Visualisierung von Kunst und Gewalt im Werk von Don DeLillo
E-Book, Deutsch, Band Band 005, 522 Seiten
Reihe: Representations & Reflections
ISBN: 978-3-86234-849-7
Verlag: V&R unipress
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Title Page;3
2;Copyright;4
3;Inhalt;5
4;Dank;9
5;Siglenverzeichnis;11
6;1. Einleitung;13
6.1;1.1. The Power of Images: Don DeLillos Dialog mit der Visual Culture;13
6.2;1.2. Aufbau, Ziel, Methode;20
6.3;1.3. »Silence, Exile, Cunning and so on«: Don DeLillo zwischen öffentlicher Person und Eremiten-Mythos;26
6.4;1.4. Forschungsüberblick;29
7;2. DeLillo lesen: The Visual as Narrative Engine;45
7.1;2.1. DeLillos Ekphrasis;57
7.1.1;2.1.1. »System Interbreak«: Ekphrasis als narrativer Exkurs und emblematischer Text;63
7.1.2;2.1.2. Reading Equals Seeing: Die Ästhetik des »Sichtbarmachens«;66
7.1.3;2.1.3. Seh-Akte und Machtstrukturen: The Concept of Gaze;71
7.2;2.2. Der Triumph des Todes: Der Prolog von Underworld als literarische Leinwand;77
7.2.1;2.2.1. »The Greatest Living American«: Visualität und Performance;89
7.2.2;2.2.2. Venerated Emblems: Im Abfallregen der Konsumkultur;93
8;3. Libra: »A Natural Disaster in the Heartland of the Real«;105
8.1;3.1. Der Kennedy-Mord als schriftstellerischer Ausgangspunkt;106
8.2;3.2. »The Filmed Century«: Öffentliche Geschichte als visuelle Erfahrung und kollektive Erinnerung;110
8.3;3.3. Vom historischen Ereignis zum »Minicam Event«: Die Komplizenschaft von Medien und Gewalt;114
8.4;3.4. »Seven Seconds that Broke the Back of the American Century«: DeLillos Litera.(r/l).isierung des Zapruder-Films;118
8.5;3.5. »Look, These Are the True Images. This is Your History«: Fiktive Schärfe versus faktische Unschärfe;135
8.6;3.6. Vom sozialen Außenseiter »Lee« zum nationalen Medienereignis »Lee Harvey Oswald«;145
8.6.1;3.6.1. Oswalds Scheitern als Autor: Vom »Romantic Authorship« zum »Spectacular Image«;157
8.6.2;3.6.2. »Through the Pain He Watched TV«: Oswalds »Live«-Tod;175
8.6.3;3.6.3. »They Forced Me to Look!«: Machtstrukturen und Male Gaze;181
8.6.4;3.6.4. »Lee Harvey Oswald is More than Meets the Eye«: Sprachliches Plädoyer versus Bildermacht;193
9;4. Mao II: Plotting Fiction – Shooting Images;197
9.1;4.1. Terroristen und Schriftsteller als Urheber von Fiktionen;199
9.1.1;4.1.1. Der Schriftsteller als Geisel: »Let's destroy the mind that makes words and sentences«;207
9.2;4.2. »Total Authority« und »Lethal Believers«: Machtkonstellationen in Mao II;210
9.3;4.3. Shooting Bill Gray: Die Fotografin Brita Nilsson;213
9.4;4.4. Death of the Author: Bill Grays Scheitern als Schriftsteller;218
9.5;4.5. Bilder und ihre Funktion in Mao II;230
9.5.1;4.5.1. »At Yankee Stadium«: Masse versus Individuum;234
9.5.2;4.5.2. »A Dialect of the Eye«: Karens Funktion als TV-Zuschauerin;242
9.5.3;4.5.3. How DeLillo Puts His Warhol On: Wiederholung und Serialität als narratives Mittel;252
9.5.4;4.5.4. »The Will to See Deeply«: Brita in Beirut;267
10;5. Underworld: DeLillos Amerika zwischen Apokalypse und einem »Charm Against Death«;277
10.1;5.1. »Weapons & »W.A.S.T.E.«: DeLillos Phänomenologie des Kalten Krieges;285
10.2;5.2. Die Ikonen des Kalten Krieges: Von Brueghel zur Atombombe;293
10.3;5.3. »Sneak Attacks on the Dominant Culture«: Kunst als »Counter History« – Künstler als »Crisis Artists«;305
10.3.1;5.3.1. Disaster in Orange: Farbmetaphorik in Underworld;313
10.4;5.4. Kreatives Recycling: »Waste Handlers« und »Junk Artists«;315
10.4.1;5.4.1. Nick Shay: Waste-Containment als Überlebensstrategie;320
10.4.2;5.4.2. Klara Sax' Kunstprojekt »Long Tall Sally«;327
10.4.3;5.4.3. Von Moonmans Graffiti-Kunst zu Ismaels »Angel Wall«;338
10.5;5.5. Sniper Video, Kunstinstallation und Untergrundfilm: DeLillos literarische Variationen des Zapruder-Films;358
10.5.1;5.5.1. Das »Texas Highway Killer« Video: Vom »Home Movie« zum »Horror Movie«;359
10.5.2;5.5.2. Zapruder-Film Reloaded: »A Mercury Reading of the Sixties«;382
10.5.3;5.5.3. »A Politics of Montage«: DeLillos Sergei Eisenstein;392
10.6;5.6. Coda – Von Kasachstan ins Internet: »The Fusion of Two Streams of History, Weapons and Waste«;407
11;6. Falling Man: DeLillos Stillleben des 11. September 2001;415
