putzte, die Kniestrümpfe hochzog, auch am Abend aufpassen sollte, erklärte sie mir: „Nee, dit mach ick nich. Mach ick dit eenmal, denn wolln se dit immer!“ Zu ihrer Mutter sagte sie, das könne sie nicht.
„Aber Mädchen! Da is doch nischt zu können dabei! Du machst ihm die Bockwurst heiß, gibst ihm ’ne Stulle und fertig!“
Fertig war nach jenem Abend die Mutter.
Denn Bohne setzte Wasser im Pfeifkessel auf. Als das Wasser kochte und der Pfeifkessel pfiff, nahm Bohne die Pfeife ab und stopfte die Wurst durch die Tülle. Als die Erwachsenen nach Hause kamen, hörten sie schon von weitem Edwins Hungergeheul. Aus dem Pfeifkessel kriegten sie die Bockwurst nicht raus und aus Bohne nicht, was sie sich denn dabei bloß gedacht habe. „Mädchen, Mädchen, was hast du dir denn dabei bloß gedacht!“
Ich wusste es. Aber ich verpetzte sie nicht.
Wenn die anderen Kinder „Räuber und Gendarm“ spielten oder „Wir kommen aus dem Morgenland“ oder „Verstecken“, eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein, hatten wir bei ihnen nichts zu suchen, Bohne und ich. Sie warfen mit Kletten nach uns, die wir dem greinenden Edwin mühsam aus seinem schwarzglänzenden Haar klauben mussten. Wir störten sie dafür, wo wir nur konnten, rannten über Spielfelder und verrieten Verstecke. Manchmal herrschte auch Frieden. Dann durften wir zusehen, wie sie im Völkerballfeld ihre Mannschaften wählten. Doch immer hieß es: „Aber die spielen nicht mit.“
Wir spielten nicht mit. Damals nicht, als wir kein Geld hatten fürs Stadtbad, weshalb wir zur Ziegeleikuhle gingen, wo das Baden verboten war, was uns aber nicht davon abhielt; und ich, die ich noch nicht schwimmen konnte, rutschte ins Tiefe, wollte laut „Hilfe“ rufen, nur fiel mir das Wasser ins Wort. Ich sah Blasen, Schaum, Wasserpflanzen, dann wieder den Himmel, hörte Bohnes Stimme von überall her widerhallen, sah Bohnes weiße, zappelnde Beine über mir und erkannte den Grund. Und später, als ich sie immer wieder befragte, aber sie konnte sich selbst nicht erklären, wie sie es damals geschafft hatte, mich wieder hinauf und ans Ufer zu holen, spielten wir erst recht nicht mit, denn wir hatten schon als Kinder erkannt, wie leicht, wenn wir uns nicht selbst helfen, unsereins in dieser Welt untergehen kann.
Eine Erkenntnis übrigens, die den Umstand, dass Bohne eine schlechte Schülerin war und ich eine gute, für uns bedeutungslos machte. Als Bohne zum zweiten Mal sitzen blieb, freuten wir uns, weil sie dadurch in meine Klasse geriet. Gemeinsam kamen wir zu spät zum Fahnenappell. Gemeinsam trödelten wir nach Schulschluss stadteinwärts, Bohne, weil sie noch nicht zu Edwin, ich, weil ich noch nicht in den Kinderhort wollte, wo eine Erzieherin mir vorgeworfen hatte, dass ich mit meinem Wissen angebe. „Womit sollste denn sonst anjeben! Du hast doch nischt andres.“ Bohne brachte es wieder mal auf den Punkt.
Gemeinsam langweilten wir uns bei den Pioniernachmittagen, jedenfalls dann, wenn wir nicht Flaschen, Gläser, Lumpen, Altpapier sammeln oder eine Wand von Plakaten säubern oder Rüben verziehen durften, wobei wir uns mit Unkraut bewarfen, sondern im Klassenraum still sitzen mussten, während unsere Lehrerin uns über die Genfer Konferenz informierte. Wir saßen hinten und spielten „Schiffe versenken“. Dann begann ich, auf dem Bogen zu dichten: Zu der Konferenz in Genf / gibt ein jeder seinen Senf. Bohne bewunderte mich halblaut, was störte. Gemeinsam flogen wir raus.
Als die Pionier-Schalmeienkapelle neue Mitglieder suchte, bewarben wir uns, und man nahm uns tatsächlich. Bohne spielte die Pikkolo-Schalmei, ich den Doppeloktav. Wir lernten, in Reih und Glied zu marschieren, auf Vorder- und Nebenmann zu achten und die Noten dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Bei unseren Auftritten vor Denkmälern, Wahllokalen und Ehrentribünen trugen wir Pionierkleidung: blaue Röcke, weiße Blusen, blaue Halstücher – wie die anderen auch. Fast hätte man denken können, wir gehörten dazu.
