E-Book, Deutsch, Band 36, 192 Seiten
Reihe: Cupitora
Anonym Die Spürnase
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95841-770-0
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 36, 192 Seiten
Reihe: Cupitora
ISBN: 978-3-95841-770-0
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen."
Oscar Wilde
"Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen."
Oscar Wilde
Autoren/Hrsg.
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– Die Gräfin und die Deserteure –
Von Haus aus war ich Offizier. Stand dort unten in Kronstadt an der rumänischen Grenze in Garnison bei dem …ten Infanterieregiment. Kronstadt ist bekanntlich eine der schönsten Garnisonen der österreichischen Armee. Reiche und vornehme Familien, ein paar schöne Frauen, im Sommer allerlei Freunde aus dem nahen Rumänien, und im Winter Bälle, Gesellschaften … kurz alles, was sich so ein armer österreichischer Offizier nur wünschen kann. Außerdem eine herrliche Jagd … Herz, was begehrst du mehr?
Ich ließ es mir gutgehen. Mit dreiundzwanzig Jahren Oberleutnant, werde ich Batallionsadjutant und bereitete mich energisch auf die Kriegsschule vor. Mein Major hatte mich sehr gern; auch beim Regimentskommando war ich gut angeschrieben, sodass ich die schönsten Aussichten auf eine schnelle Karriere hatte.
Bis eines Tages ein Moment der Unüberlegtheit mit einem Schlage die Aussichten vernichtete und mich aus meiner Bahn warf. Wenn nicht die Gräfin gewesen wäre, hätte ich mich in einer üblen Lage befunden … Doch ich will der Reihe nach erzählen.
Im Großen und Ganzen hatten wir in unserem Regiment lauter brave Leute. Sie waren ergebene Soldaten, die an dem Offizier, der sie zu behandeln verstand, mit blinder Treue hingen. Selten, dass sich einer gegen die Disziplin verging.
Aber einmal kam doch ein räudiges Schaf in unsere Herde. Nagru hieß der Kerl, halb Zigeuner, halb ein Walach, der sich drei Jahre lang dem Einrücken zu entziehen verstanden hatte.
Endlich gelang es den Gendarmen, den wilden Gesellen in total betrunkenem Zustande in einer Wirtschaft einzufangen und dem Regiment auszuliefern. Nachdem er seine Strafe in Garnisonsarrest abgesessen, wurde er einer Kompanie zugeteilt.
Man kann sich die Freude des mit solchem Rekruten beglückten Hauptmanns vorstellen. So ein Kerl kann ein ganzes Regiment außer Rand und Band bringen, und ich kann mich noch erinnern, wie der dicke Pachinger fluchte, als ihm der Regimentsadjutant den Entschluss des Obersten mitteilte, ihn mit diesem Musterexemplar von Rekruten zu beehren.
Die Wut des armen Pachinger hatte denn auch ihre Berechtigung. Er versuchte es zuerst mit Milde und Nachsicht, sperrte dann, als es nicht anders ging, den Nagru ein, dass diesem die Augen übergingen … aber es half nichts. Eines Tages war der Kerl verschwunden und hatte richtig unter den Kameraden drei gleich gesinnte Seelen gefunden, die sich ihm bei der Desertation anschlossen. Ihre Gewehre nahmen die Schufte mit; und mit Patronen wussten sie sich durch einen kühnen Einbruch ins Kompaniemagazin auch zu versehen. Den alten Feldwebel des Pachinger traf um ein Haar der Schlag, als er den Diebstahl entdeckte.
Ganz Kronstadt war aufgeregt über den unerhörten Fall. Aus Hermannstadt kamen vom Divisions- und Korpskommando die längsten Nasen, die sich auf dem üblichen Dienstwege bis zum armen Pachinger hinunter ins Ungeheuerliche verringerten. Der Pachinger wurde schier tobsüchtig.