11.1;6.1. Die Ruinen der Repräsentation: Erzählerischer Neuanfang;420
11.2;6.2. »This Was the World Now«: Don DeLillos Counter Narrative;429
11.3;6.3. Kunst und Performance gegen den Terror;439
11.3.1;6.3.1. Der Performance-Künstler »Falling Man«;441
11.3.2;6.3.2. Natura Morta: Giorgio Morandis Stillleben;447
11.3.3;6.3.3. Regarding Terror: Schärfe und Unschärfe in der Kunst bei Gerhard Richter und Don DeLillo;453
11.4;6.4. Vom »Death Plot« zur »Counter Narrative«: Erzählerische Strategien in Falling Man;460
11.4.1;6.4.1. »Fix Your Gaze«: Der Terrorist Hammad;469
11.4.2;6.4.2. In den Türmen: DeLillos literarischer Loop;476
11.5;6.5. »In the Shadow of No Towers«: Die Twin Towers im Werk von Don DeLillo;480
12;7. Schluss: »Speak, that I May See Thee«;495
13;8. Literaturverzeichnis;505
6. Falling Man: DeLillos Stillleben des 11. September 2001 (S. 415-416)
After September 11, how can we go back to a blank sheet of paper and just make things up?
V. S. Naipaul
Die Attentate des 11. September 2001 auf dasWorld Trade Center, das Pentagon und ein weiteres Ziel, das durch den Absturz des Flugzeugs über Pittsburgh (Pennsylvania) verfehlt wurde, markieren den Beginn einer politischen Ära, die sich unter dem Slogan der Bush-Regierung, »War against Terror«, vor allem mit der problematischen Suche nach einem eindeutigen Feind befasst. Dieser Feind verweigert sich jedoch einer nationalen wie territorialen Zuordnung und erscheint in seiner Struktur als globales Netzwerk einer postmodernen Rache am Westen.
Die überwältigend inszenierte Bildermacht des 11. Septembers hat den verstörenden Eindruck erweckt, dass sich die Darstellung der Realität grundlegend verändert habe. Vor allem die Anschläge auf das World Trade Center inNew York haben dem kollektiven Gedächtnis Bilder eingebrannt, gegen die alle apokalyptischen Phantasien der Millenniumshysterie verblassen. Es sind diese Bilder, die in der westlichen Welt häufig als Beginn einer neuen Zeitrechnung angesehen werden. So beschreibt Paul Auster die Anschläge als den eigentlichen Anfangspunkt des neuen Millenniums: »Erst heute hat das 21. Jahrhundert begonnen«.
Die Flut der Bilder im Echo der Ereignisse des 11. Septembers ließ den Ruf nach einer Instanz laut werden, die das Ereignis erklärt. Bei der Suche nach Antworten und Hintergründen der Geschehnisse und bei den Versuchen, die Attentate besonders in ihrer visuellen Gewalt zu begreifen, spielen die (amerikanischen) Schriftsteller eine zentrale Rolle – entgegen der provokativen Aussage Bill Grays in Mao II, die Schriftsteller hätten ihren Platz an die Terroristen verloren. Es zeigt sich, dass gerade angesichts des bisher spektakulärsten Terrorangriffs unserer Zeit die Forderung nach den literarischen Stimmen des Landes so deutlich ist wie selten zuvor.
Denn die Bilder der Gewalt, die durch die ständige Repetition zu einem kollektiven dvu geworden sind, fordern eine sprachliche Bewertung des Unfassbaren. Nach den Attentaten sahen sich die Schriftsteller in besonderer Weise gefordert, Erklärungsversuche anzubieten, die abseits von politischen Programmen und Expertenmeinungen den Zustand der Gesellschaft und die Schockwellen nach den Angriffen auf lokaler, privater Ebene hinterfragen und darstellen sollten: »Once the immediate shock and fear of the terrorist attacks of September 11, 2001, subsided into wary anxiety, it became clear that what that day demanded, above all, was interpretation.«
Nach ersten Lesungen amerikanischer Schriftsteller wie z. B. Don DeLillo und Paul Auster in New York zugunsten der Angehörigen der Opfer und nach dem Erscheinen verschiedener Artikel und Kurzgeschichten, die sich mit den Anschlägen befassen, kann in den letzten Jahen die Entwicklung einer ganzen Reihe von »post 9– 11«-Romane beobachtet werden.860 Die anfängliche Enttäuschung der Kritiker über die Tatsache, dass DeLillos Roman Cosmopolis von 2003 nicht die literarische Verarbeitung des Traumas vom 11. September zum Gegenstand hat, belegt vor allem eines: die hohen Erwartungen an eine der wichtigsten literarischen Stimmen seiner Generation, die die kulturpolitischen Befindlichkeiten, gerade in ihren visuellen Erfahrungen und Bildern, auf den Punkt zu bringen vermag.