E-Book, Deutsch
Anderson Zeit des Feuers
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-20051-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-20051-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Planet Ischtar umkreist die Sonne Bel im Anubelea-System, dem drei Sterne angehören. Sie beschreiben komplizierte Bahnen umeinander, wobei einmal alle tausend Jahre der rote Zwergstern Anu Ischtar so nahe kommt, dass sie die Nordhalbkugel des Planeten verbrennt und alles auslöscht, was sich darauf befindet – Tiere, Pflanzen und die Ischtarier. Diese intelligente Spezies befindet sich kulturell auf dem Niveau der irdischen Antike, obwohl sie schon sehr alt ist. Die Zeit des Feuers sorgt dafür, dass sie sich nicht weiterentwickeln kann. Doch diesmal ist alles anders: Seit hundert Jahren leben Menschen auf Ischtar. Die Ischtarier bittet die Besatzung der kleinen Forschungsstation um Hilfe, doch die hat ihre eigenen Richtlinien und Gesetze …
Poul Anderson (1926-2001) begann schon während seines Physikstudiums in den Vierzigerjahren mit dem Schreiben von Science-Fiction-Stories, um sich das Studium zu finanzieren. 1952 erschien dann sein erster Roman, und bis zu seinem Tod im Jahr 2001 veröffentlichte er sowohl Fantasy- als auch Science-Fiction-Texte, hielt dabei jedoch immer die Trennung der Genres aufrecht. Er gehörte zu den produktivsten SF-Schriftstellern in den USA und wurde mehrfach ausgezeichnet; unter anderem gewann er sieben Mal den Hugo Award. Vor allem seine Geschichten und Romane um die Zeitpatrouille machten ihn auch international bekannt. Anderson starb am 31. Juli 2001 in Orinda, Kalifornien.
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1
In der Zeit des Feuers hatte das Land im Norden keinen Frieden von der Dämonensonne. Tag und Nacht, sommers und winters, brannte sie herab, bis es weder Tageszeiten noch einen Winter gab. Aber das waren die Ödländer, wohin wenige Sterbliche je gekommen waren und wo niemand leben konnte, sei das Jahr gut oder schlecht. Wenn die Dauri jener Gegenden auf ihren unbekannten Wanderungen nach Süden zogen, sahen sie den Roten während ihrer Wanderschaft tiefer sinken, bis er zuletzt hinter ihnen unter dem Horizont versank.
Nachdem sie die Einödhügel überwunden hatten, waren solche Wanderer unter den Tassui, den Grenzbewohnern, die im südlichen Teil von Valennen lebten und daher die Nördlichsten unter den Sterblichen waren. Auch hierher verirrte sich selten jemand aus südlicheren Breiten; das Land, sein Himmel und seine Bewohner waren denen aus dem Süden so gut wie unbekannt.
Wenn der Sturmentfacher weit von der Welt entfernt war, nicht viel mehr als ein sehr heller Stern, dann erlebten diese Gegenden kleine Unterschiede zwischen den Jahreszeiten. Im Winter konnte man auf Regen hoffen, und die Tage waren ein wenig kürzer als die Nächte, aber das war schon fast alles. Durchziehende Händler und Soldaten aus der Gemeinschaft sagten, dass die Wahre Sonne während dieser Zeit im hohen Norden niemals aufgehe und die Kälte so hart werde, dass Eis sogar in den Tälern liege. Aber die Zeit des Feuers änderte das, wie sie alles änderte. Dann hatten die Tassui den Eindringling bei Tag, zwei Sonnen zugleich, während sie ihn im Winter allein hatten: und nicht einen Augenblick gesegneter Dunkelheit.
Ganz anders war es, wenn man südwärts über die See reiste. Dann erlebte man nicht nur die Umkehrung der Jahreszeiten – Winter in Beronnen, wenn in Valennen Sommer war –, sondern man sah den Roten am Nordhimmel immer tiefer sinken und zuletzt hinter dem Horizont verschwinden, wenn man die hohen südlichen Breiten erreichte. Dort sah man die Dämonensonne nicht einmal während der Zeit des Feuers, nur nachher, wenn sie sich schon zu weit zurückgezogen hatte, um Schaden anzurichten. Die meisten Tassui dachten, dies müsse ein von den Göttern begünstigtes Land sein, und misstrauten Ausländern, die ihnen erzählten, dass es stattdessen kalt und karg sei.
