E-Book, Deutsch, Band 29, 210 Seiten
Anonym Provokateurs-Agenten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-68984-372-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 10
E-Book, Deutsch, Band 29, 210 Seiten
Reihe: Kult (Schätze der Unterhaltungsliteratur)
ISBN: 978-3-68984-372-4
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 10 enthält zwei Geschichten: Azzef,der König der Provokateurs-Agenten Der Terrorist Azzef plant erneut ein Attentat auf den Polizeidirektor, das aber verhindert werden kann. Dennoch gelingt ihm die Flucht. Double Taf, der letzte Pentyern Azzef findet in Frankreich Unterschlupf bei einem Grafen. Er überwältigt seinen gutmütigen Gönner und versucht, fortan dessen Rolle zu spielen. Doch Sâr Dubnotal hat die Spur zu Azzef bereits aufgenommen.
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Schiffbruch
Die Nacht war dunkel und elektrizitätsgeladen; das Meer phosphoreszierte. Kein Hauch war in der schweren Luft zu spüren. Man hätte meinen können, dass alles Leben ganz plötzlich erloschen sei.
An Bord der Yacht jedoch entstand eine ungewöhnliche Unruhe. Seitdem die Präzisionsinstrumente – Sextant, Bussole, Barometer und so weiter – aufgehört hatten, normal zu funktionieren, weil sie wegen einer plötzlichen atmosphärischen Störung durcheinandergebracht worden waren, begriff man, dass es galt, die Wachsamkeit zu verdoppeln und sich für den Fall aller Fälle bereitzuhalten.
Alle Männer der Besatzung waren auf ihren Posten. Von der Kabine aus rief ihnen Kapitän Kerouadec, der Kommandant des Derwisch, gelegentlich einen kurzen Befehl zu, den sie unverzüglich ausführten. Zwei Matrosen hielten die Bank, ein anderer kümmerte sich um den Davit.1 Der Erste und der Zweite Leutnant standen dicht neben ihrem Chef, sie waren nervös und unruhig und hatten besorgte Falten auf der Stirn.
Lediglich Sâr Dubnotal, der sich ebenfalls auf der Kommandobrücke der Yacht befand, bewahrte wie immer seine Gleichmütigkeit. Der außergewöhnliche Mensch, dem der Derwisch gehörte, hatte gerade die Forschungsreise des Schweden Nordenskjöld wiederholt.
Seine Dampfyacht, die für eine Polarexpedition aufgetakelt war, hatte vor vier Monaten einen Hafen an der Ostsee verlassen, um den Großen Ozean von einem Ende bis zum anderen, entlang der nördlichen Küsten Sibiriens, in viermal schnellerer Geschwindigkeit zu durchqueren. Dabei sollte vor allem auch die Beringstraße überwunden werden.
In diesem Moment war der Derwisch von Petropawlowsk aus über Nagasaki und Hongkong in Richtung Pazifik quer durch das Chinesische Meer unterwegs.
Er befand sich auf der Höhe der Paracel-Inseln und der Philippinen, denn er hatte die Absicht, in Manila Kohle zu laden, bevor es endgültig nach Redemption Island gehen sollte, jenem erst kürzlich entdeckten und von dem großen Psychagogen erworbenen Atoll, auf dem er eine kleine Sträflingskolonie gegründet hatte.
Diese lange Fahrt der Yacht verfolgte ein anderes Ziel als das der Erforschung wenig bekannter Küsten. Der eigentliche Auslöser war für Sâr Dubnotal der Wunsch gewesen, zehn Nihilisten zu befreien, die zur Bergwerksarbeit in Jakutsk verurteilt worden waren.
Das Unternehmen war erfolgreich verlaufen.
Unter dem Decknamen Powlaw hatte sich der Psychagoge selbst unter die abgeschobenen Unglücklichen gemischt, deren Konvoi schließlich zur sogenannten Katharinenbucht unterwegs war, wo seine Yacht schon wartete, um den Flüchtlingen nach der Überwindung zahlreicher Hindernisse Zuflucht an Bord zu bieten.
