Arenz | Nachts die Schatten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Arenz Nachts die Schatten


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86913-744-5
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-86913-744-5
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Georg, ein empfindsamer Junge, wächst zwischen Kai und Torsten, zwei starken älteren Brüdern auf. Sie bieten ihm Halt und Sicherheit, bringen ihn aber auch immer wieder in die heikelsten Situationen. Wenn er mit ihnen im Keller zusammensitzt gerät er in eine bedrohliche Welt voller Alkohol, Sex und Gewalt. Aber da ist noch etwas anderes, das ihm große Sorgen bereitet: Er sieht Geister. Anfangs noch unsichtbare Spielkameraden, werden die Erscheinungen mehr und mehr zu einer Bedrohung. Eine Erfahrung, die er mit niemandem teilen kann. Mitten in der Pubertät, auf der Suche nach sich selbst und der ersten Liebe, begegnet er schließlich Judith, die sich ihm nach und nach öffnet; eine verwandte Seele, mit der er die ersten poetischen Momente der Nähe, Verbundenheit und Zuneigung erlebt - ein fragiles Glück, das durch innere und äußere Verwicklungen zunehmend in Gefahr gerät ... Ein eindrücklicher, poetischer Coming-of-Age-Roman, der von Einsamkeit und der Tragik verpasster Gelegenheiten, aber auch von erster Liebe, feiner Wahrnehmung und dem Mut zur Innenschau erzählt. Eine sensible Familiengeschichte über das Erwachsenwerden, die die Abgründe einer jungen Seele auslotet.

Helwig Arenz, Jahrgang 1981, wuchs in Fürth auf. Er studierte in Erlangen Deutsch und Französisch und in Linz Schauspiel. Engagements an mehreren deutschen Bühnen folgten. Seit 2013 arbeitet er als freier Schauspieler und Autor. Im Frühjahr 2013 gewann er mit seinem Kurzkrimi 'Tom und Tierchen' den Publikumspreis des Fränkischen Krimipreises. 2014 erschien sein Debütroman Der böse Nik bei ars vivendi. Gemeinsam mit seinen Geschwistern Ewald und Sigrun schrieb er die Kolumnensammlung Unsere kleine Welt, erschienen in den Nürnberger Nachrichten und bei ars vivendi (2016).
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Bettgeschichten

Ich habe geweint. Meine Mutter sitzt am Bett und sieht mich hilflos an.

»Was soll ich denn machen, kleiner Stopf?«, fragt sie mich und streicht mir über den Kopf. Ihre Nägel machen ein singendes Geräusch in meinen Haaren. »Ich komm doch bald wieder.«

Ich bitte sie, mir ein Märchen zu erzählen. »Das von dem Jungen aus Stein.«

»Von dem Jungen aus Stein? Das kenn ich doch gar nicht!«, sagt sie fast verzweifelt.

»Aber das hast du mir doch erzählt!«, beharre ich. Sie erinnert sich nicht, da erzähle ich ihr das halbe Märchen selbst, bis sie ruft: »Ach ja, das Buch! Das ist ein Buch!« Glücklich springt sie zum Regal, sucht, rennt zur Tür und macht das große Licht an, sucht wieder.

»Hier ist es! Das ist es!« Sie wirft es mir auf die Bettdecke und lächelt ganz erleichtert. »Das ist es. Sieh dir die Bilder an, ja? Du darfst das kleine Licht anlassen. Ich bin bald zurück!«, sagt sie.

Aber ich verlange, dass sie es mir vorliest. Sie sieht verstohlen auf die Uhr. Dann seufzt sie und setzt sich an die äußerste Kante des Bettes.

»Der Junge aus Stein«, beginnt sie zu lesen. Während sie die erste Seite liest, blättert sie ein bisschen vor und schaut, wie lang das erste Kapitel ist. Die Seiten gleiten durch ihre Finger wie ein endloser Wasserstrahl. Sie seufzt noch mal, dann lässt sie das Buch sinken. Sie dreht es um und überfliegt den Text auf der Rückseite. Runzelt die Stirn. Endlich schließt sie die Augen und fängt an zu erzählen.

Aber in ihrer Version ist das Märchen viel kürzer, als ich es kenne.

»Aber was ist mit den Elfen? Der Junge und das Mädchen treffen auch einmal die Elfen!«, erinnere ich sie. Meine Mutter schüttelt den Kopf und sieht auf die Uhr.

»Heute nicht«, sagt sie.

Als sie geendet hat, löscht sie das Licht und will gehen.

»Warte!«, rufe ich. In der offenen Tür dreht sie sich noch einmal zu mir um.

»Gibt es wirklich Elfen?«, frage ich sie. Sie nickt: »Natürlich.« Dann will sie die Tür schließen.

