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E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Alexander Bergmann

Anwander Hohgant

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96041-777-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Alexander Bergmann

ISBN: 978-3-96041-777-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Trocken, bissig und mit viel Gespür für Land und Leute. Auf den Straßen des Berner Mittellandes taucht auffallend reines Kokain auf - Gerüchten zufolge stammt es aus dem Emmental. Dabei trinkt man in der grünen Hügellandschaft höchstens Schnaps; Kokain kennen die Menschen nur vom Hörensagen. Als die Drogen ein erstes Opfer fordern, macht sich Privatdetektiv Alexander Bergmann auf die Suche nach den Hintermännern. Er ahnt nicht, dass er sich mit Gegnern anlegt, die ihn zwingen, die Grenze des Legalen zu überschreiten . . .

Gabriel Anwander, 1956 in der Ostschweiz geboren, studierte Landwirtschaft in Bern, bereiste Indien und Kanada, arbeitete in Kamerun und lebt heute mit seiner Frau im Emmental. Er begann früh, nebenher zu schreiben. Zahlreiche Geschichten wurden in Anthologien, Zeitungen und Magazinen veröffentlicht, mehrere bei Wettbewerben ausgezeichnet. www.gabriel-anwander.ch
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1

Ich kam die Treppe hoch, da wartete eine Frau im Schatten neben der Tür zu meiner Agentur. Sie lehnte mit dem Rücken zur Wand, ein Bein angewinkelt, die Hände in den Gesässtaschen, und musterte mich mit dunklen, wachen Augen.

Ich suchte den Schlüssel und überlegte, ob ich vergessen hatte, mich zu kämmen.

Im Gegenzug wagte ich einen Blick auf ihre Schuhe. Eine Angewohnheit von mir. Schuhe sind ein Ausdrucksmittel und geben Aufschluss über das Stilgefühl eines Menschen, über seine Neigungen und seine unmittelbaren Absichten. Das trifft nicht nur auf Clowns, Dirnen oder Bergsteiger zu.

Die Frau trug elegante Sneakers aus hirschbraunem Leder. Die Sohlen waren an den Rändern weiss, die Schuhbändel schamottfarben.

Sie gab sich einen Ruck, zog die Hände aus den Taschen und sprach mich an. «Sind Sie Herr Bergmann?»

«Ja. Und wer sind Sie?»

Sie strich sich die Haare zurück. «Petra Kürri.»

«Warten Sie schon lange?»

«Nein. Keine fünf Minuten.»

Wir gaben uns die Hand. Ihr Händedruck fühlte sich rauer an, als ich es vermutet hatte.

«Sie sind der Detektiv dieser Agentur, richtig?», fragte sie.

«So ist es.»

«Sind Sie ein Privatdetektiv?»

«Allerdings. Privater geht’s nicht.» Ich sperrte auf und trat ein.

Sie blieb vor der Schwelle stehen. «Haben Sie etwas Zeit für mich? Ich brauche Ihre Hilfe.»

«Wirklich?» Ich stiess die Tür weiter auf und warf die Gratiszeitung, derentwegen ich einen Umweg über den Bahnhof gemacht und die paar Minuten verloren hatte, zu den anderen auf dem Aktenschrank. «Kommen Sie herein.»

«Meine beste Freundin ist tot –»

«Kommen Sie rein. Und schliessen Sie die Tür.»

Die Luft war stickig. Ich begab ich mich zur Fensterfront, öffnete einen Doppelflügel sperrangelweit, beugte mich über das Sims und erlaubte mir trotz der wartenden Klientin im Rücken einen Blick auf den Dorfplatz hinunter.

Seit Tagen war kein Auftrag mehr eingegangen. Ich lungerte von morgens bis abends in meiner Agentur herum, las die Gratiszeitung, löste Kreuzworträtsel, baute Kartenhäuser und hoffte auf Klienten. Frau Kürri sollte meine Dringlichkeit nicht zu spüren bekommen, dieses Verlangen nach Aktivität, nach Verpflichtung und Einkommen.

Freitag war Markttag. Die Händler hatten ihre Stände in zwei Reihen aufgebaut. Drei Frauen flanierten zwischen den Auslagen durch und beäugten die überbordende Fülle an herbstlichen Gemüsen, an Obst und Blumen.

Eine Händlerin strich ihre grüne Schürze glatt, knipste da ein welkes Salatblatt weg, entfernte dort eine angefaulte Birne, eine aufgeplatzte Tomate und schielte zur Konkurrenz hinüber, verglich wohl jene Preise für Orangen oder Walnüsse mit ihren eigenen.

