Angerer Bis ich 21 war
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-552-06266-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-552-06266-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ela Angerer, geboren 1964 in Wien, arbeitet als Schriftstellerin, freie Autorin und Fotografin. Sie ist Herausgeberin der Buchreihe 'Moderne Nerven'. Aus den gesammelten Texten des dritten Bandes, 'Porno', verfasste sie das gleichnamige Theaterstück, das unter ihrer Regie im Herbst 2011 im Wiener Rabenhof Theater uraufgeführt wurde. 'Bis ich 21 war' ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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2
Der neue Ort war in eine lieblichere Landschaft eingebettet als mein bisheriges Zuhause. Statt schroffer Bergwände reihten sich kleine Wälder und Wiesenhügel aneinander, unten im Tal blitzte im Licht der Sonne ein enzianblauer Fleck auf, der Nordberger See. Zum Geburtstag hatte ich mir die neue Olympus OM2 schenken lassen. Jetzt hielt ich mit der Kamera vom Fond des Wagens aus das Spielzeuggelände fest, so als würde dies alles gleichzeitig zum ersten und zum letzten Mal an mir vorüberziehen. Glänzende Bäumchen, glitzernder See. Schweigend fuhren wir dahin. Mein Stiefvater lenkte den Cadillac und rauchte dazu eine Zigarre. Meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und ordnete die weißgoldenen Armbänder an ihren Handgelenken.
Die Limousine glitt um eine letzte Kurve, dann war auf einer Anhöhe das ehemalige Jagdschloss aus dem 19. Jahrhundert zu sehen. Mit seinen romantischen Türmen und Balustraden wirkte es von hier unten wie eine Draufgabe zur Postkarten-Idylle. Langsam schwebten wir den Hügel hinauf. Nationale Lehr- und Erziehungsanstalt stand in Serifenschrift über dem Einfahrtstor. Ich ließ das Fenster an meiner Seite hinunter; die Luft roch nach getrocknetem Gras. Der Wagen fuhr einen breiten Kiesweg entlang Richtung Hauptgebäude. Noch wärmte die Sonne die Erde, doch die Blätter der großen Eichen entlang des Weges zitterten bereits unruhig im Wind. Senfgelbe Baukunst zwischen seladongrünen Wiesen: Das Institut empfing seine Besucher an der höchsten Stelle des Parks.
Später würde ich es besser wissen. In Wirklichkeit wurde hier das Dunkle institutionalisiert. In Wirklichkeit hätte mir von Anfang an klar sein müssen, dass hier der Ort war, an dem ich für mein Schlechtsein bezahlen würde. Ich folgte dem Cadillacfahrer und meiner Mutter über die Stufen hinauf zum Eingang. Im Vorbeigehen fiel mir die fleckige Fassade auf; auf den unteren Mauersockeln wucherten moosgrüne Inseln zwischen abgeblättertem Putz.
Erst wenn es wehtut, wird es wirken.
»Nie im Leben, da spiel ich nicht mit!«
Auf der Fahrt von Genf zurück nach Fretting war es um alles oder nichts gegangen; ich hatte mit den Fäusten gegen die Scheiben des Cadillacs getrommelt und geschrien.
»Du undankbarer Fratz«, rief meine Mutter nach hinten, »warum führst du dich hier auf wie eine Verrückte?«
»Weil ich nicht unter Millionärstöchtern leben will!«
»Was soll das heißen – sind dir deine Straßenfreunde etwa lieber?!«
Ich wusste, dass ich meine geplante Abschiebung in das Sechs-Sterne-Resort jetzt sofort verhindern musste, sonst war es möglicherweise für immer zu spät. Ich wollte nicht zu einer zukünftigen Industriellengattin geschliffen werden. Ich wollte mir keinen eigenen Medikamentenschrank zulegen müssen. Ich wollte eine brauchbare Wirklichkeit finden.
