E-Book, Deutsch, Band 25, 200 Seiten
Anonym Die Braut aus Gibraltar
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-68984-061-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 6
E-Book, Deutsch, Band 25, 200 Seiten
Reihe: Kult (Schätze der Unterhaltungsliteratur)
ISBN: 978-3-68984-061-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
SÂR DUBNOTAL Nr. 5 enthält zwei Geschichten: Hass über den Tod hinaus Die Gräfin Azilis, die Geliebte des Verbrechers Tserpchikoff, kehrt mit ihren Kindern aus dem Exil in die Heimat zurück. Der Russe versucht, sie aus dem Jenseits immer wieder anzugreifen. Die Braut aus Gibraltar Sâr Dubnotal wird gebeten, die Tochter eines britischen Obersts aufzuspüren, die in Gibraltar verschwunden ist. Die Nachforschungen führen zu einem raffinierten Hochstapler.
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Augen aus Feuer
„Gräfin, ich habe gute Nachrichten für Sie! Sâr Dubnotal, den Sie unter dem Namen Severus el Tebib kennen, hat mir gerade ein Telegramm gesandt. Darin teilt er mir mit, dass er auf Grund Ihrer offensichtlichen Reue damit einverstanden ist, dass Sie nach Frankreich zurückkehren können, wo Sie Ihre beiden Töchter zurückgelassen haben. Im Übrigen ist er der Meinung, dass Sie Ihr Verbrechen ausreichend gesühnt haben. Ich habe nun angeordnet, dass Sie direkt nach Yokohama gebracht werden, wo Sie den nächsten Dampfer nach Europa besteigen können.“
„Meine Kinder! Ich darf meine Kinder wiedersehen! Ist das wirklich wahr, Herr Gouverneur?“
„Ja, so ist es, Gräfin! Ich bin von dieser Nachricht nicht einmal überrascht, denn ich habe ja entscheidend dazu beigetragen, Sâr Dubnotals Entscheidung zu beschleunigen! Ich habe ihm nämlich von Ihrem erstaunlichen Fortschritt in überschwänglichen Worten berichtet.“
„Oh, wie dankbar bin ich Ihnen!“, jubelte die unglückliche Frau. „Andrée und Jeanne – meine süßen Kleinen! Oh, mein Gott, das ist zu viel Glück auf einmal!“
Dieses Gespräch fand zwischen Azilis de Tréguilly und Oberstleutnant Tedworth, einem früheren Offizier, der als Ausbilder der chinesischen Armee gearbeitet hatte, statt.
Tedworth war amerikanischer Staatsbürger und gezwungen worden, nach einem Aufstand der von ihm befehligten Truppen die Stadt Kanton zu verlassen. Er war mit dem großen Psychagogen sehr gut befreundet, mit dem er einmal eine längere Weltreise an Bord von dessen Yacht unternommen hatte. Die Reise hatte damit geendet, dass sie ein erst kürzlich entstandenes Atoll im Indischen Ozean entdeckt hatten, das bis zu diesem Zeitpunkt weder Kartographen noch Seeleuten bekannt gewesen war. Tedworth hatte den Wunsch geäußert, eine kleine Kolonie auf dieser Koralleninsel zu gründen. Von einigen alten Haudegen begleitet, die ihm treu ergeben waren, war er dann an Land gegangen, versehen mit genug Wasser, Waffen und Essensvorräten, Werkzeug, Gerätschaften und Saatgut -- kurz gesagt, er war ausgestattet mit allem, was man für einen Neuanfang benötigte.
Die erste Zeit war nicht leicht gewesen, aber mit Sâr Dubnotals Hilfe gelang es schließlich, ihre Lage rasch und spürbar zu verbessern. Nach einigen Jahren hatten sie das Atoll in ein blühendes Eiland verwandelt, ein kleines Stück Paradies, um das man sie beneiden konnte. Tedworth war überaus begeistert von dieser Entwicklung (seine Gefährten teilten übrigens seine Ansicht) und konnte sich nicht vorstellen, diesen Ort jemals wieder zu verlassen.