Ein fetter roter Kater wetzte seine Krallen am Stamm des Kastanienbaumes. Er hielt inne und lauschte mit spitzen Ohren auf das Geschnatter der Spatzen im Geäst.

Die ersten Strahlen der Sonne flirrten flach über die Dächer, und eine trockene kalte Bö säuselte ins Zimmer. Sie brachte die Gerüche von Ziegelstaub und Russ von den Kaminen mit sich und den bitteren Geschmack von den verdorrten Moospolstern in den Winkeln der Dachgauben.

Was hatte Petra Kürri gesagt? Ihre beste Freundin sei tot. Was könnte sie von mir wollen? Wäre ihre Freundin ermordet worden, hätte ich bestimmt davon gehört oder gelesen. Selbst wenn dies so wäre: Die Jagd nach einem Mörder war Sache der Polizei. War es ein Unfall? Wollte Petra Kürri, dass ich die Umstände, die zu ihrem Tod führten, abklärte?

Ich hob den Kopf und suchte den Himmel ab. Nirgends eine Wolke, so weit ich sehen konnte. Die kalten Winde hatten in der Nacht abermals keine Wolken ins Tal geweht und damit keine Aussicht auf Regen gebracht.

Seit ausgangs September, das heisst, seit sechs Wochen, herrschten im Emmental tagsüber eine Wärme und eine Trockenheit, wie sie im September in der La Mancha, in Don Quijotes Heimat in Spanien, üblich war. Nur so als Beispiel.

Die überdurchschnittlichen Sonnenstunden und die damit einhergehende Trockenheit trieben die Füchse und die Rehe in den Wäldern in die hintersten, noch feuchten Gräben, die Rentner mit ihren Wanderstöcken scharenweise in die goldig-leuchtenden Berge und die Milchbauern in die Verzweiflung.

Wie ich mich umdrehte, sass Petra Kürri sehr aufrecht auf der Kante des Stuhls vor meinem Schreibtisch und sah sich verstohlen um. Viel gaben die Wände meiner Agentur nicht her. Ich hatte keine Bilder aufgehängt, keine Diplome, keine Uhr, nicht einmal einen Kalender. Ich brauchte das Geld, das ich verdiente, für andere Dinge.

Frau Kürri war gross und schlank, trug gepflegte Jeans, ein kupferfarbenes Shirt, darüber eine blaue, mit Lammfell gefütterte Baumwolljacke mit riesigen Taschen und breiten, umgeschlagenen Manschetten mit Knöpfen aus Trompetengold.

Ihre schmalen Hände ruhten ausgestreckt und entspannt auf den Oberschenkeln.

Die Hände erinnerten mich an die Hände der Harfenistin am letzten Kammerkonzert in Langnau. Ich mache mir nicht viel aus Klassik. Ich besuchte das Konzert, weil mir meine Nachbarin eine Freikarte schenkte, nachdem ich ihr geholfen hatte, einen platten Reifen zu wechseln.

Die Hände der Harfenistin hatten zwischen den Sätzen gleichsam ruhig und entspannt auf den Oberschenkeln gelegen. Weder Frau Kürri noch die Harfenistin trugen Ringe an den Fingern oder Lack auf den Nägeln.

«Kaffee?», fragte ich.

«Gerne.»

Ich spülte den Tank aus, füllte ihn mit frischem Wasser, drückte den Knopf, sah zu ihr rüber und wartete auf das Ausklingen des Mahlwerks. «Es tut mir leid, dass Sie im Flur warten mussten.»

«Ach, das macht nichts.» Sie lächelte mit geschlossenem Mund.

«Nein, es tut mir ehrlich leid. Es riecht widerlich im Treppenhaus. Ist Ihnen nicht übel geworden? Ein Geruch, man könnte meinen, irgendwo liege ein totes Huhn. Das müssen Sie bemerkt haben, auch wenn Sie mit dem Lift hochgefahren sind.»

Sie nickte schwach.

«Ekelhaft. Ich habe mich beim Putzdienst beschwert. Da sei nix, hat die Frau gesagt, sie putze überall und sauber. Ich habe im Nagelstudio reklamiert, unten im Erdgeschoss. Bei denen riecht es sowieso eigenartig. Gehen Sie ins Nagelstudio? Regelmässig? Verzeihen Sie die Frage. Zuletzt habe ich der Verwaltung einen Brief geschrieben. Von Hand, wie in alten Zeiten. Ich soll mich gedulden, haben sie per E-Mail geantwortet. Wir müssten warten, bis das Ehepaar unter mir aus den Ferien zurück sei.»