Arnanak wusste, dass es sich so verhielt. Als Legionär der Gemeinschaft hatte er vor hundert Jahren selbst Haelen besucht. Aber er sprach zu seinen Gefährten und Gefolgsleuten selten über solche Dinge. Sollten sie ihre falschen Vorstellungen behalten, wenn sie wollten, besonders solche Vorstellungen, die Neid, Missgunst und Fremdenfeindlichkeit nährten. Denn er war endlich bereit, zum Angriff überzugehen.
Ein Horn erklang in den Hügeln über Tarhanna. Steilhänge und Felsschluchten warfen Echos zurück. Der Esali rauschte und gurgelte in seinem Bett; er hatte es eilig, durch die Schlucht in die Ebene zu kommen. Die bereits einsetzende Dürre hatte ihn noch nicht zu dem Rinnsal zwischen Blöcken schrumpfen lassen, die die Füße der Durstigen verbrannten, an das Arnanaks Großvater sich aus seiner Kindheit erinnerte. Doch die Luft lag schon reglos und heiß über dem Hügelland, mit einem rauchigen Duft nach verdorrenden Gräsern und Büschen.
Allein am Himmel, näherte sich die Wahre Sonne den westlichen Höhenzügen. Dunst überzog ihren gleißenden Schild mit stumpfem Gelb, Aschenstaub von einem Wald oder einem Grasland, auf dem Flammen geweidet hatten. Sonst war der Himmel klar, von einem so harten Blau, dass man meinte, er müsse erklingen, wenn man dagegenschlüge. Schatten von einem tieferen Blau lagen in den Rinnen und Runzeln der Hänge; in den Schluchten und Talmulden waren sie purpurgrau.
Wieder stieß Arnanak ins Horn. Die Krieger verließen ihre schattigen Plätze und trotteten zu ihm. Gürtel und Wehrgehänge mit Proviantbeutel und Köcher waren für viele die einzige Kleidung; wer einen Kriegsharnisch besaß, legte ihn erst unmittelbar vor dem Kampf an. Ihre grünen Felle, die grün und golden schimmernden rostbraunen Mähnen und die schwarzen Gesichter und Arme standen in lebhaftem Kontrast zu dem Gelb der dürren Vegetation und dem Grau der verstreut liegenden Felsblöcke. Speerspitzen glühten im Abendlicht. Schwänze zuckten und peitschten das gelbe Gras in der Ungeduld erwartungsvoller Erregung. Als sie die niedrige Felsbank umdrängten, auf der er stand, stieg ein Geruch wie von feuchtem Eisen zu ihm auf.
Sein Stolz hinderte ihn nicht daran, sie nun, da er sie in einer Gruppe beisammen hatte, flüchtig durchzuzählen. Er schätzte ihre Zahl auf ungefähr zweitausend. Das waren viel weniger als er in Kürze zu benötigen erwartete. Immerhin konnte man es als einen guten Anfang betrachten. Und sie waren von überall her gekommen. Sein eigenes Kontingent hatte wahrscheinlich den weitesten Weg zu diesem Treffpunkt zurückgelegt – von Ulu unter der Weltenmauer. Aber an Gesprächsfetzen, Waffen und Schmuck erkannte er viele andere, die aus dem südlichen Valennen gekommen waren – Gebirgler, Waldläufer, Bewohner der Ebenen, Küsten und Inseln. Wenn sie sich imstande zeigten, die Handelsstadt zu erobern, würden ihre Verwandten ihnen folgen.
Ein drittes Mal ließ er das Horn ertönen, und es wurde still; nur der Fluss gurgelte und rauschte weiter. Arnanak blickte in die Runde und wartete, bis aller Blicke auf ihn gerichtet waren, ehe er sprach.
Da seine Leute jeden bewunderten, der die Kraft und die Klugheit hatte, Reichtum zu gewinnen und zu erhalten, hatte er sich mit kostspieligem Zierrat reich herausgeputzt. Aus seiner Mähne ragten die goldenen, mit Edelsteinen besetzten Spitzen einer kleinen Krone. Goldreifen schmückten Arme und Beine, Ringe glänzten an allen acht Fingern beider Hände. Eine vielfarbige, fein gearbeitete Decke aus Sehala lag um seine Schultern. Das Schwert, das er zum Zeichen seiner Kommandogewalt in die Höhe hielt, war jenseits des Meeres aus dem besten Stahl geschmiedet worden.