»Warte!«, rufe ich noch mal. Sie schiebt ihren Kopf durch den Spalt in der Tür.

»Was ist denn noch, du kleiner Plagegeist?«, fragt sie mit gespieltem Tadel.

»Gibt es auch Geister?«, frage ich sie hastig.

»Nein, es gibt keine Geister, schlaf jetzt!«, antwortet sie.

Ein letztes Mal rufe ich nach ihr und sage: »Aber wenn es Elfen gibt, dann gibt es doch auch Geister!«

»Das stimmt«, antwortet sie ein wenig überrascht, »aber nicht hier. Jetzt schlaf endlich.«

Ich will noch etwas sagen, aber in diesem Moment schallt die Stimme meines Vaters herauf, laut und ungeduldig: »Bist du fertig?«

»Ich komme!«, ruft sie hinunter. Ein fahriges Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, sie wirft mir noch einen Kuss zu und geht.

Als die Eltern fort sind, schleiche ich aus dem Bett. Ich spiele ein Spiel. Solange ich den Boden nur mit den Zehen berühre, darf ich überallhin gehen. Komme ich aber mit den Fersen auf, muss ich sofort zurück ins Bett. Denn die Abdrücke der Fersen sind für die Erwachsenen sichtbar. Mit wackeligen Schritten bewege ich mich durch den Flur. Lange verharre ich vor der Tür, ehe ich leise klopfe.

»Nein!«, schreit es sofort von drinnen.

Wenn ich den Griff nur mit dem Ellbogen berühre, ist es so, als hätte ich ihn gar nicht berührt. Ich öffne und schlüpfe ins Zimmer meiner Brüder. Kai und Torsten springen auf. Sie haben auf dem Teppich gesessen und sich gemeinsam etwas angesehen. Schnell versteckt Torsten es unter dem Bett. Was es ist, sehe ich nicht.

»Du sollst nicht einfach reinkommen!«, sagt Kai böse.

»Kann ich bei euch schlafen?«, frage ich Torsten.

»Nein«, sagt Torsten. »Komm, geh wieder ins Bett.«

Aber ich stehe einfach nur da und rühre mich nicht. Wenn ich ganz still bin, wenn man mich nicht hört, ist es vielleicht so, als wäre ich gar nicht da.

Torsten kommt zu mir, legt mir die Hand auf die Schulter und führt mich zurück in mein Zimmer. Weil er so schnell geht, berühren meine Fersen den Boden. Nun habe ich das Spiel verloren.

Ich bin wach und warte, so lange, bis ich draußen etwas höre. Ein Auto. Ich stürze zum Fenster und sehe, wie das Auto in unsere Einfahrt holpert. Die Türen werden aufgerissen, und schon sind meine Eltern herausgesprungen. Meine Mutter geht viel zu schnell, sodass sie in ihren hohen Schuhen schwankt. Sie schwankt, als wären ihre Beine aus Gummi und die Füße am Boden befestigt.

An der Tür sucht sie den Schlüssel, aber sie findet ihn nicht, weil ihre Hände sich so komisch bewegen. Als würde man einen Videofilm vorspulen. Aber nur die Hände werden vorgespult, alles andere ist normal schnell. Mein Vater tritt hinter sie und umfasst sie. Ich sehe die beiden nicht, weil sie sich nun ganz eng in die Tür drücken. Es dauert eine Weile. Warum gehen sie nicht rein? Warum kommen sie nicht?, frage ich mich.

Endlich sind sie im Haus. Ich bin erleichtert, weil ich hoffe, dass ich mich später heimlich zu meiner Mutter schleichen kann.

Bei meinem Vater habe ich noch nie geschlafen, Kai und Torsten lassen mich nur ganz selten zu sich ins Zimmer, meine Mutter öfter.

Gehe ich lieber gleich hinüber und stelle mich schlafend, denke ich, dann kann sie mich nicht wieder wegschicken! Also schleiche ich ein weiteres Mal durch den Flur. Ich lege mich in das kalte, sauber gemachte Bett meiner Mutter, schließe die Augen und versuche, ganz ruhig zu atmen.

Auf einmal fliegt die Tür auf.

Zwei Gestalten stehen in der Tür. Fremde Gestalten, die zackige Schatten werfen, ihre Hände fliegen in die Luft, ihr heißer Atem fährt durch die Stille des kühlen Raums, als zerrisse jemand dicke Pappe. Durch die Schlitze meiner Augen versuche ich etwas zu erkennen. Die Gestalten drängen beide ins Zimmer hinein – jetzt merke ich, dass sie miteinander kämpfen. Sie packen sich an den Handgelenken. Sie zappeln mit den Ellbogen. Sie wehren sich und treiben einander vor- und rückwärts.

