Ani Totsein verjährt nicht
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-552-05484-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Gewicht: 1 g
ISBN: 978-3-552-05484-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friedrich Ani, geboren 1959 in Kochel am See, lebt heute in München. Neben Kriminalromanen schreibt er Lyrik, Erzählungen, Jugendromane und Drehbücher. Bei Zsolnay erschienen zuletzt: Idylle der Hyänen (Roman, 2006), Hinter blinden Fenstern (Roman, 2007), Mitschnitt (Gedichte, 2009) und Totsein verjährt nicht (Roman, 2009). Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Tukan-Preis (2006) und den diesjährigen Deutschen Krimipreis 2010 (mit dem er bereits 2002 und 2003 geehrt wurde).
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»Auf dem Schulweg und im richtigen Leben«
Sehr geehrter Herr Fischer,
bestimmt wissen Sie nicht mehr, wer ich bin, das macht nichts. Ich heiße Marcel Thalheim, bin sechzehn Jahre alt und gehe in die Wilhelm-Röntgen-Realschule. Vor über sechs Jahren haben Sie mal kurz mit mir gesprochen, und dann habe ich noch bei einem Ihrer Kollegen eine Aussage gemacht, ich glaube, sein Name war Schell, aber sicher bin ich mir nicht. Er hat das, was ich gesagt habe, in seinen Computer geschrieben und ausgedruckt, und ich habe alles unterschrieben. Es ging um Scarlett Peters, die verschwunden war, und niemand wusste, wohin und was überhaupt passiert war. Das war sehr schlimm.
Ich war mit Scarlett gut befreundet. Wir sind fast jeden Tag zusammen in die Grundschule gegangen, wir wohnten in derselben Straße (Lukasstraße). Manchmal hat sie mir von ihrer Mama erzählt, die in einem Krankenhaus arbeitet. Ihren Vater hat sie fast nicht gekannt, weil der ihre Mama bald schon verlassen hat. Wenn ich Scarlett was gefragt habe, hat sie nicht gern geantwortet, sie war immer sehr still. Aber das hat mir nichts ausgemacht, ich bin gern mit ihr zur Schule gegangen. Oft sind wir auch gemeinsam von der Schule nach Hause gegangen.
Wenn irgendwo ein Ball rumgelegen ist, hat sie ihn durch die Gegend geschossen. Fußball spielen fand sie super. Ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das lieber Fußball spielt, als irgendwas anderes zu tun. So war die Scarlett.
Und dann war sie verschwunden, und wir haben alle in der Schule beim Suchen geholfen. Sie ist nicht wiedergekommen. Ich habe sie sehr vermisst. Das Vermissen hat gar nicht mehr aufgehört. Sie sind der erste Mensch, dem ich das sage.
Ich habe alle Zeitungsartikel über Scarlett ausgeschnitten und in einer Schachtel gesammelt. Das weiß niemand. Das Vertrauen in die Mordkommission habe ich eigentlich verloren, in Sie aber noch nicht, Herr Fischer. Sie glauben mir, das weiß ich, und Sie werden jetzt, wenn Sie lesen, was ich erlebt habe, handeln und sich von Ihren Kollegen und Vorgesetzten nicht einschüchtern lassen. Das hoffe ich jedenfalls.
Ich habe Scarlett Peters erkannt …
Zum vierten Mal las er den Brief, den er von zu Hause mitgebracht hatte, und wieder verschwammen die Zeilen vor seinen Augen. Wieder trank er erst einen Schluck Wasser, bevor er über das nachdachte, was da stand und was er längst wusste. Er hatte begriffen, dass er, wenn er immer wieder über die Sätze des Schülers nachdachte, eine Weile von allem anderen verschont wurde, das ihn seit Tagen um den Verstand brachte.
Nie hatte Polonius Fischer so sehr an seinem Verstand gezweifelt wie seit dem Moment, als ein Streifenpolizist ihm die Nachricht von Ann-Kristins Auffindung überbracht hatte. Wir haben sie aufgefunden, sagte der Kollege. In dieser Sekunde glaubte Fischer zu ersticken.