Das ganze Regiment wurde den Deserteuren auf Patrouille nachgeschickt. Husaren und Gendarmen waren Tag und Nacht unterwegs. Es war alles umsonst, die Kerle waren nicht einzufangen. Hoch oben in den Klüften des Sehnler und anderer Bergriesen, führten sie ein höchst vergnügtes Räuberdasein. Überfielen einsame Bauernhöfe, einmal sogar die Post; raubten Touristen aus, und wehe den Weibspersonen, die ihnen in die Hände fielen! Diese wurden erbarmungslos vergewaltigt.
Durch ihre Erfolge kühn geworden, wagten sich die Banditen bis an die Stadt heran. In einer Nacht brachen sie beim Richter des Zigeunerdorfes oben ans Ende der Stadt ein, nahmen ihm sein bisschen Geld ab und seinen vierzehn- und dreizehnjährigen Töchtern die Jungfernschaft. Das eine der Mädchen starb sogar im Spital.
Der Vizegespon von Kronstadt ergraute in der Zeit. Die seiner Obhut anvertraute Stadt kam nicht mehr zur Ruhe. Man fühlte sich in die Zeiten Rozca Sendors (berühmter ungarischer Räuberhauptmann) versetzt; die Sommergäste aus Rumänien blieben aus und jeden Tag zitterte man, irgend eine neue Schandtat der Schurken zu erfahren. Es war den Kerlen deshalb so schwer bei zukommen, weil sie, sobald ihnen die Gendarmen und Husaren auf den Fersen waren auf Passwegen, die nur ihnen bekannt, ins Rumänische hinüberflüchten konnten.
Ich habe ihnen schließlich den Garaus gemacht … ich allein. Allerdings hatte ich bei der Affäre mehr Glück als Verstand.
Eines Tages rückte zu unseren Husaren der junge Graf K… zur Waffenübung ein. Daran war nichts besonderes, aber er brachte seine junge, schöne Frau mit. Die Übung war so eine Art Hochzeitsreise des jungen Paares. Die junge Gräfin war eine Beante ersten Ranges. Keine neunzehn Jahre war sie alt, eine hohe, schlanke Blondine mit feurigen, blauen Augen und von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Natürlich war die gesamte Garnison am ersten Tage bereits in sie verliebt. Alle Waffengattungen, die Infanterie, die Jäger, die Leute von der Artillerie, die Husaren, die Pioniere, die Trainer, alles alles, machte der schönen »Reservistin« den Hof. Wenn sie auf der Promenade erschien, war die gesamte Weiblichkeit von Kronstadt für die Herren vom Säbel gestorben.
Die Husaren waren selbstverständlich von der Konkurrenz nicht sehr erbaut; sie versuchten die Reservistin ganz allein für sich in Beschlag zu nehmen … aber der Ansturm war zu groß. Der Ring, den sie um ihren Schoß schlossen, ward immer wieder durchbrochen. Zu meiner Ehre muss ich gestehen, ich war vielleicht der Einzige, welcher der schönen Gräfin nicht nachlief. Ich war zu stolz dazu.
Und ich hätte es eigentlich am leichtesten gehabt. Sie wohnte im Hotel Bellevue, wo die Bataillonskanzlei untergebracht war und wo infolgedessen auch ich logierte. Das Geschick, welches einmal beschlossen hatte, mich mit der schönen K… in Verbindung zu bringen, hatte es so gefügt, dass sie die Zimmer neben unserer Kanzlei bekam. Das Schlafzimmer des jungen Paares war sogar nur durch eine dünne Tür von der Kanzlei getrennt. So stolz war ich aber wieder nicht, um nicht daraus meinen Vorteil zu ziehen. Möchte den sehen, der sich gleichgültig verhielte, wenn er weiß, im Nebenzimmer, nur durch eine dünne Wand getrennt, schläft ein blendend schönes Weib.
