Appel | Friedrich Nietzsche | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 273 Seiten

Appel Friedrich Nietzsche

Wanderer und freier Geist
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-406-61369-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wanderer und freier Geist

E-Book, Deutsch, 273 Seiten

ISBN: 978-3-406-61369-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1881 verbringt Friedrich Nietzsche seinen ersten Sommer in Sils Maria im Oberengadin. Der Denker ist chronisch krank. Seine Professur der Altphilologie an der Baseler Universität hat der Sechsunddreißigjährige infolge seiner gesundheitlichen Dauerstörungen vorzeitig aufgeben müssen. Der Philosoph wird zum Reisenden ohne festen Wohnsitz, stets auf der Suche nach einem bekömmlichen Klima. Hier im Hochgebirge, «6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit», hat er an einem hellen Augustvormittag ein Offenbarungserlebnis, das er im Rückblick immer stärker mystifizieren wird: die Erkenntnis von der ewigen Wiederkehr. Ausgehend von diesem Gedanken, der ein Angelpunkt seines Werks werden soll, schildert Sabine Appel Nietzsches persönlichen und werkgeschichtlichen Werdegang auf seinen diversen Stationen: Röcken, Naumburg und Schulpforta, Bonn, Leipzig, Basel und Tribschen, Bayreuth, Basel, Sorrent, St. Moritz, Venedig, Genua, Sils Maria, Rapallo, Nizza, Turin, Basel, Jena und schließlich Weimar, umnachtet seit Jahren und so auch auf seiner letzten Station. Mit Sensibilität und kritischer Reflexion zeichnet sie den Weg eines Denkers nach, der wie niemand sonst das Selbstverständnis des 20.Jahrhunderts geprägt hat, dem aber in seine letzte Nacht niemand mehr folgen konnte.

Sabine Appel ist promovierte Germanistin und freie Autorin. Von ihr erschienen unter anderem Biographien Goethes, Arthur Schopenhauers und der Madame de Staël.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Cover;1
2;Titel;3
3;Impressum;4
4;Inhalt;5
5;Oberengadin, Schweiz, 1881: «6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit»;7
6;Röcken, Naumburg und Schulpforta, 1844–1864: Feuersbrünste und Christus;17
7;Bonn / Leipzig, 1864–1868: «Dem unbekannten Gotte»;37
8;Basel / Tribschen, 1869–1873: «Rein ästhetische Rechtfertigung des Lebens»;57
9;Bayreuth / Basel / Sorrent, 1874–1878: «Die Lüge des großen Stils»;89
10;St. Moritz / Venedig / Genua / Sils Maria / Rapallo, 1879–1883: «Der Wanderer und sein Schatten»;121
11;Sils Maria / Nizza / Turin, 1884–1888: «Jenseits von Gut und Böse»;167
12;Turin, 1889: «Dionysos gegen den Gekreuzigten»;209
13;Basel, Jena, Naumburg, 1889–1897: «Die drei großen Stimulantia der Erschöpften»;225
14;Weimar, 1897–1900: «Nacht ist es; nun reden lauter alle springenden Brunnen»;239
15;Zeittafel;259
16;Literaturverzeichnis;263
17;Abbildungen;267
18;Personenregister;269
19;Zum Buch;273


Oberengadin, Schweiz, 1881


August 1881, Sils Maria im Oberengadin. Friedrich Nietzsche verbringt seinen ersten Sommer hier. Hochgebirgsluft, , eine Szene, die einen besonderen Blick möglich macht, eine Überschau, fern von den menschlichen Dingen. Im «Zarathustra» ist später vom die Rede, von einem Geist der Freiheit und Leichtigkeit, der die Welt sieht.

Hier und jetzt nimmt dieser Blick seinen Anfang, hier wird er geboren. Vom Haus Durisch aus, wo er ein einfaches Zimmer gemietet hat, wandert Nietzsche in die Umgebung. Die Gegend sei ihm blutsverwandt, meint er, und er wiederholt es zwei Jahre später in einem Brief an Carl von Gersdorff, – . Man findet das alles in seinem Werk wieder, vor allem im «Zarathustra»: schroffe Felswände und lichte Hochebenen, brausende Bergbäche, die abwärts strömen, eine schweigsame Einöde in der Kargheit des Hochplateaus. Zwei stille Seen sind von den Bergketten eingefasst. Auch sie stehen für das große Schweigen in der Natur, «geheimnisvoll», wie der Denker zu meinen scheint, in ihren Tiefen, so wie die Berge in der Erhabenheit ihrer hohen und schroffen Gestalt. Auf der Chasté, einer der Halbinseln des Silser Sees, dort, wo einmal ein römisches Castell gestanden hat, würde der Denker sich gerne ein einfaches Holzhaus bauen, , um dort zu wohnen, so schreibt er an den Freund Gersdorff, wo schon seine Musen wohnten. Am See von Silvaplana aber, etwa anderthalb Stunden Fußweg von Sils Maria entfernt, lokalisiert er sein Offenbarungserlebnis. Es ist, so Nietzsche, der Beginn der Geschichte des Zarathustra, eine Erkenntnis von , schwer in der Konsequenz, schwer in Begriffe zu fassen, schwer zu bewältigen über die Erkenntniswege des Intellekts, mehr eine mystische Schau, wie es scheint, und damit dem entsprechend, was Schopenhauer philosophische Kontemplation nennt.