Schockiert über meine Reaktion, entschied meine Mutter nach unserer Rückkehr, dass sie mich in das billigste Internat schicken würden, das zur Auswahl stand. Es lag oberhalb eines Ortes namens Nordberg und war acht Autostunden von uns entfernt. Viele Bauern aus der Umgebung gaben ihre Töchter unter der Woche hierher, weil sie neben ihrer Arbeit keinen Kopf für gymnasiumtaugliche Kinder hatten.
Wir sprachen bei der Direktorin vor, einer grobknochigen Frau um die fünfzig. Sie saß im ersten Stock ihres Büros hinter einem ausladenden Schreibtisch und strahlte die Zufriedenheit einer Schlachthofbesitzerin aus. Ganz offensichtlich musste man sich hier nicht durch gute Betragensnoten, die man in anderen Schulen erworben hatte, qualifizieren.
»Wir haben unsere Mädchen gut im Griff«, sagte sie und lächelte dabei selbstgefällig zuerst meinen Stiefvater und dann meine Mutter an. Mich ignorierte sie, was mir nur recht war. Nach zehn Minuten war alles gesagt.
»Ich schicke Ihnen jetzt die Erzieherin, der Ihre Tochter zugeteilt ist, damit sie Ihnen die Schule und das Wohnhaus zeigt«, sagte sie zum Abschluss und bat uns hinaus auf den Gang. Kurz darauf kam eine flachsblonde Walküre auf uns zu. Die Direktorin stellte sie uns als Frau Brühlmayer, die Erzieherin meiner Klasse, vor. Dann schüttelte sie jedem von uns eilig die Hand und verabschiedete sich. Brühlmayer ging mit uns die Stiegen hinunter. Zuerst präsentierte sie uns die wichtigsten Lehrräume, dann den großen Speisesaal.
»Scheint alles original Jugendstil zu sein«, murmelte meine Mutter beim Anblick der hohen Fenster und der Stuckarbeiten an der Decke.
Als wir fertig waren, begleitete uns Brühlmayer nach draußen und erklärte meinem Stiefvater den Weg zum Haus mit den Schlafräumen. Sie fuhr mit ihrem eigenen Wagen vor, wir hinter ihr her.
Das Gebäude lag nicht auf dem Schlossgelände, sondern einen Kilometer entfernt auf einem Hügel, und war eine ehemalige SS-Fliegerschule. Die Geschichte seiner Architektur war in der Broschüre kein Thema gewesen. Auch später sollte davon nie wieder die Rede sein. Brühlmayer hatte es bei unserem Rundgang beiläufig in einem Nebensatz erwähnt, so wie der Concierge eines Hotels kurz darauf hinweist, dass die Getränke der Minibar extra kosten.
Ich war überrascht, wie hässlich alles war. Schmucklose Fenster, abgewetzte Steinböden, weiß gekachelte Massenwaschräume. Nirgendwo Farbe oder ein Bild. Fehlende Anhaltspunkte. Nichts ist verstörender als das Nichts.
Wir stellten das Gepäck in meinem neuen Zimmer ab. Während sie sich auf dem Parkplatz von mir verabschiedete, streichelte mir meine Mutter über die Wange; ich ließ es geschehen, starrte dabei aber demonstrativ auf einen Punkt hinter ihr. Dann stiegen sie und der Cadillacfahrer in den Wagen und fuhren ab – in meiner Erinnerung war das für längere Zeit das Letzte, was ich von ihnen sah oder hörte.
Meine neue Erzieherin begleitete mich zurück ins Haus. Während wir im Gang nebeneinander hergingen, schaute ich vorsichtig von der Seite zu ihr hinauf. Sie hatte ein auffallend rotes Gesicht. Ihre blaurote Nase ließ an Bluthochdruck und nach im Schrank versteckten Cognacflaschen denken. Kurz vor meiner Tür blieb sie stehen.