Der Oberstleutnant hatte das Atoll Redemption Island genannt, das heißt Insel der Sühne. Denn der große Psychagoge hatte die Idee gehabt, einige Verbrecher, die ihre Untaten bereuten, dort auszusetzen. Statt diese Übeltäter der jeweiligen Strafjustiz auszuliefern, schickte Sâr Dubnotal diese bemitleidenswerten Geschöpfe auf dieses Atoll und vertraute sie Tedworths Oberaufsicht an.
Harte Arbeit und tägliches Gebet bewirkten bei den meisten von ihnen einen langsamen, aber erfolgreichen Sinneswandel. Sobald der Oberstleutnant den Eindruck gewonnen hatte, dass es wieder einmal gelungen war, den einen oder anderen zu resozialisieren, benachrichtigte er den Meister; der große Psychagoge erteilte anschließend sofort seine Einwilligung, die betreffende Person in die Freiheit zu entlassen. Aus diesem Grund war auch Azilis de Tréguilly auf diese Insel gekommen, und weil sie sich nach langer Läuterung nun offenbar tiefgreifend zum Positiven hin verändert hatte, war Tedworth wieder einmal vom Erfolg seiner Therapie überzeugt. Gerührter, als er es sich eingestehen wollte, schritt er still in der Zelle hin und her, in der die Frau nun schon mehrere Jahre eingesperrt gewesen war. Sie hatte gewiss schwere Schuld auf sich geladen.
Azilis war die Tochter des armen bretonischen Uhrmachers Père Le Floch aus Kerambellec, nicht weit von Morlaix. Jung und schön, hatte sie mit ihrem Charme den Grafen Jean de Tréguilly betört, dessen auf Klippen errichteter Landsitz den bezaubernden Strand von Trez-Hir beherrschte. Anstatt ihrem Gatten dankbar dafür zu sein, dass er sie aus ihrem Elend herausgeholt und zur Gräfin gemacht hatte, wollte sie ihn schnell wieder loswerden, vermutlich, um sich in den Besitz seines großen Vermögens zu setzen – obwohl sie ihm bereits zwei bezaubernde Töchter geschenkt hatte. Sie beging ein teuflisches und heimtückisches Verbrechen, das lange Zeit nicht einmal als solches erkannt worden war, bevor es Sâr Dubnotal mit außergewöhnlichen Mitteln aufdeckte.
Beeindruckt von den Tränen, die seine Gefangene vergoss, fuhr der Oberstleutnant fort: „Gräfin, ich sehe, dass Sie von Sâr Dubnotals Barmherzigkeit genauso gerührt sind wie ich, Sie konnten sich von seiner Großherzigkeit ja ohnehin schon mehrfach überzeugen. Obwohl Sie hier – fern von all den Menschen, die Ihnen etwas bedeuten könnten – eingekerkert waren, haben Sie wohl die Hoffnung auf Freiheit niemals aufgegeben. Andererseits ist Ihnen hier wohl auch das Ausmaß Ihrer Schuld erst richtig bewusst geworden, einer Schuld, die Sie sich vermutlich nicht aufgeladen hätten, wenn Sie nicht ein Opfer des infamen Schurken Tserpchikoff geworden wären.“
„Oh, Herr Gouverneur, wie recht Sie damit haben. Er war es, er allein, der mich ins Verderben gestürzt hat!“
„Das weiß ich doch“, sagte der Oberstleutnant beruhigend. „Und Sâr Dubnotal weiß das auch. Hat Sie Tserpchikoff geliebt? Doch wohl kaum, wenn man ihn kennt, aber durch Ihre Heirat sind Sie reich und damit interessant für den Gauner geworden. Vermutlich nur deshalb wollte er Sie nach dem Tod Ihres Gatten heiraten. Dank Sâr Dubnotals Eingreifen konnte das im letzten Moment verhindert werden. Und was noch wichtiger ist: Tserpchikoff, der Urheber zahlreicher schrecklicher Untaten, der Mann, der als König der Schachbande und Jack the Ripper Paris und London unsicher gemacht und in Angst und Schrecken versetzt hat, hat für seine Verbrechen mit dem Leben bezahlt! Und Sie, Gräfin ...“
