E-Book, Deutsch, Band 24, 180 Seiten
Anonym Jack the Ripper
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-68984-060-0
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 5
E-Book, Deutsch, Band 24, 180 Seiten
Reihe: Kult (Schätze der Unterhaltungsliteratur)
ISBN: 978-3-68984-060-0
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 5 enthält zwei Geschichten: Die Gevierteilte von Montmartre In einem Pariser Fahrstuhl wird die gevierteilte Leiche einer Engländerin gefunden; die sogenannte 'Schachbande' treibt ihr Unwesen. Sâr Dubnotal macht erneut Jagd auf den Verbrecher Tserpchikoff. Jack the Ripper Tserpchikoff entpuppt sich als 'Jack the Ripper' und Sâr Dubnotal steht vor einem mörderischen Kampf.
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Ein sensationelles Verbrechen
Am 15. Januar 1890 wurde das beliebte und dicht bewohnte Pariser Stadtviertel von Montmartre zum Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens, das die Hauptstadt und ganz Frankreich erschütterte. An jenem Morgen, es mochte gegen sechs Uhr – und noch vor Tagesanbruch – gewesen sein, machte die Brotausträgerin Louise Plache, die verschiedene Kunden in der Avenue de Clichy mit ihren Waren belieferte, eine schreckliche Entdeckung.
Die Frau wollte eben, wie jeden Morgen um diese Zeit, im Anwesen Nummer 357 läuten, als sich die Tür zur Eingangshalle unmittelbar vor ihr sperrangelweit öffnete. Unverhofft stürmte jemand aus dem Haus (möglicherweise ein Mann), rannte Louise Plache förmlich über den Haufen und flog geradezu die Straße entlang, die um diese frühe Stunde naturgemäß dunkel und menschenleer war. Die Brotausträgerin beabsichtigte nicht, dem Davonlaufenden zu folgen, obwohl sie sofort das ungute Gefühl hatte, dass der Flüchtling etwas auf dem Kerbholz haben musste. Vielleicht war er ein Einbrecher oder sogar etwas noch Schlimmeres. Angst befiel sie, doch mutig trat sie dennoch in das Haus. Sie nahm sich vor, die Concierge zu rufen, um sie zu befragen, was da vorgefallen war.
Die Eingangshalle war nicht beleuchtet. Sie ließ sich dadurch nicht beirren, klopfte ans Fenster und rief laut: „Madame Gosselin! Madame Gosselin!“ Doch die Concierge antwortete nicht. Louise Plache wiederholte ihre Rufe, hatte aber auch diesmal keinen Erfolg. Von dem anhaltenden Schweigen beunruhigt, lief sie daher wieder nach draußen, um nach einem Schutzmann Ausschau zu halten. Und tatsächlich entdeckte sie ein paar Häuser weiter – im 18. Arrondissement – einen Polizisten, den sie aufgeregt bat, ihr zu folgen. Die Brotausträgerin glaubte inzwischen fest daran, dass Madame Gosselin, der Concierge, etwas zugestoßen sein musste, möglicherweise war sie sogar von der flüchtenden Person, die sie beinahe umgerannt hätte, ermordet worden.
Der Polizist blieb ruhig und war keineswegs von den Vermutungen der Frau überzeugt, die er insgeheim für völlig aus der Luft gegriffen hielt. Dennoch folgte er ihr. Als man das Haus Nr. 357 erreicht hatte, zog er eine Taschenlampe hervor, schaltete sie ein und trat dann forsch in die Eingangshalle. Die Brotfrau folgte ihm auf dem Fuße. Beiden entrang sich, nahezu gleichzeitig, ein fürchterlicher Schreckensschrei. Im diffusen Schein der Lampe nahmen sie wahr, dass man dort, am Ende des Ganges, eine Frau im Nachtgewand mit beiden Handgelenken an die Kabine eines Aufzugs und deren Füße an die Säulen des Aufzugsschachts gefesselt hatte. Die Aufzugskabine befand sich etwa zwei Meter über dem Boden und hatte wohl, als sie diese Höhe erreicht hatte, die unglückliche Frau regelrecht in Stücke gerissen. Ihre grässlich gestreckten Gliedmaßen waren großenteils vom Körper abgetrennt, alles um sie herum schwamm im Blut.