, so beschreibt Nietzsche in einer ersten Skizze, die er dann zur Genealogie seines Werkes heranzieht, sei er ihm erstmals gekommen, der Gedanke von der ewigen Wiederkehr. Ewige Wiederkehr. Eine Kreislaufbewegung. Kein Zeitpfeil wie in der christlich-jüdischen Lehre. Ewiger Zyklus, ewige Wiederkehr. Auch bei Schopenhauer gibt es ein ewiges Werden, das niemals ein «Sein» wird, ewiges Streben ohne Sinn und Zweck, reine Vitalkraft, die in den menschlichen Willensäußerungen genauso deterministisch dem Satz vom Grunde folgt wie beim Wasserfall, der der Tiefe zueilt oder beim Stein, der zu Boden fällt. Ewiges Werden, das kein Beharren kennt, also nichts, worauf es hinaus «will», keine Befriedigung und kein Ziel, und das per se leidvoll ist, endend in Schmerz oder Langeweile, da die verschiedenen Willensmotive der Individuen miteinander in Widerspruch treten. Es ist Ausdruck von Leid, Sinnlosigkeit, ewiges Einerlei. Sieht Nietzsche das auch? Nein, ganz im Gegenteil. Nietzsches Erkenntnis der ewigen Wiederkehr wird zum Erlebnis äußerster Lebensbejahung. Im «Zarathustra» führt sie zum , das in den Versen gipfelt:

Doch so weit sind wir noch nicht. Der Denker, der Suchende steht am Seeufer von Silvaplana. Er ist vermutlich nicht über die Bergkämme von Marmorè an die Stelle gekommen, da er ja so stark kurzsichtig ist und das beschwerliche Auf- und Absteigen in den unwegsamen Gefilden des Hochgebirges seine ganze Konzentration erforderte und keinen Raum ließe für Kontemplation, sondern vom Dorfausgang aus beinahe ebenerdig und schließlich immer am Seeufer entlang. Ort einer Eingebung. Die Stille des Sees, in dem sich die Berggipfel spiegeln, führt zu den letzten Dingen, ob man es will oder nicht. Hier scheinen Anfang und Ende von allem zu sein.

Professor Nietzsche aus Basel ist erst 36 Jahre alt, doch krankheitsbedingt bereits verrentet. Wegen schwerer und nach wie vor rätselhafter Erkrankungen hat er vor zwei Jahren seine Basler Professur aufgeben müssen. Von furchtbaren Kopfschmerzattacken mit Übelkeit chronisch geplagt, hoffte er dann, ein Klima zu finden, das ihm Erleichterung bringe –und im Oberengadin, in Sils, diesem , schien er es endlich gefunden zu haben. Ein euphorisches Hochgefühl erfasste den Denker, als er im Juni 1879 zum ersten Mal hier war und nicht nur schmerzfreie Phasen verzeichnen konnte, sondern auch Schübe von Inspiration. , schrieb er. (24. Juli 1879 an seine Schwester). Und zwei Jahre später, nur wenige Wochen vor seinem «Zarathustra»-Erlebnis: (8. Juli 1881 an Peter Gast). Die Aufgabe der Basler Professur ist dem Denker, der nun ganz unbehelligt den letzten Fragen nachgehen kann, rückwirkend auch so etwas wie eine Befreiung – und wen hat nicht schon Krankheit in die Befreiung geführt?

Er war ein Wunderkind, der kleine Nietzsche; ein glänzender Primus im berühmten Gymnasium Schulpforta bei Naumburg, herausragend in den alten Sprachen vor allem, die er von Kindheit an vornehmlich trieb. Von seinem Leipziger Universitätslehrer Ritschl glühend empfohlen, wurde er in Basel unter Umgehung diverser akademischer Zwischenschritte mit nur 24 Jahren Professor der Altphilologie. Leider machte er sich dann unbeliebt in der wissenschaftlichen Welt, wurde gar zum «enfant terrible», als er ein Bild vom Griechentum vorstellte, das das tradierte verletzte – erstes Anzeichen dafür, dass er zu markanteren, grenzsprengenderen Denkakten und -wegen bestimmt war als den limitierten der akademischen Institutionen. Niemals, stellte er noch während seiner Lehrtätigkeit fest, könne man im Rahmen der Institutionen so absolut denken, wie es erforderlich sei. «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», 1872 erschienen, beschreibt die Heiterkeit und Diesseitsbetonung der älteren Griechen als

Weisheit des Leidens … Hier setzt alles an. Die Welt des «Willens», weiß der Schopenhauer-Adept, ist Leiden und Qual. Doch in unserem Wissen um die schreckliche Wahrheit des Lebens sind wir bedürftig nach dem «schönen Schein» – für Friedrich Nietzsche der Ursprung der Kunst. Gott Apollon, der Kunstschaffende, Maßhaltende, Harmonisierende, befriedet Dionysos, Gott des Rausches und der Ekstase, das wahrhaft Seiende und Ur-Eine, das ewig Leidende und Widerspruchsvolle. Zu seiner ständigen Erlösung braucht es den lustvollen Schein – , so Nietzsche in seinem Frühwerk, Die älteren Griechen überwanden den Blick in den Abgrund durch die Anbetung des Scheins über den Blick in den Abgrund hinaus. Der Wille zum schönen Schein ist Apollons Reich, eine Mondsphäre, Halbdunkel, gleißendes Silberlicht – Nietzsche mit siebenundzwanzig. Doch Zarathustra, Nietzsches Schöpfung in seinem vierzigsten Jahr, will ja , den schönen Schein mit seiner Pseudo-Entstofflichung und Transzendenz, ersetzen durch und . In Sils Maria, wo Zarathustra ihm erstmals erschien, propagiert Nietzsche den hellen Mittag in klarer Gebirgsluft und nicht das milchige, alles vernebelnde Mondlicht im Zeichen Apolls. Denn darum soll es am Ende gehen: um die Erde und nicht mehr ums Himmelreich, nicht mehr...


Sabine Appel ist promovierte Germanistin und freie Autorin. Von ihr erschienen unter anderem Biographien Goethes, Arthur Schopenhauers und der Madame de Staël.



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