Wie damals in der Zelle. Als er nach endlosem Schreien keine Luft mehr bekam und ohnmächtig wurde.
Geschrien hatte er noch nicht. Auch hatte er nicht das Bewusstsein verloren. Vielmehr hatte er einen Grad von Wachheit erreicht, der ihn umso mehr quälte, je länger er andauerte.
Ann-Kristins Auffindung.
Am selben Abend, gestern, hatte er seine schwarze Reisetasche gepackt und war von seiner Wohnung in der Sonnenstraße in östlicher Richtung gegangen, durch die Fraunhoferstraße den Nockherberg hinauf, mit ausladenden Schritten, in seinem dunkelblauen Wollmantel, den Stetson tief in die Stirn gezogen. Er brauchte nur eine halbe Stunde. Das Zimmer kostete fünfundsiebzig Euro. Den Namen der Pension hatte Ann-Kristin vor Kurzem erwähnt, sie hatte nachts einen Gast dort abgesetzt und ein paar Worte mit der Wirtin gewechselt. Tatsächlich hatte Fischer dieses Gespräch erwähnt, als er im Hotel Brecherspitze anrief.
Warum er das getan hatte, wusste er nicht. Ein Sonderpreis, sagte Anita Berggruen. Vermutlich hätte er auch jeden anderen Preis bezahlt. Das Zimmer ging auf die St.-Martinstraße und die Mauer des Ostfriedhofs, es roch nach Farbe und Politur. Möbel aus hellem Holz, das Bad weiß gefliest, die Wände waren neu gestrichen worden, genau wie unten in der Gaststube.
Von seinem Platz bei der Eingangstür schaute Fischer zu einem langen Tisch, in dessen Mitte fünf Kerzen auf einem pyramidenförmigen Ständer brannten. Die sechzehn Gäste trugen dunkle Kleidung. An Fischers Nebentisch unterhielten sich zwei ältere Frauen über die Krankheiten ihrer Männer, sie lachten viel hinter vorgehaltenen Händen. Auch über Fischer tuschelten sie, und er tat, als bemerke er es nicht.
Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen, und er dachte, wie gern er noch länger warten würde. So hätte er eine Aufgabe. Er strich über das karierte Blatt Papier, lauter krumme, aber gut lesbare Buchstaben, geschrieben mit schwarzem Kugelschreiber.
Sein Wasserglas war leer. Wie für ein offizielles Gespräch hatte er eine Krawatte umgebunden, sorgfältig, vor dem Spiegel, oben in Zimmer 105. Als müsse er gleich ins Dezernat zu einer Vernehmung aufbrechen.
Im P-F-Raum saß kein Verdächtiger. Da war nichts als die zwei kleinen Tische, die Stühle und das Kruzifix an der Wand. In der Schublade des Nachtkästchens in Zimmer 105, fiel Fischer jetzt ein, lag keine Bibel.
Sekundenlang dachte er an das Nachtkästchen und die leere Schublade und an sonst nichts.
Als jemand die Eingangstür öffnete, flackerten die Kerzen am Trauertisch. Fischer nahm das Flackern wahr wie eine sturmvolle Welle in seinem Kopf. Das war es doch, worauf er die ganze Zeit geduldig und unbändig zugleich wartete: dass Ann-Kristin hereinkam und sagte: »Entschuldigung für die Verspätung.«
»Entschuldigung für die Verspätung.«
Hinter der Garderobenwand tauchte ein groß gewachsener Junge mit langen, dünnen schwarzen Haaren auf. Er trug einen abgeschabten schwarzen Ledermantel und hatte Ringe an den Fingern. Sein Gesicht war weiß wie die frisch gestrichenen Wände im Zimmer 105, und er verströmte den Geruch nach ungelüfteten Kneipen.
»Sie sind der Herr Fischer«, sagte er.
Die Trauergäste, die beiden Frauen am Nebentisch, die Bedienung und ein Mann am letzten Tisch in der Ecke, den Fischer erst jetzt bemerkte, sahen den Jungen an. Regungslos ragte er ins kühle Licht der Tropfenlampen. Er blinzelte. Vielleicht hatte er sich geschminkt, vielleicht waren die Schatten unter seinen Augen Zeugnisse eines aufreibenden Lebenswandels.