Petra Kürri strich sich die Haare hinters Ohr. «Das kommt möglicherweise von weiter unten.»

«Aus dem Keller? Wir befinden uns im dritten Stock.» Ich stellte die Tassen auf den Schreibtisch, holte Milch und Zucker und setzte mich ihr gegenüber auf meinen Stuhl.

Es war ein bewährter Holzstuhl, kein Bürosessel. Wozu auch? Meine Agentur war weder eine Parteizentrale noch das Office einer Konzernleitung. Meine Agentur war nicht der Mittelpunkt des Universums. Die meiste Zeit ermittelte ich ohnehin ausser Haus – so ich denn einen Auftrag hatte.

Sie gab Zucker in die Tasse. «Ja, der Geruch kommt wahrscheinlich aus dem Keller.»

«Was macht Sie so sicher?»

«Es riecht nach Kanalisation. Gase strömen durch den Abfluss eines Waschtrogs, den länger niemand benutzt hat. Der üble Geruch verbreitet sich zuerst im Keller und von dort im ganzen Treppenhaus. Verstehen Sie?»

«Ehrlich gesagt: nein. Das verstehe ich nicht.»

«Der Siphon ist ausgetrocknet. Die Gase im Abwasserkanal können durch die Rohre ungehindert ins Haus gelangen. Bei den tiefen Temperaturen nachts, draussen wirkt der ausgetrocknete Siphon wie ein Ventil und das Treppenhaus wie ein Kamin.» Sie deutete mit den Händen eine Fontäne gegen die Decke an. «Die Gase steigen empor und verteilen sich auf jedem Stockwerk.»

Sie nahm die Tasse in beide Hände, lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen. Die Strahlen der Morgensonne erreichten und blendeten sie.

Das Licht erzeugte einen magischen Schimmer auf ihren schulterlangen walnussfarbenen Haaren, ihren kurz geschnittenen Stirnfransen und auf ihrem länglichen geröteten Gesicht mit den dunkelbraunen und federglatten Augenbrauen.

Ich schloss das Fenster und kurbelte die Storen hinunter, bis der Schatten über sie hinabglitt und den Zauber beendete.

Auf meine Frage, woher sie das alles wisse, antwortete sie: «Mein Vater ist Sanitärinstallateur. Er hat mich als Kind oft mitgenommen.»

Sie stellte die Tasse auf den Tisch, und ich hockte mich wieder auf meinen Stuhl. Es wurde Zeit, sie anzuhören, ich hatte sie lange hingehalten, länger als beabsichtigt. «Jetzt habe ich verstanden», sagte ich. «Nun, was führt Sie zu mir?»

«Ich brauche Ihre Dienste.»

«Na, dann lassen Sie mal hören.»

«Ein Dealer verkauft hier im Emmental neuerdings reines Kokain an Suchtkranke. Ich möchte, dass Sie ihn aufsuchen und ihn warnen.»

Um ein Haar hätte ich meinen Kaffee verschüttet. «Was soll ich tun? Einen Drogendealer warnen?»

«Ja.»

«Einen Kokainverkäufer? Hier im Emmental?»

Sie nickte.

«Sie scherzen.»

«Nein.»

«Sie meinen wohl eher, ich soll die Leute vor dem Dealer warnen. Die Eltern. Die Lehrer. Die Jugendarbeiterin. Den Pfarrer. Die Polizei. Allesamt, damit sie den Nachwuchs vor dem Lump schützen. Ist es das?»

Sie bewegte ihre Schultern, was nachsichtig aussah. «Nein. Ich meine, Sie sollen den Händler warnen.»

«Warnen wovor? Vor der Justiz?» Ich betonte die Frage zu meiner eigenen Überraschung scharf und spöttisch.

Sie biss sich auf die Unterlippe und...


Gabriel Anwander, 1956 in der Ostschweiz geboren, studierte Landwirtschaft in Bern, bereiste Indien und Kanada, arbeitete in Kamerun und lebt heute mit seiner Frau im Emmental. Er begann früh, nebenher zu schreiben. Zahlreiche Geschichten wurden in Anthologien, Zeitungen und Magazinen veröffentlicht, mehrere bei Wettbewerben ausgezeichnet.

www.gabriel-anwander.ch



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