»So, und jetzt weihe ich dich noch in die Hausordnung ein.« Hinter ihr schleppten zwei Mädchen unter lautem Gepolter ihre Koffer durch den Gang. Sie ließ sich davon nicht beirren und fuhr fort:
»Bei uns wird aufgegessen. Nach zweiundzwanzig Uhr ist Bettruhe, wer danach heimlich mit der Taschenlampe liest, bekommt Ausgangsverbot. Wer beim Zigarettenrauchen erwischt wird, fliegt von der Schule. Zweimal in der Woche habt ihr zwei Stunden Ausgang und dürft hinunter in den Ort gehen. Wer nicht pünktlich zurück ist, bekommt ein Disziplinarverfahren. Im ersten Stock gibt es einen Telefonapparat mit Münzeinwurf, der auf Anfrage benutzt werden darf.«
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Ansprache holte sie richtig Luft.
»Schönen Abend noch.«
Als ich in mein neues Schlafzimmer kam, wirkte es bereits voll. Ich musste es mir mit drei Klassenkolleginnen teilen, und zwei davon waren so dick, dass sie nur in den unteren Abteilen der beiden Stockbetten liegen konnten. Mit ihren kurzgeschnittenen Haaren und ihrer rosa gefleckten Haut erinnerten sie mich an die sprechenden Schweine aus Orwells Animal Farm. Noch nie zuvor hatte ich solche Menschen aus der Nähe gesehen. Eine der beiden Dicken lag auf ihrem Bett, die andere Dicke und eine Schlanke saßen in der Mitte des Raumes um eine Art Zwergentisch herum. Morgen begann für uns alle das sechste Schuljahr.
Ich sah mich um. Die beiden Stockbetten, der Tisch und die Stühle waren aus klobig zugeschnittenem Buchenholz, die Türen der Schrankwand aus ehemals weiß gestrichenen, jetzt aber stark vergilbten Pressspanplatten. Jedes Mädchen musste seine eigene Bettwäsche und seine eigenen Handtücher mitbringen. Wie ich später auch in den anderen Zimmern feststellen konnte, waren dies fast ausnahmslos Variationen von ausgewaschenen Clown-Mustern auf Jersey- und Flanell-Laken. Herkömmlich gewebter Baumwollstoff, womöglich noch unifarben, wurde von den meisten Eltern wohl als zu pflegeintensiv abgelehnt. Das Bett oben links war noch frei und daher meines.
Kurz vor zehn hörte man Frau Brühlmayer durch den langen Gang stampfen. Sie ging mit einer Liste in der Hand von Zimmer zu Zimmer. Auch bei uns kontrollierte sie die Anzahl der Anwesenden und löschte das Licht.
»Ruhe jetzt! Oder wollt ihr gleich mit einer Eintragung in mein Betragensheft das Schuljahr beginnen?«
»Natürlich nicht«, riefen die beiden Dicken aus den unteren Betten hervor und kicherten.
»Das will ich hoffen. Gute Nacht allerseits.«
Es wurde still. Bald darauf hörte man die rosa Schweinchenfrauen leise und regelmäßig atmen. Kalte Schatten huschten über die Wände. Inständig hoffe ich, dass sie nicht anfangen würden, sich zu bewegen. Noch lange lag ich mit offenen Augen da und starrte ins Leere.
Ich war die Neue. Ich nahm mir vor, das System zu begreifen und mich bestmöglich anzupassen. Gleich morgen würde ich damit beginnen.
Ein dumpfes Donnern, das immer lauter wurde, riss mich aus dem Schlaf. Stimmen, die näher kamen. Unsere Zimmertür wurde aufgerissen, das große Deckenlicht ging an, und jemand brüllte:
»Halb sieben, aufstehen!«
Es war Brühlmayer, die bereits fixfertig angezogen war. Als sie in meine Richtung sah, legte sie nach.
»Gesicht waschen, Zähneputzen, hopphopp.« Sie drehte auf dem Absatz ihrer festen Schuhe um, um sich die übrigen Zimmer vorzunehmen.
Sobald sie uns den Rücken gekehrt hatte, purzelten die beiden Dicken aus ihren Betten, klemmten sich ihre Necessaires unter den Arm...