Hinter ihm erhob sich der bräunlichrote Stamm eines Phönixbaumes und breitete mächtige Äste aus, die ein weites, hohes, blau-grünes Laubdach trugen. In seinem Schutz war in letzter Zeit Röhricht aufgeschossen, das sich nun mit der beginnenden Dürre verfärbte, eine Kulisse aus fahlbraunen, raschelnden Halmen. Arnanak hatte den Treffpunkt mit Bedacht ausgewählt und dafür gesorgt, dass er als Erster eingetroffen war, um diese Stelle frühzeitig für sich zu beanspruchen. Nicht, dass er so weit gegangen wäre, anderen das Betreten zu verbieten; im Gegenteil, er hatte sich die meiste Zeit draußen im grellen Sonnenlicht aufgehalten, nicht anders als die am wenigsten vom Glück begünstigten Nachzügler. Aber er brauchte die Stelle unter dem mächtigen Baum für seinen geplanten Auftritt.
Ernst trat er an den Rand der Felsbank, blickte ihnen in die Augen, holte tief Atem und begann mit dröhnender Stimme:
»Hört, ihr Tassui. Ich, Arnanak, Oberherr von Ulu, spreche, und ihr werdet verstehen.
Meine Boten, die den Kriegsdolch von Haushalt zu Haushalt trugen, konnten nur die Zeit und den Treffpunkt nennen. Ihr wisst, dass ich im Laufe der Jahre viele Verbündete und Eidgeber im Westen gefunden habe, und nicht wenige anderswo. Ihr habt gehört, dass es mein Wunsch ist, die Ausländer von den Küsten zu vertreiben und uns den Weg nach Süden zu öffnen, bevor die Zeit des Feuers mit ihren Schrecken über uns kommt. Ihr habt vermutet, dass ich zuerst gegen Tarhanna losschlagen werde.
Aber die Legion weiß das auch und kann Vermutungen anstellen. Ich will nicht riskieren, dass Spione oder Verräter unseren Feinden genaueres darüber sagen, was wir tun werden.
Darum bin ich nicht erzürnt, dass die meisten Krieger Zurückhaltung üben und nicht gekommen sind. Manche fürchten mich, manche fürchten meine Niederlage; außerdem ist es die Jahreszeit, wo jeder Haushalt die Ernte einbringen und Vorräte anlegen muss, um die harten Zeiten zu überstehen, die kommen werden. Dass trotz alledem so viele von euch meinem Ruf gefolgt sind, betrachte ich als ein gutes Omen. Bei Sonnenuntergang brechen wir auf. Ich werde euch den Plan erläutern.
Ein Grund dafür, dass ich die Frühjahrszeit wählte, ist, dass die Tassui gerade jetzt mit Feldarbeit beschäftigt sind. Die Legion wird von uns nicht mehr als ein paar Überfälle erwarten; ganz gewiss nicht einen Angriff auf den wichtigsten Inlandstützpunkt der Gemeinschaft. Ich weiß, wie sie denken, jene aus den Ländern jenseits der See. Durch Doppelagenten habe ich unter ihnen die Meinung verbreiten lassen, dass größere Bewegungen von uns nur im Sommer zu erwarten seien, wenn wir die Vorräte unter Dach und Fach haben und dunkle, kühle Nächte unsere Aktionen begünstigen.
Aber auch so haben wir eine halbe Nacht, bevor der Rote aufgeht – Zeit genug, um Tarhanna zu erreichen. Ich habe die Strecke selbst zweimal zurückgelegt und weiß es. Ich weiß auch, dass die Garnison klein ist. Die Legion hat Teile davon abgezogen, um Piraterie an den Küsten von Ehur zu bekämpfen … Piraterie, die ich eben zu diesem Zweck im vergangenen Winter ins Leben rief!«
Ein Murmeln ging durch die Versammlung. Arnanak fuhr mit erhobener Stimme fort:
»Heute haben eure Anführer und ich den Angriffsplan ausgearbeitet. Wir werden in zwei Abteilungen das nördliche und das südliche Tor angreifen. Dann, wenn die Soldaten vollauf mit der Verteidigung der Tore beschäftigt sind, wird eine kleine Gruppe der unsrigen die Mauer vom Fluss her erklettern – eine schwierige Aufgabe, aber nicht allzu schwierig für meine Seeleute, die das Erklettern solcher Mauern in Ulu geübt haben. Sie werden den Feind überraschen und einen Brückenkopf für andere bilden, die den Soldaten in den Rücken fallen und das...