Das Beste aber war, dass es Sâr Dubnotal gelungen war, Azzef, den Provokateursagenten der Ochrana, also der Politischen Polizei, gefangen zu nehmen. Er war ein Mann mit zwei Gesichtern: Einerseits hatte er unter dem Namen Raskin das Vertrauen seines Chefs enttäuscht, andererseits aber auch als Trobjenski das seiner Mitrevolutionäre, die er verriet, nachdem er sich vorher bei ihnen eingeschlichen hatte. Der große Psychagoge hatte über den Verräter gerichtet. Mehrmals hatte Azzef ihm selbst nach dem Leben getrachtet; mit Mitteln, die sowohl raffiniert als auch grausam, vor allem aber wahrhaft teuflisch waren.
Dieser polnische Jude war ein elender Judas und verdiente keinerlei Nachsicht. Doch selbst in diesem Fall wollte sich Sâr Dubnotal nicht die Hände mit dem Blut des abscheulichen Verbrechers schmutzig machen, sondern war geneigt, ihm großmütig all das zu verzeihen, was er ihm angetan hatte. Er zog es vor, Azzefs Opfer zu befreien, um diese Menschen über sein Schicksal entscheiden zu lassen, was sie auch ganz souverän taten. Dieses Urteil sollte auf Redemption Island gesprochen werden, wo Sâr Dubnotal auch die früheren Mitglieder des sogenannten revolutionären Zentralkomitees für einige Zeit unterbringen wollte.
Wenn er den Grund hätte benennen sollen, warum er mit den Nihilisten so verfahren wollte, dann lag das nicht etwa an seiner Sympathie für deren Doktrin, sondern vielmehr an seiner stark ausgeprägten Gerechtigkeitsliebe. Denn diese Leute waren Opfer düsterer und verabscheuungswürdiger Machenschaften eines Provokateursagenten geworden, der sie auf den Weg des Verbrechens geführt hatte, um sie dann später höchstpersönlich der Polizei des Zaren auszuliefern.
Als Sâr Dubnotal die Nihilisten ihren unmenschlichen Bewachern entrissen hatte, verlangte er im Gegenzug von ihnen, ihrer Ideologie zu entsagen und keinerlei Terrorakte mehr zu begehen, welche ohnehin nur Schande auf ihre Gemeinschaft werfen konnten.
Außerdem verpflichtete er sie, nie mehr nach Russland zurückzukehren und – gemeinsam mit ihren Familienangehörigen – auf dem wundervollen, kleinen Atoll zu bleiben, wo sie unter der väterlichen Betreuung des früheren Obersts Tedworth wieder auf den rechten Weg gebracht werden sollten. Tedworth war Ausbilder der chinesischen Armee gewesen und amerikanischer Staatsbürger.
Dies waren die Pläne des Psychagogen. Wie heißt es so schön: Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Nun, das galt auch hier: Die Pläne sollten deshalb wohl noch nicht realisiert werden. Die Ruhe in jener tiefen Nacht, in der lediglich die Leuchtfeuer des Derwisch die Nebel zerrissen, war wohl die berühmte Ruhe vor dem Sturm.
„Fällt das Barometer immer noch, Kommandant?“, fragte Sâr Dubnotal.
„Ja, immer noch“, antwortete der Offizier. „Und dieses Fallen geschieht erschreckend schnell! Ich weiß nicht recht, was uns da bedroht, aber ich wäre nicht überrascht, wenn das ein Taifun2 wäre.“
„Haben Sie Möglichkeiten, ihm zu entgehen?“
„Unglücklicherweise nicht. Ich habe keine Ahnung, woher er kommen wird, und trotz meiner Vorsichtsmaßnahmen befürchte ich, dass er unverhofft und heimtückisch losbrechen wird.“
Sâr Dubnotal studierte mit funkelnden, aufmerksamen Blicken das Meer und den Himmel. Am Horizont war kein Strich zu sehen; alles hatte sich mit den Nebelschleiern vermengt.