Wenn ich ihm oder ihr auf dem Korridor oder im Restaurant begegnete, machte ich ihnen eine höfliche Verbeugung. Den Grafen, der mir als dem Höheren die Ehrenbezeugung zu leisten hatte, grüßte ich sogar kollegial von oben herunter. Nie wechselte ich ein Wort mit ihnen, setzte mich nie an den Tisch, an dem die Gräfin »Hof« hielt. So mit im Schwarm der anderen mitzurennen, passte mir durchaus nicht. Ich finde überhaupt, wir Männer machen uns einfach lächerlich, wenn wir sinn- und charakterlos jedem hübschen Gesicht nachlaufen. Um ein schönes Weib werben, lange werben … ja. Aber glücklich sein, wenn einem in der Masse ein zufälliger Blick streift, oder wenn einem gar die Gnade zuteil ward, einen hinuntergefallenen Handschuh aufzuheben … nein. Zumal wenn die Geschichte nicht die geringste Aussicht auf Erfolg hat.
Und so war es bei der Gräfin. Da war keiner unter all den Jammerlappen, die sie mit ihren aufdringlichen Aufmerksamkeiten verfolgten, der sich auch nur der leisesten Gunstbezeugung hätte rühmen können. Im Gegenteil, ich hatte als entfernt stehender, kühler Beobachter den Eindruck, als ob sie sich über alle zusammen lustig machte. Sie war nicht im geringsten kokett und dass sie es bei dieser blödsinnigen Kurschneiderei nicht wurde, konnte ihr nicht hoch genug angerechnet werden. Die Männer sind es ja immer, die aus den Frauen herzlose Kokotten machen. Wie oft sah ich, dass ihr Blick über all die Majore, Rittmeister, Hauptleute und Oberleutnants hinweg, sich in die Augen ihres Mannes stahl und dort mit einem innigen Leuchten hängen blieb. Wenn sie in seinen Armen liegt, lacht sie alle aus, dachte ich.
Und hatte recht. – Eines Abends hatte ich noch in der Kanzlei zu tun. Es galt die Rechnungsablegungen der Kompanien durchzuführen und zu prüfen. Da ich mich nicht gern auf meine Feldwebel verließ, setzte ich mich selbst hinter diese geisttötende Arbeit, so verhasst sie mir auch war. Zwölf Uhr schlugs und noch immer raufte ich mit diesen endlosen Zahlenreihen herum.
Da hörte ich meine Nachbarn in ihr Zimmer treten. Wie das Läuten einer Kristallglocke klang das helle Lachen des jungen Weibes zu mir herüber. Augenblicklich drehten sich meine schönen Zahlenkolonnen von oben nach unten und von unten nach oben, – ich sah überhaupt nichts mehr. Dafür hörte ich … die Tür war für einen jungen starken Menschen, der zu arbeiten hat, viel zu dünn.
Zunächst vernahm ich weiter nichts, als das Lachen. Dann ein paar Küsse … ich stand schon längst an der Tür und presste das Ohr auf die Spalte … und dann jenes gewisse Kichern und Seufzen, mit dem die Frau die ersten Liebesangriffe des Mannes quittiert.
»So lass mich doch erst einmal ausziehen«, hörte ich flüstern.
Seine Antwort konnte ich nicht verstehen, aber sie muss sehr handgreiflich gewesen sein, denn das Kichern und Seufzen vermehrte sich.
Sehen konnte ich leider nichts, denn vor der Tür stand von der anderen Seite ein großer Schrank. So konzentrierte ich denn meine ganze Lauschkraft aufs Hören. Und ich hörte genug.
Zunächst war nichts zu vernehmen, als das Rascheln eiligst abgelegter Kleider. Dann wieder Küsse und Küsse und jenes gewisse Klatschen, wenn eine vor Gier zitternde Hand die Reize eines schöne Weibes karessiert.
»Du bist so schön«, flüsterte er. »Jeden Tag leide ich dich mehr …«
»Weil ich den Andern so...