„Das Schicksal hat sich mir gegenüber als gnädig und großzügig erwiesen, denn eigentlich hätte ich das Los meines Komplizen teilen müssen.“
Tedworth schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Gräfin! Der stets verzeihende Sâr Dubnotal hat das nicht so gesehen und er hatte recht, denn Sie haben ja bereut und gesühnt. Redemption Island ist kein Arbeitslager, in dem die Gefangenen nach langer Pein qualvoll sterben müssen, sondern ein Ort, an dem die Sünder zur Einsicht und Besserung gebracht werden sollen. Es ist, wenn Sie so wollen, ein Ort der Läuterung, eine Art Fegefeuer auf Erden, das Sâr Dubnotal extra zu diesem Zweck ins Leben gerufen hat.“
Tedworth fasste die Gräfin bei der Hand und fuhr fort: „Während Sie hier waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass und inwieweit Sie sich geändert haben. Von dem Tag an, von dem Sie nicht mehr unter Tserpchikoffs Einfluss standen, seiner Hypnosekraft, seiner okkulten und perfiden Machenschaften, haben Sie zu einer anständigen, rechtschaffenen Natur zurückgefunden. Wie schon bei Magdalena im Alten Testament haben auch bei Ihnen die Tränen alle Ihre Sünden abgewaschen ... Niemals hatte ich Grund, mich über Sie zu beklagen. Sie haben sich stets vollkommen unseren strengen, aber gerechten Regelungen unterworfen. Ihr Haar ist hier weiß geworden, ihr Teint verblasst und ihre Augen haben an Glanz und Schärfe beim vielen Weben verloren. Sie haben genug gesühnt.“
„Aber kann ich es wagen, meinen Töchtern so gegenüberzutreten?“, seufzte die Unglückliche.
„Ihre Töchter haben nie die Wahrheit erfahren“, beeilte sich der Gouverneur zu erwidern. „Die armen Kinder sind praktisch wie Waisen aufgewachsen. Aber Sâr Dubnotal achtete darauf, dass ihre Interessen angemessen vertreten wurden, und ließ sie von rechtschaffenen Landwirten großziehen, bevor sie in ein angesehenes Internat geschickt wurden, wo sie heute noch sind. Erst vor etwa einem Jahr haben sie erfahren, dass ihre Mutter noch am Leben ist.“
„Was müssen sie von mir halten?“, murmelte Azilis traurig. „Werden sie je begreifen können, warum und wie sie in diese beklagenswerte Lage gekommen sind?“
„Sâr Dubnotal hat sich unter dem Pseudonym Severus el Tebib ihrer intensiv angenommen; er hat alles getan, um zu ermöglichen, dass Sie sie wiedersehen können. Und er hat den Mädchen gesagt (es war ihm sichtlich unangenehm, fortzufahren) – ich bin mir sicher, Gott wird diese kleine Notlüge verzeihen –, dass Ihr Verstand unter dem Tod Ihres Gatten, des Grafen Jean, der ja ihr Vater war, etwas gelitten hat ...“
„So großmütig war er?“, fragte Azilis – wie es schien, angenehm überrascht.
„Ja, Gräfin! Ihre Töchter Andrée und Jeanne de Tré-guilly glauben, dass Sie in einem Sanatorium untergebracht waren, wobei es niemandem erlaubt war, Sie zu besuchen, und ihnen schon gar nicht, da dies fatale Folgen für Sie hätte haben können. Sâr Dubnotal hat ihnen gegenüber aber zum Ausdruck gebracht, dass Sie in Ihrer Kur recht gute Fortschritte machten und ein gewisser Optimismus angebracht ist, dass Ihr gesundheitlicher und vor allem seelischer Zustand bald wieder völlig hergestellt sein wird.“
Mit fortschreitender Unterhaltung fühlte sich Azilis zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen und Eindrücken hin- und hergerissen....