Durch das Fenster scheint plötzlich ein grelles Licht. Es ist der Vollmond. Er greift in den Raum und reißt die Schatten heraus wie Fetzen einer Tapete. In seinem scharfen Strahl erkenne ich auf einmal die Fratzen der beiden Ringenden. Es sind ein Werwolf und eine Hexe. Die Hexe hat schillernd umrandete Augen und lange Wimpern und blutrote Lippen und viele, viele Haare. Der Werwolf hat ein rotes, verzerrtes Gesicht, und seine Haare stehen zu Berge. Er greift die Hexe an und treibt sie ins Zimmer. Sie weicht zurück.

»Nein!«, kreischt sie.

»Komm schon!«, zischt er böse.

Er packt sie an den Handgelenken und drängt sie mit dem Körper gegen die Wand.

An diesem Abend habe ich gesehen, wie ein Werwolf im Zimmer meiner Mutter mit einer Hexe gekämpft hat. Der Wolf versuchte immer abwechselnd, die Hexe zu beißen, und dann versuchte er, sie mit seinem Körper in die Wand hineinzudrücken.

Plötzlich hörte der Werwolf auf zu kämpfen. Beide waren auf einmal still. Meine Augen waren vor Furcht wie zugenäht, und trotzdem spürte ich, wie die beiden Wesen mich ansahen. Ich spürte es an ihrem heißen Atem, der in meine Richtung schlug.

»Hör auf!«, flüsterte die Hexe erschrocken. »Siehst du nicht, wer da liegt?«

»Ach nein! Nicht schon wieder!«, sagte der Werwolf leise und böse.

»Geh jetzt!«, zischte die Hexe ihn an.

»Du kommst mit!«, befahl der Werwolf kalt.

»Ich will nicht!«, sagte die Hexe, und sie spuckte jedes Wort langsam und überdeutlich aus dem blutigen Mund.

»Das kotzt mich so an!«, fluchte der Werwolf, aber er ging. Die Hexe stand noch lange da, ihr Atem wurde ruhiger und ruhiger, und schließlich spürte ich etwas Seltsames. Die Hexe kam zu mir. Sie beugte sich herunter, und ich fühlte ihre Hände auf meinem Haar, sirrend und zart fuhren ihre Krallen über meinen Kopf. Dann schlief ich ein.

Es ist Samstag, und deswegen kann ich den ganzen Tag spielen.

Ich spiele Wüste. Das rote Auto lasse ich den schwierigen Weg über die Teppichfransen fahren, obwohl es kein Jeep ist. Die Fransen sind wie Sand, der unter den Rädern weggleitet.

»Setz dich auf mich!«, höre ich plötzlich ein Flüstern und richte mich auf. Das Flüstern kommt aus der Couch. Irgendetwas stimmt nicht. Die Stimme hat weinerlich geklungen, aber auch falsch.

»Setz dich auf mich«, bittet sie wieder. Ich sehe mich um, ob irgendetwas Böses in der Nähe ist. Aber es ist Tag, und die Mutter ist nicht weit weg. Also habe ich keine Angst.

Ich lege das Auto beiseite und klettere auf die dicken Polster des Sofas. Sie sind so prall gefüllt wie ein Ball, sodass ich aufpassen muss, nicht hinunterzugleiten.

Ich sitze da und lächle, weil ich mir vorkomme wie ein König auf seinem Thron. Durch das geöffnete Fenster weht der Wind herein und wirbelt meine Haare auf.

»Torsten!«, rufe ich. »Kai!« Meine Brüder kommen und sehen mich neugierig an.

»Ich will euch etwas erzählen.«

»Na, da bin ich aber mal gespannt«, sagt Torsten.

»Wenn die Geschichte scheiße ist, kriegst du auf die Fresse«, sagt Kai.

»Gestern habe ich einen Werwolf gesehen, der mit einer Hexe gekämpft hat«, beginne ich meine Geschichte.

Sie gefällt meinen Brüdern, aber als ich fertig erzählt habe, grinsen sie nur.

»Ich glaube, der Werwolf hat den Kampf verloren, weil du da warst«, sagt Torsten lachend. Kai lacht auch....


Helwig Arenz, Jahrgang 1981, wuchs in Fürth auf. Er studierte in Erlangen Deutsch und Französisch und in Linz Schauspiel. Engagements an mehreren deutschen Bühnen folgten. Seit 2013 arbeitet er als freier Schauspieler und Autor. Im Frühjahr 2013 gewann er mit seinem Kurzkrimi "Tom und Tierchen" den Publikumspreis des Fränkischen Krimipreises. 2014 erschien sein Debütroman Der böse Nik bei ars vivendi. Gemeinsam mit seinen Geschwistern Ewald und Sigrun schrieb er die Kolumnensammlung Unsere kleine Welt, erschienen in den Nürnberger Nachrichten und bei ars vivendi (2016).



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