Der Polizist und die Frau konnten ihre Blicke lange nicht von der scheußlichen Szene lösen, dann aber rannten beide wie von Furien gehetzt nach draußen. Dort fing sich insbesondere der Polizist wieder langsam, indem er versuchte, Haltung zu bewahren. Da das Opfer mit Sicherheit nicht mehr am Leben war, war es angebracht, zunächst einmal das Revier aufzusuchen und den übergeordneten Stellen Meldung von dem unglaublichen Vorfall zu machen. Bereits eine halbe Stunde später befanden sich der Kommissar, sein Assistent und mehrere andere Polizisten vor Ort. Bis zu diesem Zeitpunkt war man davon ausgegangen, dass es sich bei der Toten um Madame Gosselin, die Concierge, handelte.
Die fragliche Frau, eine kinderlose Witwe, war nämlich die einzige Bewohnerin der Portiersloge von Hausnummer 357. Und da sie auf die Rufe von Louise Plache nicht geantwortet hatte, erschien diese Annahme durchaus plausibel. Dessen ungeachtet irrte man sich. Sehr schnell stellte sich nämlich heraus, dass es sich bei der unglücklichen Frau um eine Mieterin handelte. Sie war vor etwa sechs Monaten in eine Wohnung des Erdgeschosses gezogen.
Die gute Madame Gosselin wurde allerdings gleichfalls tot aufgefunden – und zwar in ihrer Loge. Der Mörder war durch ein Fenster vom Hof her bei ihr eingedrungen und hatte sie erstochen. Ihr blutüberströmter Körper lag auf dem Bettvorleger neben ihrem Bett, worin sie offenbar geschlafen hatte. Der Körper der englischen Mieterin wurde nun unter großen Mühen von der Aufzugskabine gelöst. Dabei stellte man fest, dass sie der Mörder geknebelt hatte, am Körper selbst fanden sich keinerlei Wunden, außer denen, die der Aufzug verursacht hatte. Die unglückliche Frau war offenbar bei vollem Bewusstsein gevierteilt worden. Die Beamten waren nahe daran, sich zu übergeben, als sie das rekonstruiert hatten.
Zwischen der Sûreté und dem lokalen Polizeirevier wurde eine Sonderkommission gebildet, um die Hintergründe dieses scheußlichen Verbrechens aufzuklären. Von der Mieterin wusste man, dass es sich um eine gewisse Annie Stevens handelte – unter diesem Namen hatte sie sich im Hause Nr. 357 eingemietet. Sie war offenbar Engländerin und hatte vor kurzem ihre Eltern verloren, die ihr aber eine beträchtliche Summe Geldes hinterlassen hatten. Mit diesem Vermögen war sie nach Frankreich gekommen, um davon zu leben. Sie war hübsch, blond und ihre schwarzen Kleider hoben ihre Schönheit nur noch mehr hervor. Wie die meisten Engländerinnen, die im Ausland lebten, war sie also relativ unabhängig, verhielt sich aber in keiner Weise auffällig und war stets bemüht, sich ihrer Umgebung anzupassen. Die Nachbarn konnten nichts Nachteiliges über sie sagen, im Gegenteil schätzten sie sie sehr, trotz ihrer leichten Reserviertheit. Sie war unverheiratet und behalf sich mit den Diensten einer Zugehfrau, die jeden Morgen pünktlich zu ihrer Arbeit erschien.