Der Derwisch wühlte sich mit seinem Vordersteven durch schweres, brackiges Wasser, das entlang seiner Flanken wie in Bächen flüssigen Pechs abrann. Ein Mensch, der irgendetwas ins Meer geworfen hätte, würde einen Funkenregen verursacht haben.
Die Schiffsschrauben hinterließen eine lange phosphoreszierende Spur Kielwassers.
Am Unheimlichsten aber war, dass sich am Ende der Masten der Yacht ein St.-Elms-Feuer3 entzündete und prasselte, wie wenn die Yacht von selbst Elektrizität entwickeln würde.
„Ja“, sagte Sâr Dubnotal, „dies alles deutet zweifellos darauf hin, Kommandant. Wir müssen die Augen offen halten!“
Der Derwisch hatte seine Fahrt verlangsamt und machte nur noch knapp zehn Knoten. Sein weißer Rumpf bewegte sich vorsichtig in der Dunkelheit, denn er konnte sich nicht mehr auf den verrücktspielenden Kompass verlassen; man konnte sich lediglich an der Stellung der Sterne orientieren.
Kapitän Kerouadec verließ sich in diesem Stadium als alter Seewolf lieber auf seinen eigenen Instinkt. Er navigierte nach Schätzung, wie die Seeleute sagen.
Wenn er sich irrte, würde die Yacht Kurs auf Osten oder Westen nehmen, statt nach dem Süden zu steuern.
Es verstrichen mehrere Stunden, in denen er auf diese Weise im Dunkeln tappte, beunruhigt von der Sorge, mit jemandem zusammenzustoßen oder aber an der Küste von Annam zu stranden, deren ungastliche Umrisse sich in einigem Abstand schon abzeichneten.
Plötzlich erfasste ein heftiger Windstoß das Schiff, das sofort zu schlingern begann. Der Derwisch lag quer im Wasser, zum Kurswechsel gezwungen.
„Pinne nach Steuerbord!“, befahl Kapitän Kerouadec. Der Befehl verlor sich im Lärm des Sturms; das Meer hatte sich augenblicklich aufgebläht. Riesige, schaumgekrönte Wellen kamen in schwindelerregendem Tempo vom Horizont her. Obwohl unter Dampf stehend konnte der Derwisch nicht daran denken, dass er diesen monströsen Naturgewalten entgehen könnte, die von der Rückseite her auf ihn einstürmten. Sie schaukelten ihn wie ein leeres Ei, warfen ihn geradezu von einer Seite auf die andere – wie einen Federball, der mit Schlägern hin und her geschlagen wird.
Auch in der Luft brach die Hölle los: War bisher alles ruhig gewesen, so wurde sie nun gleichsam wie das Meer aufgewühlt.
Die Männer von der Besatzung klammerten sich an die Schiffsplanken, die Rampen und überhaupt an alle Stützpunkte, die sich in ihrer Reichweite befanden, die Offiziere und Sâr Dubnotal wurden wie Blätter im Wind geschüttelt. Dieser schreckliche Wirbelsturm, der das Tauwerk ächzen und die Spanten krachen ließ, wurde von einem sintflutartigen Regen begleitet, einer Art Wasserhose.
Es war in der Tat ein Zyklon, der über den Derwisch hergefallen war, einer jener entsetzlichen Taifune, welche so oft das Chinesische Meer heimsuchen. Dabei hatte er noch gar nicht richtig begonnen, und so fragte sich jeder, was den Derwisch wohl erwarten würde, wenn der Sturm seinen Höhepunkt erreichte.
Da der Sturm von Nordosten her tobte, blieb Kapitän Kerouadec nichts anderes übrig, als den Kurs in Richtung Südwesten auszurichten. Das einzige Mittel, einem Schiffsunglück auf dieser Route zu entgehen – war Flucht, falls dazu noch Zeit war. Aber eine solche Flucht würde...