Etwas später, im Zentralen Pionierlager, wohin wir mit der Kapelle fuhren, gelang es uns sogar, genau so viel Geld wie die anderen zu haben. Vormittags marschierten wir um den Appellplatz und übten Lieder wie: Fröhlich sein und singen / stolz das blaue Halstuch tragen / andern Freude bringen …, und nachmittags brachten wir anderen Freude. Wir brachten sie in den Toiletten, im Geräteschuppen, in einem Winkel am Bootshaus. Von echten Freudenmädchen unterschieden uns unsere unversehrten Jungfernhäutchen und unsere kindlichen Preise. Genau genommen waren es Doktorspiele, für die wir eine kleine Aufwandsentschädigung nahmen. Trotzdem erschraken wir zutiefst, als man uns zum Lagerleiter befahl.
„Vielleicht isset ja wat anderes“, hoffte Bohne; da waren wir schon dorthin auf dem Weg. „Vielleicht isset ja nur dit mit dem Fahrrad.“
Sie meinte das schwarze Herrenrad, das immer am Wirtschaftsgebäude lehnte und an dessen Reifen wir wiederholt die Ventile gelockert hatten. „Oder dit mit dem Kiosk“, schlug ich, nicht sehr hoffnungsvoll, vor. Am Kiosk, einer grünen Bretterbude unten am Bootssteg, gab es Süßigkeiten, Ansichtskarten, Bestecktaschen, Skatkarten, Vasen mit Berliner Wappen, Sammeltassen mit Berliner Wappen, Salzstreuer mit Berliner Wappen, Aschenbecher mit Berliner Wappen, kurz: alles, was ein Junger Pionier eben täglich so braucht; und wir hatten die grauhaarige Verkäuferin, die ja nicht wissen konnte, dass unser Taschengeld schon alle war, nachdem wir für unsere Mütter Sammeltassen mit Berliner Wappen erwarben, wirklich nicht ärgern, wir hatten nur wissen wollen, was dies dort kostet und das da, was das andere und was das daneben, bedacht darauf, unser erstes selbst verdientes Geld mit Umsicht auszugeben, wobei die Schlange hinter uns immer länger und die Verkäuferin immer nervöser wurde. Ich, es bemerkend, hatte mich beeilen, hatte die Waffeln, die genau eine Mark kosteten, also nun wirklich haben wollen, die Waffeln, nicht die Sahnebonbons. Aber vor lauter Aufregung verlangte ich sie mit den Worten: „Was kostet denn das da zu einer Mark!“
„Sach ma, willste mir verklapsen, du dämliche Göre?!“
Es stimmt: Wir hatten zu der Verkäuferin wirklich „alte Zimtzicke“, „dumme Kuh“ und „blöde Schnepfe“ gesagt.
„Und dämliche Saftschnecke‘“, ergänzte Bohne bedrückt.
„Ja, aber erst, nachdem se mich stehn ließ.“
„Und dit nächste Kind drannahm! Und denn wieder dit nächste. Die hat einfach so getan, als wärste nich da!“
„Jenau! Eigentlich darf die dit als Verkäuferin gar nich.“
„Nee, eigentlich könnste die Alte verklagen.“
Unter solchen Gesprächen waren wir vor dem Wirtschaftsgebäude angekommen, an dem auch wieder das schwarze Herrenrad lehnte. Diesmal ließen wir die Luft in den Reifen, denn der Lagerleiter erwartete uns schon. Doch es ging nicht um das entlüftete Fahrrad. Es ging auch nicht um die Sache am Kiosk oder um unsere sexuellen Verdienste. Es ging um die deutsch-sowjetische Freundschaft, um unseren lauten Gesang in der Nacht!
Denn, so hörten wir damals von dem in seiner FDJ-Bluse schon am frühen Morgen sehr schwitzenden Mann hinterm Schreibtisch, erstens marschiere man nicht mitten in der Nacht unter solchem Krakeel zur Toilette, dass davon das halbe Lager erwache. Zweitens krakeele man nicht ein so hässliches Lied wie Banane, Zitrone, an der Ecke steht ein Mann / Banane, Zitrone, der lockt die Weiber an. Und drittens locke man damit nicht auch noch die dicke, vollbusige, blonde Dolmetscherin an, die, wie wir wussten, zu den russischen Pionieren gehörte, mit denen wir immer dienstags und donnerstags von fünfzehn bis siebzehn Uhr Freundschaft halten durften.
Ob wir uns denn nicht denken könnten, was die nun für einen Eindruck von dem Pionierlager habe. Was die in der Sowjetunion nun...