Ihre Wohnung bestand aus vier Räumen: einem Salon, der auf die Avenue de Clichy hinaus lag, einem Schlafzimmer, das auf den Innenhof des Hauses lag, einem großen Badezimmer und einer kleinen Küche, die auch als Esszimmer genutzt wurde. Die Wohnung grenzte direkt an die geräumige Eingangshalle, die Eingangstür lag der zur Loge der Concierge genau gegenüber. Um in ihre Wohnung zu gelangen, musste die Frau an der Pförtnerloge vorbeigehen, eine Treppe oder den Aufzug brauchte sie dagegen im Prinzip nicht zu benutzen. Das Salonfenster lag nur etwa eineinhalb Meter über dem Bürgersteig. War der Mörder auf diesem Wege in die Wohnung der Engländerin eingedrungen? Aber der solide Rollladen, mit dem das Fenster ausgestattet war, wies keinerlei Spuren auf, die auf ein gewaltsames Eindringen schließen ließen. Dagegen war das Fenster des Schlafzimmers, das auf den Innenhof lag, offen – genauso wie die Tür zur Eingangshalle.
Daraus ergab sich, dass der Mörder von der Rückseite des Hauses her eingestiegen sein musste, vermutlich über eine niedrige Mauer, an die der Innenhof dort grenzte. Dann war er durch das Fenster bei der Concierge eingedrungen und hatte die unglückliche Frau erstochen. Anschließend sprang er wieder auf den Hof hinaus und brach bei der Engländerin ein, indem er erneut über ein Fenster eindrang – diesmal ins Schlafzimmer von Annie Stevens, die er gleichfalls im Schlaf überraschte. Der Lärm, den er möglicherweise verursachte, musste ihn nicht beunruhigen, da die Concierge zu diesem Zeitpunkt ja bereits tot war.
Bis zu diesem Punkt schien alles ganz klar zu sein. Für die Sonderkommission stand auch fest, dass er anschließend die Frau geknebelt und in die Halle gezogen hatte. Dann hatte er sie an die Fahrstuhlkabine gebunden, den Mechanismus in Gang gesetzt, absolut teuflisch in Kauf nehmend, dass das unglückliche Opfer dabei zerstückelt werden musste. Dass diese schreckliche Tat eventuell noch verhindert oder unterbrochen werden könnte, war nicht zu erwarten. Wurde er dennoch von einem unvorhergesehenen Besucher überrascht, so konnte er sich prob-lemlos mit einem einzigen Sprung nach draußen retten. Aber was war das Motiv für dieses Verbrechen gewesen? Weshalb kam es zu dieser beispiellosen und unmenschlichen Grausamkeit gegenüber einem der beiden Opfer? Hatte man die Concierge eventuell nur ermordet, um leichter bei der Engländerin eindringen zu können?
Dieses Rätsel schien unlösbar zu sein, zumal es sich ja um keinen Raubmord gehandelt hatte. Es fehlten keinerlei Wertgegenstände, weder aus der Wohnung der Engländerin noch aus der Loge der Concierge. So fand man beispielsweise im Schreibtisch der jungen Frau Bargeld und Schmuck in beachtlichem Umfang – andererseits fehlten alle persönlichen Schriftstücke und Papiere, die über die Engländerin Auskunft hätten geben können, zum Beispiel Briefe, Karten oder Dokumente; nichts davon war vorhanden. Am merkwürdigsten aber war, dass in der Küche, wo Annie gewöhnlich ihre Mahlzeiten zubereitete, Anstalten getroffen waren, ein exzellentes Essen für zwei Personen vorzubereiten. Auf dem Tisch lagen zwei Teller, die mit kaltem Braten, Rebhuhn und Pastete gefüllt waren, daneben standen zwei Flaschen Wein und Champagner, eine Flasche Chartreuse und ein Bukett mit weißen Rosen.
Welchen Besucher hatte Annie Stevens erwartet? Oder stammte das Mahl noch vom Vorabend und der Besuch war gar nicht gekommen? Man befragte die Hausgehilfin, doch die wusste nichts hiervon. Sie war sogar höchst erstaunt über das Gedeck. Sie hatte Frau Stevens immer als sehr einfach, eher anspruchslos, eingeschätzt, die niemals so üppig gegessen und getrunken hätte (ihre Lieblingsgetränke waren Milch und Tee). Zu ihren Aufgaben gehörte auch das...