»Setzen Sie sich«, sagte Fischer.
»Wohin?«
Am Tisch waren fünf Stühle frei. Fischer zeigte auf den Stuhl an der Längsseite.
»Okay.« Ohne den Mantel auszuziehen, nahm der Jugendliche Platz, gekrümmt. Er wusste nicht wohin mit den Händen. Erst legte er die eine Hand, dann die andere auf den Tisch. Er rieb sich über die Oberschenkel und zuckte zusammen, als die Bedienung ihn ansprach.
»Was willst du trinken?«
»Nichts.«
»Ich lade Sie ein, Marcel«, sagte Fischer.
Er zögerte. »Haben Sie Bionade?«
»Nein«, sagte die Bedienung.
»Eine Cola, bitte.«
Die übrigen Gäste wandten sich ab, das Schnuppern der beiden Frauen am Nebentisch blieb unüberhörbar.
»Ich hab gewusst, dass Sie kommen«, sagte Marcel. »Danke für die Mail.«
In dem Brief hatte er seine Adresse angegeben, und Fischer hatte ihm vom Dezernat aus geantwortet – ohne Wissen seines Vorgesetzten, ohne Wissen des Polizeipräsidenten, die den Brief ebenfalls gelesen hatten, ohne Wissen eines einzigen Kollegen. Der Fall war abgeschlossen und Fischer schon am Tag der Urteilsverkündung nicht mehr zuständig gewesen.
Die Bedienung brachte die Cola. »Möchten Sie noch ein Wasser?«
»Später«, sagte Fischer.
Vor ihm lag Marcels Brief in einem braunen Umschlag. Marcel hatte schon mehrmals hingesehen, aber nichts gesagt. Jetzt trank er einen Schluck und warf dem Kommissar einen schnellen Blick zu. Sprich, dachte Fischer, weil er selbst kein Wort hervorbrachte, sprich mit mir, sprich einfach immer weiter.
Nach einer Weile sagte Marcel: »Sind Sie sauer auf mich?«
»Wieso denn?« Fischer beugte sich vor, faltete die Hände im Schoß. Die Stimme des Jungen klang heiser. Aber es war eine Stimme, die Stimme eines anwesenden Menschen.
Wieder musste Marcel zum Weitersprechen Mut fassen. »Sie waren zuständig für die Scarlett. Und Sie hätten sie auch gefunden, wenn Sie sie weiter hätten suchen dürfen, da bin ich total sicher.«
»Ich hätte Scarlett auch nicht gefunden.« Wieso er das gesagt hatte, begriff Fischer nicht.
»Doch. Die anderen haben überhaupt nicht richtig nach ihr gesucht. Die haben gesagt, sie ist tot, und damit war alles klar. Aber ich hab sie gesehen, und sie lebt. Und deswegen sind Sie hier, weil Sie immer gespürt haben, dass sie noch lebt.« Hastig trank Marcel zwei Schluck Cola. »Ich hab sie erkannt und sie mich auch. Wieso ist der Brief in so einem Umschlag? Das ist nicht meiner. Wieso haben Sie einen anderen genommen?«
Fischer zog den Brief aus dem DIN-A5-Kuvert. »Du hast ans Polizeipräsidium geschrieben, meine Kollegen haben den Brief dann an mich weitergeleitet.«
»Haben die den Brief gelesen?«
»Ja.«
»Das ist verboten. Es gibt ein Briefgeheimnis.«
Fischer faltete das beschriebene Blatt auseinander. »Sie sind zu spät gekommen.« Er hörte sich reden wie ein Polizist, der nach einem Alibi fragte. Wieso saß er dann hier, in einem Gasthaus, ohne Protokollantin, ohne Aufnahmegerät? Er hatte keine Befugnis. Sprich, dachte er, sprich doch weiter, Marcel.
Der Schüler blinzelte verwirrt. Unter seiner Antwort schien er sich zu krümmen. »Sie können Du zu mir sagen. Hab nachsitzen müssen, im Sport,...




